{"id":62205,"date":"2023-03-20T15:47:20","date_gmt":"2023-03-20T14:47:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=62205"},"modified":"2023-03-20T15:47:20","modified_gmt":"2023-03-20T14:47:20","slug":"machtgier-bestechung-und-korruption-im-spiegel-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/03\/20\/machtgier-bestechung-und-korruption-im-spiegel-der-zeit\/","title":{"rendered":"Machtgier, Bestechung und Korruption im Spiegel der Zeit"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_62213\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-62213\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Der_Revisor_SchSpW__c__Anna_Schwartz__1_-2-1024x716.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"716\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Gemeinde steckt skeptisch die K\u00f6pfe zusammen: Szene aus dem Theaterst\u00fcck &#8222;Der Revisor&#8220; &#8211; \u00a9 Anna Schwartz\/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Der Klassiker der Weltliteratur geh\u00f6rt heute l\u00e4ngst zu den meist gespielten Theaterst\u00fccken. Jetzt hatte es im Wuppertaler Opernhaus Premiere.\u00a0Die Geschichte erz\u00e4hlt von einer kleinen russischen Provinzstadt.<\/p>\n<p>Sie gibt ein satirisch zugespitztes, in den sachlichen Details dabei pr\u00e4zises Bild des kleinst\u00e4dtischen Beamtenwesens im zaristischen Russland des Jahres 1835.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Der Autor zeigt eine verfilzte, auf Hierarchien ausgerichtete Gesellschaft zwischen Unterw\u00fcrfigkeit und Gr\u00f6\u00dfenwahn, Bestechung und Korruption.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Wollte Publikum\u00a0lachen sehen\u2026<\/h4>\n<p>Eigentlich wollte Nikolaj Gogol, Spross einer ukrainischen Gutsherren-Familie, sein Publikum nur vergn\u00fcgen und zum Lachen bringen. Tats\u00e4chlich ist das Premierenpublikum, das \u201eeinfache\u201c Volk und auch der Zar von der Kom\u00f6die begeistert. Im Gegensatz dazu geben sich die im Theater anwesenden Minister und Beamten mehrheitlich emp\u00f6rt, da sie die dargestellten Umst\u00e4nde auf sich und ihren Zust\u00e4ndigkeitsbereich beziehen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_62214\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62214\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Der_Revisor_SchSpW__c__Anna_Schwartz__3_-683x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"750\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das B\u00fchnenbild von Ria Papadopoulou ist betont grau und d\u00fcster &#8211; \u00a9 Anna Schwartz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Sie machten geltend, dass nach j\u00fcngsten Bestimmungen jede kritische Wendung gegen die Autokratie sowie die Darstellung russischer Missst\u00e4nde unerw\u00fcnscht ist und als Mangel an Patriotismus und Volksverbundenheit wahrgenommen wird, der zu bestrafen sei. In der Folge mischt sich die russische Zensur in das Geschehen ein, stufen das St\u00fcck von Kom\u00f6die zur Farce zur\u00fcck und setzten<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>\u00c4nderungen des Textes durch.<\/p>\n<h4>Eine Gemeinde im<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>desastr\u00f6sen Zustand<\/h4>\n<p>In Gogols Geschichte l\u00f6st die Nachricht hektische Betriebsamkeit aus, dass ein inkognito reisender Wirtschaftspr\u00fcfer, also ein Revisor aus der Hauptstadt Petersburg, zu erwarten sei. B\u00fcrgermeister Antonowitsch (Stefan Walz) wei\u00df die \u00f6ffentlichen Organe seiner Gemeinde in einem desastr\u00f6sen Zustand. In der Vergangenheit wurden F\u00f6rdergelder n\u00e4mlich nicht immer korrekt verwendet, die Infrastruktur ist verlottert und das Rechtssystem wird sehr frei ausgelegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_62215\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62215 size-large\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Der_Revisor_SchSpW__c__Anna_Schwartz__2_-1024x650.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"650\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Gemeinde ist verunsichert und hat jede Menge Gespr\u00e4chsbedarf &#8211; \u00a9 Anna Schwartz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Als nun zeitgleich ein junger Beamter (Kevin Wilke) mit seinem Diener (Jonathan Schimmer) im \u00f6rtlichen Gasthof absteigt, erregt das gro\u00dfe Aufmerksamkeit. B\u00fcrgermeister und seine Stadtoberen sind \u00fcberzeugt, dass dies der Wirtschaftspr\u00fcfer ist und schmieden sogleich Strategien zur Gefahrenabwehr.<\/p>\n<p>Es geht hier nicht darum, die schlechte Praxis<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>oder die systematische Selbstbereicherung \u00e4ndern zu wollen, sondern vielmehr darum, passende Erkl\u00e4rungen parat zu haben. Erkl\u00e4rungen, die nicht nur wortreich, sondern durchaus auch \u201emonet\u00e4r\u201c sein sollen und auf Bestechung ausgelegt sind.<\/p>\n<p>Unter dem Vorwand, man wolle sich um durchreisende G\u00e4ste k\u00fcmmern, sucht man eilig das Gespr\u00e4ch. Hier erweisen sich diese G\u00e4ste indessen nicht unbedingt als die erwarteten, seri\u00f6sen Staatsdiener, es haftet ihnen vielmehr eine merkw\u00fcrdiger Unsicherheit an.<\/p>\n<p>Den offensichtlichen Widerspruch erkl\u00e4ren sich die Stadtoberen damit, dass der Revisor das sch\u00fctzende \u201eInkognito\u201c nicht aufgegeben m\u00f6chte. Man verh\u00e4lt sich unterw\u00fcrfig. Tats\u00e4chlich aber handelt es sich bei den G\u00e4sten um bankrotte Reisende aus Petersburg, die wegen ihrer Zahlungsunf\u00e4higkeit eigentlich die Verhaftung bef\u00fcrchten. Damit nehmen die Dinge einen fatalen, chaotischen Verlauf. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_62216\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62216 size-large\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Der_Revisor_SchSpW__c__Anna_Schwartz__4_-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Misstrauen und Skepsis beherrschen die Szenerie &#8211; \u00a9 Anna Schwarz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Stadthauptmann und seine Beamten m\u00fcssen erst am Schluss des St\u00fcckes ihre T\u00e4uschung erkennen. In der Schlussszene ist man dann eher geneigt, das unfassbare Ganze dem Teufel zuzuschreiben, der \u201eseine Hand im Spiele\u201c gehabt habe. Hier wird ein Grundsatz von Gogols Weltsicht erkennbar, dass n\u00e4mlich \u201eAlles Lug und Trug ist. Nichts ist so, wie es scheint\u201c.<\/p>\n<h4>Gewollte\u00a0Nachdenklichkeit<\/h4>\n<p>Die Wuppertaler Auff\u00fchrung wurde von der Kroatin Maja Delini\u0107 inszeniert, die am hiesigen Theater zuletzt auch schon bei Shakespeares Sommernachtstraum Regie f\u00fchrte. Sie kommt zu dem Ergebnis \u201eJede starke Kom\u00f6die ist tragisch\u201c. Tats\u00e4chlich erlebt man dann ihr Publikum auch eher in Nachdenklichkeit als in Erheiterung.<\/p>\n<p>Das ausdrucksstarke, \u00fcberwiegend graue B\u00fchnenbild von Ria Papadopoulou zeigt Betonfl\u00e4chen, verrostete T\u00fcren sowie eine gro\u00dfe Kanalrohrm\u00fcndung und mag so die Lebenswelt von Ratten symbolisieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Farbe kommt indessen durch die von Janin Lang entworfenen herrlichen Kost\u00fcme sowie mit den \u00fcberragenden Akteuren ins Spiel. Thomas Walz brilliert<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>in der Rolle des B\u00fcrgermeisters mit sprachlicher, mimischer und sportlicher Gewandtheit. Kevin Wilke gelingt in der Rolle des vermeintlichen Petersburger Revisors die Wandlung vom Hungerleider zum Hochstapler perfekt.<\/p>\n<div id=\"attachment_62217\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62217 size-large\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Der_Revisor_SchSpW__c__Anna_Schwartz__9_-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die von Janin Lang kreierten Kost\u00fcme begeisterten das Publikum &#8211; \u00a9 Anna Schwartz \/ Schauspiel Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Nicht zu vergessen Silvia Munz\u00f3n L\u00f3pez, die als Frau des B\u00fcrgermeisters mit Tochter Rebekka Bienert belebende Figuren sind. Gewohnt souver\u00e4n Konstantin Rickert in der Rolle des Richters und Julia Meier, die die Schl\u00fcsselrolle des \u201ePostmeisters\u201c mit Bravour l\u00f6st. Neu im Ensemble Jonathan Schimmer, hier als Diener an der Seite des Petersburger Beamten. Er gefiel auf Anhieb und hatte die Lacher an seiner Seiten, als er auf die Frage, was sein Herr besonders mag, verlauten lie\u00df, \u201ewenn man mir gut zu Essen gibt\u201c.<\/p>\n<h4>Alles Schlechte\u00a0sichtbar machen<\/h4>\n<p>Autor Nikolaj Gogol sagte vor knapp 200 Jahren: Im \u2019Revisor\u2019 beschloss ich, alles Schlechte, das ich nur kannte, zusammenzutragen und mit einem Schlag dem Gel\u00e4chter preiszugeben.\u201c Wie auch immer, der Zeitgeist zeigt sich in wesentlichen Punkten resistent. Die Wuppertaler Inszenierung in der bew\u00e4hrten Dramaturgie von Barbara Noth bietet nicht nur gute Unterhaltung, sie ist auch ein aktuelles Spiegelbild von<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>seelenlosen Despoten und unseri\u00f6sen Finanzmanagern. Somit ein absolut empfehlenswertes St\u00fcck!<\/p>\n<p><b>Text: Siegfried J\u00e4hne<\/b><\/p>\n<p>Weitere Termine im Wuppertaler Opernhaus:<\/p>\n<p>16 April, 13. und 14. Mai sowie 10. Juni 2023<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSchimpf nicht auf den Spiegel, wenn du in eine Fratze blickst.\u201c Dies sind Worte des ukrainischen Dramatikers Nikolaj Gogol zu den heftigen Reaktionen auf sein 1836 in Stankt Petersburg uraufgef\u00fchrten Theaterst\u00fcck \u201eDer Revisor\u201c. Damit wollte er auch zum Ausdruck bringen, \u201e gib nicht dem Autor die Schuld, falls du dich in seinem St\u00fcck wieder erkennst.\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29],"tags":[],"class_list":["post-62205","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-14 10:35:42","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62205"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62205\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":62222,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62205\/revisions\/62222"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}