{"id":59165,"date":"2022-12-15T16:41:35","date_gmt":"2022-12-15T15:41:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=59165"},"modified":"2022-12-15T16:41:35","modified_gmt":"2022-12-15T15:41:35","slug":"als-ein-kuchen-das-schoenste-weihnachtsgeschenk-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/12\/15\/als-ein-kuchen-das-schoenste-weihnachtsgeschenk-war\/","title":{"rendered":"Als ein Kuchen das sch\u00f6nste Weihnachtsgeschenk war"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_59170\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-59170\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/IMGP1454-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"768\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Lore Duwe und der Weihnachtsstern -\u00a9 Alexander DeGroot<\/span><\/div>\n<p>Mal unter uns! &#8222;Wenn wir schon morgen kein Dach mehr \u00fcber dem Kopf\u00a0haben, haben wir wenigstens noch etwas zu essen!&#8220; Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass dieser fatalistische Spruch 1944 ganz normal war. Ohne Galgenhumor ging es damals gar nichts.<\/p>\n<p>Sechs Jahre Krieg in unserem Land hatten Spuren hinterlassen &#8211; \u00c4ngste, Sorgen, Hunger! Es fehlte an allem: Heizmaterial, Wasser, Nahrungsmitteln, Bekleidung.<\/p>\n<p>Jeder Tag war eine neuer \u00dcberlebenskampf. Als neunj\u00e4hriges M\u00e4dchen<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>habe ich diese Zeit miterlebt. Heute, viele Jahrzehnte erwachsen,<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>frage ich mich: Wie hat meine Mutter das nur alles geschafft?<\/p>\n<p>Sie zauberte aus Wald-Brennesseln ein Gericht, aus selbst gepfl\u00fcckten Brombeeren eine Suppe oder ein Getr\u00e4nk. Und auch aus Melde, die<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Gro\u00dfvater im Garten angebaut hatte und die ich im Einkaufsnetz\u00a0nach Hause trug, kochte sie eine leckere Mahlzeit.<\/p>\n<p>Wie hat\u00a0sie es nur immer wieder geschafft, nachts meine beiden Br\u00fcder und mich aus dem Schlaf zu rei\u00dfen, um\u00a0in Windeseile gemeinsam mit ihr im\u00a0Luftschutzkeller oder\u00a0Bunker Schutz vor Bomben zu suchen?<\/p>\n<p>Fast jede Nacht kam \u00fcber den sogenannten &#8222;Drahtfunk&#8220;\u00a0im Volksempf\u00e4nger mit kr\u00e4chzender Stimme der Warnruf: &#8222;Achtung, Achtung &#8211; feindliche Flugzeuge auf dem Weg ins Ruhrgebiet!&#8220;<\/p>\n<p>Die meisten deutschen St\u00e4dte lagen bereits in Schutt und Asche. Und wir stellten uns jedes Mal wieder die bange Frage: &#8222;Steht das Sechs-Familienhaus, in dem wir wohnten, \u00fcberhaupt noch, wenn wir aus dem Luftschutzkeller kommen?&#8220;<\/p>\n<p>Ich erinnere mich ganz genau an Heiligabend 1944. Der Weihnachtsbaum stand geschm\u00fcckt auf der Singer-N\u00e4hmaschine. Morgen sollte\u00a0Bescherung sein. Das war bei den meisten Familen Tradition.<\/p>\n<p>Mutter hatte etwas Mehl und\u00a0ein Ei besorgen k\u00f6nnen: Wir Kinder sollten\u00a0an Weihnachten wenigstens ein St\u00fcck Kuchen geschenkt bekommen bekommen.\u00a0Unser Vater holte schlie\u00dflich einen duftenden Kastenkuchen aus dem Bockofen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ein Wohlgeruch erf\u00fcllte das ganze Zimmer. Da stand er, der Kuchen, mit einer goldgelben Kruste \u00fcberzogen und noch dampfend.\u00a0Ich dachte: &#8222;Heute ist\u00a0ja Heiligabend, da werden die b\u00f6sen Flieger\u00a0garantiert nicht kommen.&#8220; Ich hatte mich leider get\u00e4uscht. Denn<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>schon klang es aus dem Drahtfunk: &#8222;Achtung, Achrtung &#8211; feindliche<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>Flieger nehmen\u00a0Kurs aufs Ruhrgebiet.&#8220;<\/p>\n<p>Vater schlug Alarm: &#8222;Schnell, schnell, jeder nimmt\u00a0sein K\u00f6fferchen\u00a0und ab\u00a0in den Bunker!&#8220;\u00a0Er hatte offensichtlich gro\u00dfe Sorge, dass die Jagdbomber diesmal den Westen von Wuppertal angreifen k\u00f6nnten, der bis dato verschont geblieben war.<\/p>\n<h4>Dank an M\u00fctter und V\u00e4ter<\/h4>\n<p>Panik und Hektik lagen in der Luft! Alle rannten durcheinander. Vater nahm\u00a0seine alte\u00a0abgegriffene Kunstleder-Aktentasche, rannte zum Kuchen und lie\u00df diesen kurzerhand noch hei\u00df und dampfend in der Aktentasche verschwinden.<\/p>\n<p>Dabei sagte er den pr\u00e4gnanten Satz: &#8222;Wenn wir schon morgen kein Dach mehr \u00fcber dem\u00a0Kopf\u00a0haben, haben wir wenigstens noch\u00a0etwas zu essen!&#8220;\u00a0Diese Aussage hat sich f\u00f6rmlich in mein Gehirn gebrannt. Jedes Jahr\u00a0Weihnachten danke ich dem Himmel f\u00fcr das Dach, das ich \u00fcber dem Kopf habe und f\u00fcr den Kuchen, den ich mir selber schenke.<\/p>\n<p>Ich betone hier\u00a0stellvertretend f\u00fcr meine\u00a0Generation: &#8222;Vielen Dank den<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>M\u00fcttern und V\u00e4tern f\u00fcr ihre Selbstlosigkeit und f\u00fcr die F\u00fcrsorge in sechs Jahren Krieg!&#8220;\u00a0Diese Weihnachts-Geschichte ist \u00fcbrigens ein Ausschnitt aus meinem Buch &#8222;Pl\u00f6tzlich war ich 84 und hatte es gar nicht bemerkt&#8220;, das demn\u00e4chst erscheint.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche allen ein\u00a0sch\u00f6nes Weihnachtsfest und ein gesundes neues\u00a0Jahr.<\/p>\n<p>Gemiessen Sie die Weihnachtszeit\u00a0bei\u00a0einem duftenden Kaffee und einem k\u00f6stlichen St\u00fcck Kastenkuchen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Lore Duwe\/Euer L\u00f6rken<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer Kolumne \u201eMal unter uns\u2026!\u201c kommentiert die beliebte Wuppertaler Schauspielerin, T\u00e4nzerin, S\u00e4ngerin und Autorin Lore Duwe das Stadtgeschehen damals wie heute aus ihrem ganz pers\u00f6nlichen Blickwinkel. Diesmal erz\u00e4hlt sie eine r\u00fchrende Weihnachtsgeschichte, die sie als kleines M\u00e4dchen im 2. Weltkrieg erlebt hat.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-59165","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lifestyle"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-13 07:47:22","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59165","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=59165"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59165\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":59171,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59165\/revisions\/59171"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=59165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=59165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}