{"id":5597,"date":"2016-05-23T07:54:53","date_gmt":"2016-05-23T05:54:53","guid":{"rendered":"http:\/\/192.168.10.16\/newsportal\/stadtzeitung\/index.php\/2016\/05\/23\/genschers-steckenpferd\/"},"modified":"2022-01-29T10:43:09","modified_gmt":"2022-01-29T09:43:09","slug":"genschers-steckenpferd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2016\/05\/23\/genschers-steckenpferd\/","title":{"rendered":"Hans-Dietrich Genschers Steckenpferd"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_40411\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-40411\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Portraet-Dohmen-2-1024x758.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"758\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Matthias Dohmen, Journalist, Schriftsteller und Autor der STADTZEITUNG &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>St\u00e4dtepartnerschaften geh\u00f6ren zum Inventar der internationalen Beziehungen. Einer, der ihre Bedeutung zu sch\u00e4tzen wusste und der selbst etwa bei der Anbahnung der Kontakte zwischen Ko\u0161ice und Wuppertal entscheidend initiativ wurde, ist der ehemalige Au\u00dfenminister Hans-Dietrich Genscher, der den Wuppertaler Journalisten Dr. Matthias Dohmen 2003 zu einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Bedeutung der kommunalen Au\u00dfenpolitik in seinem Bad-Godesberger B\u00fcro empfing. Dohmen erinnert sich an die Begegnung mit dem gro\u00dfen Politiker, der am 31. M\u00e4rz im Alter von 89 Jahren verstorben ist.<\/p>\n<p>Er sa\u00df mir in seinem gelben Pullunder gegen\u00fcber, der zu seinem Markenzeichen geworden war. Das Treffen war auf Vermittlung von Ernst-Andreas Ziegler zustande gekommen, der sich in seiner Amtszeit als Pressechef der Stadt intensiv um die Beziehungen zu den Partnerst\u00e4dten k\u00fcmmerte, zu denen Beer Sheva in Israel, das franz\u00f6sische Saint-\u00c9tienne, Ko\u0161ice (damalige \u010cSSR), Legnica (Liegnitz) in Polen, das nikaraguanische Matagalpa und South Tyneside auf der britischen Insel geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eWenn erst einmal Begegnungen der vielf\u00e4ltigsten Art selbstverst\u00e4ndlich sind, ist V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung keine Phrase mehr\u201c, zeigte sich Genscher \u00fcberzeugt: \u201eMan muss ja sehen, dass diese Partnerschaften mit einer sehr breiten Begegnung von Menschen aus Kommunen in den beteiligten L\u00e4ndern einen wesentlichen Anteil daran hatten, dass Vorurteile abgebaut werden konnten, das hei\u00dft, dass auch unsere Partner in anderen L\u00e4ndern \u2013 und das gilt in besonderem Ma\u00dfe auch f\u00fcr Israel \u2013 sich davon \u00fcberzeugen konnten: In diesem Deutschland, das nach dem Kriege entstanden war, ist ein Geist vorhanden, der nicht nur in der Verfassung steht, sondern der von den Menschen bejaht wird: Und diese menschlichen Verbindungen, die da entstanden sind, haben ein festes Netz gekn\u00fcpft, das auch den Belastungen von politischen Gegens\u00e4tzen und Meinungsverschiedenheiten, wie sie ganz unvermeidbar sind, standhalten konnte.\u201c<\/p>\n<p>Genscher lehnt sich zur\u00fcck und bekr\u00e4ftigt: \u201eMein Kalk\u00fcl war, dass man Menschen zueinander bringen muss, das hei\u00dft, dass die Vorstellung eines gr\u00f6\u00dferen Europas und eines zusammenwachsenden Europas, wie es in der Schlussakte von Helsinki angelegt war, auch in der Praxis durchgesetzt werden muss. Das war nat\u00fcrlich fast undenkbar in Prag, und es hat ja lange, lange Zeit gedauert, bis man sich dort entschlossen hat, dieser Idee zuzustimmen. Man hat noch mal lange Zeit gebraucht, um herauszufinden, was der geeignete Ort ist, schlie\u00dflich ist es dann so geworden, und ich glaube, dass man heute sagen kann, das war einer der kleinen Durchbr\u00fcche durch die gro\u00dfe Mauer.\u201c<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige FDP-Vorsitzende, der seinen Wahlkreis in Wuppertal hatte und der wie kaum ein anderer f\u00fcr die deutsche Nachkriegsdiplomatie steht, fixiert sein Gegen\u00fcber und sagt zum Gewicht und zum Begriff der kommunalen Au\u00dfenpolitik: \u201eDer hat viel Substanz. Das sage ich nat\u00fcrlich als jemand, der die Au\u00dfenpolitik immer als eine \u00f6ffentliche Sache betrachtet hat. Ich habe mich ja zu allen au\u00dfenpolitischen Fragen in allen Medien, die zur Verf\u00fcgung standen, immer wieder ge\u00e4u\u00dfert, weil es mir darum ging, die Au\u00dfenpolitik herauszunehmen aus einer Vergangenheit, wo sie eher als Politik in Konferenzen und Besprechungsserien betrachtet wurde. Ich war der Meinung, dass es zu der notwendigen Vertrauensbildung auch f\u00fcr unser Land nur kommen w\u00fcrde, wenn das Ausland sich davon \u00fcberzeugte, dass die Politik, die die Regierung macht, vom Volk getragen wird und dass man nicht bef\u00fcrchten muss, dass bei einem Regierungswechsel in Deutschland pl\u00f6tzlich eine andere Au\u00dfenpolitik gemacht wird. Und wenn ich gefragt worden bin \u201aWarum bem\u00fchen Sie sich so sehr um breiteste Zustimmung f\u00fcr Ihre Au\u00dfenpolitik?\u2018 dann habe ich gesagt: \u201aweil ich unseren Nachbarn die Gew\u00e4hr bieten m\u00f6chte, dass sie es mit einer Au\u00dfenpolitik zu tun haben, die sich unabh\u00e4ngig von der Zusammensetzung von Bundesregierungen durch Kontinuit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit auszeichnet.\u2018 Das ist gelungen, und ein wichtiger Beitrag dazu wurde durch diese kommunalen Partnerschaften geleistet, die damit zu einem Teil unserer Au\u00dfenpolitik geworden sind.\u201c<\/p>\n<p>So deutlich hatte noch nie \u2013 und hat auch sp\u00e4ter nicht \u2013 ein deutscher Au\u00dfenminister zur \u201ekommunalen Au\u00dfenpolitik\u201c Stellung genommen. Der Beitrag, f\u00fcr den ich nach Bad Godesberg gefahren war, erschien am 29.10.2003 in der Sendung \u201eHintergrund Politik\u201c des Deutschlandfunks. Gegen Ende des Gespr\u00e4chs \u2013 daran kann ich mich noch gut erinnern \u2013 blickte der geborene Hallenser Hans-Dietrich Genscher auf die Uhr und sagte entschuldigend, wir m\u00fcssten zum Ende kommen, weil er noch seine Enkelin zum Reitunterricht fahren m\u00fcsse. In diesem Augenblick erwies sich der Mann, der als Bundesau\u00dfenminister weltweit Schlagzeilen zu machen verstand, als liebevoller und pflichtbewusster &#8230; Gro\u00dfvater.<\/p>\n<div id=\"attachment_40411\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-40411\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Portraet-Dohmen-2-1024x758.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"758\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Matthias Dohmen, Journalist, Schriftsteller und Autor der STADTZEITUNG &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mann im gelben Pullunder, die kommunale Au\u00dfenpolitik und Wuppertal. Hans-Dietrich Genscher wurde am 21.03.1927 in Reideberg, dem \u00f6stlichsten Stadtteil von Halle (Saale), geboren. Seinen Wahlkreis hatte der beliebte und geachtete FDP-Politiker in Elberfeld-West.<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":5596,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[2795,2414,2794,336],"class_list":["post-5597","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik","tag-aussenpolitik","tag-genscher","tag-kommunal","tag-wuppertal"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 07:43:38","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5597"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48259,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5597\/revisions\/48259"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5596"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}