{"id":68033,"date":"2023-09-09T10:05:49","date_gmt":"2023-09-09T08:05:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=68033"},"modified":"2023-09-14T15:43:31","modified_gmt":"2023-09-14T13:43:31","slug":"raumbilder-der-ganz-andere-blick-auf-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/09\/09\/raumbilder-der-ganz-andere-blick-auf-deutschland\/","title":{"rendered":"Raumbilder \u2013 Der ganz andere Blick auf Deutschland"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_68046\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 911px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-68046 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Roling-mit-dem-Originalbetrachter-fuer-Stereofotografien.-jpg-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"901\" height=\"649\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Industria Design-Student Philipp Roling mit dem Originalbetrachter der Stereofotografien &#8211; \u00a9 Foto: Privat<\/span><\/div>\n<p>Autor Uwe Blass hat Philipp Roling im Rahmen der spannenden und lehrreichen Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; \u00fcber die Schulter geschaut.<\/p>\n<p>Noch ist es nicht ganz klar, ob es sich bei der Sammlung des spanischen Ehepaars Yolanda Fern\u00e1ndez-Barredo Sevilla und Juan Jos\u00e9 S\u00e1nchez Garcia um die gr\u00f6\u00dfte Sammlung stereoskopischer Objekte der Welt handelt, aber dass es eine der au\u00dfergew\u00f6hnlichsten Sammlungen fotografischer Objekte ist, steht au\u00dfer Frage.<\/p>\n<p>Sie zu kuratieren und f\u00fcr die Wissenschaft zug\u00e4nglich zu machen wird demn\u00e4chst die Aufgabe der Dozentin in der Wissenschafts- und Technikgeschichte der Bergischen Universit\u00e4t, Dr. Carmen P\u00e9rez Gonz\u00e1lez,\u00a0sein, die schon jetzt in einem Pilotprojekt mit Studierenden an einigen deutschen Gegenst\u00e4nden der Sammlung forscht.<\/p>\n<h4>Die Sammlung der Fundaci\u00f3n FBS<\/h4>\n<p>Alles begann 1978, als der damalige Architekturstudent Juan Jos\u00e9 S\u00e1nchez Garcia ein erstes Stereoskop mit den dazugeh\u00f6rigen Bildern kaufte und damit eine der heute gr\u00f6\u00dften Sammlungen stereoskopischer Fotografie begr\u00fcndete. Im Laufe der Jahre fand er weitere Objekte in alten Bibliotheken, Antiquariaten und auf Flohm\u00e4rkten.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Zusammen mit seiner Frau Yolanda, die damals in Madrid zeitgleich ihre Doktorarbeit \u00fcber Architekturfotografie des 19. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt auf stereoskopischer Fotografie schrieb, suchte er weiter nach interessanten Objekten, w\u00e4hrend sie sich um Textquellen und deren Dokumentation k\u00fcmmerte, denn irgendwann sollte diese wachsende Sammlung f\u00fcr die k\u00fcnftige Forschung nutzbar sein.<\/p>\n<p>Sie enth\u00e4lt heute rund 350.000 Fotografien, von denen mehr als 80 % stereoskopische Fotografien sind, darunter einige au\u00dfergew\u00f6hnliche Daguerreotypien und Autochrome, mehr als 1000 Betrachter, 30 Kameras, mehr als 1000 verschiedene Ger\u00e4te und Apparate sowie M\u00f6bel aus dem 19. Jahrhundert zum Aufbewahren, Bewahren und Sortieren stereoskopischer Fotografien sowie eine Bibliothek mit 10.000 Publikationen. Am 05. Mai 2023 war es dann soweit. Die beiden Architekten gr\u00fcndeten die Stiftung &#8222;Fundaci\u00f3n FBS&#8220; in Granja de San Ildefonso, die Sammlung selber befindet sich in Madrid.<\/p>\n<h4>Stereoskopische Fotografie \u2013 ein Student wird neugierig<\/h4>\n<p>Im Zuge des Seminars, an dem auch der Student Philipp Roling teilnahm, pr\u00e4sentierte die Seminarleiterin u.a. einen stereoskopischen Bildbetrachter mit Stereofotografien in einer Box. Die Aufnahmen darin entstanden in der Weimarer Republik und zeigen 100 Raumbilder aus Deutschland in den 20er und 30er Jahren.<\/p>\n<div id=\"attachment_68042\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 709px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-68042 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stereofotografie-Vergleich-Siegburg-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"699\" height=\"324\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Stereofotografie: Vergleich Siegburg &#8211; \u00a9 Foto: Philipp Roling<\/span><\/div>\n<p>\u201eStereoskopische Fotografie ist die Aufnahme von zwei Bildern, die quasi r\u00e4umlich aufgenommen werden, d.h., sie werden in einem Abstand geschossen, der ungef\u00e4hr dem der Augen entspricht, was man dann wiederum mit einer Kamera und zwei Blickwinkeln machen kann oder mit einer spezifischen stereoskopischen Kamera, die direkt zwei Bilder aufnimmt\u201c, erkl\u00e4rt Roling die besondere Art der Fotografie.<\/p>\n<p>\u201eNach der Verarbeitung werden diese Fotos auf K\u00e4rtchen gedruckt, die mit einer bestimmten Betrachterbrille eine optische T\u00e4uschung und einen r\u00e4umlichen Effekt verursachen.\u201c Fasziniert von der Technik und den historischen Ergebnissen \u00fcbernahm er das Projekt.<\/p>\n<h4>100 Raumbilder nachstellen<\/h4>\n<p>Philipp Roling machte sich an die Arbeit und fand alsbald einen Forschungsansatz. \u201eIch reise gerne, bin geschichtlich sehr interessiert und habe dann zu diesem Projekt \u00fcberlegt, ob es nicht interessant w\u00e4re, den Wandel in den fast hundert Jahren auf Bildern festzuhalten, weil es sicher starke Ver\u00e4nderungen gegeben haben m\u00fcsste.\u201c Und so begab sich der Student an die ersten Orte, um seine Idee umzusetzen.<\/p>\n<div id=\"attachment_68043\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 710px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-68043 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stiftungsgruender-mit-Raumbildbox-und-Stereobrille-Foto-G-onzalez-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"525\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Stiftungsgr\u00fcnder mit Raumbildbox und Stereobrille &#8211; \u00a9 Foto: Carmen P\u00e9rez Gonz\u00e1lez<\/span><\/div>\n<p>\u201eWie gro\u00df das Projekt im Endeffekt dann werden w\u00fcrde, davon hatte ich keine Vorstellung.\u201c Roling reiste durch Deutschland und stellte mit der Zeit fest, dass viele Motive nicht nur durch den Krieg zerst\u00f6rt worden waren, sondern auch im Zuge des gesellschaftlichen Wandels mittlerweile abgerissen wurden. \u201eDas Gewandhaus in Leipzig z. B., dessen Ruinen sind erst in den 60er Jahren einem Neubau gewichen\u201c, erkl\u00e4rt er, \u201eoder ideologische Geb\u00e4ude und Teile von Stadtansichten, wurden quasi in der Nachkriegszeit zerst\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Roling orientierte sich an den Bildtexten, die zu jeder Stereofotografie kurze Informationen zum Objekt angeben. Das schr\u00e4nkte den Ort des Objektes oder der Landschaft schon einmal ein, jedoch bestand die Hauptschwierigkeit darin, den genauen Standpunkt zu finden, von dem der damalige Fotograf das Motiv geschossen hatte. \u201eW\u00e4hrend Motive wie der K\u00f6lner Dom in der Westansicht eine ziemlich einfach zu findende Position ist, sieht es bei einer Landschaft schon wieder anders aus.\u201c<\/p>\n<p>Am Drachenfels bei K\u00f6nigswinter stie\u00df er dann auch zum ersten Mal an seine Grenzen. \u201eDie Zug\u00e4nglichkeiten herrschen nicht mehr so vor wie damals. Man m\u00fcsste quasi \u00fcber die Absperrungen auf ein altes Mauerwerk klettern, um die Ansicht von Rhein und Drachenfels auf ein Bild zu bekommen. Das ist aber nicht m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<h4>Hilfe kommt von engagierten B\u00fcrgern<\/h4>\n<p>Roling nutzte auch die M\u00f6glichkeit von Satellitenansichten, um markante Punkte zu identifizieren. \u201eIn Siegburg habe ich mir zwei Kircht\u00fcrme herausgesucht, \u00fcber die ich dann quasi den dritten Punkt, von dem das Bild geschossen wurde, erst gefunden habe. Das war die St. Anno-Kirche in Siegburg.\u201c Doch der Weg dahin war steinig. \u201eIch bin per Satellitenbildern die Stra\u00dfen abgelaufen und habe die gesamte Umgebung kontrolliert, bis ich dann auf die St. Anno- Kirche gesto\u00dfen bin.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_68044\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 513px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-68044 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Stereofotografie-Externsteine-in-der-Stadt-Horn-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"503\" height=\"505\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Stereofotografie: Externsteine in der Stadt Horn damals und heute &#8211; \u00a9 Foto: Philipp Roling<\/span><\/div>\n<p>Um jedoch das eigentliche Parallelbild von der Kirche aus zu erstellen, mussten dann noch Genehmigungen eingeholt, die Lichtverh\u00e4ltnisse bedacht und das Wetter einkalkuliert werden.<\/p>\n<p>\u201eDer Kirchturm ist seit einigen Jahren einger\u00fcstet und nicht der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich. Ich bin dann an einen sehr netten Herrn geraten, der mir \u00fcber den Bauaufzug an der Seite des Kirchturms erm\u00f6glichte hochzufahren, um dann das Stereobild zu machen. Diese Erfahrung habe ich jetzt auch schon mehrmals gemacht, dass viele Leute, die ich im Laufe des Projektes f\u00fcr Genehmigungen angesprochen habe, sehr begeistert sind und hinter diesem Projekt stehen. Auch das Aachener Rathaus, dessen Dach nicht mehr zu betreten ist, durfte ich kurzzeitig nutzen.\u201c<\/p>\n<h4>Projekt m\u00fcndet in Masterthesis<\/h4>\n<p>Mittlerweile hat der emsige Student bereits 29 Objekte mit der Stereokamera festgehalten. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung in der n\u00e4chsten Zeit werden die enormen Entfernungen sein, die er zur\u00fccklegen muss, um bestimmte Motive einzufangen. \u201eViele der Bilder sind in Bayern und im ehemaligen Preu\u00dfen gemacht worden\u201c erz\u00e4hlt er. \u201eDas ehemalige Preu\u00dfen hat den Schwerpunkt im westlichen Raum, also Orte in NRW, in Rheinland-Pfalz und in Hessen. Da konnte ich relativ einfach hinkommen. In anderen Bundesl\u00e4ndern habe ich auch Freunde, so dass ich das verbinden konnte.\u201c<\/p>\n<p>Schwieriger wird nun der gesamte Osten und Norden Deutschlands sowie der weite S\u00fcden mit Bayern und Baden-W\u00fcrttemberg. Das sei vor allem eine finanzielle Frage. Au\u00dferdem seien manche Bilder im Sommer, andere im Winter gemacht worden, so dass er an diese Orte zweimal reisen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Seine Begeisterung ist trotzdem ungebrochen. \u201eIch bekomme Einblicke, die nicht einmal den Leuten, die da wohnen, wirklich gew\u00e4hrt werden. Z.B. die Stadtansicht in Aachen vom Rathausturm aus, oder den Blick von der Stephanskirche in Mainz. Das sind Perspektiven, die man sonst nicht erh\u00e4lt. Die Bilder werden dann auch durch die Hintergrundgeschichten besonders.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_68038\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 711px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-68038\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Roling-mit-Stereokamera-2-2.jpg\" alt=\"\" width=\"701\" height=\"463\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Industrial Design-Student Philipp Riling mit einer Stereokamera &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Philipp Roling, der an der Bergischen Universit\u00e4t Industrial Design studiert, hat mit diesem Projekt auch gleich sein Thema f\u00fcr die Masterthesis gefunden, die er mit jedem neuen Fotomotiv in Deutschland weiter vorbereitet.<\/p>\n<p>\u201eDas ist die gr\u00f6\u00dfte stereoskopische Sammlung in Europa, wenn nicht sogar in der Welt\u201c, schw\u00e4rmt er abschlie\u00dfend, \u201ees ist eine Nische in der Fotografie. Und besonders beeindruckend ist es auch, weil wir Pionierarbeit leisten, indem wir die Objekte einordnen und archivieren.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fundaci\u00f3n FBS in Spanien beherbergt eine der gr\u00f6\u00dften stereoskopischen Sammlungen der Welt. Der Student Philipp Roling von der Bergischen Universit\u00e4t, besch\u00e4ftigt sich in einem Projekt der Stiftung mit &#8222;Raumbildern in Deutschland&#8220; und stellt Orte und Objekte der 1920er Jahre hundert Jahre sp\u00e4ter fotografisch nach.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-68033","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 13:30:10","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68033","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68033"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68033\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":68050,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68033\/revisions\/68050"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68033"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68033"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68033"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}