{"id":65602,"date":"2023-05-27T06:51:58","date_gmt":"2023-05-27T04:51:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=65602"},"modified":"2023-05-31T21:41:39","modified_gmt":"2023-05-31T19:41:39","slug":"thomas-manns-zauberberg-eine-einzigartige-produktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/05\/27\/thomas-manns-zauberberg-eine-einzigartige-produktion\/","title":{"rendered":"Thomas Manns &#8218;Zauberberg&#8216;: Eine einzigartige Produktion"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_65605\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65605 size-large\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/SchSpW_DER_ZAUBERBERG__c__Jakob_Schnetz__6_-2-1024x764.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"764\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der Zauberberg&#8220;: (v.l.) Nora Krohm, Rebekka Biener, Aline Blum, Konstantin Rickert &#8211; \u00a9 Jakob Schnetz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Die vielbeachtete Urauff\u00fchrung fand im ausverkauften Theater am Engelsgarten statt.\u00a0Thomas Mann (1875 \u2013 1955) z\u00e4hlt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der moderne deutsche Roman den Anschluss an die Weltliteratur.<\/p>\n<p>Manns vielschichtiges Werk \u201cDer Zauberberg\u201c aus dem Jahr 1924 hat eine weltweit kaum zu \u00fcbertreffende positive Resonanz gefunden. Es wird l\u00e4ngst als \u201eBildungsroman\u201c verstanden. Die lange Entstehungsgeschichte in den Jahren von 1912 bis 1924 unterstreicht die historische Dimension, welche das inneren Bild dieser Epoche widerzuspiegeln versucht. Ein eindringliches Portr\u00e4t der europ\u00e4ischen Gesellschaft vor und nach dem Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<h4>Eindringliches Portr\u00e4t der<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Europ\u00e4ischen Gesellschaft<\/h4>\n<p>Angeregt wurde Thomas Manns Werk durch die Verh\u00e4ltnisse in einem Davoser Sanatorium oben auf dem Schweizer Berg, das er 1912 beim Besuch seines chronisch kranken Cousin Joachim Ziem\u00dfen (Konstantin Rickert) tats\u00e4chlich kennengelernt hatte. Nahezu alle Protagonisten leiden dort an der Tuberkulose, die seinerzeit als Volkskrankheit und Gei\u00dfel der Menschheit galt. Die<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Krankheit beherrschte den Tagesablauf, die Gedanken und Gespr\u00e4che.<\/p>\n<p>Eine anspruchsvolle Thematik, schauspielerisch nicht ganz leicht zu vermitteln. Thomas Mann selbst (gespielt von Julia Wolff) hilft in der Wuppertaler Inszenierung mit begleitenden Erkl\u00e4rungen aus seinem \u00fcber 1.000 Seiten umfassenden literarischen Werk. Sein\/Ihr interpretierender und einf\u00fchlsamer Auftritt im zeitgem\u00e4\u00dfen weissen Frack bietet Orientierung.<\/p>\n<div id=\"attachment_65606\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65606\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/SchSpW_DER_ZAUBERBERG__c__Jakob_Schnetz__1_-2-1024x656.jpeg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"480\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der Zauberberg&#8220;: Julia Wolff als Thomas Mann &#8211; \u00a9 Jakob Schnetz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Im Roman trifft der junge angehende Ingenieur Hans Castorp (gespielt von Rebekka Biener) w\u00e4hrend seines Aufenthalts in der Zeit vor dem Jahr 1914 in der abgeschlossenen Welt eines Sanatoriums im Hochgebirge auf weltentr\u00fcckte Figuren, die ihn mit Politik, Philosophie, aber auch Liebe, Krankheit und Tod konfrontieren. Verzaubert durch die Liebe zu Clawda Chauchat (Aline Blum), die den Bi-Sexuellen Mann an seine Jugendliebe erinnert, bleibt er statt geplanter dreier Wochen dort auf eigenem Wunsch f\u00fcr sieben Jahre.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Seine Abreise verschiebt er immer wieder, der Zaungast wird damit selbst zum Patienten, die Krankheit er\u00f6ffnet ihm neue Horizonte. Was ist schon Zeit? Eine Geheimnis &#8211; wesenlos und allm\u00e4chtig, konstatiert Thomas Mann. Im St\u00fcck erinnert das Ticken einer Uhr an Gedanken \u00fcber den Zeitbegriff.<\/p>\n<h4>Skurrile, weltentr\u00fcckte Pers\u00f6nlichkeiten<\/h4>\n<p>Hans Castrop ist eigentlich ein Tr\u00e4umer, harte Arbeit strengt ihn eher an. Im Sanatorium macht er<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Bekanntschaft mit skurrilen Pers\u00f6nlichkeiten und versinkt immer tiefer in philosophischen Reflexen, eben \u00fcber Krankheit, Leben und Tod. Da ist \u201eSettembrini (Alexander Pfeiler), der sich sich als Erbe der Aufkl\u00e4rung und Vork\u00e4mpfer f\u00fcr Republik und Demokratie\u201c pr\u00e4sentiert; er ist Humanist und Freimaurer, der ihm allm\u00e4hlich zum Freund und Mentor<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>wird.<\/p>\n<p>Eindringlich warnt Settembrini seinen Sch\u00fctzling davor, sich von dem morbiden Reiz der Anstalt beeindrucken zu lassen und dr\u00e4ngt ihn mehrfach zur Abreise. Und da ist der Jesuit und Kommunist Naphta (Hans Richter), mit dem Settembrini weltanschaulich streitet.<\/p>\n<p>Naphtha teilt nicht die Septemberschen Parolen \u201ePers\u00f6nlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!\u201c, sondern erkl\u00e4rt den Gehorsam zu einem Prinzip der Freiheit. Zudem vertritt er die Meinung: \u201eNicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie [die Jugend] braucht, wonach sie verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist \u2013 der Terror.<\/p>\n<div id=\"attachment_65607\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65607\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/SchSpW_DER_ZAUBERBERG__c__Jakob_Schnetz__4_-2-1024x591.jpeg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"433\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der Zauberberg&#8220;: (v.l.) Julia Wolff un Rebekka Biener &#8211; \u00a9 Jakob Schnetz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Das medizinische Personal des Sanatoriums wird durch die \u00c4rzte Hofrat Behrens<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>(Flora LI \/ Nora Krohm) und Dr. Edhin Krokowski<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>(Mona Krohm) sowie durch die Oberin Frau Adriatica<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>(Marvin L\u00f6ffler) repr\u00e4sentiert, die sich zwischen den Routinen Fiebermessen, den Mahlzeiten mit hustender Patienten eindrucksvoll in Szene setzen.<\/p>\n<h4>Dem Tod keine Herrschaft \u00fcber seine Gedanken<span class=\"Apple-converted-space\"> einr\u00e4umen<\/span><\/h4>\n<p>Das Schauspiel endet im mit Lichteffekten und Ger\u00e4uschen dargestellten Wirrwarr des Krieges und der Erkenntnis Catorps \u201eDer Mensch soll um der G\u00fcte und der Liebe Willen dem Tode \u00fcber seine Gedanken keine Herrschaft einr\u00e4umen\u201c. W\u00e4hrend der Vetter an seiner Krankheit stirbt, findet Castorp sein abruptes Ende in dem ausbrechenden Ersten Weltkrieg, in dem sich die Spur des Helden verliert.<\/p>\n<p>Regisseur Henri H\u00fcsters (Jahrgang 1989) aktuelle Inszenierung will die heutige Relevanz im gesellschaftlichen Umgang mit diesen Themen aufzeigen. Seit dem Spieltriebe-Festival 2015 arbeitet Henri H\u00fcster kontinuierlich mit der T\u00e4nzerin und Choreografin Vasna Aguilar zusammen, so auch in Wuppertal.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Gemeinsam suchen sie auch hier nach einer Theaterform zwischen Schauspiel und Tanz und konzentrieren sich daf\u00fcr auf St\u00fcckentwicklungen und Adaptionen.<\/p>\n<div id=\"attachment_65608\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65608\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/SchSpW_DER_ZAUBERBERG__c__Jakob_Schnetz__5_-3-1024x569.jpeg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"417\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der Zauberberg&#8220;: (v.l.) Lara Sienczak, Konstantin Rickert, Alexander Peiler, Rebekka Biener und Nora Krohm &#8211; \u00a9 Jako Schnetz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Die begleitende inspirierende Musik stammt von Florentin Berger-Monit und Johannes Wernicke, die seit 2018 gemeinsam Kompositionen und Sound Design entwickeln.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Neue Wahrnehmung von Inklusion<\/h4>\n<p>Das Gemeinschaftsprojekt des Wuppertaler Schauspiels mit dem inklusive Schauspielstudio ist in dieser Form bisher in Deutschland einzigartig. Die Produktion versteht sich als innovative und k\u00fcnstlerische Erg\u00e4nzung und genie\u00dft die F\u00f6rderung u.a. durch das D\u00fcsseldorfer Ministerium f\u00fcr Kultur und Wissenschaft.<\/p>\n<p>Ziel ist es, f\u00fcr die Wahrnehmung und einer neuen Normalit\u00e4t von Inklusion in der Stadtgesellschaft zu sorgen sowie Ber\u00fchrungs\u00e4ngste im Umgang mit Menschen mit Behinderung abzubauen. Hierf\u00fcr bietet das St\u00fcck aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln durchaus sympathischen Anschauungsunterricht.<\/p>\n<p><strong>Text SIEGFRIED J\u00c4HNE<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Mann hat seinen &#8222;Zauberberg&#8220; einen Zeitroman genannt. Krankheit und Tod geh\u00f6ren zu den zentralen Themen des Romans, der als weiteres\u00a0 Motiv den Begriff \u201eZeit\u201c eingeflochten hat. Das Schauspiel Wuppertal \u00fcbersetzte das Thema im Team mit Regisseur Henri H\u00fcster &#038; Dramaturg Christofer Schmidt sowie dem Inklusive Schauspielstudio.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-65602","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-15 12:57:22","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65602","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65602"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65602\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65614,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65602\/revisions\/65614"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65602"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65602"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65602"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}