{"id":55146,"date":"2022-09-06T15:03:15","date_gmt":"2022-09-06T13:03:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=55146"},"modified":"2022-09-06T15:03:15","modified_gmt":"2022-09-06T13:03:15","slug":"der-wunsch-nach-weiblicher-selbstbestimmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/09\/06\/der-wunsch-nach-weiblicher-selbstbestimmung\/","title":{"rendered":"Der Wunsch nach weiblicher Selbstbestimmung"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_55150\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-55150\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto_Meyer_Anne-Rose-2-1024x670.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"670\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Anne-Rose Meyer &#8211; \u00a9 Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<p>1905 hatte die engagiert Frauenrechtlerin bereits den &#8222;Bund f\u00fcr Mutterschutz&#8220; gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p><b>Helene St\u00f6cker wurde 1869 in Elberfeld geboren. Wer war diese Frau?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer:\u00a0&#8222;Helene St\u00f6cker war eine der wichtigsten K\u00e4mpferinnen f\u00fcr Frauenrechte in Deutschland. Sie machte sich daf\u00fcr stark, dass Frauen Schulen und Universit\u00e4ten besuchen durften, propagierte sexuelle Aufkl\u00e4rung und weibliche Selbstbestimmung. Grundlage daf\u00fcr war, dass sie Frauen und M\u00e4nner als gleichberechtigt ansah. Sie vertrat Ansichten, die auch heute noch als modern gelten:<b> <\/b>etwa dass<b> <\/b>Weiblichkeit und Bildung und Weiblichkeit und Berufst\u00e4tigkeit einander nicht ausschlie\u00dfen, ebenso wenig wie Heirat und Studium und Heirat und Berufst\u00e4tigkeit. Was f\u00fcr M\u00e4nner selbstverst\u00e4ndlich war, wollte St\u00f6cker auch f\u00fcr Frauen erreichen. Auch als M\u00fctter sollten Frauen ernstzunehmende Pers\u00f6nlichkeiten sein. So schrieb sie 1902 in &#8218;<i>Die neue Mutter&#8216;<\/i>: \u201eEs darf aus dem \u201aMutterberuf\u2018 kein Dogma gemacht werden, das die freie Entwicklung der einzelnen Frauenpers\u00f6nlichkeit hemmt.\u201c Neben ihrem Engagement als Feministin wirkte sie als Pazifistin und Publizistin.&#8220;<\/p>\n<p><b>1896 nahm sie als Frau ein Studium in Berlin auf und hatte mit massiven Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen. Welche waren das?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer:\u00a0&#8222;Frauen waren noch nicht regul\u00e4r zum Studium an Universit\u00e4ten zugelassen. St\u00f6cker geh\u00f6rte zu den ersten Studentinnen, die als Gasth\u00f6rerinnen die Berliner Friedrich-Wilhelm-Universit\u00e4t besuchen durften \u2013 vorausgesetzt, der die Vorlesung oder das Seminar haltende Professor war damit ausdr\u00fccklich einverstanden. Die \u201aStudentinnen\u2018 hatten gegen viele Vorurteile zu k\u00e4mpfen. In ihren <i>Lebenserinnerungen<\/i> schreibt St\u00f6cker dar\u00fcber. Dozenten vertraten etwa die Ansicht, Frauen zerst\u00f6rten die Universit\u00e4ten, sie seien nicht f\u00e4hig zu wissenschaftlichem Denken. Nur der Mann verf\u00fcge \u00fcber Logik, Selbst\u00e4ndigkeit im Denken und Handeln, Leistungs- und Urteilsf\u00e4higkeit, Sch\u00f6pferkraft, Originalit\u00e4t und Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<div id=\"attachment_55151\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55151 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/image001-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8211; \u00a9 Bergischen Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Bestenfalls wurden Frauen an Universit\u00e4ten ignoriert, schlimmstenfalls l\u00e4cherlich gemacht und \u00f6ffentlich herabgew\u00fcrdigt. Dass sie einen akademischen Grad erwarben, war nicht vorgesehen. Doch St\u00f6cker lie\u00df sich nicht entmutigen. Sie gr\u00fcndete 1896 den <i>Verein &#8218;Studierender Frauen&#8216;<\/i>, ein Forum, in dem Frauen Vortr\u00e4ge halten und h\u00f6ren konnten. Die Vereinsmitglieder lehnten die Anrede \u201eFr\u00e4ulein\u201c ab und pl\u00e4dierten f\u00fcr die Anrede \u201eFrau\u201c. St\u00f6cker wurde 1901 gegen alle Widerst\u00e4nde mit einer interdisziplin\u00e4ren Arbeit &#8218;<i>Zur Kunstanschauung des 18. Jahrhunderts: Von Winckelmann bis zu Wackenroder&#8216;\u00a0<\/i>bei Oskar Walzel in Bern promoviert.<\/p>\n<p><b>Sie gr\u00fcndete bereits 1905 den <i>Bund f\u00fcr Mutterschutz<\/i>, der sich f\u00fcr unverheiratete M\u00fctter und deren Kinder einsetzte. Das war au\u00dfergew\u00f6hnlich, oder?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer:\u00a0&#8222;Unbedingt. Der &#8218;<i>Bund f\u00fcr Mutterschutz&#8216;<\/i> ist ein Ergebnis des sogenannten neuen ethischen Denkens Helene St\u00f6ckers. Sie ging davon aus, dass M\u00e4nner und Frauen in ihrer Physiognomie, in ihrem Denken, F\u00fchlen, Handeln nicht gleich, aber gleichwertig seien und deswegen gleichberechtigt sein sollten. Dazu geh\u00f6rte es ihrer Ansicht nach auch, Frauen, die unehelich schwanger geworden waren, nicht zu diskriminieren, sondern zu unterst\u00fctzen. Dazu sollte auch der Kindsvater beitragen, denn St\u00f6cker sprach sich gegen die gesellschaftliche Doppelmoral aus, der zufolge dem Mann das Recht auf eine erf\u00fcllte, auch au\u00dfereheliche Sexualit\u00e4t zugesprochen wurde, der Frau aber nicht. Idealerweise sollten Mann und Frau \u2013 egal ob verheiratet oder nicht \u2013 gemeinsam f\u00fcr ihre Kinder sorgen.<\/p>\n<div id=\"attachment_55153\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 411px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55153\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/6121YJjPKdL-786x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"523\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Philosophin der Liebe &#8211; Helene St\u00f6cker&#8220; &#8211; von Annegret Stopczyk-Pfundstein &#8211; 340 Seiten &#8211; BoD Books on Demand &#8211; OSBN-10: 3831142122 &#8211; ISBN-13: 978-3831142125<\/span><\/div>\n<p>In &#8218;<i>Die Liebe der Zukunft&#8216;<\/i> von 1920 schreibt sie: \u201e\u2018Der\u2018 Mann, \u201adas\u2018 Weib, \u201ader\u2018 Typus \u2013 darf man denn im Zeitalter der tief erkannten Relativit\u00e4t aller Dinge [\u2026]: da\u00df es keine hundertprozentigen M\u00e4nner, keine hundertprozentigen Frauen gibt, sondern da\u00df wir alle nur unendlich verschiedene Mischungen von \u201aM\u2018 (Mann) und \u201aW\u2018 (Weib) sind, &#8211; darf man jetzt noch mit etwas so Unrealem, wie \u201adem Mann, \u201ader\u2018 Frau an sich argumentieren? Nein, Gott sei Dank\u201c. Das sind Gedanken, die sehr heutig anmuten. Mutterschaft begreift St\u00f6cker als soziale Leistung. Eheliche und uneheliche Kinder sollten rechtlich gleichgestellt sein, war eine ihrer Forderungen. Sie setzte sich f\u00fcr sexuelle Aufkl\u00e4rung ein, was Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung einschloss. Ledige M\u00fctter konnten Hilfe in Heimen des &#8218;<i>Bundes f\u00fcr Mutterschutz&#8216;<\/i> finden, von denen es 1912 bereits 36 gab. Auch setzten sich St\u00f6cker und ihre Mitstreiterinnen f\u00fcr die Einf\u00fchrung der Mutterschutzversicherung ein \u2013 also einer finanziellen Unterst\u00fctzung in der Zeit rund um die Geburt, dem heutigen Mutterschaftsgeld vergleichbar. Ein wichtiges Ziel war auch die Entkriminalisierung der Homosexualit\u00e4t \u2013 auch dies war sehr fortschrittlich.<\/p>\n<p><b>Nach ihrem Studium wollte sie vor allem ihre Eigenst\u00e4ndigkeit wahren und hielt u.a. Vortr\u00e4ge \u00fcber Frauenbildung und Frauenrechte, in denen sie soziale Gerechtigkeit mit individuellen Entwicklungsm\u00f6glichkeiten forderte. Manchen Zeitgenossen war sie aber auch zu radikal, oder?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer:\u00a0&#8222;Ja, Helene St\u00f6cker polarisierte. Denn das, was sie forderte, bedeutete f\u00fcr die M\u00e4nner einen Machtverlust: Die Frau sollte nicht mehr folgsame Sklavin, sondern gleichberechtigte Gef\u00e4hrtin und gleich wichtige Geliebte sein. Ihre Leistung, Kinder zu geb\u00e4ren und aufzuziehen, sollte nicht nur ideell gew\u00fcrdigt, sondern auch finanziell kompensiert werden. St\u00f6cker verlangt in ihrer Schrift &#8218;<i>Unsere Umwertung der Werte&#8216;<\/i> die M\u00f6glichkeit, als Frau \u201eZahnarzt und Rechtsanwalt\u201c zu werden. Die m\u00e4nnliche grammatische Form dr\u00fcckt die Forderung nach Gleichstellung, gesellschaftlicher Teilhabe, Einfluss und Bildung aus. Finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit von Frau und Mann sieht St\u00f6cker als Grundbedingung f\u00fcr Freiheit an.<\/p>\n<p>Der \u201eKern der Frauenfrage\u201c sei eine andere Erziehung der M\u00e4nner, schreibt sie! Immer wieder wurde sie f\u00fcr ihre Ansichten heftig attackiert, \u00f6ffentlich wie privat. Vor allem ihre Forderungen auf ein Recht auf Abtreibung riefen Gegner*innen auf den Plan \u2013 auch innerhalb des Kreises von Frauenrechtler*innen und der Mitglieder des Bundes f\u00fcr Mutterschutz. St\u00f6ckers Forderungen zufolge sollte Abtreibung nicht nur nach einer Vergewaltigung oder Sch\u00e4digung des Kindes straffrei sein, sondern auch bei zu erwartender k\u00f6rperlicher oder seelischer Krankheit des Kindes, wirtschaftlicher Not oder einer anderen Art der Gef\u00e4hrdung der Existenz von Mutter und Kind. Aber sie hatte auch viele Anh\u00e4nger*innen und stand in regelm\u00e4\u00dfigem Kontakt zu prominenten Zeitgenossen wie Sigmund Freud, Friedrich Naumann, Ricarda Huch.&#8220;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>1922 schrieb Helene St\u00f6cker ihren einzigen Roman mit dem Titel &#8218;Liebe&#8216; \u00fcber eine selbstbewusste und wirtschaftlich unabh\u00e4ngige Frau, die eine sexuelle Beziehung nur aus Liebe eingeht. Eine autobiographische Geschichte?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Anne-Rose Meyer:<\/b>\u00a0&#8222;Ja, der Roman ist tats\u00e4chlich autobiographisch grundiert. Sie erlebte selbst als junge Frau in ihrer Berliner Zeit eine amour fou mit einem Lektor f\u00fcr deutsche Sprache und Literatur, Alexander Tille. Der Pastorensohn war verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Nicht nur nach wilhelminischen Moralvorstellungen, auch nach heutigen ist das eine schwierige Situation. Helene St\u00f6cker f\u00fchlte sich sowohl k\u00f6rperlich wie geistig zu Tille hingezogen. Gemeinsame Interessen waren das Werk Friedrich Nietzsches, der Sozialismus, deutsche Lyrik und Romantik. Als Tilles Frau unerwartet starb und St\u00f6cker deren Stelle h\u00e4tte einnehmen k\u00f6nnen, schreckte sie zur\u00fcck. Sie hatte Angst, nur noch Mutter, Ehe- und Hausfrau sein zu m\u00fcssen. Ihr Geliebter war entt\u00e4uscht von ihr. Sie trennten sich und Tille starb bereits 1912 an einem Herzinfarkt.<\/p>\n<div id=\"attachment_55155\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 410px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55155 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/31m81dijkqL._SX291_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Liebe&#8220; &#8211; von Helene St\u00f6cker &#8211; Telegramme Verlag &#8211; 248 Seiten &#8211; ISBN-10: 3907198271 ISBN-13: 3907198278<\/span><\/div>\n<p>Der Roman &#8218;<i>Liebe&#8216;<\/i> verarbeitet einen vergleichbaren Konflikt zwischen dem Wunsch nach weiblicher Selbstbestimmung und Hingabe an den geliebten Mann: Robert ist ein gutaussehender, verheirateter Professor f\u00fcr Kunstgeschichte, der die junge, aufstrebende Kunststudentin Irene umgarnt. Sie verf\u00e4llt ihm, wird seine Geliebte und stellt f\u00fcr ihre Beziehung zeitweise ihre k\u00fcnstlerischen Ambitionen hintenan. Der Roman zeichnet in Form eines Tagebuchs \u2013 stellenweise aus heutiger Sicht etwas pathetisch, aber sehr lebensnah und mitrei\u00dfend \u2013 das Psychogramm einer erst hei\u00dfer, dann immer k\u00e4lter werdenden Liebe aus der Perspektive der jungen Frau nach. Dabei werden Themen wie der erste Geschlechtsverkehr und erotische Anziehung nicht ausgespart. Diese l\u00e4sst jedoch nach: Robert erweist sich als unf\u00e4hig, mit b\u00fcrgerlicher Doppelmoral zu brechen. Nicht nur l\u00e4sst er sich nicht von seiner Frau scheiden, sondern er unterh\u00e4lt auch andere Liebschaften neben der zu Irene. Diese registriert ihren allm\u00e4hlichen Ich-Verlust und findet am Schluss des Romans wieder zu ihrer Bestimmung als K\u00fcnstlerin und ihrem Leben als selbstbestimmte Frau zur\u00fcck. Aber sie beh\u00e4lt zahlreiche schmerzhafte, seelische Verletzungen zur\u00fcck.&#8220;<\/p>\n<p><b>Der Roman zeugt von einem Menschenbild liebevoller Gleichberechtigung. Sie widmete eine Ausgabe handschriftlich dem deutsch-j\u00fcdischen Paar Armin T. Wegner und Lola Landau, welches heute im Armin T. Wegner-Zimmer der Stadtbibliothek Wuppertal liegt. Sah sie ihre Fiktion in den beiden Literaten verwirklicht?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer:\u00a0&#8222;Was Selbstbestimmung und Freiheit in der Ehe anging, sicherlich. Doch war auch die Liebe zwischen Lola Landau und Armin Theophil Wegner nicht von Dauer. Sie wurde 1939 geschieden, da Landau mit ihren Kindern in Pal\u00e4stina leben wollte.&#8220;<\/p>\n<p><b>Sexualit\u00e4t geh\u00f6rte f\u00fcr St\u00f6cker \u201ezu den h\u00f6chsten Begl\u00fcckungen des Menschen\u201c. Daher sei es ihrer Meinung nach w\u00fcnschenswert \u201em\u00f6glichst vielen Menschen diese h\u00f6chste Lebensfreude zug\u00e4nglich zu machen\u201c. Das war f\u00fcr damalige Moralvorstellungen der Supergau, oder?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer: &#8222;Es war f\u00fcr breite Kreise h\u00f6chst schockierend, was St\u00f6cker zu Sex zu sagen hatte. Einvernehmlich sollte er sein, auch die Frau solle Befriedigung finden. Unerh\u00f6rt! Aber St\u00f6cker ging es bei ihrer Auseinandersetzung mit k\u00f6rperlicher Liebe nicht nur ums Bett. Sie strebte nach H\u00f6herem. In ihrer Schrift &#8218;<i>Die Liebe der Zukunft&#8216;<\/i> von 1920 vertritt sie die Ansicht, dass eine gleichberechtigte, harmonische Beziehung zwischen Mann und Frau die Keimzelle f\u00fcr eine bessere, eine \u201ewahrhaft menschliche Gemeinschaft der Zukunft\u201c sei. Dies schlie\u00dft auch ein erf\u00fclltes Sexualleben ein. Sie kritisiert offen eine rein m\u00e4nnliche Gesellschaft, die \u201eeine Geschlechtsherrschaft\u201c sei.&#8220;<\/p>\n<p><b>Sie war eine sehr streitbare Frau, die immer offen Ihre Meinung vertrat. Musste die deswegen 1933 fliehen?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer: &#8222;Helene St\u00f6cker war nicht nur Frauenrechtlerin, sondern auch Pazifistin. Als solche hatte sie bereits den 1. Weltkrieg verurteilt. Die Wiederaufr\u00fcstung erf\u00fcllte sie mit Sorge. Nach der Reichstagswahl 1933 ging sie in die Schweiz. Sie war zu diesem Zeitpunkt keiner konkreten Bedrohung oder Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt, aber sah in Deutschland auch keine M\u00f6glichkeit mehr sich politisch frei zu entfalten. Auch hatte sie bereits fr\u00fch mit Schrecken den wachsenden Antisemitismus registriert. In Deutschland hielt sie nichts mehr.&#8220;<\/p>\n<p><b>\u00dcber die Schweiz nach Schweden, weiter \u00fcber die Sowjetunion und Japan in die Vereinigten Staaten, starb sie 1943 verarmt an einer Krebserkrankung in New York City. Seit 2014 gibt es in der Schulstra\u00dfe ein Helene-St\u00f6cker-Denkmal nach einem Entwurf von Ulle Hees und Frank Breidenbruch. Was ist ihr Verm\u00e4chtnis an uns heute?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Anne-Rose Meyer:\u00a0&#8222;Unsere Gesellschaft ist ganz wesentlich von Helene St\u00f6cker gepr\u00e4gt. Vorbildlich ist, wie sie sich in einem frauenfeindlichen Umfeld, wie es die damaligen Universit\u00e4ten waren, durchsetzte und ihre Doktorarbeit schrieb und verteidigte. Gerade in der heutigen Zeit ist Gleichberechtigung im Beruf, in der Ausbildung und im Studium immer noch ein zentrales Thema. Durch Corona ist das f\u00fcr viele wieder sehr pr\u00e4sent geworden. Der finanzielle Ausgleich f\u00fcr Frauen, die sich verst\u00e4rkt der Kindererziehung widmen, wird heute breit diskutiert, wenn auch immer noch nicht in ausreichendem Ma\u00df vollzogen. Hier k\u00f6nnen St\u00f6ckers Schriften als Mahnungen wirken! Sie vertrat allerdings nie die Ansicht, eine Frau solle nur Mutter sein. Ihr Ideal war das der durch einen Beruf im positiven Sinne geforderten und erf\u00fcllten Frau, die selbstverst\u00e4ndlich auch Kinder bekommt und diese mit ihrem Mann in gerechter Arbeitsteilung aufzieht.<\/p>\n<p>Wir profitieren heute in unserer Gesellschaft davon, dass Helene St\u00f6cker das weibliche Recht auf sexuelle Selbstbestimmung propagiert und dass sie uns gezeigt hat, wie wichtig es ist, K\u00f6rperlichkeit und Lust sowohl bei M\u00e4nnern wie bei Frauen ernst zu nehmen. Dass eine gleichberechtigte, harmonische Sexualit\u00e4t nicht nur etwas Privates, Individuelles, sondern auch einen gesellschaftlichen Grundwert darstellt, ist eine Einsicht, die wir St\u00f6cker verdanken. Ihr Eintreten f\u00fcr die Rechte Homosexueller und ihr Denken, das Gegens\u00e4tze zwischen M\u00e4nnern und Frauen einerseits voraussetzte, andererseits aber auch aufbrach, wirkt heute eminent modern und sollte unter Vorzeichen der zeitgen\u00f6ssischen gender studies noch einmal betrachtet werden. Nicht zuletzt ihr Eintreten f\u00fcr den Weltfrieden macht sie zu einer wichtigen Denkerin auch f\u00fcr die heutige Zeit.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_55162\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 234px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55162 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/Foto_Meyer_Anne-Rose-3-2.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"245\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Anne-Rose Meyer &#8211; \u00a9 Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Anne-Rose Meyer<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Anne-Rose Meyer studierte Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft, Neuere Germanistik und Romanistik an der Universit\u00e4t Bonn und promovierte ebd. 2000. Anne-Rose Meyer habilitierte sich 2009 an der Universit\u00e4t Paderborn. 2018 wird sie zur apl. Professorin an der Bergischen Universit\u00e4t ernannt. Sie lehrt Neuere deutsche Literatur in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Naturwissenschaften ebenda.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Helene St\u00f6cker war Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin und Publizistin. Sie wurde am 13.11.1869 in Elberfeld geboren und starb am 24.02.1943 in New York. 1922 ver\u00f6ffentlichte sie  &#8222;Liebe&#8220;, ihren einzigen Roman. Dar\u00fcber hat Autor Uwe Blass in der Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen-Interview mit Pof. Dr. Anne-Rose Meyer unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-55146","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-30 17:43:25","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55146"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55164,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55146\/revisions\/55164"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}