{"id":55799,"date":"2022-10-09T18:50:20","date_gmt":"2022-10-09T16:50:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=55799"},"modified":"2022-10-14T09:17:17","modified_gmt":"2022-10-14T07:17:17","slug":"ehepaar-sommer-boeses-erwachen-in-kanada","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/10\/09\/ehepaar-sommer-boeses-erwachen-in-kanada\/","title":{"rendered":"Ehepaar Sommer: B\u00f6ses Erwachen in Kanada"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_55805\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 885px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55805 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/f41fd082-5125-496d-8d2d-36565bebd7ae.jpg\" alt=\"\" width=\"875\" height=\"629\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das abgebrannte Haus Bandstr. 13 &#8211; \u00a9 Doro Schwabe<\/span><\/div>\n<p>Nach ein paar Tagen dort soll Freundin Brenda in Montreal besucht werden, im Anschluss ist eine Reise mit der Mutter nach Neuengland geplant. Es kann keine bessere Zeit und Gegend f\u00fcr die Pracht des Indian Summer geben, und Designerin Chrissi belegt mit ihrer Hochzeitspapeterie \u201eSommerliebe\u201c, wie sehr sie sich der Wirkung von Farben und Naturformen verschrieben hat. Auf Facebook postet sie am 25. September Gruselmasken, die f\u00fcr Halloween bestimmt sind. Aber das wahre Grauen kommt am n\u00e4chsten Tag in anderer Gestalt.<\/p>\n<p>\u201eWir waren auf dem Weg zu Brenda, als wir \u00fcber Wuppertaler Medien von einem Feuer in der Bandstra\u00dfe erfuhren\u201c, erz\u00e4hlt Chrissi. Bandstra\u00dfe \u2013 die Adresse des Ehepaars Sommer \u00f6stlich der gro\u00dfen Nordstadt-Friedh\u00f6fe. Die Nummer 13 ist ein stattliches Mehrfamilienhaus, typisch f\u00fcr die Nordstadt, wo im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert solcher Wohnraum nicht etwa f\u00fcr Arbeiter gebaut wurde, wie viele annehmen, sondern f\u00fcr die damalige Mittelschicht.<\/p>\n<p>Auch wenn der gelbliche Fassadenanstrich aus dem Rahmen f\u00e4llt, auch wenn die meisten Nachbarh\u00e4user weitaus j\u00fcnger sind, weil ihre Vorg\u00e4nger aus der Gr\u00fcnderzeit den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fielen \u2013 Chrissi und Henning k\u00f6nnen auf den Pressefotos nicht ausmachen, ob es sich um ihr altes Haus handelt, das betroffen ist. Sie finden in Montreal ein Caf\u00e9, in dem ihnen WLAN zur Verf\u00fcgung steht und zunehmend auch seelischer Beistand vom anwesenden Personal geleistet wird. Denn Zug um Zug offenbart sich das Ausma\u00df einer schweren Trag\u00f6die.<\/p>\n<div id=\"attachment_55806\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 778px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55806 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/2783330a-c394-478c-8dfd-457e21932b7c.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Von vorne sind die katastrophalen Sch\u00e4den auf den ersten Blick kaum zu sehen &#8211; \u00a9 Doro Schwabe<\/span><\/div>\n<p>\u201eRelativ bald wussten wir, dass es tats\u00e4chlich um unser Haus ging. Wir hatten erst einmal gro\u00dfe Sorge um unsere Nachbarn.\u201c In f\u00fcnf Wohnungen des Hauses Bandstra\u00dfe 13 leben insgesamt neun Personen. Wie sich herausstellt, sind gl\u00fccklicherweise nur vier daheim. Deren Erlebnisbericht klingt ersch\u00fctternd. Patrick und Muriel H. sind Mieter in der zweiten Etage, direkt unter den Sommers.<\/p>\n<p>\u201eIch habe gerade mein neun Monate altes Baby zu Bett gebracht, als ich eine Explosion h\u00f6rte\u201c, erz\u00e4hlt Muriel. \u201eMir war \u00fcberhaupt nicht klar, was das gewesen sein k\u00f6nnte, ich glaubte, da sei in der Wohnung \u00fcber uns ein Schrank umgekippt.\u201c Ihr Verdacht f\u00e4llt auf Oskar und Sammi, die beiden Katzen des Ehepaars Sommer, um deren Versorgung sich Muriel und Patrick w\u00e4hrend der Kanadareise der Nachbarn k\u00fcmmern. \u201eIch rief Patrick zu, er solle sofort nach oben rennen und nachsehen, ob den Tieren etwas passiert ist.\u201c<\/p>\n<p>Patrick sah viel Schlimmeres: \u201eIch habe unsere Wohnungst\u00fcr aufgerissen, da bemerkte ich Rauch und unten im Treppenhaus grelles Licht von Flammen. Als ich die T\u00fcr wieder zuschlug, gingen die Rauchmelder an. So n\u00fctzlich die nat\u00fcrlich sind, jagt einem das Heulen, das dann aus allen Wohnungen ert\u00f6nte, gro\u00dfe Angst ein. Wir sind erst einmal in Panik in die K\u00fcche.\u201c<\/p>\n<p>Was man in so einer Situation am besten tun sollte, ist einem selbstverst\u00e4ndlich nicht klar. \u201eIch bin mit dem Baby unter den Tisch, weil ich immer noch an eine Explosion dachte\u201c, berichtet Muriel. Zunehmender Rauch und Hitze verweisen dann aber klar auf ein Feuer. Mit rasender Geschwindigkeit breitet sich das Inferno aus. Geistesgegenw\u00e4rtig wirft Patrick nasse T\u00fccher \u00fcber Muriel und das Baby.<\/p>\n<div id=\"attachment_55807\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 778px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55807 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/00ee91db-802c-4911-be63-cbcebaee2ea6.jpg\" alt=\"\" width=\"768\" height=\"1024\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Auf der R\u00fcckseite des Wohnhauses wird das ganze Ausmass der verheerenden Brandes sichtbar &#8211; \u00a9 Doro Schwabe<\/span><\/div>\n<p>Er versucht noch vergeblich, die eigene Katze zu retten, aber sie wird sp\u00e4ter tot von der Feuerwehr in ihrem Versteck gefunden. \u201eDas Licht fiel aus, die Flammen waren schon hinter der T\u00fcr, wir konnten in der K\u00fcche nicht mehr atmen.\u201c Patrick und Muriel steigen mit dem Baby zum Fenster hinaus und auf den Sims. \u201eGuck blo\u00df nicht nach hinten\u201c, sagt Patrick zu seiner Partnerin. Der Anblick der brennenden Wohnung sei purer Horror gewesen.<\/p>\n<p>Tim Luhmann, Einsatzleiter der Feuerwehr, berichtet sp\u00e4ter, die junge Familie sei seiner Einsch\u00e4tzung nach kurz davor gewesen, aus der zweiten Etage zu springen. Es ist ungeheures Gl\u00fcck, dass sich die n\u00e4chste Feuerwache nur zwei Fahrminuten entfernt in der August-Bebel-Stra\u00dfe befindet.<\/p>\n<p>Patrick H. sch\u00e4tzt, dass zwischen der Explosion und der Rettung der jungen Familie \u00fcber eine Drehleiter maximal zehn Minuten vergingen, aber eigentlich habe er in der Situation jegliches Zeitgef\u00fchl verloren. Nur Sekunden nach der Rettung z\u00fcndet die Wohnung durch. Die vierte Person im Haus, eine Dame in der ersten Etage, hat sich zuvor schon \u00fcber den Balkon der Nachbarn in Sicherheit bringen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>K\u00f6rperliche Sch\u00e4den der Familie beschr\u00e4nken sich auf Brandverletzungen an der Hand und leichte Rauchvergiftungen, die eine n\u00e4chtliche Unterbringung im Krankenhaus erfordern. Am n\u00e4chsten Morgen wartet gleichsam das Nichts. \u201eDas Treppenhaus ist komplett weg. Wenn man im Keller steht, kann man oben den Himmel sehen\u201c, erz\u00e4hlt Chrissi Sommer, die ihre Bilanz aber immer noch aus der Ferne zieht.<\/p>\n<p>Bange mutma\u00dft sie, dass sie und ihr Mann in der dritten Etage kaum eine \u00dcberlebenschance gehabt h\u00e4tten. F\u00fcr ihre beiden Katzen haben Freunde und Nachbarn eine Suchaktion gestartet, nur besteht kaum noch Hoffnung. \u201eAlles, was wir besessen haben, ist weg. Unser Zuhause ist weg. Alle Erinnerungsst\u00fccke, meine Arbeiten, unsere Rechner, alles.\u201c Erster Impuls: sofort die Heimreise antreten. Nun aber bleiben Chrissi und Henning bis zum gebuchten R\u00fcckflugtermin in Kanada.<\/p>\n<div id=\"attachment_55803\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 605px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55803 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/309668838_397044662624563_5679993849859657575_n.jpg\" alt=\"\" width=\"595\" height=\"842\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zwei der vermissten Katzen sind inzwischen tot im abgebrannten Haus aufgefunden worden. F\u00fcr eine gibt es noch Hoffnung, dass sie den Flammen rechtzeitig entkommen ist. Da die beiden tot aufgefundenen Tiere nicht mehr identifiziert werden konnten, ist nicht klar, welche Katze \u00fcberlebt haben k\u00f6nnte &#8211; \u00a9 Manfred G\u00f6rgens<\/span><\/div>\n<p>\u201eWir haben hier ein Dach \u00fcber dem Kopf, k\u00f6nnen uns in Ruhe sortieren, PC und Telefon nutzen, wir sind versorgt, meine Mom backt uns sogar deutschen Pflaumenkuchen.\u201c Chrissi bleibt selbst in dieser Situation optimistisch. Priorit\u00e4t hat f\u00fcr das Ehepaar die Suche nach einer neuen Wohnung. Erst dann haben die beiden Platz, die von Freunden und Arbeitskollegen angebotenen Sachspenden \u00fcberhaupt unterzubringen. Nur zu gut wissen sie, dass es ihre Nachbarn Patrick und Muriel h\u00e4rter getroffen hat. \u201eWir haben wenigstens noch unsere Koffer f\u00fcr drei Wochen Urlaub, die beiden hatten nicht einmal ein Handy dabei und sind auch nicht versichert.\u201c<\/p>\n<h4>Spendenaufrufe: Hier k\u00f6nnen Sie den Brand-Opfer helfen<\/h4>\n<p><a href=\"https:\/\/www.betterplace.me\/spendenaufruf-brand-im-mehrfamilienhaus-wuppertal\">https:\/\/www.betterplace.me\/spendenaufruf-brand-im-mehrfamilienhaus-wuppertal<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.betterplace.me\/wuppertal-zuhause-durch-grossbrand-vernichtet\">https:\/\/www.betterplace.me\/wuppertal-zuhause-durch-grossbrand-vernichtet<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.gofundme.com\/f\/junge-familie-nach-brand-hofft-auf-untersttzung\">https:\/\/www.gofundme.com\/f\/junge-familie-nach-brand-hofft-auf-untersttzung<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da die berufliche Situation von Patrick und Muriel schwierig genug ist, hatten die beiden auf den Abschluss einer Versicherung verzichtet. Es mutet nahezu wie H\u00e4me an, was Patrick einzig in seiner Hosentasche retten konnte: die Schl\u00fcssel zu seiner Wohnung und der Wohnung der Sommers, die er nur bei sich trug, weil er wegen der Katzen zur T\u00fcr hinausgest\u00fcrmt war. Schl\u00fcssel zu einem Zuhause, das es nicht mehr gibt.<\/p>\n<p>Einstweilen ist das junge Paar samt Baby bei Freunden untergekommen. Um soziale Hilfe im vollen m\u00f6glichen Umfang erhalten zu k\u00f6nnen, werden Personalausweise ben\u00f6tigt, die nat\u00fcrlich in den Flammen aufgingen. Aber es gebe bereits Unterst\u00fctzung, vor allem durch die Diakonie.<\/p>\n<p>Ansonsten werden Patrick, Muriel und alle anderen ehemaligen Bewohner des Hauses Bandstra\u00dfe 13 auf Geldspenden aus der Bev\u00f6lkerung angewiesen sein. Was die Brandursache angeht, so hat die Polizei bislang keine Erkenntnisse. Man wei\u00df lediglich, dass das Feuer im Keller ausbrach. \u201eEs ist wohl auch klar, in welchem Kellerraum\u201c, sagt Patrick.<\/p>\n<p><strong>Text MANFRED G\u00d6RGENS<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geburtstag in Maastricht, exakt drei Wochen sp\u00e4ter Ankunft in Montreal. Das klingt nach angenehmen Zeiten, in denen man nichts B\u00f6ses ahnt. Die Wuppertalerin Chrissi Sommer, in Kanada geboren, hat allen Anlass zur besonderen Freude, denn nach den Turbulenzen der Pandemie wird sie mit Ehemann Henning zum ersten Mal seit f\u00fcnf Jahren ihre Mutter im kanadischen Rosem\u00e8re wiedersehen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-55799","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wuppertal"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-23 01:32:04","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55799","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55799"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55799\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55810,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55799\/revisions\/55810"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55799"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55799"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55799"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}