{"id":54655,"date":"2022-08-16T17:03:13","date_gmt":"2022-08-16T15:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=54655"},"modified":"2022-08-16T17:03:13","modified_gmt":"2022-08-16T15:03:13","slug":"hatten-wir-uns-zu-sehr-an-den-frieden-gewoehnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/08\/16\/hatten-wir-uns-zu-sehr-an-den-frieden-gewoehnt\/","title":{"rendered":"Hatten wir uns zu sehr an den Frieden gew\u00f6hnt?"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_54659\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-54659\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Foto-Imbusch1-2-1024x837.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"837\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Uni-Prof Dr. Peter Imbusch &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p><b>Sie besch\u00e4ftigen sich an ihrem Lehrstuhl zur Politischen Soziologie mit der Konflikt- und Gewaltforschung und dabei u.a. mit den m\u00f6glichen Erkl\u00e4rungsmustern f\u00fcr Makro-Gewalt wie Terrorismus, Genozide und Kriege. Der Ukrainekonflikt schwelt schon seit Jahren, und Diplomaten warnten auch vor einer Eskalation. Warum hat Europa nicht fr\u00fcher reagiert?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Peter Imbusch: &#8222;Die Wahrnehmung, dass Europa zu sp\u00e4t reagiert habe, bezieht sich ja auf den aktuellen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Es gab durchaus Reaktionen auf die b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nde im Osten der Ukraine und auf die Annexion der Krim durch Russland. Erst der aktuelle Krieg hat aber offensichtlich das Fass zum \u00dcberlaufen gebracht und im Westen zu einer anderen Lagebeurteilung sowie der Einsicht gef\u00fchrt, dass das bisherige Engagement mit Sanktionen nicht mehr ausreicht. Damit war zugleich eine andere Einstufung des Gef\u00e4hrdungspotenzials Europas durch Russland verbunden. Bei den vergleichsweise niedrigschwelligeren Interventionen Russlands vor dem Ausbruch des aktuellen Konflikts w\u00e4re eine heftigere Reaktion des Westens auch v\u00f6lkerrechtlich schwierig gewesen. Au\u00dferdem darf nicht vergessen werden, dass der Westen (also v.a. Westeuropa bzw. die EU und die USA) seit den 2010er Jahren die pro-westlichen politischen Kr\u00e4fte in der Ukraine immer \u2013 teils massiv \u2013 unterst\u00fctzt hat.&#8220;<\/p>\n<p><b>Eigentlich sollten wir doch aus der Geschichte lernen. Aber Kriege kann man nicht lenken. Gibt es M\u00f6glichkeiten, die Gewaltspirale zu stoppen?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Peter Imbusch: &#8222;Ja, ich glaube, man kann und sollte aus der Geschichte lernen. Die erste und wichtigste Lektion w\u00e4re vielleicht die Einsicht, dass Krieg immer Tod, Zerst\u00f6rung, Leiden, Vernichtung oder Verst\u00fcmmelung von Menschen und G\u00fctern bedeutet und dieses betr\u00e4chtliche politische, soziale und \u00f6konomische Folgen hat. Bei den aktuellen Debatten in Deutschland und dem wiederkehrenden Erstaunen, dass in Kriegen Menschen umkommen, sieht man sehr gut, wie sehr wir uns an den Frieden gew\u00f6hnt und ihn quasi als das Normale betrachtet haben. Und das, obwohl es \u00fcber die letzten Jahrzehnte viele Kriege gegeben hat \u2013 nur waren die geografisch weiter entfernt und wurden hierzulande von weniger Empathie und Betroffenheit begleitet. Allerdings waren das auch weniger klassische Kriege als Auseinandersetzungen zwischen Staaten, die von bewaffneten Einheiten gegen andere bewaffnete Einheiten gef\u00fchrt wurden, sondern B\u00fcrgerkriege. Soziologisch gesprochen ist der Krieg ein \u201etotales soziales Ph\u00e4nomen\u201c (\u00c9mile Durkheim). Trotz aller \u201aZivilisierung\u2018 von Kriegen durch das Kriegsv\u00f6lkerrecht ist der Krieg eine Gei\u00dfel der Menschheit geblieben, die Zivilisationsfortschritte der Menschen sind in dieser Hinsicht bescheiden geblieben, zumindest k\u00f6nnen sie schnell r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Die zweite Lektion ist diejenige, dass Kriege nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern eine Vorgeschichte haben, die erkennbar ist; Kriege sind vermeidbar und nichts Naturw\u00fcchsiges, sondern sie werden wegen bestimmter Interessen oder Ideologien gef\u00fchrt, sie bringen Feindbilder hervor und verst\u00e4rken Bedrohungswahrnehmungen. Auch das sieht man im Ukraine-Konflikt sehr sch\u00f6n, wie wir in \u00fcberlebt geglaubte Rhetoriken des Kalten Krieges abdriften, wie leicht alte Freund-Feind-Schemata wiederbelebt werden k\u00f6nnen, wie dichotomisches und manich\u00e4isches Denken wieder um sich greift \u2013 und wie schnell alte Gewissheiten unter dem Eindruck des Krieges zerbr\u00f6seln.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das alles geht mit betr\u00e4chtlichen Wahrnehmungsverzerrungen der jeweils gegnerischen Seite einher, die sich im Kriegsverlauf noch zuspitzt. Wir wissen, wer die \u201aGuten\u2018 und die \u201aB\u00f6sen\u2018 sind, obwohl das nicht leicht feststellbar ist und die diesbez\u00fcglichen Konturen durchaus unscharf sind. Das Nachdenken \u00fcber die Frage, auf welcher Seite wir zu stehen haben, mit welchen Zielen der Westen, die Ukraine und Russland jeweils unterwegs sind und was genau zum Angriff Russlands auf die Ukraine gef\u00fchrt hat \u2013 also klassische Kriegsursachenforschung \u2013, wird ja durch den Angriffskrieg von Putin und den Opferstatus der Ukrainer sofort konterkariert.<\/p>\n<p>Die dritte Lektion ist die, dass Kriege beispiellose Gewaltpotenziale freisetzen, ihnen kaum kontrollierbare Eskalationsprozesse und Gewaltspiralen inh\u00e4rent sind und sie nur schwer zu stoppen sind, wenn sie einmal begonnen wurden \u2013 insbesondere dann, wenn Krieg wieder als Mittel der Politik betrachtet wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht m\u00f6glich w\u00e4re, den Krieg zu beenden. Schon Georg Simmel hat in seiner Soziologie des Konflikts auf die verschiedenen Wege hingewiesen, wie Kriege beendet werden k\u00f6nnen. Ob Kriege wirklich beendet werden, h\u00e4ngt jedoch von zahlreichen Faktoren und den Einsch\u00e4tzungen und Kalk\u00fclen der Konfliktparteien, den angestrebten Kriegszielen und der Verhandlungsbereitschaft der Kriegsparteien ab.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ein Krieg fortschreitet und je brutaler er gef\u00fchrt wird, desto weniger Aussichten auf Friedensverhandlungen oder eine sp\u00e4tere Vers\u00f6hnung ist zu erwarten. Und Waffenlieferungen aller Art, wie sie der Westen momentan vornimmt, mag zwar dem an sich hoffnungslos unterlegenen ukrainischen Milit\u00e4r helfen, sich zu verteidigen, aber es verl\u00e4ngert gleichzeitig die Kriegshandlungen und das damit verbundene Leid. Mit fortschreitender Dauer des Krieges und den massiven Waffenlieferungen des Westens ver\u00e4ndern sich allerdings auch die Kriegswahrnehmungen und die Kriegsziele der beteiligten Parteien und es weicht beizeiten auch der Realismus in Bezug auf die M\u00f6glichkeiten, sodass sich Kriege auch deshalb unn\u00f6tig verl\u00e4ngern k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Alle reden st\u00e4ndig vom Frieden, aber Gewalt und \u201ekleine Kriege\u201c erleben wir jeden Tag. Ist der Mensch vielleicht nicht f\u00fcr den Frieden gemacht?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Peter Imbusch: &#8222;Das w\u00fcrde ich nicht so sagen. Menschen sind zwar nicht von Natur aus gleich friedfertige Wesen, aber wenn Gewalt stattfindet, dann hat das in der Regel spezifische Ursachen, die recht zuverl\u00e4ssig erforscht sind. Allerdings hat der bisherige Zivilisationsprozess, den Norbert Elias in seinem Hauptwerk eindrucksvoll beschrieben hat, auch nicht dazu gef\u00fchrt, dass keine Gewalt mehr in der Gesellschaft stattfindet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt scheint mir die Firniss der Zivilisation d\u00fcnn zu sein und ich glaube, dass unter bestimmten Bedingungen jeder Mensch gewaltt\u00e4tig sein bzw. werden k\u00f6nnte. Gewalt kann nur dann weitgehend vermieden werden, wenn die politischen, soziokulturellen, \u00f6konomischen und institutionellen Konstellationen einer Gesellschaft so beschaffen sind, dass Gewalt eingehegt und nicht belohnt wird. Im Gegensatz zu diesen Formen der Mikro-Gewalt handelt es sich bei Kriegen jedoch um Formen der Makro-Gewalt, die ganz andere Charakteristika und Funktionsprinzipien aufweisen. Die Soziologie hat ja das Thema Krieg weitgehend vernachl\u00e4ssigt und den \u201eTraum von der gewaltfreien Moderne\u201c (Hans Joas) getr\u00e4umt, also sich der Vorstellung hingegeben, dass es Modernisierung und Zivilisierung schon richten werden und die Gewalt \u00fcberfl\u00fcssig machen. Das ist bekanntlich eine M\u00e4r und nicht geschehen \u2013 besonders, wenn man an die kriegerischen Formen der Gewalt denkt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_54662\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-54662\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/0f218109-03ba-483d-9f79-6a42e34773a5-1024x641.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"641\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Friedensdemo in Wuppertal auf dem neuen D\u00f6ppersberg &#8211; \u00a9 Stand With UA<\/span><\/div>\n<p>Sicher ist aber wohl auch, dass der Mensch nicht zum Krieg f\u00fchren gemacht ist. Denn f\u00fcr das T\u00f6ten im Krieg muss die nat\u00fcrliche Hemmung zum Umbringen anderer Menschen erst einmal \u00fcberwunden werden, was nicht sehr einfach ist. Dazu dienen ja nun zum einen spezielle Institutionen wie das Milit\u00e4r, zum anderen braucht es \u2013 je nach Situation \u2013 noch weitere ideologische Einsprengsel, um aus Menschen Gegner und aus Gegnern Feinde zu machen, die man dann aus welchen Gr\u00fcnden auch immer umzubringen bereit ist.<\/p>\n<p><b>Wladimir Putin gilt sp\u00e4testens seit dem 24. Februar als das B\u00f6se schlechthin. Kann man mit so einem Menschen \u00fcberhaupt noch verhandeln?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Peter Imbusch: &#8222;Das wird man wohl oder \u00fcbel m\u00fcssen, wenn Putin nicht zuvor ein anderes Schicksal ereilt. Und ob es nach Putin besser w\u00fcrde, l\u00e4sst sich auch nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber f\u00fcr Friedensverhandlungen oder die Erreichung eines Waffenstillstandes w\u00e4re eine ideologische Abr\u00fcstung auf jeden Fall vorteilhaft und w\u00fcnschenswert. Als Soziologe steht man ja D\u00e4monisierungen oder Pathologisierungen von Politikern, die vorzugsweise bei Autokraten oder Diktatoren vorgenommen werden, von Haus aus skeptisch gegen\u00fcber, weil sie eigentlich nichts erkl\u00e4ren, sondern gerade stigmatisieren und abwerten sollen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Sie sollen die gegnerische Person gro\u00df erscheinen lassen und Widerstand gegen ihn und seine Machenschaften erzeugen und legitimieren. Sie geh\u00f6ren zum festen Repertoire des ideologischen Instrumentenkoffers in Konfliktsituationen. Das sind Attributionen, mit denen man in der Regel nicht weit kommt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Eine n\u00fcchterne Analyse der Person Putins, wie sie j\u00fcngst etwa Helmut K\u00f6nig vorgelegt hat, ist da schon weiterf\u00fchrender. Da trifft man auf der einen Seite auf einen notorischen L\u00fcgner, der Freude an der Irref\u00fchrung und Verwirrung anderer Politiker und an der Destabilisierung des Westens hat, der politisch vor nichts zur\u00fcckschreckt und politische Gegner auch andernorts umbringen l\u00e4sst oder es zumindest versucht.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Da trifft man auf der anderen Seite aber auch auf einen k\u00fchlen und rationalen Machtpolitiker, der durch politische Umst\u00e4nde und Erfahrungen auf bestimmte Strategien der Macht setzt, um geostrategisch Einflusssph\u00e4ren zu sichern, und auf dessen Wort manchmal sogar Verlass ist (z.B. in Bezug auf die Konsequenzen der Osterweiterung der NATO und bez\u00fcglich der Erweiterung der EU nach Osten). Putin ist ja in der Vergangenheit auch nicht immer das personifizierte B\u00f6se gewesen, sondern er war einst ein Kooperationspartner des Westens, er war Teil der Gipfeltreffen, man wollte Europa ja durchaus mit ihm und nicht gegen ihn gestalten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ideologische Abr\u00fcstung ist auch deshalb vonn\u00f6ten, weil man sich ja nach dem Ende des Krieges \u2013 wie immer er ausgeht \u2013 irgendwie mit Putin, auf jeden Fall mit Russland wird arrangieren m\u00fcssen, und das wird man nicht erfolgreich in waffenstarrender Feindschaft tun k\u00f6nnen, sondern am besten in einer Art vertrauensvoller Kooperationsbeziehung. Wie die jedoch nach dem Ukraine-Krieg noch aussehen kann, ist gegenw\u00e4rtig sehr fragw\u00fcrdig.&#8220;<\/p>\n<p><b>Damit es in der Ukraine wieder Frieden geben kann, m\u00fcsste der Aggressor sein Gesicht wahren k\u00f6nnen, um wieder in die Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden. Wie kann so etwas gehen?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Peter Imbusch: Das wird erheblich vom Verlauf des Krieges und seinen Geschehnissen abh\u00e4ngen. Wenn die von ukrainischer und westlicher Seite erhobenen Vorw\u00fcrfe an Russland stimmen, d\u00fcrfte das schwer werden. Das F\u00fchren von Angriffskriegen ist v\u00f6lkerrechtlich verboten; der Einsatz von bestimmten Munitionstypen ge\u00e4chtet; Angriffe auf die Zivilbev\u00f6lkerung sind indiskutabel; das Begehen von Kriegsverbrechen geht weit \u00fcber normale Kriegsgewalt hinaus.<\/p>\n<p>Kriege bestehen aber nicht nur aus manifesten Kampfhandlungen und hybrider Kriegf\u00fchrung, sondern Kriege sind immer auch Informations- und Propagandakriege. Es sind h\u00e4ufig die Bilder des Krieges oder besser der Krieg der Bilder, der Kriege mitentscheidet. Deshalb geht es in Kriegen immer auch um die Deutungshoheit der Ereignisse. Insofern wird man abwarten m\u00fcssen, bis sich der Nebel des Krieges gelichtet hat, um zu sehen, was wirklich wo geschehen ist und wie schwerwiegend die Angriffe wirklich waren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Sein Gesicht wird Putin wahrscheinlich nur wahren bzw. retten k\u00f6nnen, wenn er relativ z\u00fcgig die Kriegshandlungen einstellt, die bisher eroberten Gebiete in der Ostukraine verl\u00e4sst und die annektierte Krim wieder an die Ukraine gibt. Das ist aber ein h\u00f6chst unwahrscheinlicher Fall. Selbst westliche Milit\u00e4rexperten gehen davon aus, dass es auch im g\u00fcnstigsten Fall in gewisser Hinsicht \u201aterritoriale Kompromisse\u2018 seitens der Ukraine geben wird.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Das scheint mir angesichts der komplizierten Identit\u00e4tsfragen in Teilen der Ukraine auch wahrscheinlich zu sein. Ob Putin \u00fcberhaupt etwas daran liegt, wieder in die \u201ainternationale Staatengemeinschaft\u2018 aufgenommen zu werden, ist noch eine andere Frage. Zum einen hat die internationale Staatengemeinschaft schon andere Autokraten verdaut, zum anderen darf man auch nicht \u00fcbersehen, dass Putins Krieg eigentlich nur im Westen so gro\u00dfen Widerstand hervorruft, wohingegen f\u00fcr die meisten Staaten des Globalen S\u00fcdens die Ukraine reichlich weit weg ist und gute wirtschaftliche Beziehungen zu Russland viel wichtiger sind. F\u00fcr die Ukraine wird es hingegen wohl nur einen fragilen Frieden geben.&#8220;<\/p>\n<p><b>Kann es nach einem so kriegerischen Akt \u00fcberhaupt noch eine verst\u00e4ndliche Gerechtigkeit geben?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Peter Imbusch: &#8222;Was kann nach einem Angriffskrieg schon Gerechtigkeit bedeuten? Da der Angriff selber v\u00f6lkerrechtswidrig war und von der Wiederherstellung alter und verlorener Gr\u00f6\u00dfe oder der Sicherung von Einflusssph\u00e4ren motiviert war, stellt sich die Frage, was in dieser Situation \u00fcberhaupt als gerecht angesehen werden k\u00f6nnte. Frieden setzt auf jeden Fall eine faire L\u00f6sung des Konflikts voraus, die auch begangenes Unrecht anerkennen m\u00fcsste.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Gerechtigkeit w\u00fcrde zudem eine Art Wiedergutmachung voraussetzen, die man Kleinarbeiten m\u00fcsste: Das k\u00f6nnte Entsch\u00e4digungen, Reparationen, Wiederaufbauhilfen, die Anerkennung von Schuld oder um Verzeihung bitten und Verzeihung gew\u00e4hren hei\u00dfen. Das ist in Anbetracht der aktuellen Lage momentan ziemlich unvorstellbar. Die vielen Toten werden durch Gerechtigkeit nicht wieder lebendig; vielleicht ist ein Teil von ihnen f\u00fcr eine gerechte Sache \u2013 wenn man davon in Bezug auf die Schrecken des Krieges \u00fcberhaupt sprechen will \u2013 gestorben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die S\u00fchnung von m\u00f6glichen Kriegsverbrechen w\u00e4re sicherlich ein wichtiger Schritt zur Herstellung von Gerechtigkeit; die Sanktionierung der Verantwortlichen f\u00fcr diesen Krieg ebenso. In der internationalen Politik und den internationalen Beziehungen geht es ja weniger um Moral, als um Interessen, um Einfluss und um Sicherheit. Die Erfahrungen des Jugoslawien-Konfliktes in den 1990er Jahren zeigen ja musterg\u00fcltig den schwierigen Umgang mit Gerechtigkeitsfragen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_54660\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 202px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54660\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/Foto-Imbusch1-3-715x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"275\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Peter Imbusch<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Peter Imbusch studierte Soziologie, Politikwissenschaften, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie Volkswirtschaftslehre und promovierte zur Sozialstrukturanalyse Lateinamerikas.<\/p>\n<p>Er habilitierte sich 2001 mit einer Arbeit \u00fcber \u201eModerne und Gewalt\u201c. Seit 2011 lehrt er als Professor f\u00fcr Politische Soziologie an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ANMERKUNG der REDAKTION:<\/strong> Prof. Dr. Peter Imbusch gibt in dem Interview seine ganz pers\u00f6nliche Einsch\u00e4tzung \u00fcber den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine aus seiner Sicht als Soziologe und Politwissenschaftler wieder<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir hatten uns an den Frieden gew\u00f6hnt&#8220;, sagt der Soziologe Prof. Dr. Peter Imbusch im &#8222;Transfergeschichten&#8220;-Interview mit Autor Uwe Blass \u00fcber ein \u201etotales soziales Ph\u00e4nomen\u201c: Krieg in Europa.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-54655","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-11 01:42:11","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54655","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54655"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54655\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54663,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54655\/revisions\/54663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}