{"id":65195,"date":"2023-05-05T11:09:02","date_gmt":"2023-05-05T09:09:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=65195"},"modified":"2023-05-15T12:52:29","modified_gmt":"2023-05-15T10:52:29","slug":"muttertag-danke-fuer-die-blumen-rechte-waeren-uns-lieber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/05\/05\/muttertag-danke-fuer-die-blumen-rechte-waeren-uns-lieber\/","title":{"rendered":"Muttertag: &#8218;Danke f\u00fcr die Blumen. Rechte w\u00e4ren uns lieber&#8216;"},"content":{"rendered":"<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_65200\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 918px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-65200\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/csm_Messerschmidt3_d1dbf27776-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"908\" height=\"634\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Astrid Messerschmidt &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Autor Uwe Blass hat in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen-Interview&#8220; mit der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Astrid Messerschmidt \u00fcber dieses Thema gesprochen.<\/p>\n<p><strong>Den Muttertag an sich gab es schon im antiken Griechenland und bei den R\u00f6mern. In seiner heutigen Form wurde er allerdings durch die englische und US-amerikanische Frauenbewegung gepr\u00e4gt. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n<p>Astrid Messerschmidt: &#8222;In der griechischen Antike war die Verehrung der Mutterschaft auf ihre g\u00f6ttliche Repr\u00e4sentation bezogen, wie bei den Fr\u00fchlingsfesten der G\u00f6ttin Rhea, der Mutter des Zeus. Diese Huldigung in einer Welt vieler Gottheiten galt der Fruchtbarkeit der Natur und war stark von den Jahreszeiten beeinflusst. Von modernen Weltbildern ist dieser Kontext klar zu unterscheiden. Insofern sehe ich hier keine Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>1865 rief die US-Amerikanerin Ann Maria Reeves Jarvis eine M\u00fctterbewegung mit dem Namen <em>Mothers\u2018 Friendships Day <\/em>ins Leben. Wenige Jahre sp\u00e4ter gr\u00fcndete Julia Ward Howe eine M\u00fctter-Friedenstag-Initiative mit dem Ziel, dass S\u00f6hne nicht mehr Kriegen zum Opfer fallen sollten. Die Tochter von Ann Maria Reeves Jarvis, die Methodistin Anna Marie Jarvis, gilt als Sch\u00f6pferin des heutigen Muttertags.<\/p>\n<div id=\"attachment_65202\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-65202\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/happy-mothers-day-5210753_1920-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"500\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Danksch\u00f6n an die M\u00fctter &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>In Europa kann die \u00d6sterreicherin Marianne Hainisch als Begr\u00fcnderin des Muttertags gelten. Sie war Mitglied des 1866 gegr\u00fcndeten Wiener Frauenerwerbsvereins und gilt als Vorreiterin der \u00f6sterreichischen b\u00fcrgerlichen Frauenbewegung. Sie engagierte sich f\u00fcr die berufliche Bildung von Frauen der unteren Mittelschicht und trat f\u00fcr die Errichtung von Realgymnasien f\u00fcr M\u00e4dchen und f\u00fcr die Zulassung von Frauen zum Hochschulstudium ein. Im Rahmen der Volksbildung setzte sie sich daf\u00fcr ein, die Jugend auf ihre sp\u00e4tere Elternschaft vorzubereiten und pl\u00e4dierte f\u00fcr einen Elternunterricht in den oberen Klassen der Volksschule.<\/p>\n<p>Ihre \u00c4u\u00dferungen zeugen von einem konservativen Frauenbild mit der Mutterschaft im Mittelpunkt, bei gleichzeitigem Engagement f\u00fcr Frauenbildung. Mit dem Einsatz f\u00fcr den Muttertag, der seit 1924 in \u00d6sterreich begangen wird, wollte sie den M\u00fcttern mehr gesellschaftliche Anerkennung zukommen lassen. Um diese Anerkennung ging es auch bei der Einf\u00fchrung des Muttertages in Deutschland am 13. Mai 1923. Hier war das Ganze allerdings kaum mit der Frauenbewegung verbunden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Es ging den Frauen nicht mehr nur um die Anerkennung der M\u00fctter. Als federf\u00fchrende Kraft gilt heute allgemein die Amerikanerin Anna Marie Jarvis, die es schaffte, dass bereits 1914 in den USA der Muttertag als nationaler Feiertag eingef\u00fchrt wurde. Wie gelang ihr das?<\/strong><\/p>\n<p>Astrid Messerschmidt: &#8222;Am 12. Mai 1907 veranstaltete Anna Marie Jarvis ein &#8222;Memorial Mothers Day Meeting&#8220; in Grafton (West Virginia, USA) \u2013 der Tag fiel auf den Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter. Es handelt sich also eher um einen Mutter-Ged\u00e4chtnis-Tag. 1909 wurde der Muttertag bereits in 45 Staaten der USA gefeiert. Offensichtlich stimmte die Idee mit dem Zeitgeist \u00fcberein. Der erste offizielle Muttertag wurde 1908 begangen. Die Inszenierung war sehr emotional und auf diesem Weg des Appellierens an Gef\u00fchle der Verehrung trat Jarvis f\u00fcr den Muttertag ein.<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Sowohl die lebenden wie die verstorbenen M\u00fctter sollten geehrt werden. Aus meiner Sicht war dieses Bem\u00fchen erfolgreich, weil es in die Zeit passte und die bestehende Geschlechterordnung nicht st\u00f6rte. Argumentiert wurde auch mit einer notwendigen \u201eHebung der Sittlichkeit\u201c gegen den moralischen Verfall. Die \u201eEhrung der Mutter\u201c sollte die \u201eFamilie st\u00fctzen und die Jugend veredeln\u201c, wie Marianne Hainisch in einem Essay von 1926 formulierte. An ihr zeigt sich die Gleichzeitigkeit von konservativen Familienidealen und Emanzipation, was f\u00fcr das ganze Geschehen um die Gr\u00fcndung des Muttertages gilt.<\/p>\n<p>Der US-Kongress erlie\u00df am 8. Mai 1914 die sogenannte \u201eJoint Resolution Designating the Second Sunday in May as Mother\u2019s Day\u201c und so wurde erstmals 1914 der Muttertag als nationaler Feiertag begangen. In Gro\u00dfbritannien wurde das Konzept Muttertag schnell angenommen und verbreitete sich von dort aus weiter in der Schweiz (1917), in Finnland und Norwegen (1918), Schweden (1919) und \u00d6sterreich (1924).<\/p>\n<p>In den Jahren 1922\/1923 gelangte die Bewegung auch nach Deutschland und war hier von Anfang an mit einem restaurativen Familienmodell verkn\u00fcpft, bei dem die m\u00e4nnliche Seite der Produktion und somit der Lohnarbeit zugeordnet ist und die weibliche Seite der Reproduktion, also der Familienarbeit.\u00a0In Deutschland und Europa waren die 1920er Jahre zugleich vom Aufbruch der Frauen gepr\u00e4gt. Demgegen\u00fcber diente der deutsche Muttertag in der Weimarer Republik dazu, die traditionelle Geschlechterordnung durch eine symbolische Aufwertung von Mutterschaft wieder zu st\u00e4rken.<\/p>\n<div id=\"attachment_65203\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 758px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65203 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/happy-mothers-day-6935336_1920-2-1024x735.jpg\" alt=\"\" width=\"748\" height=\"537\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die meisten KMenschen haben ein Leben lang eine enge Beziehung zu ihrer Mutter &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Doch die \u00dcberh\u00f6hung der Mutter ging und geht einher mit der Abwertung und Ausbeutung weiblicher Arbeit, die heute zunehmend auf migrantische Dienstleister:innen verlagert worden ist, ohne deren rechtliche Situation zu st\u00e4rken und die emanzipatorischen Anliegen entsprechend migrationsgesellschaftlich zu erweitern. F\u00fcr die deutsche Frauenbewegung in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts war der Muttertag eindeutig restaurativ. Das M\u00fcnchner Frauenforum formulierte 1977 auf einem Plakat: \u201eDanke f\u00fcr die Blumen. Rechte w\u00e4ren uns lieber!\u201c<\/p>\n<p><strong>In Deutschland startete der Muttertag eigentlich sehr unpolitisch durch den Verband Deutscher Blumengesch\u00e4ftsinhaber mit dem Slogan \u201eEhret die Mutter\u201c als Tag der Blumenw\u00fcnsche und wurde dann am 13. Mai 1923 letztendlich als erster Muttertag durch den Vorsitzenden des Verbandes, Rudolf Knauer, offiziell best\u00e4tigt.<\/strong><\/p>\n<p>Astrid Messerschmidt:\u00a0&#8222;Die Initiative der Blumenh\u00e4ndler wirkt zwar unpolitisch, ist aber im Geist der Zeit und in den Nachwirkungen des Ersten Weltkrieges bereits mit dem Bild von der Soldatenmutter verkn\u00fcpft. F\u00fcr Knauer ging es sicher in erster Linie um das Gesch\u00e4ftsinteresse. Zugleich ist das Jahr 1923 schon eng mit der NS-Bewegung verbunden, als in M\u00fcnchen ein Putsch versucht wurde und scheiterte. Die starken rechten Kr\u00e4fte in Bayern wendeten sich gegen die Weimarer Verfassung.<\/p>\n<p>Der sogenannte \u201eHitler-Putsch\u201c wurde sp\u00e4ter in einen heroischen Aufstand umgedeutet und verkl\u00e4rt. In der Gr\u00fcndungsphase des Muttertages in Deutschland wurde der eigens daf\u00fcr gegr\u00fcndete \u201eVorbereitende Ausschuss f\u00fcr den Deutschen Muttertag\u201c zwei Jahre sp\u00e4ter in die \u201eArbeitsgemeinschaft f\u00fcr Volksgesundheit\u201c integriert, die mit dem Ziel gegr\u00fcndet worden war, die \u201eguten Sitten\u201c und die \u201edeutsche W\u00fcrde\u201c zu propagieren und dem \u201eVerfall der Familie\u201c entgegenzuwirken. Man wendete sich gegen das Bild der modernen Frau, die selbstbewusst ihre eigenen Interessen vertritt und in der \u00d6ffentlichkeit auch modisch auffallen wollte.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_65204\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 760px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65204 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/mothers-day-1301851_1920-1024x767.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"562\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Foto, das keine weiteren Worte braucht&#8230; -\u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Auch die ersten Zusammenschl\u00fcsse von Frauen im Umfeld der NSDAP entstanden um 1923. Ihre Aufgaben waren vor allem Hilfe bei Wahlkampagnen, Verpflegung und Bekleidung von SA-M\u00e4nnern und Verwundetenpflege. Einer dieser fr\u00fchen Zusammenschl\u00fcsse war der von Elsbeth Zander gegr\u00fcndete und geleitete Deutsche Frauenorden (DFO), der 1926 als Frauenorganisation der Partei anerkannt und 1928 als Gliederung in die NSDAP aufgenommen wurde. Die NS-Frauenorganisationen lehnten die Ziele der proletarischen und b\u00fcrgerlichen Frauenbewegungen weitgehend ab und vertraten den Anspruch, eine &#8222;neue Frauenbewegung&#8220; zu bilden.<\/p>\n<p>Nach 1930, als die NSDAP f\u00fcr Frauen attraktiver wurde, kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen um die Ausrichtung der NS-Frauenorganisationen. Es ergibt sich hier kein einheitliches, auf die Mutterrolle reduziertes Bild. Deshalb w\u00fcrde ich auch die Bedeutung des Muttertages in diesem Zusammenhang relativieren. Der Tag wurde angeeignet, doch wichtiger war der Beitrag der Frauen bei der Umsetzung politischer Programmatik&#8220;<\/p>\n<p><strong>Im Dritten Reich wurde der Muttertag mit der Idee der germanischen Herrenrasse verkn\u00fcpft, kinderreiche M\u00fctter galten als Heldinnen des Volkes. 1938 gab es zum ersten Mal auch das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter. Kam diese Entwicklung einem Missbrauch dieses Tages gleich?<\/strong><\/p>\n<p>Astrid Messerschmidt: &#8222;Der Mutterkult der nationalsozialistischen Bewegung wird h\u00e4ufig \u00fcbersch\u00e4tzt. Zwar wurde der \u201eGedenk- und Ehrentag der deutschen M\u00fctter\u201c bereits 1934 eingef\u00fchrt und blieb Teil des nationalsozialistischen Feiertagsjahres, und Propagandaminister Goebbels rief im selben Jahr den \u201eReichsm\u00fctterdienst im deutschen Frauenwerk\u201c ins Leben. Doch die Geschlechterpolitik des Nationalsozialismus war ausgesprochen ambivalent. Sie schwankte zwischen der Reduktion der Frau auf ihre Mutterrolle und der Umsetzung der v\u00f6lkischen Rassenpolitik, an deren Erfolg die Frauen, die der sogenannten \u201eVolksgemeinschaft\u201c angeh\u00f6rten, mitwirken sollten und mitwirkten, und zwar nicht nur als Geb\u00e4rerinnen von \u201eerbgesundem\u201c und nach rassistischen Kriterien \u201ereinen\u201c Nachwuchses, sondern auch als Funktion\u00e4rinnen in den Institutionen der NS-Administration, wenn auch nie in Leitungsfunktionen.<\/p>\n<div id=\"attachment_65205\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 759px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65205 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/happy-mothers-day-4447538_1920-1024x732.jpg\" alt=\"\" width=\"749\" height=\"535\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein gl\u00fcckliche Mutter mit ihren Kids &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Somit bot der NS den als volkszugeh\u00f6rig anerkannten Frauen T\u00e4tigkeitsfelder und Aufstiegschancen jenseits der Mutterrolle. Die Nationalsozialisten erkannten allerdings das propagandistische Potenzial des Tages und verliehen an diesem Tag das \u201eEhrenkreuz der deutschen Mutter\u201c f\u00fcr volkszugeh\u00f6rige deutsche Frauen mit vielen Kindern oder mit im Krieg gefallenen S\u00f6hnen. Die Verehrung der \u201edeutschen Mutter\u201c war allerdings exklusiv. Sie galt den M\u00fcttern, die den Zugeh\u00f6rigkeitskriterien der \u201eVolksgemeinschaft\u201c entsprachen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu waren j\u00fcdische M\u00fctter, Frauen und M\u00e4dchen, Sintize und Romnja sowie die Frauen in den eroberten und besetzten L\u00e4ndern Verfolgung und Massenmord ausgeliefert. Die angebliche Verehrung der Mutter war rassistisch und antisemitisch gespalten. In der historischen Frauenforschung sprechen wir von einer antinatalistischen Politik im Kontext der fortschreitenden Radikalisierung von Deportation, Internierung, Zwangsarbeit und Vernichtungskrieg. D.h. eine Politik, die Mutterschaft verhinderte, vor allem durch Zwangsabtreibungen.<\/p>\n<h4>Heldinnen des Volkes<\/h4>\n<p>Es galten eben nur bestimmte \u201ekinderreiche M\u00fctter\u201c als \u201eHeldinnen des Volkes\u201c. Das ist wichtig festzuhalten, da erst dadurch klar wird, dass die NS-Geschlechterpolitik von der v\u00f6lkischen Rassenpolitik dominiert wurde. Frauen, die in der nationalen Gemeinschaftspolitik als zugeh\u00f6rig galten, machten darin Karriere und waren nicht nur als M\u00fctter gefragt. Die Verehrung des M\u00fctterlichen ist buchst\u00e4blich nur die halbe Wahrheit \u00fcber die Geschlechterpolitik der Nationalsozialisten, die sp\u00e4testens nach 1939 die Mitwirkung der Frauen bei der Umsetzung von v\u00f6lkischer Politik, Raub und der Erweiterung des sogenannten \u201eLebensraums\u201c brauchten und auch bekamen.<\/p>\n<p>Was den Muttertag angeht, so w\u00fcrde ich hier nicht von \u201eMissbrauch\u201c sprechen, sondern eher von einem speziellen Gebrauch dieses Tages zum Nutzen der NS-Ideologie \u2013 insofern als er f\u00fcr die Frauen, die zur deutschen Volksgemeinschaft geh\u00f6rten einen Anlass zur Verehrung bot. Der Muttertag war nicht entscheidend f\u00fcr die Identifikation der als \u201earisch\u201c eingeordneten deutschen Frauen mit dem NS-System. Von Anfang an gab es viel Begeisterung unter diesen Frauen f\u00fcr den F\u00fchrerkult und dessen Masseninszenierungen.<\/p>\n<p>Zwar wurden Frauen zun\u00e4chst aus den h\u00f6heren Berufslaufbahnen verdr\u00e4ngt und auch die Zulassungen zu Universit\u00e4ten eingeschr\u00e4nkt, doch mit dem Kriegsbeginn \u00e4nderte sich diese Politik teilweise, um Frauen verst\u00e4rkt f\u00fcr T\u00e4tigkeiten au\u00dferhalb der Familie zu gewinnen. Es wurden mehr Frauen in der Industrie gebraucht, um die R\u00fcstungsproduktion zu beschleunigen und weil die M\u00e4nner an der Front waren.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_65207\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 759px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65207 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Muttertag-ein-Fest-fuer-Blumenhaendler-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"749\" height=\"562\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Muttertag ist auch Festtag f\u00fcr die Blumenh\u00e4ndler &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Dass die Frauen sich nicht ganz aus den akademischen Bildungslaufbahnen verdr\u00e4ngen lie\u00dfen, ist beispielsweise auch an den Ereignissen in der M\u00fcnchner Universit\u00e4t 1943 ablesbar, als Gauleiter Paul Giesler den lautstarken Unmut der Studentinnen erlebte, weil er sich in abf\u00e4lliger Weise \u00fcber das Studium von Frauen \u00e4u\u00dferte. Trotz der Propaganda der Mutterschaft waren diese Frauen also immer noch an der Universit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>Anna Marie Jarvis distanzierte sich im Laufe der Jahre von Ihrer Idee und sagte: \u201eIch wollte, dass es ein Tag des Nachdenkens ist und nicht des Profits\u201c. Sie gab den Blumenh\u00e4ndlern weitestgehend die Schuld, die durch ihre Habgier eine der \u201eedelsten, reinsten Bewegungen und Feierlichkeiten\u201c unterlaufen h\u00e4tten. Bis heute ist der Muttertag in Deutschland nicht gesetzlich verankert. Sein Datum basiert auf \u00dcbereink\u00fcnften von Wirtschaftsverb\u00e4nden. Welche Bedeutung hat der Muttertag in unserer heutigen Gesellschaft noch?<\/strong><\/p>\n<p>Astrid Messerschmidt<strong>:<\/strong>\u00a0&#8222;Die Kommerzialisierung des Muttertages hat vermutlich dazu beigetragen, seinen verehrenden Charakter zu relativieren und ihn profaner erscheinen zu lassen. F\u00fcr die heutigen Frauenbewegungen hat dieser Tag keine Bedeutung, es sei denn als Zeichen f\u00fcr ein zwar \u00fcberkommenes, aber immer noch nicht \u00fcberwundenes Geschlechtermodell, das sich heute vorwiegend im Westen Deutschlands zeigt, w\u00e4hrend die \u00f6stlichen Bundesl\u00e4nder \u00fcber eine andere Tradition des M\u00fctterlichen verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Aufgrund des antifaschistischen staatlichen Selbstbildes verzichtete die DDR auf den Muttertag und beging stattdessen den Internationalen Frauentag, der 1933 in Deutschland verboten worden war und mit dessen Begehung in der DDR auch ein antifaschistisches Bekenntnis verbunden wurde. Doch die innerfamili\u00e4re Arbeitsteilung zwischen Frauen und M\u00e4nnern ist auch in der DDR kaum grundlegend ver\u00e4ndert worden. Dennoch ist der Ost-West-Unterschied f\u00fcr die heutigen Verh\u00e4ltnisse interessant.<\/p>\n<h4>Frauenbild lange konservativ dominiert<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend in der Bundesrepublik Deutschland ein konservatives Familienbild lange dominiert hat, dass Frauen mit Kindern jede Berufst\u00e4tigkeit erschwerte, setzte die DDR-Geschlechterpolitik auf die volle Berufst\u00e4tigkeit der M\u00fctter und stellte daf\u00fcr eine Vielzahl an Betreuungspl\u00e4tzen auch f\u00fcr Kinder unter drei Jahren zur Verf\u00fcgung. Bis heute sind diese Unterschiede an der ungleichen Kita-Ausstattung in Ost und West ablesbar. W\u00e4hrend im Osten \u00fcber 50 Prozent der Kinder unter drei Jahren eine Kita oder Kindertagespflege besuchen, sind es im Westen lediglich um die 30 Prozent.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist der moralische Druck auf berufst\u00e4tige M\u00fctter in Deutschland noch immer ausgepr\u00e4gt, wobei sich dieser nicht nur auf die F\u00fcrsorge-Verantwortung f\u00fcr die Kinder bezieht, sondern zugleich auf ein erfolgreiches Berufsleben. Beides muss der modernen Frau heute gelingen. Die meisten Frauen, die einen interessanten Beruf haben, \u00fcberlegen sich L\u00f6sungen, um Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen. Daf\u00fcr sind allerdings die strukturellen Bedingungen an vielen Stellen \u00e4u\u00dferst schwierig. Der Muttertag steht dagegen f\u00fcr ein Entweder-Oder, welches heute die wenigsten Frauen wollen und die allerwenigsten M\u00fctter sich leisten k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_65201\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 234px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-65201 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/csm_Messerschmidt3_d1dbf27776-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"304\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Adrid Messerschmidt &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Astrid Messerschmidt<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Astrid Messerschmidt habilitierte sich f\u00fcr P\u00e4dagogik 2009 am Fachbereich Humanwissenschaften der Technischen Universit\u00e4t Darmstadt. Sie arbeitete u.a. als Professorin f\u00fcr Interkulturelle P\u00e4dagogik\/Lebenslange Bildung an der P\u00e4dagogischen Hochschule Karlsruhe. Seit 2016 forscht und lehrt sie als Professorin f\u00fcr Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlecht und Diversit\u00e4t an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Sonntag (14.05.) ist Muttertag. Viele kleine Kinder schenken ihrer Mama selbst gemalte Bilder. Jugendliche und Erwachsene begl\u00fccken ihre Mutter mit einem Blumenstrau\u00df oder einem anderen Pr\u00e4sent als Dankesch\u00f6n. Der Muttertag wurde am 13. Mai 1923 offiziell in Deutschland eingef\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-65195","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-24 04:10:20","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65195"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65212,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65195\/revisions\/65212"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}