{"id":66188,"date":"2023-06-14T09:54:26","date_gmt":"2023-06-14T07:54:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=66188"},"modified":"2023-06-14T09:54:26","modified_gmt":"2023-06-14T07:54:26","slug":"klaus-schumann-gartenfreund-viel-leser-steinesammler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/06\/14\/klaus-schumann-gartenfreund-viel-leser-steinesammler\/","title":{"rendered":"Klaus Schumann: Gartenfreund, Viel-Leser, Steinesammler"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_66195\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-66195\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/e3013f1d-270f-45b4-befa-60391ebb2970-3-1024x756.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"756\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Klaus Schumann, ein m\u00fcndiger, meinungsstarker, engagierter Wuppertaler, der seine Lebensabend geniesst &#8211; \u00a9 Dr. Matthias Dohmen<\/span><\/div>\n<p><span class=\"\" style=\"font-family: Cambria, serif; font-size: large;\">Klaus Schumann &#8211; <\/span><span class=\"\" style=\"font-family: Cambria, serif; font-size: large;\">Hobbyfotograf, Mitglied des Bergischen Geschichtsvereins und Liebhaber von Rosen und anderer Gew\u00e4chse, ist ein meinungsstarker Zeitgenosse, der beim &#8222;Politischen Treff am Vormittag\u201c\u00a0und mit zahlreichen Leserbriefen, zuletzt zu den Goldenen B\u00e4nken, mit seinen Auffassungen nicht hinter dem Berg h\u00e4lt,<\/span><\/p>\n<p>Stichwort &#8222;viel gelesen&#8220;. Klaus Schumann ist mit B\u00fcchern gro\u00df geworden, die zu Hause auf Regalen standen, bei Nachbarn, bei den Gro\u00dfeltern, bei Onkel Carl und Tante Ellen, bei Tante Tilly, die mit dem j\u00fcdischen Rechtsanwalt Dr. jur. Bernhard Weyl verheiratet war und deren Sohn Wolfgang in Polen und Belgien f\u00fcr das Gro\u00dfdeutsche Reich k\u00e4mpfte, bevor ihn die Nazis doch verhafteten, und der, so zumindest die offizielle Lesart, bei einem Luftangriff auf das Gef\u00e4ngnis in Arnsberg zu Tode kam. Schumanns Vater blieb in der Ukraine.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Wohnhaus von Onkel und Tante geerbt<\/h4>\n<p>Carl, der Bruder des Vaters, wurde nach Studium Anwalt und \u00fcbernahm die Kanzlei des 1930 verstorbenen Bernhard Weyl. 1971 erbte Klaus Schumann das Wohnhaus von Onkel Carl und Tante Ellen, auch deren zahlreiche\u00a0B\u00fccher, und hatte in der Folgezeit ausreichend Platz f\u00fcr seine Bibliothek.<\/p>\n<p>Obwohl vaterlos aufgewachsen, spricht er selbst in einem Beitrag f\u00fcr das Buch \u201eKindheit und Jugend zwischen Zerst\u00f6rung und Aufbruch\u201c von einer \u201ebeh\u00fcteten und gl\u00fccklichen Kindheit\u201c, in der es 1945 keine \u201eStunde Null\u201c gab: \u201eAls F\u00fcnfj\u00e4hriger erlebte ich keine Z\u00e4sur und keinen Bruch, empfand weder tragisches Ende noch befreienden Neuanfang. Meine Welt hob sich nicht aus den Angeln.\u201c Auch nicht durch den Einmarsch der Amerikaner, bei dem er \u201ezum ersten Mal einen \u201aNeger\u2019 gesehen\u201c hatte.<\/p>\n<div id=\"attachment_66199\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-66199\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/570ad567-ed69-4bd4-b9db-113b89ebb27e-2-1024x901.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"660\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Klaus Schumann liebt Blumen und die Gartenarbeit &#8211; \u00a9 Dr. Matthias Dohmen<\/span><\/div>\n<p>Zu der beh\u00fcteten Kindheit geh\u00f6ren B\u00fccher: die M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm, von Wilhelm Hauff und von Hans Christian Andersen, Heinrich Hoffmanns \u201eStruwwelpeter\u201c oder die Bildergeschichten von Wilhelm Busch. F\u00fcr den Sch\u00fcler werden Sartre und Beauvoir, Camus und Gide, B\u00f6ll, Bergengruen und D\u00f6blin, Wassermann und Gottfried Keller, russische Schriftsteller wie Dostojewski, aber auch Kunstb\u00fccher interessant.<\/p>\n<p>Auf der Arbeit hatte er einen Kollegen, der gute Beziehungen zu einer D\u00fcsseldorfer Buchhandlung hatte und von dort leihweise B\u00fccher, die auf dem Index standen (aus dem ber\u00fcchtigten Verlag Olympia Press), mitbrachte, und einen lesebegierigen Vorgesetzten.<\/p>\n<p>Die Autoren hie\u00dfen etwa Henry Miller und Jean Genet. Gelesen wurde auch schon mal w\u00e4hrend der Arbeitszeit. Das Buch lag auf der ausgezogenen Schreibtischschublade, diese wurde schnell eingeschoben, wenn andere Firmenangeh\u00f6rige den Raum betraten.<\/p>\n<h4>In Elberfeld geboren<\/h4>\n<p>Am 8. September 1940 in Elberfeld geboren, absolviert er nach der Volksschule eine kaufm\u00e4nnische Ausbildung, die etwas holprig verl\u00e4uft. Schlie\u00dflich gewinnt er Freude an der Arbeit mit Zahlen und Bilanzen und steigt schnell zum Handlungsbevollm\u00e4chtigten der Maschinenfabrik Hermann Hemscheidt (Wuppertal) und sp\u00e4ter des S\u00e4genherstellers Edess\u00f6 in Remscheid auf.<\/p>\n<p>Seit 2005, mit Beginn der Rente, engagiert sich Schumann, 1999 unerwartet Witwer geworden, im Bergischen Geschichtsverein, dem F\u00f6rderverein der Begegnungsst\u00e4tte Alte Synagoge und der Friedrich-Spee-Akademie. Selten sieht man ihn ohne die geliebte Kamera. In den zu der Reihe \u201eWuppertals gr\u00fcne Anlagen\u201c geh\u00f6renden B\u00fcchern \u201eK\u00f6nigsh\u00f6he\u201c und \u201eMirker Hain\u201c kann man Aufnahmen von ihm finden.<\/p>\n<p>Die christlichen Pfadfinder darf man nicht vergessen, bei denen er die ersten politischen Diskussionen f\u00fchrt. Als sich einige Narben, die der Krieg geschlagen hat, zu schlie\u00dfen beginnen, soll die Bundesrepublik pl\u00f6tzlich wiederbewaffnet werden. \u201eDer Russe\u201c lebt als Feindbild wieder auf. Heinrich B\u00f6lls \u201eHaus ohne H\u00fcter\u201c liest Schumann in dieser Zeit und das B\u00fchnenst\u00fcck \u201eDrau\u00dfen vor der T\u00fcr\u201c von Wolfgang Borchert.<\/p>\n<div id=\"attachment_66202\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66202 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/752374a4-52df-4f90-ae3f-5f2847166f08-2.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"544\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Klaus Schumann sch\u00e4tzt gutes Essen &#8211; \u00a9 Matthias Dohmen<\/span><\/div>\n<p>Kurze Zeit geh\u00f6rt Schumann der Jungen Union an, besucht Wahlveranstaltungen von Konrad Adenauer oder Erich Mende. Der Bruch kommt bei der Ostpolitik: Die Anerkennung der Oder-Nei\u00dfe-Grenze durch die EKD, der ber\u00fchmte Kniefall Willy Brandts in Warschau und die Politik von Johannes Rau und Helmut Schmidt machen ihn zum Sympathisanten der Sozialdemokratie.<\/p>\n<p>Vielleicht spielt da auch eine Rolle, dass er mit 13 zum ersten Mal nach Frankreich f\u00e4hrt, um seine aus den Masuren stammende Cousine zu besuchen, die dort mit einem Polen verheiratet ist. Er entwickelt wie viele junge Deutsche ein Schamgef\u00fchl den V\u00f6lkern gegen\u00fcber, die von den Deutschen besetzt und unterdr\u00fcckt wurden, liest quer durch den Garten Colette, Bernanos und Giraudoux, begeistert sich f\u00fcr de Gaulles Politik und sein ber\u00fchmtes Wort \u201eAlg\u00e9rie alg\u00e9rienne\u201c.<\/p>\n<p>Er verfolgt aufmerksam das Bem\u00fchen um die Auss\u00f6hnung zwischen Deutschland und Frankreich, das Werden der Europ\u00e4ischen Union, die Entkolonialisierung und die Entstehung neuer Staaten in Afrika und Asien: \u201eEs war f\u00fcr mich eine spannende Zeit mit vielen Umbr\u00fcchen.\u201c<\/p>\n<p>Auf neue B\u00fccher wird er aufmerksam durch Rezensionen in der \u201eZeit\u201c, fr\u00fcher auch des \u201eSpiegel\u201c und des \u201estern\u201c, durch pers\u00f6nliche Empfehlungen, aber auch bei Pr\u00e4sentationen in der Buchhandlung v. Mackensen. Jugendliche, die unentwegt auf ihr Handy starren und Texte nur noch mit 156-Zeichen-Modus verarbeiten, sind ihm unheimlich. \u00dcberhaupt vermisst er den Verlust von Umweltbewusstsein, von R\u00fccksichtnahme aufeinander.<\/p>\n<h4>Immer f\u00fcr die Demokratie gek\u00e4mpft<\/h4>\n<p>Er w\u00fcnsche sich, dass die demokratischen Parteien und Politiker die jungen Menschen f\u00fcr die Vorteile der Demokratie sensibilisieren und begeistern, glaubw\u00fcrdig die Menschen ansprechen und nicht mit Sprechblasen und Nebelkerzen um sich werfen.<\/p>\n<p>Er zitiert gern den amerikanischen Pr\u00e4sident John F. Kennedy: \u201eFragt nicht, was Amerika f\u00fcr euch tun kann, sondern fragt euch, was ihr f\u00fcr Amerika tun k\u00f6nnt.\u201c Diese Aufforderung, diesen Gedanken w\u00fcnscht er sich \u201ebezogen auf unser Land, auf unsere Bundesrepublik Deutschland\u201c. Die uns\u00e4glichen Taten aus der Nazizeit d\u00fcrften nicht vergessen werden, sondern auch k\u00fcnftig als Mahnung gegenw\u00e4rtig bleiben.<\/p>\n<p>Ein f\u00fcr ihn schmerzhaftes Kapitel ist die T\u00fcrkei: \u201eIch habe hier viele liebenswerte Menschen getroffen. In mehreren Reisen in den 70er und 80er Jahren wurden mir Istanbul und der S\u00fcden Anatoliens mit dem Taurus-Gebirge vertraut.\u201c Das f\u00fchrte zu einer intensiven Besch\u00e4ftigung mit der Geschichte und der Arch\u00e4ologie des Landes.<\/p>\n<p>Er befasst sich mit Byzanz, den Seldschuken, den Osmanen und dem V\u00f6lkermord an den Armenieren und der heute noch andauernden Verfolgung der Kurden. Und er liest Ya\u015far Kemal und Orhan Pamuk, aber auch den in Wuppertal geborenen Armin T. Wegner. Politik und Gebaren des derzeitigen Pr\u00e4sidenten Erdo\u011fan bereiteten dieser stillen Liebe ein Ende.<\/p>\n<div id=\"attachment_66203\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 562px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66203 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/16015a54-1de2-436e-a345-cac9cdb7b0d3-2.jpg\" alt=\"\" width=\"552\" height=\"535\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Sein Humor ist Klaus Schumann bis heute erhalten geblieben &#8211; \u00a9 Matthias Dohmen<\/span><\/div>\n<p>Ein weiteres, noch unerw\u00e4hnt gebliebenes Steckenpferd ist der heimische Garten. Der Gro\u00dfvater und dessen G\u00e4rtnerei pr\u00e4gten ihn wie der benachbarte Mirker Hain. Der Apfel f\u00e4llt nicht weit vom Stamm.<\/p>\n<p>Der Beitrag wurde f\u00fcr das 2018 erschiene Buch <strong>\u201eM\u00e4nner im Tal\u201c<\/strong> (Autor Dr. Matthias Dohmen) geschrieben.<\/p>\n<p>Klaus Schumann hat sich in den letzten f\u00fcnf Jahren aus einigen Engagements zur\u00fcckgezogen. Er liest immer noch viel von Joseph Roth \u00fcber Stefan Zweig bis Christa Wolf, um drei Autoren zu nennen, geht aber dazu \u00fcber, sich, wenn m\u00f6glich, Romane, Erz\u00e4hlungen und Erinnerungen als H\u00f6rbuch zu besorgen und dem nachlassenden Augenlicht so ein Schnippchen zu schlagen.<\/p>\n<p>Eine Antwort auf die Frage, was denn mit den hunderten, wenn nicht mehr B\u00fcchern geschehen soll, wenn er, immerhin 82, den ber\u00fchmten L\u00f6ffel abgibt, hat er noch nicht gefunden. Doch die gro\u00dfen und kleinen, d\u00fcnnen und dicken, ziemlich alten und ziemlich neuen B\u00e4nde quasi vor der Zeit zu entsorgen, das will er nicht, es sei so, als \u201ewenn man sich einen Finger abschneidet oder sich entbl\u00f6\u00dft\u201c.<\/p>\n<p>Manchmal geht der Blick zur\u00fcck. \u201eSch\u00f6ne Stunden im Leben kann einem keiner nehmen\u201c, ist er \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Einen Roman, der Anfang der 2010er-Jahre erschienen ist, nimmt er \u00f6fters in die Hand, \u201eWeiskerns Nachlass\u201c von Christoph Hein. Thema ist Alter und \u00c4lterwerden, der m\u00f6gliche k\u00f6rperliche Verfall. R\u00fcdiger Stolzenburg, die Hauptperson, sinniert mit seinen 59 Jahren \u00fcber eine ungewisse Zukunft.<\/p>\n<h4>Klaus Schumann &#8211; der Steinesammler<\/h4>\n<p>Krankheiten und Zipperlein kommen schleichend oder auch \u00fcberfallartig: \u201eDann w\u00e4re er auf einmal ein alter Mann. Ein Greis. Und er wusste nicht, wie viel Zeit ihm bis zu diesem Finale blieb.\u201c Altersgem\u00e4\u00df gehe es Klaus Schumann wie dem fiktiven Stolzenburg \u201egut\u201c.<\/p>\n<p>Ein Buch, das ihm in den letzten Monaten ebenfalls oft durch den Kopf ging, ist \u201eDie Dinge unseres Lebens\u201c von Susanne Meyer, die den Haushalt ihrer Mutter aufl\u00f6sen muss: \u201eWie viele Dinge sich im Laufe des Lebens ansammeln \u2013 Kuscheltiere, Liebes- und Abschiedsbriefe, Mamas Pelz, Papas Fotos aus dem Krieg, ein alter Gartenhut, Dokumente, das gute Kristall. Bleibt alles \u00fcbrig, wenn wir gehen.\u201c<\/p>\n<p>Bei Klaus Schumann ist es eine Sammlung von Steinen, die er auf vielen Reisen, an K\u00fcsten und auf Bergen, in vielen L\u00e4ndern aufgelesen und zu Hause geordnet hat. Wohin damit? War es falsch, \u00fcber lange Jahre der Spur der Steine zu folgen? \u201eNein\u201c, sagt Klaus Schumann, \u201ees hat mein Leben doch reicher gemacht.\u201c<\/p>\n<p>Und er verweist auf das Buch des langj\u00e4hrigen \u201eSpiegel\u201c-Korrespondenten Tiziano Terzani, der kurz vor seinem Ableben im Gespr\u00e4ch mit seinem Sohn sein Leben Revue passieren l\u00e4sst. Titel: \u201eDas Ende ist mein Anfang\u201c.<\/p>\n<p>Steine und Muscheln, aber auch jede Menge Aufnahmen, Fotos aus der Jugendzeit, aus der Ehe und Elternzeit mit den beiden Kindern, Fotos von Begegnungen mit Verwandten, von Wanderungen, Urlaubsfahrten, Touren mit dem Bergischen Geschichtsverein oder der Friedrich-Spee-Akademie. Gesammelt in \u00fcber 50 Alben, viele Filme im Format Super 8 und gutsortiert in zahlreichen Ordnern auf dem Computer. Fast das komplette Leben dokumentiert. Was soll damit geschehen?<\/p>\n<div id=\"attachment_66204\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 560px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-66204 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/c3192f8a-7729-47c3-8f58-2f8b209f787d-2.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"607\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Klaus Schumann wie er leibt und lebt &#8211; \u00a9 Dr. Matthias Dohmen<\/span><\/div>\n<p>\u201eWenn ich das in meinem Club erz\u00e4hle \u2026\u201c, \u00e4u\u00dfert er, auch in den folgenden Tagen, mehrfach, als er am 15. Mai 2019 gegen 15 Uhr den Ort eines au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschehens verlassen konnte.<\/p>\n<p>Was war so au\u00dfergew\u00f6hnlich?\u00a0Klaus Schumann erlebt einen Drei-Personen-Krimi und ist Teil dieses Drei-Personen-St\u00fccks.<\/p>\n<p>An einem Mittwoch zahlt er Geld auf das Konto des Bergischen Geschichtsvereins ein. Er erh\u00e4lt gerade die Eingangsquittung mit Datum und Uhrzeit. \u201eIn diesem Moment steht eine Person neben mir, raunzt mich an, droht mir, ich solle mich ruhig verhalten, <i>sonst passiert was<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Gleichzeitig sp\u00fcrt er, dass etwas seitw\u00e4rts gegen seinen linken Brustkorb gedr\u00fcckt wird. Neben ihm steht ein maskierter Mann und bedrohte ihn mit einer schwarzen Pistole. Gleichzeitig sieht er, wie der Maskierte dem Kassierer eine Plastikt\u00fcte zuwirft und ihn auffordert, \u201eGeld, nur Scheine\u201c in die T\u00fcte zu packen.<\/p>\n<p>Gef\u00fchlt eine Minute, rennt der R\u00e4uber mit der Beute zum Ausgang. Klaus Schumann sieht, wie der Mann um die Ecke zwischen Sparkasse und Handelskammer saust. Erstarrt, geschockt, bewegungslos und stumm verharren sowohl der Kassierer als auch Klaus Schumann: \u201eDann begriffen wir, das war ein \u00dcberfall.\u201c<\/p>\n<h4>Als Zeuge eines Bank\u00fcberfalls vernommen<\/h4>\n<p>\u201eIch war ruhig, sehr ruhig, gelassen, kein Herzrasen, kein erh\u00f6hter Puls\u201c, erinnert er sich im Nachhinein. Ihm war, als habe er sich selbst, einen Krimi im Fernsehen, im Sessel sitzend,\u00a0zugeschaut. Der Kassierer dagegen war v\u00f6llig aufgel\u00f6st, bleich und blass, unruhig, nerv\u00f6s, mit den Nerven fertig.<\/p>\n<p>Von der nahen Wache eilen Polizeibeamte herbei, sp\u00e4ter Fahrzeuge. Polizisten nehmen die Fahndung auf. Getrennt werden der Kassierer und Klaus Schumann vernommen, damit die jeweiligen Wahrnehmungen zeitnah zu Protokoll kommen, sp\u00e4ter erfolgen dann weitere und eingehendere Befragungen. Dann kommen Krimimalbeamte und Spezialisten zur Spurensicherung. Das Jackett wird ihm abgenommen und nach D\u00fcsseldorf zur Spurensicherung geschickt. Der R\u00e4uber hatte ihn am Unterarm ber\u00fchrt, und man erhoffte sich DNA-Spuren. Zur Tatzeit waren wenige Kunden in der Halle und wenig Personal an den Schaltern.<\/p>\n<p>Die Kripo bittet ihn, auf die abschlie\u00dfende Vernehmung zu warten. Man wolle erst \u00e4ltere Zeugen und zwei M\u00fctter mit Kindern befragen. Er willigt ein, bittet eine Sparkassenangestellte um Kaffee und setzt sich in einen Besuchersessel. Pl\u00f6tzlich macht sich auch Besorgnis breit: \u201eWas w\u00e4re passiert, wenn der Kassierer nicht so ruhig und besonnen reagiert h\u00e4tte? Wenn er sich hinter die Theke geduckt h\u00e4tte, untergetaucht w\u00e4re, ohne Geld herauszur\u00fccken? W\u00e4re der T\u00e4ter dann in Panik geraten und h\u00e4tte geschossen?\u201c Klaus Schumann wird sich sp\u00e4ter bei dem Kassierer f\u00fcr sein besonnenes Verhalten bedanken.<\/p>\n<h4>Fan der B\u00fccher von Siegfried Lenz<\/h4>\n<p>Infolge einer Zeugenaussage \u00fcber das T\u00e4terfahrzeug konnte der R\u00e4uber nach einigen Tagen gefasst werden. Wochen sp\u00e4ter wird Klaus Schumann bei der Gerichtsverhandlung als Zeuge aussagen. Es ber\u00fchrt ihn emotional sehr, obwohl inzwischen Zeit vergangen ist. Der T\u00e4ter wird zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Sp\u00e4therbst bringt ihm die Kripo die Sommerjacke wieder. Auf dem Stoff konnten keine Spuren sichergestellt werden.<\/p>\n<p>Er sieht sich selbst als \u201eharmonies\u00fcchtig\u201c und \u201eohne Ehrgeiz\u201c. Die Mutter stammte aus den Masuren, geboren in der N\u00e4he von Lyck (heute Elk). Zahlreiche Geschwister, \u00e4rmliche Verh\u00e4ltnisse. Sie zieht zwecks Arbeitssuche nach Wuppertal, holt noch eine Schwester nach und lernt 1938 Klaus\u2018 Vater kennen. Die beiden heiraten. 1940 wird Sohn Klaus dann geboren.<\/p>\n<p>Seine Mutter gab ihm aus ihrer ostpreu\u00dfischen Heimat eine \u201eeigenartige Schwermut, einen Hang zur Gr\u00fcbelei\u201c aus dem \u201eLand der dunklen W\u00e4lder\u201c, \u201egemischt mit der Heiterkeit der \u201ekristallenen Seen\u201c als Erbe mit, so sieht er es selbst: Bei ihm habe sich eine Gemengelage aus \u201eV\u00e4terchens Frohnatur\u201c, also rheinischem Frohsinn, und masurischer Ernsthaftigkeit entwickelt. Er stellt fest, dass man im Alter \u00f6fters \u00fcber die eigenen Wurzeln und die Einfl\u00fcsse des Erbes der Eltern auf den eigenen Charakter nachdenkt.<\/p>\n<div id=\"attachment_66197\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-66197\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/IMG_2337-2.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"522\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Klaus Schumann (l.) mit Autor Dr Matthias Dohmen \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Eine gute Beziehung zur Heimat der Mutter ist durch den Schriftsteller Siegfried Lenz hergestellt und geblieben. Lenz, in Lyck geboren, sp\u00e4ter nach Norddeutschland umgesiedelt, schrieb nicht nur \u201eSo z\u00e4rtlich war Suleyken\u201c (eine Sammlung masurischer Geschichten), sondern auch Werke wie \u201eDer Ostertisch\u201c, \u201eDer Geist der Mirabelle\u201c oder den Roman \u201eDeutschstunde\u201c.<\/p>\n<p>War in den Gespr\u00e4chen der masurischen Verwandten etwas nicht f\u00fcr seine Ohren bestimmt, wurde polnisch (sogenanntes <i>Wasserpolnisch<\/i>) gesprochen, einige Worte sind ihm noch erinnerlich.<\/p>\n<p>Und der Vater? Dessen Gebeine liegen, wie er heute wei\u00df, in der N\u00e4he von Borschtschowka, \u00f6stlich von Kostopol. Nun tobt dort ein Angriffskrieg durch Putins russischen Staat. Oft denkt er an den Song von Marlene Dietrich \u201eSag mir wo die Blumen sind?\u201c. Eine der Strophen lautet: \u201eSag mir, wo die Soldaten sind? \u00dcber Gr\u00e4ber weht der Wind. Wann wird man je verstehen? Wann wird man je verstehen?\u201c<\/p>\n<p>Seit Jahren lebt die Tochter krankheitsbedingt in einer Einrichtung der Bergischen Diakonie. Ihr gilt ihr seine besondere Sorge: \u201eIch werde ich mich um sie k\u00fcmmern, solange mir das m\u00f6glich ist.\u201c<\/p>\n<p>2019 hat er eine schwere Krebserkrankung bew\u00e4ltigen m\u00fcssen, die aber durch vorsorgliches Erkennen und rechtzeitigen Eingriff bew\u00e4ltigt werden konnte.<\/p>\n<h4>Tod der Ehefrau hinterliess gro\u00dfe Lehre<\/h4>\n<p>1999 starb seine Ehefrau \u2026 und hinterlie\u00df eine gro\u00dfe Leere. Einige wenige Partnerschaften, von denen eine knapp sieben Jahre hielt, schlossen sich an. Den sp\u00e4ten Herbst und Winter seines Lebens glaubt Klaus Schumann wohl allein zu verbringen.<\/p>\n<p>Eines seiner Lieblingsgedichte ist \u201eMin Jehann\u201c (\u201eMein Johann\u201c) von Klaus Groth. Seine Frau, aus Schleswig-Holstein stammend, brachte ihm Storm, Hebbel und Groth nahe. Sie hatte in ihrer Schulzeit viele Gedichte und Balladen lernen m\u00fcssen und sprach in ihrer Familie auch plattd\u00fctsch.<\/p>\n<p>In seinem Alter r\u00fchrt ihn gerade dieses Gedicht stark an, diese Wehmut, dieses Erinnern an die Jugendzeit und dann der Schlussakkord. Er liest dieses Gedicht \u00f6fters und wird dann stark ergriffen. Es ist melancholisch gehalten, Thema ist der Herbst des Lebens.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die dritte Strophe geht so:<\/strong><\/p>\n<p>Mit\u00fcnner inne Schummerntid<\/p>\n<p>Denn ward mi so to Mod<\/p>\n<p>Denn l\u00f6ppt mi\u2019t langs de R\u00fcck so hitt<\/p>\n<p>As domals bi de Sot<\/p>\n<p>Denn dreih ik mi so hasti um<\/p>\n<p>As weer ik nich alleen:<\/p>\n<p>Doch allens, wat ik finn, Jehann<\/p>\n<p>Dat is \u2013 ik sta un ween<\/p>\n<p>Er findet den Freund nicht. Ik stau n ween: Ich stehe und weine.<\/p>\n<p>Hannes Wader, erg\u00e4nzt Klaus Schumann, habe es \u201ein seiner trefflichen Art gesungen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Dr. Matthias Dohmen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-66200\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/media_83058163.jpeg\" alt=\"\" width=\"260\" height=\"390\" \/><\/p>\n<h4>&#8222;M\u00e4nner im Tal&#8220;<\/h4>\n<p><strong>Dr. Matthias Dohmen\u00a0<\/strong><\/p>\n<p class=\"\">Portr\u00e4ts<\/p>\n<p class=\"\">Weilerswist &#8211; Ralf Liebe &#8211; 2018<\/p>\n<p class=\"\">116 Seiten \u00a0&#8211; 14,00 \u20ac<\/p>\n<p class=\"\">ISBN 978-3-944566-83-2,<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Update &#8222;hei\u00dft eine neue Serie der STADTZEITUNG. Der Journalist, Dozent und Historiker Dr. Matthias Dohmen stellt Pers\u00f6nlichkeiten aus dem Bergischen Land vor. Mit alten und neuen Texten. Mit Fotos und Dokumenten. Menschen, die ihm etwas bedeuten. Manche kennt man gut, andere weniger. Aber wer ihre Texte liest, m\u00f6chte sie sie vermutlich alle pers\u00f6nlich kennenlernen. So hat es jedenfalls eine Leserin und alte Freundin des Autors formuliert.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-66188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wuppertal"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 23:38:08","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=66188"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":66211,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66188\/revisions\/66211"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=66188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=66188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=66188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}