{"id":66639,"date":"2023-07-05T07:43:17","date_gmt":"2023-07-05T05:43:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=66639"},"modified":"2023-07-10T11:47:14","modified_gmt":"2023-07-10T09:47:14","slug":"schweizergarde-bauernburschen-aus-den-hochalpentaelern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/07\/05\/schweizergarde-bauernburschen-aus-den-hochalpentaelern\/","title":{"rendered":"Schweizergarde: Bauernburschen aus den Hochalpent\u00e4lern"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_66642\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 773px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66642 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Foto-Arne-Karsten-2.jpg\" alt=\"\" width=\"763\" height=\"505\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Historiker PD Dr. Arne Karsten &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Der Historiker Arne Karsten kennt ihre Geschichte und die wechselvolle Entwicklung der einstigen Bauernburschen aus den Schweizer Kantonen. Autor Uwe Blass hat sich mit ihm f\u00fcr die beliebte Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; \u00fcber die Geschichte der Schweizergarde unterhalten.<\/p>\n<p>Ihr offizieller Name lautet Pontificia Cohors Helvetia. \u201eDie p\u00e4pstliche Schweizergarde ist das einzige verbliebene bewaffnete Milit\u00e4rkorps des Heiligen Stuhls, dass urspr\u00fcnglich aus kr\u00e4ftigen Bauernburschen aus den Hochalpent\u00e4lern bestand\u201c, erkl\u00e4rt Karsten, \u201edie gerne in die Solddienste fremder Herrscher eintraten, um diese vor jedweder Gefahr zu sch\u00fctzen.\u201c Und nicht nur im Vatikan waren die stattlichen Kerle gerngesehen, auch in \u00d6sterreich, verschiedenen italienischen Staaten und vor allem in Frankreich zeigte die S\u00f6ldnerarmee \u00fcber lange Zeiten hinweg Pr\u00e4senz.<\/p>\n<h4>Junge M\u00e4nner aus armen Verh\u00e4ltnissen<\/h4>\n<p>Zur Zeit Kardinal Richelieus boten im 17. Jahrhundert mehrere Kompanien mit bis zu 6000 M\u00e4nnern k\u00f6niglichen Schutz. \u201eDer Hintergrund dazu ist\u201c, erkl\u00e4rt Karsten, \u201edass die Eidgenossenschaft, wie man richtigerweise sagen muss, denn bis Anfang des 19. Jahrhunderts gab es gar keine Schweizer, aus einer Reihe von Kantonen bestand, die zum Teil bitterarm waren. Heute ist die Schweiz ein Ort des Wohlstands und Reichtums, das war fr\u00fcher anders.<\/p>\n<div id=\"attachment_66644\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 611px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66644 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Wikimedia-Commons-CC-BY-SA-3.0-2.jpg\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"733\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zwei Mitglieder der Schweizergarde in Uniform &#8211; \u00a9 (CC-BY-SA 3.0)<\/span><\/div>\n<p>Diese Bergt\u00e4ler boten gerade das Notwendigste zum \u00dcberleben, oft war es so, dass vor allem junge M\u00e4nner ihr Auskommen woanders suchen mussten, und so wurden diese Solddienste bei fremden Herrschern eine regelrechte Tradition.\u201c<\/p>\n<h4>Bezahlung des S\u00f6ldnerheers auch aus Augsburg<\/h4>\n<p>Die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger spielt in Bezug auf die Schweizergarde eine wichtige Rolle. \u201eSie investierten ihr Kapital zur Finanzierung der notorisch klammen Herrscher\u201c, sagt Karsten, \u201eund zu den Kreditnehmern, zu den Schuldnern der Augsburger Fugger, geh\u00f6rten auch die P\u00e4pste in Rom.\u201c So kam es, dass die ersten 150 Gardisten tats\u00e4chlich mit dem in Augsburg geliehenen Geld bezahlt wurden.<\/p>\n<p>Die Aufgaben der Schweizer Schutzeinheit habe sich im Laufe der Jahre kaum ver\u00e4ndert, berichtet der Fachmann. Nach wie vor sollen sie im Wesentlichen die Sicherheit des p\u00e4pstlichen Souver\u00e4ns als Garde du Corps, also als Leibgarde oder W\u00e4chter des K\u00f6rpers, wenn man es frei \u00fcbersetzen m\u00f6chte, gew\u00e4hrleisten. \u201eDaneben sind es Wach- Ordnungs- und Ehrenaufgaben. Sie stehen an den Toren des Zugangs zum Vatikan, sie sind im Einsatz bei allen m\u00f6glichen festlichen Anl\u00e4ssen und schaffen damit gleichzeitig einen Ordnungsrahmen sowie einen w\u00fcrdigen Ablauf jeder Festveranstaltung.\u201c<\/p>\n<h4>Der Schicksalstag der Garde im Mai 1527<\/h4>\n<p>Neue Gardisten werden traditionsgem\u00e4\u00df immer am 6. Mai vereidigt. Doch dieser Termin hat einen tragischen Hintergrund und ist daher zugleich Trauer- und Ehrentag. \u201eAn diesem Tag im Jahr 1527 wurde Rom von deutschen und spanischen S\u00f6ldnern im Dienste Karls V. erobert und dann monatelang gepl\u00fcndert\u201c, berichtet Karsten.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>\u201eTats\u00e4chlich sind die Schweizer da ihrem Auftrag, Papst Clemens VII. aus dem Hause Medici zu sch\u00fctzen, so nachgekommen, dass rund dreiviertel der Schweizer Gardisten bei der Verteidigung des Papstes und seiner Flucht in die Engelsburg ihr Leben verloren. Seit diesem Tag, dem sogenannten Sacco di Roma, an dem sich die Einheit \u00fcber die Ma\u00dfen bew\u00e4hrt hatte und den p\u00e4pstlichen Souver\u00e4n rettete, wird dieses Datum zum Anlass genommen, die allj\u00e4hrliche Neuvereidigung vorzunehmen.\u201c<\/p>\n<h4>Traditionen spielen eine gro\u00dfe Roll<b>e<\/b><\/h4>\n<p>Traditionen spielen bei der Schweizergarde eine wichtige Rolle. Schon der Text der Eidesformel hat sich bis heute nicht ver\u00e4ndert. Darin hei\u00dft es u.a.: \u201eIch schw\u00f6re, treu, redlich und ehrenhaft zu dienen dem regierenden Papst <i>[Name des Papstes]<\/i> und seinen rechtm\u00e4\u00dfigen Nachfolgern, und mich mit ganzer Kraft f\u00fcr sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, selbst mein Leben f\u00fcr sie hinzugeben.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_66646\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66646 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/rome-g1db5c47fe_1280-2.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"359\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zwei Mitglieder der Schweizergarde im Vatikan im Einsatz &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Heute ist der Dienst eher m\u00fchsam im Sinne der anstrengenden Routineaufgaben, zu denen auch das stundenlange Wachestehen mit ausgehaltener Hellebarde (Mischform von Hieb- und Stichwaffe, Anm. d. Red.) z\u00e4hlt, die ein Relikt fr\u00fcherer Zeiten ist. \u201eDie Bewaffnung ist schon sehr widerspr\u00fcchlich\u201c, konstatiert Karsten, denn, \u201eauf der einen Seite, au\u00dferordentlich traditionell, f\u00fchren sie beim Wachdienst an den beiden Eingangstoren zur Vatikanstadt sowie der Eingangstreppe zu den vatikanischen Pal\u00e4sten eine Hellebarde und einen Degen. Als ausgewiesene Personensch\u00fctzer tragen sie darunter oder daneben auch noch eine Pistole und f\u00fcr den \u00b4kleinen` Einsatz Pfefferspray.\u201c<\/p>\n<h4>Gardisten besitzen zwei Uniformen<\/h4>\n<p>Und dann ist da nat\u00fcrlich noch die Kleidung. Die Gardisten besitzen zwei Uniformen, eine davon im Renaissance-Stil in Samt mit Puff\u00e4rmeln, eine Stilisierung und Variation einer Medici-Kriegstracht aus dem 15. Jahrhundert, die an Festtagen sogar mit einem zus\u00e4tzlichen Brustpanzer versehen wird. \u201eZum Brustpanzer kommt dann noch der Morion-Helm (offener Helmtypus ohne Visier in der Form spanischer Eisenh\u00fcte -Anm.d.Red.-)\u201c, erg\u00e4nzt Karsten, denn nat\u00fcrlich sei die Aufgabe der Schweizergardisten auch eine Dekorative.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nne das bei Besuchen in Rom immer sehen, dass sich Touristen gerne an der Porta Sancta Martha, links vom Petersdom, mit den Gardisten in Galauniform fotografieren lie\u00dfen. \u201eDaneben gibt es aber auch die kleine Dienstuniform. Die ist schlicht in mittelblau gehalten und wird im Alltagsdienst getragen. Auf dem Weg in die Vatikanische Bibliothek oder das p\u00e4pstliche Geheimarchiv z.B. geht man morgens an den Schweizern vorbei, wird gefragt, wo man hinm\u00f6chte und dann sehr freundlich mit einem \u201eGr\u00fcezi\u201c, mit der Hand dabei an der M\u00fctze, durchgelassen\u201c, lacht der Vatikankenner.<\/p>\n<div id=\"attachment_66647\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 611px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66647 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/swiss-guard-g9dafffc1d_1280.jpg\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"902\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Mitglied der Schweizergarde &#8211; f\u00fcr Touristen in Rom ein begehrtes Foto-Objekt &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<h4>Scharf und treu \u2013 immer!<\/h4>\n<p>Zur Rekrutierung junger Gardisten geht auch die Schweizergarde mittlerweile neue Wege. Die Videopr\u00e4sentation dazu ist sehr modern. Das Motto lautet: Acriter et fideliter \u2013 semper! (Scharf und treu \u2013 immer!) \u201eDas ist das traditionelle Selbstbild der Schweizergardisten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Die Zuverl\u00e4ssigkeit im Sinne von Leistungsbereitschaft, das \u00b4scharf` bezeichnet das genaue Hinsehen, die Aufmerksamkeit im Dienste des Papstes und zum anderen die Treue, die in der Tradition der Schweizergardisten in ganz Europa immer wieder ger\u00fchmt wurde und sich bewiesen hat.<\/p>\n<p>Das ber\u00fchmteste Beispiel ist 1792 gewesen, der Sturm auf die Tuilerien, das Stadtschloss der franz\u00f6sischen K\u00f6nige. Am 10. August opferten da mehrere hundert Schweizergardisten zur Verteidigung dieses Schlosses ihr Leben gegen\u00fcber dem aufst\u00e4ndischen P\u00f6bel der Franz\u00f6sischen Revolutionsanh\u00e4nger.\u201c Und weil auch in unserer Zeit die Gefahren nicht weniger werden, wurde 2018 die Sollst\u00e4rke der Gardisten im Vatikan sogar erh\u00f6ht.<\/p>\n<h4>Aufnahmebedingungen: Katholisch sein und 1,74 Meter gro\u00df<\/h4>\n<p>Doch nicht jeder junge Mann erf\u00fcllt die Aufnahmebedingungen, die Karsten wie folgt aufz\u00e4hlt: \u201eSie m\u00fcssen nat\u00fcrlich katholisch sein, 1,74 Meter gro\u00df sein, einen unbescholtenen Leumund vorweisen k\u00f6nnen und den Schweizer Wehrdienst absolviert haben.\u201c F\u00fcr knapp 15600 Euro Jahressal\u00e4r dienen viele Schweizer zwischen Schulabschluss und beruflicher Karriere ehrenvoll im r\u00f6mischen Kleinstaat.<\/p>\n<p>\u201eAus meiner Forschungszeit in Rom bin ich bis heute noch befreundet mit einem ehemaligen Schweizergardisten aus dem Kanton Graub\u00fcnden, dessen Vater schon Schweizergardist war\u201c, erz\u00e4hlt Karsten abschlie\u00dfend, \u201eder hat nach der Schulzeit und vor dem Geschichtsstudium in Rom zwei Jahre bei der Garde gedient, hinterher tats\u00e4chlich ein Studium aufgenommen und seine Abschlussarbeit \u00fcber ein p\u00e4pstlich-r\u00f6misches Thema gew\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_66643\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 225px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66643\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Foto-Arne-Karsten-3.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"296\" \/><span class=\"wp-caption-text\">PD Dr. Arne Karsten &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber PD Dr. Arne Karsten<\/h4>\n<p>PD Dr. Arne Karsten (*1969) studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in G\u00f6ttingen, Rom und Berlin. Von 2001 bis 2009 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. Seit dem Wintersemester 2009 lehrt er als Junior-Professor, seit der Habilitation 2016 als Privatdozent f\u00fcr Geschichte der Neuzeit an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Securitydienste sind heutzutage \u00fcberall im Einsatz, um etwa Prominente oder Politiker vor Gefahren zu sch\u00fctzen. Eine weltweit bekannte Einheit tut dies bereits seit dem fr\u00fchen 16. 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