{"id":68562,"date":"2023-09-26T13:52:44","date_gmt":"2023-09-26T11:52:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=68562"},"modified":"2023-09-26T13:52:44","modified_gmt":"2023-09-26T11:52:44","slug":"adam-smith-legte-fundament-moderner-wirtschaftssysteme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/09\/26\/adam-smith-legte-fundament-moderner-wirtschaftssysteme\/","title":{"rendered":"Adam Smith legte Fundament moderner Wirtschaftssysteme"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_68566\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 678px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-68566\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Foto-Frambach-2.jpg\" alt=\"\" width=\"668\" height=\"485\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Volkswirt Prof. Dr. Hans Frmbach von der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Experten bezeichnen Adam Smith (1723 &#8211; 1790) als eine der einflussreichsten Pers\u00f6nlichkeiten in der Geschichte des \u00f6konomischen Denkens und Begr\u00fcnder der modernen \u00d6konomie.<\/p>\n<p><strong>Warum gilt er als der Begr\u00fcnder der modernen \u00f6konomischen Theorie?<\/strong><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Adam Smith steht f\u00fcr die \u00dcberwindung einer alten, von den Beschr\u00e4nkungen der fr\u00fcheren merkantilen und physiokratischen Epochen gepr\u00e4gten Wirtschaftsordnung. Er repr\u00e4sentiert die Hinwendung zu einem wirtschaftlichen Denken, das auf dem Grundwert der Freiheit im Sinne der schottischen Aufkl\u00e4rungsphilosophie basiert, die ein System der sogenannten \u201enat\u00fcrlichen Freiheit\u201c propagierte. Viele haben in diesem System einen fr\u00fchen Entwurf f\u00fcr eine freie Marktwirtschaft gesehen, die dadurch, dass der Einzelne nur seinen eigenen Interessen folgt, das gesamte wirtschaftliche Potenzial einer Nation entwickeln kann.Mit insbesondere seinem 1776 ver\u00f6ffentlichten \u201eWealth of Nations\u201c (Wohlstand der Nationen) legte Smith eine systematische und tiefgreifende Analyse der Funktionsweise von \u00d6konomie vor.<\/p>\n<p>Er gab also Antworten, wie M\u00e4rkte, Handel und wirtschaftliche Entwicklung ablaufen. Dabei setzte er stark auf das Handeln der einzelnen Akteure, die, wenn sie von den vielen damals existierenden Hemmnissen und Schranken befreit, in einem freien, sozusagen \u201ewettbewerbsgesteuerten\u201c und arbeitsteilig organisierten Miteinander, wie von einer \u201eunsichtbaren Hand\u201c gesteuert, das Beste f\u00fcr sich und die Gemeinschaft herausholen. Das ist sicherlich eine ganz gro\u00dfe Leistung. Er hatte das Bild des alten, merkantilen Systems vor Augen, in dem es Beschr\u00e4nkungen gegeben hatte wie Handelsbeschr\u00e4nkungen, keine freie Berufswahl, durch das Z\u00fcnftesystem war der einzelne Mensch eingeschr\u00e4nkt, m\u00f6gliche Potenziale konnten schlichtweg nicht erschlossen werden. Und Smith hatte das alles zum ersten Mal aufgeschrieben und systematisiert.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Die Art und Weise, mit der Smith die komplexen \u00f6konomischen Prozesse zu systematisieren und zu erkl\u00e4ren versuchte, ist einzigartig und grundlegend f\u00fcr weitere folgende Arbeiten, darunter solche wie von Thomas Malthus, David Ricardo und John Stuart Mill, die sp\u00e4ter als die gro\u00dfen englischen klassischen National\u00f6konomen in die Geschichte der \u00f6konomischen Theorie eingehen sollten. Die \u00f6konomische Klassik wurde sp\u00e4ter in mehrfacher Hinsicht erweitert, bspw. durch die Neoklassik. Viele sehen in der klassischen National\u00f6konomik bereits wesentliche Bausteine f\u00fcr die soziale Marktwirtschaft enthalten. Und schlie\u00dflich entstammen auch Bewegungen wie der Sozialismus und die historische Schule der National\u00f6konomik der Kritik an der klassischen National\u00f6konomik, an deren Anfang Adam Smith steht.&#8220;<\/p>\n<p><b>Smith gilt als Urvater des Kapitalismus und pl\u00e4dierte f\u00fcr den gesellschaftlichen Wandel ohne Einflussnahme der Religion. Nach dem Grundsatz von Vernunft, Wissenschaft und Strukturen, als Grundfeste der Wahrheit, wollte er die \u00d6konomie als eigenst\u00e4ndige Wissenschaftsdisziplin verankern. Wie?<\/b><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Smith selbst hatte den Begriff des Kapitalismus \u00fcberhaupt noch nicht verwendet und sprach auch nicht von \u201eKapital\u201c, sondern von \u201estock\u201c, der damaligen Beschreibung f\u00fcr den finanziellen Grundstock von wirtschaftlichen Unternehmungen. Smith war ein Sohn der Aufkl\u00e4rung, der sich in der Tat f\u00fcr einen eher s\u00e4kularen und rationalen Ansatz zum Verst\u00e4ndnis der Wirtschaft einsetzte und die Bedeutung von Vernunft und empirischer Beobachtung betonte. Damit engagierte er sich f\u00fcr die wissenschaftliche Erschlie\u00dfung der wirtschaftlichen Abl\u00e4ufe und trug somit zur Herausbildung der \u00f6konomischen Theorie als einer eigenst\u00e4ndigen Disziplin bei, in der religi\u00f6sen Einfl\u00fcssen kaum mehr eine Bedeutung zukam.&#8220;<\/p>\n<p><b>Zur Rolle des Staates schrieb er: \u201eKeine Kunst lernt eine Regierung schneller als die, Geld aus den Taschen der Leute zu ziehen\u201c und forderte, dass sich der Staat aus dem Wirtschaftsleben raushalte. Er r\u00e4umte einzig dem Markt mit seinem Preismechanismus die F\u00e4higkeit ein, den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen gesamtwirtschaftlichen Wohlstand zu erzeugen. Hat er damit recht?<\/b><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Das ist gewisserma\u00dfen eine sehr zugespitzte Frage, auf die man differenziert antworten muss. Smith war der Ansicht, dass die Hauptaufgabe des Staates darin besteht, einen Rahmen f\u00fcr Recht und Ordnung zu schaffen, einschlie\u00dflich der Verteidigung gegen \u00e4u\u00dfere Bedrohungen, die innere Sicherheit sowie den Schutz des Privateigentums. Er sah in einer stabilen und sicheren Gesellschaft eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr wirtschaftliches Wachstum und individuelles Wohlergehen. Nat\u00fcrlich betonte er die Bedeutung freier M\u00e4rkte, des internationalen Handels und anderer wirtschaftlicher Freiheiten f\u00fcr Konsumenten und Produzenten zum Erwirtschaften des Wohlstands eines Landes, war sich aber auch vieler Grenzen bewusst, die der freie Markt m\u00f6glicherweise nicht angemessen erf\u00fcllen kann, etwa die Bereitstellung solcher G\u00fcter, die einer Gesellschaft als Ganzem zugutekommen wie Verteidigung, Infrastruktur und Bildung.<\/p>\n<div id=\"attachment_68569\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 463px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-68569 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Adam-Smith-1787-gemeinfrei.jpg\" alt=\"\" width=\"453\" height=\"676\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der schottische Philosoph Adam Smith (1787) &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p>Adam Smith als einen naiven Marktgl\u00e4ubigen und Apologeten eines radikalen Wirtschaftsliberalismus darzustellen, ist eindeutig falsch. Das ber\u00fchmte Zitat aus dem \u201eWohlstand der Nationen\u201c \u00fcber die Kunst einer Regierung, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, entstammt dem dortigen, ziemlich umfassenden f\u00fcnften Buch \u201eVon den Einnahmen des Staates oder des Gemeinwesens\u201c und dort wiederum eines ganz speziellen Abschnitts \u00fcber \u201eSteuern auf den Kapitalwert von Grundst\u00fccken, H\u00e4usern und beweglichen Verm\u00f6gensgegenst\u00e4nden\u201c. In Zusammenhang mit der Einf\u00fchrung eines \u201emodernen Finanzierungsinstruments\u201c auf dem europ\u00e4ischen Kontinent, der Erhebung n\u00e4mlich von Stempelsteuern und Registergeb\u00fchren vorwiegend in Frankreich und Holland, bezog sich Smith in dem Zitat. Sicherlich brachte er damit zum Ausdruck, dass es Regierungen bei der Einnahmengenerierung kaum an Kreativit\u00e4t mangelt. Als Stempelsteuer gibt es in Deutschland, glaube ich, nur noch die Tabaksteuer in Form eines aufgestempelten Steuerzeichens auf der Verpackung oder bei Zigarren auf der Banderole.<span class=\"Apple-converted-space\">&#8222;<\/span><\/p>\n<p><b>Adam Smith schockte damals die Regierungen, in dem er forderte, sie sollten die Menschen ungehindert kaufen und verkaufen lassen. Reichtum wurde mit und durch ihn neu definiert: Er ist kein Besitz (Gold und Silber), den man in Tresoren lagern kann, sondern wird erst durch den Produktionsprozess (die Arbeit) erschaffen. Das war ein Perspektivenwechsel, oder?<\/b><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Das stimmt, es war ein gewaltiger Perspektivenwechsel. Im \u201eWohlstand der Nationen\u201c definierte Smith das Konzept des Reichtums neu, indem er nicht l\u00e4nger auf die Entstehung von Werten mittels der Anh\u00e4ufung von Edelmetallen abstellte, sondern die menschliche Arbeit als den zentralen Faktor der Schaffung von echtem wirtschaftlichem Wert in den Mittelpunkt r\u00fcckte. Durch die Aktivit\u00e4ten der Menschen in Gestalt von z.B. land- und forstwirtschaftlicher T\u00e4tigkeit, der Umformung von Rohstoffen in weitere Produktionsstufen etc. und somit letztlich der Herstellung konsumf\u00e4higer G\u00fcter, formulierte Smith grundlegende Einsichten f\u00fcr die Bedeutung der Rolle von produktiver Arbeit im Produktionsprozess und somit auch f\u00fcr die Schaffung von Wohlstand. Wenngleich Smith Auffassung von produktiver Arbeit in manchen Punkten recht eigent\u00fcmlich anmutete (z.B. z\u00e4hlte er die T\u00e4tigkeiten von Lehrern, K\u00fcnstlern, \u00c4rzten nicht zu den produktiven Arbeiten, wof\u00fcr er hart kritisiert wurde \u2013 allerdings sprach er ihnen nicht ihre N\u00fctzlichkeit ab), wurde auf Basis seiner Erkenntnisse die Werttheorie weiterentwickelt.<\/p>\n<p>In den vorangegangenen Epochen herrschte eher die Auffassung von durch die Erde bereitgestellten Werten vor, die sozusagen der liebe Gott geschaffen hat. Dadurch, dass der Blick auf das menschliche T\u00e4tigsein, die Arbeit, gerichtet wird, r\u00fcckt der Mensch selber als Werte-Schaffender in den Mittelpunkt. Das war neu.<\/p>\n<div id=\"attachment_68572\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 351px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-68572 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/71D40skRI3L._SY522_.jpeg\" alt=\"\" width=\"341\" height=\"522\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Wohlstand der Nationen&#8220; &#8211; Adam Smith (Autor) &#8211; Max Stirner (\u00dcbersetzer) &#8211; Anaconda Verlag &#8211; 992 Seiten &#8211; ISBN-10: 3730600184 &#8211; IBN-13: 978-3730600184<\/span><\/div>\n<p>Es sollte nicht unerw\u00e4hnt bleiben, dass \u201eReichtum\u201c bei Adam Smith nicht nur die Anh\u00e4ufung von G\u00fctern und Ressourcen bedeutet, die zum Wohlergehen der Bev\u00f6lkerung eines Landes beitragen, er z\u00e4hlte auch Faktoren dazu wie das Ausma\u00df eines funktionierenden institutionellen Rahmens (Infrastruktur, Rechtssystem, \u00e4u\u00dfere Sicherheit, kulturelle Bildung etc.) und nat\u00fcrlich die Vorteile, die aus der Ausnutzung von Arbeitsteilung und Spezialisierung, Arbeitsqualit\u00e4t, Innovationsleistung, technischem Fortschritt und den M\u00f6glichkeiten des freien (Aus)Tausches entstehen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Sein Hauptwerk von 1776 unter dem Titel \u201eDer Wohlstand der Nationen\u201c ist auch heute noch aktuell. K\u00f6nnen Sie das einmal erkl\u00e4ren?<\/b><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Mit dem \u201eWohlstand der Nationen\u201c legte Adam Smith die Grundlage f\u00fcr die moderne Volkswirtschaftslehre, indem er zentrale Konzepte wie die Arbeitsteilung und Spezialisierung, die Rolle von M\u00e4rkten bei der Verteilung von G\u00fctern und Ressourcen einf\u00fchrte, die Bedeutung von Arbeit als Produktionsfaktor explizit machte, f\u00fcr freien Handel, Internationalisierung und technischen Fortschritt eintrat und durch die Annahme der durch Eigeninteresse getriebenen Individuen der Erkl\u00e4rung von \u00f6konomischem Handeln bereits eine verhaltens\u00f6konomische Dimension gab.<br \/>\nDurch seine Beschreibung der Wirtschaft als einen durch wie von \u201eunsichtbarer Hand\u201c gesteuerten, sich selbstregulierenden Prozess erm\u00f6glichte er neue Einsichten in die Funktionsweise komplexer Systeme, die bis in die Gegenwart die Diskussionen um die Vorteile freier M\u00e4rkte, ihrer Grenzen und die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Bei alldem hatte Smith klare Vorstellungen von der Rolle des Staates, dem es zukam f\u00fcr einen institutionellen Rahmen (Schutz des Lebens, Sicherung des Privateigentums, Vertragssicherheit etc.) zu sorgen, um den Wohlstand seiner B\u00fcrger zu sichern und auszuweiten. Dar\u00fcber hinaus war Smiths Werk entscheidend f\u00fcr die Formulierung wesentlicher philosophischer Grundlagen des Kapitalismus. Diese F\u00fclle von Aspekten in einem einzigen Werk, dem \u201eWohlstand der Nationen\u201c anzusprechen und auszuf\u00fchren, ist einzigartig und ein nicht gro\u00df genug zu achtender Verdienst von Adam Smith.<\/p>\n<p><b>Der Ursprung der Wirtschaft liege verankert im nat\u00fcrlichen Hang des Menschen zum Tauschen und Handeln, formulierte Smith und verwies auf die St\u00e4mme Amerikas. Doch der Kapitalismus ist keine Verwirklichung eines Konzepts, sondern das Ergebnis eines historischen Prozesses. Was stimmt denn nun?<\/b><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Smith sprach von der \u201eNeigung zum Tausch\u201c der Menschen, meinte damit aber nicht nur den Tausch von Gegenst\u00e4nden, wie es etwa in dem Beispiel der amerikanischen Ureinwohnerst\u00e4mme im \u201eWohlstand der Nationen\u201c zum Ausdruck kommt. Smith verglich die wirtschaftlichen Praktiken amerikanischer Ureinwohner mit denen europ\u00e4ischer Nationen. Bei Letzteren nahm er einen h\u00f6heren materiellen Wohlstand wahr und begr\u00fcndete dies u.a. mit g\u00e4nzlich unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen, einer bei den amerikanischen St\u00e4mmen auf gemeinschaftlichem Besitz von Land und Ressourcen und bei den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern auf Privateigentum beruhenden. Zudem sah er die westlichen Nationen als \u00fcberlegen an.<\/p>\n<div id=\"attachment_68573\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 461px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-68573\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/adam-smith-4637193_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"451\" height=\"601\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Skulptur von Adam Smith in Edinburgh (Schottland) &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Die \u201eNeigung zum Tausch\u201c ist bei Smith auch Ausdruck des Aufeinanderangewiesenseins der Menschen (der Mensch als soziales Wesen), eine gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit, die mit wachsenden Gesellschaften zunimmt. Die immer komplexer sich gestaltenden Produktions- und Organisationsmechanismen erfordern immer neue Anpassungen. So kann der Kapitalismus gewiss als Folge bestimmter Produktionsbedingungen wie dem Privateigentum an Produktionsmitteln, freien M\u00e4rkten, Wettbewerb, Gewinnstreben, individuellem Unternehmertum und einer durch \u201eKapitalansammlungen\u201c erm\u00f6glichten neuen Produktionsweisen verstanden werden. Ebenso kann der Kapitalismus als ein Ergebnis historischer Entwicklungen aufgefasst werden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist der Kapitalismus ein komplexes wirtschaftliches und soziales System, das sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Ein Beispiel ist etwa der \u00dcbergang vom Feudalismus zum Kapitalismus, bedingt durch Ver\u00e4nderungen in den landwirtschaftlichen Praktiken, der Verst\u00e4dterung, dem Handel, technologischen Fortschritten, Ver\u00e4nderungen in den Eigentumsverh\u00e4ltnissen und gesellschaftlichen Strukturen.<br \/>\nIch glaube nicht, dass der Kapitalismus als ein irgendwie geartetes a-priori Konstrukt, also ein fiktives \u201eKonzept\u201c, erdacht und dann verwirklicht wurde. Ich fasse den Kapitalismus eher als Folge eines dynamischen Wechselspiels zwischen konzeptionellen Ideen und historischen Realit\u00e4ten auf.&#8220;<\/p>\n<p><b>In seinem Buch \u201eWohlstand der Nationen\u201c r\u00e4t er zum Schluss seinem Heimatland, die eigene Mittelm\u00e4\u00dfigkeit zu akzeptieren. F\u00fcr Smith war Mittelm\u00e4\u00dfigkeit ein Symbol des Fortschritts. Wie kann man das verstehen?<\/b><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Mittelm\u00e4\u00dfigkeit, M\u00e4\u00dfigung und Selbstgen\u00fcgsamkeit sind Punkte, die bei Smith eine Rolle spielten.<br \/>\nIn der damaligen Zeit wurde es bspw. als eine gro\u00dfe Gefahr gesehen, wenn sich ein Staat zu sehr auf die Einfuhr von Waren aus dem Ausland verlassen und damit die Selbstversorgung eines Landes geschw\u00e4cht hatte \u2013 man denke an das aktuelle Beispiel der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich von Energieimporten. Ein gewisses Aufrechterhalten von \u201eMittelm\u00e4\u00dfigkeit\u201c (i.S.v. Unabh\u00e4ngigkeit) in den Selbstversorgungspotenzialen, auch wenn andere in manchen Produktionsbez\u00fcgen besser sind, mag dann im Sinne einer Selbsterhaltungsstrategie durchaus klug erscheinen.<\/p>\n<p>Bei Smiths Auffassung von \u201eMittelm\u00e4\u00dfigkeit\u201c ging es keinesfalls darum, Stagnation zu bef\u00fcrworten oder mangelnden Ehrgeiz zu akzeptieren. Stattdessen glaubte er, dass ein stetiges und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, das auf produktiver Arbeit, Innovation und ausgewogenem Handel beruht, zu besseren Ergebnissen f\u00fcr die B\u00fcrger einer Nation f\u00fchren w\u00fcrde. Dies steht im Gegensatz zur alten merkantilistischen Politik, die sich vornehmlich auf die Anh\u00e4ufung von Edelmetallen und die Aufrechterhaltung von Handels\u00fcbersch\u00fcssen als Ma\u00df f\u00fcr den nationalen Reichtum konzentrierte, was Smith als kontraproduktiv f\u00fcr echten wirtschaftlichen Fortschritt erachtete.&#8220;<\/p>\n<p><b>Welchen Einfluss hatte Adam Smith auf die Entwicklung der \u00d6konomie und wie erinnert man sich heute an ihn?<\/b><\/p>\n<p>Hans Frambach: &#8222;Adam Smith gilt als eine der einflussreichsten Pers\u00f6nlichkeiten in der Geschichte des \u00f6konomischen Denkens. Sein Einfluss auf die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften war tiefgreifend und anhaltend. Auch im Jahr des 300. Geburtstags ist sein Verm\u00e4chtnis noch immer von herausragender Bedeutung f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis \u00f6konomischer Prozesse. Smiths Ideen haben die Art und Weise gepr\u00e4gt, wie \u00d6konomen \u00fcber Arbeitsteilung, M\u00e4rkte, Handel, Globalisierung, Wettbewerb und staatliche Eingriffe denken. Die Analyse des selbstregulierenden Charakters von M\u00e4rkten und das Vertrauen in die Wirksamkeit von Wettbewerbsmechanismen und individuellem Eigeninteresse haben das Verst\u00e4ndnis von der dynamischen Funktionsweise von M\u00e4rkten, ihren Grenzen und einer f\u00fcr die bestm\u00f6gliche Entwicklung einer Volkswirtschaft angemessenen Rolle des Staates stark beeinflusst.<\/p>\n<p>Adam Smith legte mit seinen Ideen das Fundament f\u00fcr die Entwicklung moderner Wirtschaftssysteme, die geeignet sind, das Ph\u00e4nomen sich rasant entwickelnder Volkswirtschaften einigerma\u00dfen zufriedenstellend abzubilden und dabei stets als Zielsetzung die Steigerung des Wohlstands f\u00fcr alle im Blick haben. F\u00fcr die Erkl\u00e4rung des Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist er nicht hinwegzudenken, wenngleich mit der Entwicklung des Kapitalismus aufgetretene Problematiken von Smith vielfach noch nicht erfasst wurden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_68567\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 193px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-68567\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Foto-Frambach-3.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"274\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Hans Frambach &#8211; \u00a9 UniServie Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Hans Frambach<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Hans Frambach leitet den Arbeitsbereich Mikro\u00f6konomie und Geschichte des \u00f6konomischen Denkens in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Wirtschaftswissenschaft, Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 300 Jahren wurde der schottische Philosoph Adam Smith geboren, den man auch den \u201eVater der klassischen National\u00f6konomie\u201c nennt. \u00dcber seinen Einfluss bis heute hat Autor Uwe Blass im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit Prof. Dr. Volkswirt Hans Frambach gesprochen.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-68562","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-24 04:22:39","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68562","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68562"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68562\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68577,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68562\/revisions\/68577"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}