{"id":60739,"date":"2023-02-07T16:07:22","date_gmt":"2023-02-07T15:07:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=60739"},"modified":"2023-02-07T16:07:22","modified_gmt":"2023-02-07T15:07:22","slug":"wilhelm-conrad-roentgen-durch-den-koerper-durchgucken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2023\/02\/07\/wilhelm-conrad-roentgen-durch-den-koerper-durchgucken\/","title":{"rendered":"Wilhelm Conrad R\u00f6ntgen: Durch den K\u00f6rper durchgucken"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_60743\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-60743\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Luetzenkirchen-Presse-1-3-1024x753.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"753\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Physiker Dr. Dirl L\u00fctzenkirchen-Hecht &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Die letzte Lebensjahre verbrachte Wilhelm Conrad R\u00f6ntgen in M\u00fcnchen. Dort unterzog er sich 1923 beim bekannten in Barmen geborenen Chirurgen Prof. Dr. Ferdinand Sauerbruch einer Gesichtsoperation. Die entfernte Geschwulst stellte sich als gutartig heraus. Dennoch starb der Physiker wenig sp\u00e4ter &#8211; am 10.02.1923 &#8211; im Alter von 77 Jahren an den Folgen von Darmkrebs. Auf eigenen Wunsch fand er auf dem Alten Friedhof in Gie\u00dfen seine letzte Ruhest\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>Genau vor 100 Jahren, am 10. Februar 1923, starb einer der ber\u00fchmtesten S\u00f6hne des Bergischen Landes in M\u00fcnchen, dessen Entdeckung der X-Strahlen die medizinische Diagnostik revolutionierte: Wilhelm Conrad R\u00f6ntgen. Wie entdeckte er die nach ihm benannten R\u00f6ntgen-Strahlen?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: &#8222;Eigentlich war das ein Zufall. Kurz vorher hatten Johann Hittorf und andere mit Elektronenstrahlen experimentiert und R\u00f6ntgen hatte das aufgegriffen. Er war sehr vielf\u00e4ltig interessiert und hat ebenfalls Experimente durchgef\u00fchrt. Was man damals machte, man hielt in den Elektronenstrahl z.B. ein Fadenkreuz, und auf dem Leuchtschirm dahinter konnte man sehen, dass von den Strahlen, die auf das Fadenkreuz treffen, nichts mehr dahinter auf dem Schirm ankam. An diesen Stellen leuchtete dann auch nichts. R\u00f6ntgen ist dann einen Schritt weitergegangen und hat die ganze Apparatur in schwarze Pappe eingepackt und dann hinter dieser Pappe wieder eine Fotoplatte oder einen Leuchtschirm aufgestellt. Und dann sah er, dass da eine Spur drauf war, woraus er schloss, dass da etwas Anderes sein musste. Und so entdeckte er die R\u00f6ntgenstrahlen. Die Elektronen werden also durch das Glas oder die Fotoplatte abgebremst und die Elektronenenergie in das, was wir heute R\u00f6ntgenlicht nennen, umgewandelt.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_60744\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 710px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-60744\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/diagnosis-g496b840ef_1920-1024x852.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"582\" \/><span class=\"wp-caption-text\">R\u00f6ntgenaufnahme eines Brustkorbs &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><b>Ein Irrtum f\u00fchrte dazu, dass er die Schule ohne Abschluss verlie\u00df. Was war geschehen?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: &#8222;Das ist ein bisschen kurios. Seine Mutter war Holl\u00e4nderin und er ist schon in jungen Jahren sehr viel durch die Gegend gereist. Das, was man heute, zumindest vor der Coronakrise, praktiziert hat, dass man ins Ausland geht und einen Austausch hat, das hat R\u00f6ntgen schon in seiner Kindheit und Jugend gemacht. Er war in Apeldoorn und ist in Utrecht zur Schule gegangen. Dort kursierte eine Karikatur seines Klassenlehrers und man unterstellte ihm die Urheberschaft. Da halfen dann auch keine Entschuldigungen, er ist daraufhin von der Schule geflogen und hatte daher keinen Schulabschluss.&#8220;<\/p>\n<p><b>R\u00f6ntgen war ein Stehaufm\u00e4nnchen. \u00dcber Kurse und eine Aufnahmepr\u00fcfung studierte er dennoch in der Schweiz und legte 1868 sein Diplom als Maschinenbauingenieur ab. Wie kam er denn dann zu der Physik?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: &#8222;R\u00f6ntgen war sehr vielf\u00e4ltig interessiert. Er ist \u00fcber einen Freund zum Maschinenbau gekommen, der ihn an die Eidgen\u00f6ssische Technische Hochschule Z\u00fcrich (ETH Z\u00fcrich) brachte. Er war an Maschinenbau interessiert, weil ihn Mechanik und<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Konstruktion faszinierte. Bereits in Holland hatte er auch in einer Art Gaststudium Kurse in Biologie, Mathematik, Physik und Chemie besucht, ohne aber offiziell als Student zugelassen worden zu sein. Daher, vermute ich, ist sein wirklich sehr weit aufgestelltes Interesse an diversen F\u00e4chern zu erkl\u00e4ren. So kam er dann auch wieder \u00fcber einen Freund, August Kundt, zur Physik und promovierte.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53830\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53830\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Logo-Jahr100Wissen.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><b>Schon vor seiner bedeutendsten Entdeckung war R\u00f6ntgen, der seit 1888 an der Universit\u00e4t in W\u00fcrzburg lehrte und viele Rufe an andere Universit\u00e4ten ablehnte, in der Fachwelt hochgeachtet. Seine erste Probandin war seine Frau, die er der Strahlung aussetzte. Was hat er denn an ihr ger\u00f6ntgt?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: &#8222;Die Hand! Das ist eines der bekanntesten Bilder und in den Annalen der Physik auch ein Titelblatt gewesen. Man kann da den Ehering erkennen, vom heutigen Stand der Technik mit sehr schlechter Aufl\u00f6sung, aber damals revolution\u00e4r. Man konnte durch die Hand sehen. R\u00f6ntgen hat dann auch sofort sehr viel experimentiert, unterschiedliche Materialien in den Strahl hineingehalten und gesehen, dass der Ring viel mehr von der Strahlung absorbiert, als das Knochengewebe oder die Haut. Er war sehr schnell und sehr weit f\u00fcr seine Zeit. Er hat immer gesagt, die Forschung, die er macht, solle einen breiten Nutzen haben. Er hat keine Patente auf seine Erfindungen angemeldet, sondern alles frei publiziert und auch seine Entw\u00fcrfe, die er f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichungen gemacht hatte, sofort an die Kolleginnen und Kollegen europaweit weitergegeben und damit auch f\u00fcr eine sehr schnelle Verbreitung gesorgt. Von dieser wichtigen Entdeckung sollte man fl\u00e4chendeckend Nutzen ziehen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_60745\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 509px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-60745\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/ankle-g43fae3c7a_1920-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"665\" \/><span class=\"wp-caption-text\">R\u00f6ntgenbild eines Fu\u00dfbruchs &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><b>R\u00f6ntgen war der erste Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr Physik. Wann hat er die Auszeichnung erhalten?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: &#8222;1901. Also die Entdeckung war im Dezember 1895 und 1896 folgte die Publikation. R\u00f6ntgen hat von Anfang an die M\u00f6glichkeiten dieser Technik erkannt. Es war eine revolution\u00e4re und eine f\u00fcr die Menschheit wirklich wichtige Entdeckung. Auf einmal bestand die M\u00f6glichkeit, durch den K\u00f6rper hindurch zu gucken. F\u00fcr die Medizin, auch f\u00fcr die Technik und die Arch\u00e4ologie ergaben sich ungeahnte M\u00f6glichkeiten. Man konnte Schwei\u00dfn\u00e4hte r\u00f6ntgen, Mauerwerk oder Mumien durchleuchten, ohne Besch\u00e4digungen anzurichten. Die Nobelstiftung wurde 1900 gegr\u00fcndet, und die direkte Verleihung an Wilhelm Conrad R\u00f6ntgen ein Jahr danach dokumentiert die gro\u00dfe Bedeutung seiner Entdeckung.&#8220;<\/p>\n<p><b>1923 war R\u00f6ntgen, der an Darmkrebs litt, Patient von Ferdinand Sauerbruch, einem weiteren ber\u00fchmten Sohn des Bergischen Landes, der sich bei seinem Patienten dar\u00fcber beklagte, dass R\u00f6ntgens Entdeckung viele \u00c4rzte verleite, nicht mehr genau zu untersuchen. Wissen Sie, was er darauf antwortete?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: \u201e&#8217;Wo viel R\u00f6ntgenlicht ist, muss auch R\u00f6ntgenschatten sein.&#8217;Ist doch passend. Heute wei\u00df man ja viel mehr als fr\u00fcher. Viele Wissenschaftler haben sich damals viel zu hohen Strahlendosen ausgesetzt. Auch durch die Elektronenstrahlen sind viele Forscherinnen und Forscher damals an Kehlkopfkrebs erkrankt, weil sie immer in ihre Apparaturen hineingeschaut haben. Die Leichtigkeit, mit der man dann Knochenbr\u00fcche diagnostizieren konnte, hat vielleicht damals \u00c4rzte verf\u00fchrt, \u201ewild\u201c alles zu r\u00f6ntgen und darauf spielte Sauerbruch wohl auch an.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_60746\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 709px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-60746\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/x-ray-g83b9a31fe_1920-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"699\" height=\"466\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein R\u00f6ntgenger\u00e4t &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p><b>Nach seinem Tod verf\u00fcgte er testamentarisch, dass alle seine wissenschaftlichen Aufzeichnungen zu vernichten seien, was seine Freunde auch taten. Daher existieren auch nur noch wenige Dokumente von ihm. Warum hat er das wohl gemacht?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: &#8222;R\u00f6ntgen war ein sehr kritischer Zeitgenosse. Bevor er irgendetwas publizierte, also ver\u00f6ffentlichte, hat er das doppelt und dreifach gepr\u00fcft. Er wollte, durch die Vernichtung seiner Unterlagen, nach seinem Tod sicher auch verhindern, dass sein Ruf gesch\u00e4digt wurde und andere Wissenschaftler vielleicht seine Entw\u00fcrfe nicht in seinem Sinne nutzten. Er war da sehr kritisch mit sich selbst. F\u00fcr uns heute ist das nat\u00fcrlich auch schade, weil historisch Interessierte keine M\u00f6glichkeit haben, auf seine Manuskripte zur\u00fcckzugreifen, um vielleicht erfahren zu k\u00f6nnen, was er gedacht hat und wie er vorgegangen ist. Da g\u00e4be es sicher viele Dinge, die man noch entdecken k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n<p><b>In Lennep gibt es bis heute das Deutsche-R\u00f6ntgen-Museum. Waren Sie schon mal drin?<\/b><\/p>\n<p>Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht: &#8222;Ja, schon mehrfach. Das ist eine tolle Sache. Ich bin jedes Mal wieder begeistert, weil dort auch stetig an den Ausstellungen gearbeitet wird. Es gibt Themen, wozu wieder neue Ausstellungen konzipiert werden. Sowohl f\u00fcr Kinder, als auch f\u00fcr Erwachsene und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist ein Besuch immer interessant und lohnenswert.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_60748\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 194px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-60748\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Luetzenkirchen-Presse-1-4.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"265\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber apl. Prof. Dr. Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht<\/h4>\n<p>apl. Prof. Dr. Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht ist Mitglied des Instituts Kondensierte Materie \u2013 R\u00f6ntgenphysik in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Mathematik und Naturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hatte den Durchblick! Wilhelm Conrad R\u00f6ntgen hat die Welt ver\u00e4ndert. Der am 27. M\u00e4rz 1845 in Remscheid-Lennep geborene  Physiker entdeckte am 08. November 1895 im Physikalischen Institut der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg die X-Strahlen, was bahnbrechende Folgen haben sollte. Autor Uwe Blass hat dar\u00fcber im &#8222;Jahr100Wissen-Interview&#8220; mit dem Physiker Dirk L\u00fctzenkirchen-Hecht gesprochen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-60739","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-11 01:35:21","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60739"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60739\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":60750,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60739\/revisions\/60750"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}