{"id":65537,"date":"2023-05-23T13:25:39","date_gmt":"2023-05-23T11:25:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=65537"},"modified":"2023-05-23T13:25:39","modified_gmt":"2023-05-23T11:25:39","slug":"philosophieren-mit-kids-gemeinsame-suche-nach-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/05\/23\/philosophieren-mit-kids-gemeinsame-suche-nach-wahrheit\/","title":{"rendered":"Philosophieren mit Kids: Gemeinsame Suche nach Wahrheit"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_65542\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 776px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-65542\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/csm_Feldmann_Presse_080ce01af8-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"766\" height=\"529\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Klaus Feldmann &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>\u201eIm Bereich des Philosophierens mit Kindern ist es h\u00e4ufig so, dass hier elementare philosophische Fragen von den Protagonisten aufgeworfen werden\u201c, erkl\u00e4rt er, \u201eihre Bearbeitung wird aber nicht mit einem Rekurs auf philosophische Fachliteratur geleistet. Kinder liefern Impulse, und das macht das Philosophieren mit Kindern interessant.\u201c<\/p>\n<p>Das Thema \u00b4Philosophieren mit Kindern` werde in der Fachcommunity h\u00e4ufig bel\u00e4chelt, sagt Feldmann, denn \u201edie Philosophie ist doch eine Wissenschaft mit hohem begrifflichen Abstraktionsgrad und f\u00fcr Kinder so nicht zu leisten.\u201c Aber in diesem Forschungsbereich gehe es nicht um <em>die Philosophie<\/em> an sich, sondern um <em>das Philosophieren<\/em>, also einer Praxis im Unterschied zu einer Lehre.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>\u201eIn meiner Disziplin, der Didaktik der Philosophie, gehen wir nicht von einem hierarchischen Modell des Faches aus, welches man ja u.a. in die akademische, die schulische oder auch die kindliche Philosophie unterteilen k\u00f6nnte, sondern von einem graduellen Modell. D. h., in jedem Kontext bestehen jeweilige Ziele, Praxen und verschiedene Geltungsanspr\u00fcche f\u00fcr das Philosophieren.\u201c In der fachdidaktischen Literatur werde das mit dem Sport verglichen. \u201eEs gibt Spitzensport und Breitensport, aber alle machen Sport.\u201c \u00dcbertragen auf die Geisteswissenschaft bedeute das, alle betreiben Philosophie, aber auf unterschiedliche Art und Weise.<\/p>\n<h4>Der philosophische Umgang im Alltag<\/h4>\n<p>Kinder stellen oft Fragen, die uns Erwachsene unsicher machen, weil wir selber keine Antwort darauf haben. In Zeiten von Corona, Klimakrise und Krieg kommen Eltern da an ihre Grenzen. Wie geht man also damit um? \u201eAus meiner Sicht sollten Eltern die Unsicherheit zum Thema machen und Grenzen des Wissens und der eigenen Orientierung offen mit den Kindern besprechen\u201c, schl\u00e4gt Feldmann vor, denn eine scheinbare Sicherheit zu geben und Antworten zu formulieren, die man selber nicht habe, f\u00fchre zu Unsicherheit bei Kindern.<\/p>\n<div id=\"attachment_65545\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 710px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65545\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/boys-g4ccc1a234_1920-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"467\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Klaus Feldmann: &#8222;Kinder liefern Impulse, das macht das Philosophieren mit Kindern so interessant.&#8220; &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Das sei dann auch der philosophischere Umgang, stelle sich doch die Philosophie seit Jahrtausenden die gleichen Fragen und habe auch, wenn \u00fcberhaupt, wenige Antworten, formuliert der Fachmann. \u201eEntscheidend bei diesem Vorgehen, insbesondere bei Kindern, ist es, ihnen klar werden zu lassen, dass Sie mit Ihren Fragen und Anliegen nicht alleine sind, dass uns Erwachsene diese Probleme auch umtreiben und wir alle als sterbliche und liebende Menschen diese Probleme gemeinsam haben.\u201c<\/p>\n<h4>Philosophieren mit Kindern &#8211; Die gemeinsame Suche nach Wahrheit<\/h4>\n<p>Bei der L\u00f6sung unser aller Probleme, wie auch immer sie gewichtet seien, kann ein philosophisches Gespr\u00e4ch helfen, doch wie philosophiert man denn mit Kindern? \u201eDie Forschung setzt stark auf das Gespr\u00e4ch mit den Kindern\u201c, erkl\u00e4rt der P\u00e4dagoge. \u201eSokrates \u2013 auch wenn das historisch fraglich ist \u2013 ist als Protagonist in vielen platonischen Dialogen der Gespr\u00e4chsf\u00fchrer und er\u00f6rtert mit seinen Gespr\u00e4chspartnern zentrale philosophische Fragen. Etwa, was das Gute ist, was wir wissen k\u00f6nnen oder was Unsterblichkeit bedeutet. Methodisch wurde dieses antike Gespr\u00e4chsformat im 20. Jahrhundert weiterentwickelt.\u201c Man geht heute von folgenden Pr\u00e4missen aus.<\/p>\n<p>\u201eDas Gespr\u00e4ch soll von individuellen Erfahrungen der Gespr\u00e4chsteilnehmer*innen ausgehen, im Konkreten Fu\u00df fassen, um sich dann \u00fcber die Auswahl eines Falls und die Diskussion dar\u00fcber einen Sachverhalt besser erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen.\u201c Der Anspruch f\u00fcr dieses Gespr\u00e4chsformat sei die gemeinsame Suche nach Wahrheit und schlie\u00dflich in Form eines Metagespr\u00e4chs (ein Metagespr\u00e4ch beschreibt die Situation, in der sich zwei oder mehrere Personen dar\u00fcber unterhalten, wie ein bestimmtes Gespr\u00e4ch verlaufen ist, insbesondere wie man dabei miteinander umgegangen ist. Anm. d. Red.) die Reflexion des Gespr\u00e4ches selbst. Dies werde im \u00b4Philosophieren mit Kindern` von den meisten favorisiert. Dar\u00fcber hinaus gebe es neben dem Gespr\u00e4ch noch andere Zugangsweisen. \u201eDazu geh\u00f6ren anschauliche Materialien, durch die man z.B. \u00fcber Bilder oder Filme philosophieren kann oder narrativ mit Geschichten arbeitet.\u201c<\/p>\n<h4>Die Praxis des Fragenstellens<\/h4>\n<p>Beim Philosophieren ist es hilfreich, Kinder als gleichberechtigte Gespr\u00e4chspartner anzusehen. Damit regt man das Selbstdenken und die Entfaltung der eigenen Vorstellungskraft an, kommt aber nicht unbedingt zu einem Ergebnis. Dennoch gehen Kinder oft besser mit ergebnisoffenen Gespr\u00e4chen um. \u201eSie verstehen \u2013 oft besser als Erwachsene \u2013 dass faktische Antworten nicht alles sind, was es auf der Welt gibt\u201c, sagt Feldmann.<\/p>\n<div id=\"attachment_65546\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 710px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65546 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/book-gb292fc9b6_1920-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"467\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Kinder verstehen besser als Erwachsene, dass faktischen Antworten nicht alles sind &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eDas Philosophieren hilft ihnen dabei. Als Praxis des Fragenstellens und weniger des Antwortgebens, leistet es einen Differenzierungsbeitrag. Kinder lernen so, dass es verschiedene \u00b4Kategorien` von Wirklichkeit gibt.\u201c Neben der Faktischen Wirklichkeit, die man empirisch erforschen k\u00f6nne, gebe es auch noch die Wirklichkeit der Gef\u00fchls- und Verstandeswelt. \u201eDiese l\u00e4sst sich weniger gegenst\u00e4ndlich beschreiben. Ihre Versprachlichung liegt im Bereich der Philosophie.\u201c<\/p>\n<h4>Eine ganz besondere Beziehung<\/h4>\n<p>Der Philosoph Gareth B. Matthews sagt: \u201eDie Kombination von St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, die ein Erwachsener in die philosophische Begegnung mit einem Kind einbringt, enth\u00e4lt die Chance einer ganz besonderen Beziehung.\u201c Dazu Feldmann: \u201eIn Fragen der pers\u00f6nlichen Lebensorientierung, welche eine zentrale Funktion des Philosophierens in Bildungskontexten ist, treffen sich Kinder und Erwachsene im Bereich der \u00b4menschlichen Angelegenheiten`, wie Hannah Arendt (Hannah Arendt 1906 \u2013 1975, deutsche Publizistin) es nennen w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Das Besondere der Beziehung sei die gemeinsame N\u00e4he zu Fragen nach menschlicher Beziehung \u00fcberhaupt, die in Ihren Extremen sicherlich von Tod und Liebe gekennzeichnet, und die letztlich die Quelle philosophischer Praxis sei. Daher sei das Philosophieren f\u00fcr die eigene Meinungsbildung extrem wichtig, denn es \u201ebirgt die M\u00f6glichkeit, Wirklichkeit differenzierter zu betrachten. Antworten lassen sich mit philosophischen Mitteln \u2013 entgegen der Annahme, es gebe in diesem Bereich kein Richtig oder Falsch \u2013 durchaus qualifizieren. Grundlegendes Kriterium ist hier der Satz vom Widerspruch mit all seinen Implikationen.\u201c<\/p>\n<h4>Philosophie in Schulen sollte Pflichtfach werden<\/h4>\n<p>Zum Philosophieren fehlt Eltern oder Lehrerinnen und Lehrern oft \u00a0die Zeit, sowie das n\u00f6tige Training f\u00fcr solche Denkarbeit, die f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entwicklung eines Kindes jedoch entscheidende Vorteile bietet. \u201ePhilosophie bzw. Philosophieren sollten aufgrund der Vorteile, die es f\u00fcr Heranwachsende mit sich bringt, in unseren Bildungsinstitutionen aufgewertet werden\u201c, gibt Feldmann zu bedenken. \u201eSo sollte in allen Schulformen und Klassen Philosophie als regul\u00e4res Pflichtfach etabliert und nicht mehr als Appendix des Religionsunterrichts gef\u00fchrt werden.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_65547\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 709px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65547\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/children-g44291f6ce_1920-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"699\" height=\"466\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Viele Kinder sind neugierig auf das Wieso? Weshalb? Warum? &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Philosophieren reduziere sich nicht auf die Vermittlung von Wissen, sondern umfasse wesentlich auch das eigenst\u00e4ndige Denken, das kritische Betrachten und begr\u00fcndete Urteilen. Eine Chance bestehe in der gemeinsamen Reflexion von Grenzen des Wissens und Nichtwissens, dem Bewusstwerden des begrenzten Geltungsanspruchs von Wissenschaft \u00fcberhaupt. Dadurch k\u00f6nnten sich weitere Funktionen &#8211; vor allem Sozialfunktionen &#8211; \u00a0des Faches er\u00f6ffnen. \u201eProbleme wie Mobbing z.B. k\u00f6nnten so in der Klasse besser bearbeitet werden, und es h\u00e4tte auch durchaus sozialphilosophische Implikationen.\u201c<\/p>\n<h4>Philosophisches Gespr\u00e4ch versus digitale Welt<\/h4>\n<p>Das philosophische Gespr\u00e4ch zwischen Kindern und Erwachsenen in unserer sich schnell ver\u00e4ndernden, digitalen Welt ist nach Feldmanns Meinung extrem wichtig. \u201eSehr viele F\u00e4higkeiten, die wir mit dem Philosophieren vermitteln wollen, sind f\u00fcr einen Umgang mit dem Digitalen von immenser Relevanz.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren Sicherheitsfragen, Verhaltensweisen sowie der Umgang im Netz oder die Frage, wie ich selber im Netz erscheinen und gesehen werden m\u00f6chte.\u201c Auch die Rezeption von Quellen sowie die Frage, auf welcher Basis ein Urteil zustande komme, seien wesentliche Diskussionsthemen und dienten dar\u00fcber hinaus auch einer Demokratieerziehung.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_65543\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 226px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65543\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/csm_Feldmann_Presse_080ce01af8-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"304\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Klaus Feldmann &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Klaus Feldmann<\/h4>\n<p>Dr. Klaus Feldmann ist Akademischer Oberrat am Philosophischen Seminar der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal. Sein Lehrgebiet: Didaktik der Philosophie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso? Weshalb? Warum? Das Erstaunen \u00fcber die Welt beginnt bei Kindern oft durch diese Fragen. Der Akademische Oberrat am Philosophischen Seminar der Bergischen Universit\u00e4t, Dr. Klaus Feldmann, besch\u00e4ftigt sich in seiner Forschung mit dem Thema \u00b4Philosophieren mit Kindern`.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-65537","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-13 07:51:35","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65537"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65537\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65551,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65537\/revisions\/65551"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}