{"id":55039,"date":"2022-08-30T11:51:38","date_gmt":"2022-08-30T09:51:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=55039"},"modified":"2022-08-30T11:51:38","modified_gmt":"2022-08-30T09:51:38","slug":"die-bedeutung-der-zivilgesellschaft-im-katastrophenfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/08\/30\/die-bedeutung-der-zivilgesellschaft-im-katastrophenfall\/","title":{"rendered":"\u201eDie Bedeutung der Zivilgesellschaft im Katastrophenfall\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_55041\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 920px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55041\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Tackenberg_Lukas.jpeg\" alt=\"\" width=\"910\" height=\"608\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Fertigten eine Studie \u00fcber das Thema &#8222;Zivilgesellschaft im Katastrophenfall&#8220; an: Bo Tackenberg (l.) und Dr. Tim Lukas &#8211; \u00a9 Foto: Bo Tackenberg<\/span><\/div>\n<p>Christiane Schneider hat im vergangenen Jahr alles verloren. Die Betreiberin des Ausflugslokals Landhaus Bilstein ist eines der prominenten Wuppertaler Beispiele der verheerenden Hochwasserkatastrophe im Bergischen Land.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Christiane Schneider hat in ihrer Not aber auch sehr viel Hilfe von Nachbarn, Freunden und auch Fremden erhalten, die sich einfach auf den Weg machten, um zu helfen, wo es n\u00f6tig war. Die nachbarschaftliche Unterst\u00fctzungsbereitschaft setzte in vielen F\u00e4llen bereits ein, bevor beh\u00f6rdliche Stellen \u00fcberhaupt vor Ort waren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>An der Bergischen Universit\u00e4t untersuchen Dr. Tim Lukas und Bo Tackenberg vom Lehrstuhl f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit in einem neuen Projekt diese spontane Nachbarschaftshilfe, die die Wissenschaftler Sozialkapital nennen und deren Einsatz im Krisenfall eine wichtige Ressource f\u00fcr den kommunalen Bev\u00f6lkerungsschutz darstellen kann.<\/p>\n<h4>Gesellschaftliches Zusammenleben = Sozialraum<\/h4>\n<p>\u201eEs gibt von St\u00e4dten beispielsweise administrative geographische Gebietseinteilungen, die als Sozialr\u00e4ume bezeichnet werden\u201c, sagt Bo Tackenberg, Mitarbeiter im Forschungsprojekt &#8222;Entwicklung eines Sozialkapital-Radars f\u00fcr den sozialraumorientierten Bev\u00f6lkerungsschutz&#8220;, kurz Sokapi-R genannt, doch diese Umschreibung treffe den Begriff nicht ganz, denn Sozialr\u00e4ume seien eher Bereiche, in denen gesellschaftliches Zusammenleben stattfinde.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>\u201eMan kann Menschen nicht einfach geographisch abstecken\u201c, erkl\u00e4rt der Wissenschaftler, \u201edenn Menschen k\u00f6nnen in mehreren unterschiedlichen geographischen R\u00e4umen Aktivit\u00e4ten nachgehen und soziale Beziehungen pflegen, so dass die geographischen Grenzen verschwimmen\u201c, und Tim Lukas, Leiter des Projektes, erg\u00e4nzt: \u201eSozialr\u00e4ume k\u00f6nnen Stadtquartiere sein, es kann aber auch der Arbeitsplatz oder ein Verein sein. Sozialr\u00e4ume sind R\u00e4ume, in denen Menschen soziale Beziehungen miteinander eingehen.\u201c<\/p>\n<p>Fr\u00fcher waren St\u00e4dte lediglich statistisch gegliedert, d.h. es gab z.B. den Stadtbezirk Elberfeld, den man wiederum in einzelne Quartiere unterteilte, also kleinere r\u00e4umliche Einheiten. Das \u00e4nderte sich in den 1990er Jahren durch stadtsoziologische Forschungen, erl\u00e4utert Lukas, wodurch man erkannt habe, dass die Grenzen dieser Bezirke oder Stadtteile nicht unbedingt immer deckungsgleich seien mit den Bereichen, in denen sich die Menschen verorten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eEine gro\u00dfe Stra\u00dfe in meinem Stadtteil ist nicht gleich das Ende meines statistischen Bezirks, aber gef\u00fchlt ist das, was dahinterliegt, nicht mehr meine Nachbarschaft. Das liegt f\u00fcr mich schon auf der anderen Seite. Ich gehe da nicht einkaufen, weil mein Supermarkt auf meiner Seite der Stra\u00dfe liegt. Und deshalb hat man gesagt, wir brauchen eine stadtgeographische Einteilung, die sich st\u00e4rker an der Wahrnehmung der Menschen und ihrer Lebensrealit\u00e4t orientiert. Und damit kam der Gedanke vom Sozialraum auch in die st\u00e4dtische Statistik hinein.\u201c<\/p>\n<h4>Ein Sozialkapital-Radar f\u00fcr Wuppertal<\/h4>\n<p>Seit Sommer 2021 bearbeiten die beiden Forscher das durch das Bundesamt f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gef\u00f6rderte Projekt &#8222;Sokapi-R&#8220;. Als ein Werkzeug f\u00fcr den professionellen Bev\u00f6lkerungs- und Katastrophenschutz m\u00f6chten die Wissenschaftler eine Art Dashboard entwickeln, mit dem sich die nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft im Wuppertaler Stadtgebiet ablesen und im Falle eines Falles sinnvoll koordinieren l\u00e4sst.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_55045\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 762px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-55045\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/1810693-01-1024x731.jpeg\" alt=\"\" width=\"752\" height=\"537\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Auch der Fahrer dieses PKW um Bereich Rutenbecker Weg war auf fremde Hilfe angewiesen- \u00a9 Achim Otto<\/span><\/div>\n<p>\u201eWir m\u00f6chten anschlie\u00dfend Handlungsempfehlungen f\u00fcr den Bev\u00f6lkerungsschutz formulieren, die dann auch st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung in der Risikoanalyse des Bev\u00f6lkerungsschutzes finden sollen\u201c, sagt Tackenberg, denn der bisherige Leitfaden, der den Kommunen zur Verf\u00fcgung stehe, ber\u00fccksichtige die nachbarschaftliche Unterst\u00fctzungsbereitschaft nur sehr eingeschr\u00e4nkt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWir haben in den vergangenen Katastrophen h\u00e4ufig gesehen, dass bei der Bew\u00e4ltigung gerade die nachbarschaftliche Hilfe ganz zentral ist.\u201c Das Starkregenereignis des letzten Jahres und die Geschehnisse im Ahrtal h\u00e4tten die Grenzen des Bev\u00f6lkerungsschutzes deutlich gemacht und die Bedeutung der Zivilgesellschaft hervorgehoben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eEinerseits sind es die Betroffenen selbst, die sich untereinander helfen\u201c, z\u00e4hlt Tackenberg auf, \u201eaber es sind auch andere Menschen, die sich betroffen f\u00fchlen, Mitgef\u00fchl haben und sagen, wir m\u00fcssen uns dort engagieren. Diese Menschen nehmen sogar weite Strecken auf sich, um den Leuten vor Ort zu helfen.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ziel des Projektes ist es daher, ein Instrument zu entwickeln, das die Bew\u00e4ltigungsressourcen im gesamten Stadtgebiet aufzeigen kann. Im Ernstfall k\u00f6nne so der professionelle Katastrophenschutz schnell erkennen, wo Menschen die M\u00f6glichkeit haben, sich erst einmal selbst zu helfen, damit die vorhandenen Reserven dann anderweitig eingeplant werden k\u00f6nnen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eDer Bev\u00f6lkerungsschutz soll so in Zukunft noch bevor ein Ereignis entsteht, Kenntnisse \u00fcber das Leben in den einzelnen Quartieren erhalten, um die Ressourcen besser auszuloten.\u201c<\/p>\n<h4>Risikoanalyse im Bev\u00f6lkerungsschutz ist Pflicht einer jeden Stadt<\/h4>\n<p>Nachbarn sind in der Regel noch vor der Feuerwehr und dem THW vor Ort, wei\u00df Lukas, sie seien \u00fcblicherweise die ersten Helfer. Die Risikoanalysen f\u00fcr den Bev\u00f6lkerungsschutz, eine Pflichtaufgabe jeder Stadt, ber\u00fccksichtige diese Tatsache jedoch kaum. \u201eWenn sie sich dieses Vorgehen anschauen, da geht es nur darum, wie viele Fahrzeuge von welchem Typ habe ich, wie viele Gulaschkanonen halte ich vor, wie viele Feldbetten kann ich aufbauen. Da ist der Katastrophenschutz gut drin\u201c, betont Lukas und f\u00e4hrt fort, \u201eaber er ist weniger gut darin, sich mit lokalen Akteuren zu vernetzen.\u201c<\/p>\n<p>Dabei wisse ein Nachbar sehr viel mehr \u00fcber die Lage vor Ort, \u00fcber die Anzahl der Erwachsenen und Kinder eines Hauses, \u00fcber kranke Mitbewohner oder auch Tiere in den Wohnungen. Nachbarschaftliche Unterst\u00fctzungsbereitschaft k\u00f6nnte in solchen F\u00e4llen in der Krankenbetreuung oder der Versorgung mit Lebensmitteln liegen: \u201eEs geht um ungenutztes Wissen und um ungenutzte Kapazit\u00e4ten auf Seiten der Bev\u00f6lkerung.\u201c<\/p>\n<h4>Erkenntnisse des Vorprojektes flie\u00dfen in die neue Studie mit ein<\/h4>\n<p>Bereits im Vorl\u00e4ufer zu diesem neuen Projekt hatten sich die Wissenschaftler in einer Befragung mit dem sozialen Zusammenhalt und der Unterst\u00fctzungsbereitschaft der Menschen in den Sozialr\u00e4umen Wuppertals besch\u00e4ftigt und festgestellt, dass diese Bereitschaft im Stadtgebiet sehr unterschiedlich ausgepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>\u201eIn unserem neuen Projekt m\u00f6chten wir diese Erkenntnisse und Analysen vertiefen. Dazu schauen wir uns die Einfl\u00fcsse in den sozialen R\u00e4umen genauer an\u201c, erl\u00e4utert Tackenberg das Vorgehen. Mit dieser Herangehensweise \u2013 die Forscher nennen es \u201eanwendungsorientierte Grundlagenforschung\u201c \u2013 wollen sie die beteiligten Akteure besser vernetzen, um eine st\u00e4rkere Nutzbarmachung f\u00fcr den Bev\u00f6lkerungsschutz zu erzielen, erg\u00e4nzt Lukas.<\/p>\n<div id=\"attachment_55046\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 763px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-55046\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/1eccc631-09dc-424a-8c34-40f82278d6b9-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"753\" height=\"582\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Wuppertaler Bundestagsabgeordnete Helge Lindh packte spontan bei den Aufr\u00e4umarbeiten nach der letzten Hochwasserkatastrophe mit an &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>\u201eIn den Empfehlungen des Vorprojektes haben wir circa 50 Ma\u00dfnahmen formuliert, wie sich der soziale Zusammenhalt st\u00e4rken l\u00e4sst, insbesondere durch die kooperative Arbeit unterschiedlicher Organisationen. Da sind dann auch Ma\u00dfnahmen zu zivilgesellschaftlichen Kooperationen, Kommunikationsstrategien, der Abbau von Ungleichheiten oder die F\u00f6rderung von Toleranz enthalten, die das Leben der Menschen in den Quartieren verbessern k\u00f6nnen\u201c, sagt Tackenberg.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Man m\u00fcsse das Klima an bestimmten Orten bereits im Vorfeld eines Katastrophenereignisses verbessern und versuchen, dass die Menschen mehr in Kontakt miteinander k\u00e4men. Lukas nennt ein Beispiel in Oberbarmen. Dort gibt es ein Quartiersb\u00fcro.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eDie machen phantastische Arbeit da, bringen die Leute zusammen und aktivieren die Bev\u00f6lkerung. Das hat nicht nur einen Mehrwert f\u00fcr das allt\u00e4gliche Leben der Menschen dort, sondern es hat auch einen Mehrwert f\u00fcr den Bev\u00f6lkerungsschutz.\u201c<\/p>\n<h4>Studie unterst\u00fctzt staatliches Krisenmanagement<\/h4>\n<p>Die Anwendung der Projektergebnisse ist den Wissenschaftlern das gr\u00f6\u00dfte Anliegen. Als Bundesprojekt angelegt, werde die Erhebung zwar ausschlie\u00dflich in Wuppertal umgesetzt, solle aber langfristig auch bundesweit das staatliche Krisenmanagement unterst\u00fctzen. \u201eWichtig ist es\u201c, betont Lukas, \u201eZusammenh\u00e4nge zwischen dem Bev\u00f6lkerungsverhalten in der Krise und Katastrophe und den sozialstrukturellen Bedingungen in den Stadtteilen zu verstehen. Dieses Wissen wird mit anderen Kommunen geteilt. Jede gr\u00f6\u00dfere Stadt hat ein Amt f\u00fcr Statistik, das alle f\u00fcr die Etablierung eines solchen Dashboards erforderlichen Sozialstrukturdaten erhebt und laufend aktualisiert.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auch die Erfahrungen vergangener Jahre flie\u00dfen in diese Studie mit ein, denn Probleme in einzelnen Stadtteilen ver\u00e4ndern sich nicht von heute auf morgen, sondern \u00fcberdauern oft Jahrzehnte.<\/p>\n<h4>Bev\u00f6lkerungsbefragung: Suche nach dem bestm\u00f6glichen gemeinsamen Nenner<\/h4>\n<p>Anfang September ist es nun soweit. Neben einer Onlinebefragung erhalten auch knapp 7.000 zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte Haushalte per Post den neu erstellten Fragebogen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWir machen also auch eine schriftlich-postalische Bev\u00f6lkerungsbefragung und hoffen auf eine rege Beteiligung der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Damit auch die ausl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung Wuppertals teilnehmen kann, wird die Befragung mehrsprachig, in vier weitere Sprachen, \u00fcbersetzt\u201c, erkl\u00e4rt Tackenberg.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_52589\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 761px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-52589\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/2015.10.13-Beyenburg-Kloster-5-1024x630.jpg\" alt=\"\" width=\"751\" height=\"462\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Bruder Dirk, der M\u00f6nch im Kreuzherrenkloster Beyenburg, unterst\u00fctze wochenlang die Opfer der Hochwasserkatastrophe &#8211; \u00a9 Monika Asmus<\/span><\/div>\n<p>Aus Erfahrungen wisse man, dass die Beteiligung ausl\u00e4ndischer B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger an solchen Umfragen h\u00e4ufig sehr gering sei. Das mache spezifische Aussagen schwierig und doch wisse man aus der Forschung, \u201edass es starke soziale Bindungen innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe und Netzwerke gibt, die sich gegenseitig unterst\u00fctzen\u201c, sagt Lukas.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWenn die Quartiersstrukturen aber sehr heterogen sind, ist die Herausforderung um einiges gr\u00f6\u00dfer, und da muss auch der Bev\u00f6lkerungsschutz drauf achten.\u201c Selbst wenn die Ergebnisse eine geringere Unterst\u00fctzungsbereitschaft in einzelnen Sozialr\u00e4umen belegen w\u00fcrden, erkl\u00e4rt Tackenberg, hei\u00dfe das nicht, dass im Ungl\u00fccksfall nicht doch eine hohe Bereitschaft vorhanden sei.<\/p>\n<p>\u201eMan hat eigentlich immer ein sehr stark ausgepr\u00e4gtes prosoziales Verhalten in Katastrophen. Katastrophen aktivieren auch gesellschaftlichen Zusammenhalt.\u201c Anhaltende Krisen k\u00f6nnten dagegen auf lange Sicht Konfliktlagen versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Schwierig sind Empfehlungen f\u00fcr Gemeinschaften oft deshalb, weil deren Individuen auch immer h\u00f6chst unterschiedlich sind.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWenn wir uns den Fragebogen anschauen, dann ist damit zu rechnen, dass nat\u00fcrlich jeder individuell antwortet\u201c, sagt Tackenberg. \u201eWir m\u00f6chten dann sehen, ob vielleicht doch bestimmte Muster vorhanden sind. Dazu verwenden wir besondere statistische Pr\u00fcfverfahren, die dieser Problematik Rechnung tragen. Es ist die Suche nach dem bestm\u00f6glichen gemeinsamen Nenner. Und wenn man diesen gemeinsamen Nenner findet, kann man auf Basis dieses Nenners eine Handlungsempfehlung formulieren.\u201c<\/p>\n<h4>Einbindung der zivilen Unterst\u00fctzungsbereitschaft in das Krisenmanagement<\/h4>\n<p>Ausgangspunkt des Gesamtprojektes ist der tats\u00e4chliche Zusammenhalt in sozialen Gemeinschaften, der in Krisensituationen besonders sichtbar wird. Daher m\u00fcsse, so die Fachmeinung der Wissenschaftler, der Bev\u00f6lkerungsschutz die Zivilbev\u00f6lkerung st\u00e4rker als bisher in ihre Prozesse einbinden, um Erm\u00fcdungserscheinungen in der Hilfsbereitschaft vorzubeugen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Krisen der vergangenen Jahre haben auch die Helfenden oft an ihre Grenzen gebracht. 2015 die Fl\u00fcchtlingslage mit einer b\u00fcrgerlich einsetzenden Willkommenskultur, die Flutkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr, Corona und der Krieg in der Ukraine mit all seinen Auswirkungen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Damit die Hilfsbereitschaft der Menschen auch weiterhin bestehen bleibe, brauche es eine Wertsch\u00e4tzung und Einbindung in das staatliche Krisenmanagement, das sich der Bedeutung der zivilgesellschaftlichen Unterst\u00fctzungsbereitschaft zunehmend bewusst werde. \u201eMan redet nicht ohne Grund von einer Neuausrichtung des Katastrophenschutzes und des Zivilschutzes in Deutschland\u201c, sagt Lukas.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eAuch mit der Kriegslage und den Folgen der Gas- und Energiekrise ergeben sich da neue Herausforderungen. Das h\u00e4ngt ja alles zusammen und dadurch bekommt unsere Forschung nat\u00fcrlich auch einen anderen Stellenwert. Wir haben unser Projekt kurz nach den Geschehnissen im Ahrtal begonnen und es hat seitdem gro\u00dfe Resonanz erfahren.\u201c<\/p>\n<h4>Verbesserung der Lebensverh\u00e4ltnisse in Sozialr\u00e4umen durch Partner<\/h4>\n<p>\u201eWenn die Lebensverh\u00e4ltnisse in den Sozialr\u00e4umen verbessert werden, dann ist von einer gr\u00f6\u00dferen zivilgesellschaftlichen Unterst\u00fctzungsbereitschaft auszugehen\u201c, sagt Tackenberg. Indem der Katastrophenschutz daran mitwirkt, k\u00f6nne auch er davon zuk\u00fcnftig profitieren. Es ben\u00f6tige jedoch Zeit, um ein neues Rollenverst\u00e4ndnis zu entwickeln. \u201eDie Erkenntnis von Unterschieden in der Hilfsbereitschaft der Zivilbev\u00f6lkerung sowohl im Alltag, als auch in Krisen und Katastrophen ist da ein wichtiger Ansatz.\u201c<\/p>\n<p>Im Projekt Sokapi-R arbeiten die Wissenschaftler eng mit dem Deutschen Roten Kreuz zusammen. \u201eEs ist f\u00fcr uns immens wichtig, dass wir einen Praxispartner dabeihaben\u201c, betont Lukas, \u201ewir kooperieren mit dem Generalsekretariat des DRK in Berlin. Das DRK ist ja in Verb\u00e4nden organisiert und es ist wichtig, dass wir das, was wir entwickeln, mit ihren Kompetenzen abgleichen. Sie bringen dazu die Erfahrungen aus anderen Projekten zum sozialraumorientierten Bev\u00f6lkerungsschutz mit und k\u00f6nnen Handlungsbedarfe der Praxis besser absch\u00e4tzen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zudem geht es darum, dass wir auch in den Kommunen Menschen erreichen, die mit unserem Tool vor dem Hintergrund ihrer professionellen Ausrichtung arbeiten k\u00f6nnen.\u201c Dazu nehmen die Wissenschaftler an zahlreichen Veranstaltungen teil und werben in den Verwaltungen f\u00fcr ihr Projekt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich stehen die Kommunen vor enormen Herausforderungen. Die Digitalisierung der Verwaltung, die Verkehrswende oder die Anpassung an den Klimawandel sind Mammutaufgaben, denen sich die St\u00e4dte stellen m\u00fcssen. Aber auch die Forschung des Lehrstuhls f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz wird in Zeiten, in denen die Anzahl der Krisen, Katastrophen und extremen Wetterereignisse stetig zunimmt, immer wichtiger. Die Kommunen werden sich damit zuk\u00fcnftig mehr und mehr auseinandersetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und dann hat die Unterst\u00fctzungsbereitschaft der Menschen auch noch einen weiteren, sehr wichtigen sozialen Aspekt, den die eingangs geschilderte Gastronomin in einem Interview wie folgt beschreibt: \u201eEs kamen viele als Fremde, die als Freunde gegangen sind.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<h4>\u00dcber Dr. Tim Lukas und Bo Tackenberg<\/h4>\n<p>Dr. Tim Lukas leitet die Forschungsgruppe R\u00e4umliche Kontexte von Risiko und Sicherheit am Lehrstuhl f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit in der Fakult\u00e4t Maschinenbau und Sicherheitstechnik der Bergischen Universit\u00e4t. Bo Tackenberg, M.A., ist wissenschaftlicher Projektmitarbeiter in der Forschungsgruppe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Tim Lukas und Bo Tackenberg vom Lehrstuhl f\u00fcr Bev\u00f6lkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit forschen zu nachbarschaftlicher Unterst\u00fctzungsbereitschaft. Autor Uwe Blass hat sich im Rahmen der Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit den Wissenschaftlern unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-55039","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-01 10:10:30","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55039"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":55049,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55039\/revisions\/55049"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55039"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}