{"id":67901,"date":"2023-09-01T15:30:36","date_gmt":"2023-09-01T13:30:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=67901"},"modified":"2023-09-01T15:51:17","modified_gmt":"2023-09-01T13:51:17","slug":"georg-buechner-preis-wird-seit-100-jahren-verliehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/09\/01\/georg-buechner-preis-wird-seit-100-jahren-verliehen\/","title":{"rendered":"Georg-B\u00fcchner-Preis wird seit 100 Jahren verliehen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_67904\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 823px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-67904\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Pressefoto-Klein-2.jpg\" alt=\"\" width=\"813\" height=\"551\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Geistes- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Christian Klein &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Autor Uwe Blass hat sich im Rahmen der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen-Interviews&#8220; mit dem Geistes- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Christian Klein \u00fcber die Bedeutung Georg B\u00fcchners und des nach ihm benannten Preises unterhalten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Der Georg-B\u00fcchner-Preis feiert in diesem Jahr sein 100-j\u00e4hriges Bestehen. Wer war Georg B\u00fcchner \u00fcberhaupt?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Georg B\u00fcchner z\u00e4hlt zu den wichtigsten Autoren der Vorm\u00e4rzzeit, wurde 1813 in Hessen geboren und starb 1837 in Z\u00fcrich. Ungeachtet seines kurzen Lebens hat er drei Dramen (&#8222;Dantons Tod&#8220; &#8211;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>&#8222;Leonce und Lena&#8220; &#8211; &#8222;Woyzeck&#8220; als Fragment) und die Erz\u00e4hlung &#8222;Lenz&#8220; vorgelegt, die heute allesamt zum Kanon der deutschen Literatur z\u00e4hlen. In der politischen Flugschrift &#8222;Der hessische Landbote&#8220; hat B\u00fcchner gegen die Feudalherrschaft und f\u00fcr die Revolution agitiert, weswegen er ins Exil gehen musste. Auch in seinen literarischen Texten, die stilistisch und in Bezug auf die k\u00fcnstlerische Form h\u00f6chst innovativ sind, verhandelt B\u00fcchner politische Fragen, und auch dort nimmt er die Perspektive der Unterdr\u00fcckten ein. &#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_67907\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-67907\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/image001.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><b>Aus welchem Grund wurde der renommierte Literaturpreis urspr\u00fcnglich ins Leben gerufen?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Die Einrichtung geht letztlich auf die Initiative des hessischen Landtagsabgeordneten Julius Reiber zur\u00fcck, der 1922 wenige Jahre nach der Gr\u00fcndung des &#8222;Volkstaats Hessen&#8220; einen &#8222;Georg-B\u00fcchner-Preis&#8220; ins Leben rufen wollte, welcher j\u00e4hrlich am &#8222;Verfassungstag&#8220; an hessische oder in Hessen t\u00e4tige K\u00fcnstler verliehen werden sollte. Damit wollte er gleicherma\u00dfen die Bedeutung der Kultur f\u00fcr die demokratische Gesellschaft und die republikanische Verfasstheit des Landes gew\u00fcrdigt wissen.<\/p>\n<p>Es folgten hitzige Debatten, in denen es um sehr grunds\u00e4tzliche politische Fragen ging, die sich mit dem Namensgeber des geplanten Preises verkn\u00fcpften, denn der &#8222;Dichterrevolution\u00e4r&#8220; B\u00fcchner war gerade f\u00fcr Konservative ein rotes Tuch. Sie brachten Goethe als alternativen Namenspatron ins Spiel, konnten sich aber nicht durchsetzen, und so wurde die Einrichtung des Hessischen Staatspreis f\u00fcr alle K\u00fcnste mit dem Namen Georg-B\u00fcchner-Preis beschlossen, der 1923 erstmalig verliehen wurde.&#8220;<\/p>\n<p><b>1951 wurde der Preis von einem allgemeinen Kulturpreis in einen Literaturpreis umgewandelt und mit den Jahren immer h\u00f6her dotiert. Geehrt werden mit diesem Preis Autorinnen und Autoren, die sich um die deutsche Sprache verdient gemacht haben? Wer f\u00e4llt Ihnen da spontan ein?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Man kann ja immer erst mit einigem historischen Abstand sagen, inwieweit die Texte einzelner Autorinnenen und Autoren besondere Wirkung entfaltet haben. Aber sieht man sich die Liste der Preistr\u00e4ger seit der Umwidmung des Preises zum Literaturpreis im Jahr 1951 an, dann finden sich darauf sehr viele, die die deutsche Literatur ma\u00dfgeblich beeinflusst haben: im Bereich der Lyrik etwa Gottfried Benn, G\u00fcnter Eich, Paul Celan und Ingeborg Bachmann, auf dem Feld der Dramatik Thomas Bernhard, Peter Handke, Heiner M\u00fcller und Elfriede Jelinek oder G\u00fcnter Grass, Heinrich B\u00f6ll, Wolfgang Koeppen und Uwe Johnson, die dem deutschsprachigen Roman nach 1945 zu Weltgeltung verholfen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_67909\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 810px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-67909\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Illustration-Georg-Buechner-2.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"872\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Georg B\u00fcchner, Illustration nach einer Zeichnung des Malers August Hoffmann in einer franz\u00f6sischen Werkausgabe von 1879 &#8211; \u00a9 gemeinfrei<\/span><\/div>\n<p><b>Das Auswahlverfahren ist bis heute nicht transparent und daher auch sehr umstritten. Die taz schreibt dazu: \u201eDer Georg-B\u00fcchner-Preis aber ist ein schei\u00dfender Teufel auf der Suche nach dem gr\u00f6\u00dften Haufen. Der durchschnittliche B\u00fcchnerpreistr\u00e4ger ist zwischen 50 und 70 Jahre alt, meist m\u00e4nnlich und hat schon acht bis zw\u00f6lf andere Literaturpreise gewonnen. Mit dem B\u00fcchnerpreis wird bereits zementierte Bedeutung zementiert.\u201c Keine Chance also f\u00fcr Newcomer?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Im Hinblick auf die Geschichte des Preises ist die Kritik an der Homogenit\u00e4t der Ausgezeichneten insgesamt berechtigt, sieht man sich aber die Preistr\u00e4gerinnen und Preistr\u00e4ger der letzten Jahre an, dann bekamen seit 2017 abwechselnd Autorinnen und Autoren den Preis zugesprochen und vier der seit 2017 Ausgezeichneten sind Mitte bis Ende drei\u00dfig. Da scheint sich also etwas zu \u00e4ndern. Allerdings ist der B\u00fcchner-Preis grunds\u00e4tzlich nicht als Auszeichnung konzipiert, mit der Newcomer oder Deb\u00fctanten gew\u00fcrdigt werden sollen. Laut Satzung soll der Preis an Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehen, &#8222;die durch ihre Arbeit und Werke in besonderem Ma\u00dfe hervorgetreten sind und die an der Gestaltung des gegenw\u00e4rtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben&#8220;. Da hat man also insgesamt eher Etablierte im Blick, was ich aber nicht weiter problematisch finde \u2013 f\u00fcr Autorinnen und Autoren am Anfang der Karriere gibt es andere Preise und Auszeichnungen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Zudem soll der B\u00fcchnerpreistr\u00e4ger schullekt\u00fcretauglich sein. Was bedeutet das?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Das scheint mir eine Erwartung zu sein, die eher von au\u00dfen an den Preis herangetragen wird, aber eigentlich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit artikuliert, denn wenn die ausgezeichneten Autorinnen und Autoren nach den in der Satzung formulierten Kriterien ausgew\u00e4hlt werden, sind deren Werke eigentlich per se schullekt\u00fcretauglich.&#8220;<\/p>\n<p><b>Der Frauenanteil der Preistr\u00e4ger ist mit 12 Schriftstellerinnen noch sehr mager. Woran liegt das?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Das liegt an der strukturellen Diskriminierung von Frauen im Literaturbetrieb, die dazu gef\u00fchrt hat und noch immer dazu f\u00fchrt, dass weibliche Produktivit\u00e4t auch auf dem literarischen Feld marginalisiert wird. Frauen wurde jahrhundertelang abgesprochen, origin\u00e4r kreativ zu sein \u2013 als &#8222;nat\u00fcrliche Expertinnen f\u00fcr das Gef\u00fchl&#8220; wurden sie als Projektionsfl\u00e4che allenfalls in der Lyrik geduldet. Der &#8222;Literaturpapst&#8220; Marcel Reich-Ranicki etwa schm\u00e4hte Ingeborg Bachmann Anfang der 1970er Jahre als &#8222;gefallene Lyrikerin&#8220;, weil sie Erz\u00e4hltexte vorlegte. Noch als Anfang des neuen Jahrtausends in kurzer Zeit eine Reihe von Deb\u00fctromanen von Autorinnen erschienen, sprach man im Feuilleton gleicherma\u00dfen despektierlich wie g\u00f6nnerhaft vom &#8222;literarischen Fr\u00e4uleinwunder&#8220;. Und die Aggressivit\u00e4t, die der Dramatik Elfriede Jelineks entgegenschl\u00e4gt, hat bestimmt nicht nur mit divergierenden Einsch\u00e4tzungen der literarischen Qualit\u00e4t ihrer St\u00fccke zu tun.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_67912\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 509px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-67912\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Bild-01.09.23-um-15.43.jpg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"777\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Georg B\u00fcchner &#8211; Woyzeck &#8211; Klett Lekt\u00fcrehilfen &#8211; Interpretationshilfe f\u00fcr Oberstufe und Abitur &#8211; Klett Verlag &#8211; 144 Seiten &#8211; ISBN-10: 3129231641 &#8211; ISBN-13: 978-3129231647<\/span><\/div>\n<p><b>2022 wurde mit Emine Sevgi \u00d6zdamar erstmals eine Autorin geehrt, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Das war ein Novum, oder?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Das kommt darauf an, wie genau man hinsieht, wo man ansetzt. Der Preistr\u00e4ger von 1972,<b> <\/b>Elias Canetti, wuchs zum Beispiel mit Ladino (&#8222;Jud\u00e4o-Spanisch&#8220;) als Muttersprache auf und begann erst mit acht Jahren Deutsch zu lernen. George Tabori, der 1992 den B\u00fcchnerpreis erhielt, wuchs zwischen verschiedenen Sprachen auf, er sagte \u00fcber seine sprachliche Sozialisation: &#8222;Ungarisch ist meine Muttersprache, Englisch meine Vatersprache, Deutsch meine Tantensprache&#8220;. Vermutlich gab es noch andere Preistr\u00e4gerinnen und Preistr\u00e4ger, die eine \u00e4hnlich reiche Sprachbiographie vorweisen k\u00f6nnen \u2013\u00a0und ganz sicher wird es k\u00fcnftig auch in dieser Hinsicht mehr Vielfalt unter den Preistr\u00e4gerinnen ind Preistr\u00e4gern geben.&#8220;<\/p>\n<p><b>Welche deutschschreibende Autorin oder welcher deutschschreibender Autor w\u00e4re denn f\u00fcr Sie ein Anw\u00e4rter auf diesen Literaturpreis?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Christian Klein: &#8222;Zum Beispiel Sasha Marianna Salzmann, weil sie literarisch eindrucksvolle Texte schreibt, die f\u00fcr unsere Zeit absolut relevant sind \u2013 Gegenwartsliteratur im besten Sinne also.&#8220;<\/p>\n<p><b>Uwe Blass<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_67905\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 192px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-67905\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Pressefoto-Klein-3.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"297\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Christian Klein &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Christian Klein<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Christian Klein lehrt und forscht in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften in der Abteilung Neuere deutsche Literaturgeschichte \/ Allgemeine Literaturwissenschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bedeutende deutsche Schriftsteller, Mediziner und Naturwissenschaftler Georg B\u00fcchner starb 1837 im Alter von nur 23 Jahren an den Folgen einer Typhus-Erkrankung. Trotz seines nur kurzen Lebens hat er bleibende Spuren hinterlassen. In diesem Jahr wird der Georg-B\u00fcchner-Preis, der Autorinnen und Autoren verliehen wird, die sich um die deutsche Sprache verdient gemacht haben, 100 Jahre alt.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-67901","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-06 08:25:02","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=67901"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67901\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":67913,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/67901\/revisions\/67913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=67901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=67901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=67901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}