{"id":53445,"date":"2022-07-19T10:37:38","date_gmt":"2022-07-19T08:37:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=53445"},"modified":"2022-07-19T10:37:38","modified_gmt":"2022-07-19T08:37:38","slug":"verschiedenheit-zwillinge-in-literatur-und-film","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/07\/19\/verschiedenheit-zwillinge-in-literatur-und-film\/","title":{"rendered":"Verschiedenheit: Zwillinge in Literatur und Film"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_53449\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-53449\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Orth1a-2-1024x664.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"664\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zwillinge in Literatur und Film:\u00a0Dr. Dominik Orth \/ Germanistik &#8211; \u00a9\u00a0Foto: Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p>Sie alle sind Eltern von Zwillingen. Seit rund hundert Jahren geh\u00f6rt die Zwillingsforschung zu einem der spannendsten Wissenschaftsfelder und wurde noch 1909 in Meyers Konversationslexikon wie folgt beschrieben: \u201eZwillinge: zwei zur selben Zeit in derselben Mutter reifende Fr\u00fcchte. Ob sie durch ein- und denselben Geschlechtsakt oder in zwei kurzen aufeinanderfolgenden gezeugt werden, ist noch nicht ausgemacht und wird wohl ein Geheimnis bleiben.\u201c<\/p>\n<p>Missbraucht durch die Forschungen im Dritten Reich wurden nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit seri\u00f6se Zwillingskohorten aufgebaut, die inzwischen ca. 1,5 Mio. Zwillinge umfassen und zwischen 1950 und 2012 \u00fcber 2.748 Zwillingsstudien hervorgebracht haben. Jedes Jahr steigt diese Zahl um weitere 500 bis 1.000.<\/p>\n<p>Schon in der Mythologie begegnen sie uns und auch die Literatur hat sich immer wieder mit ihnen besch\u00e4ftigt. Im 20. Jahrhundert sind Zwillinge zus\u00e4tzlich eine oft spannende Bereicherung auf der Leinwand. Dr. Dominik Orth, Literatur- und Medienwissenschaftler in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universit\u00e4t hat mit Studierenden den Mythos Zwilling in einem Seminar untersucht und kommt auf \u00fcberraschende Ergebnisse.<\/p>\n<h4>Ein Sturm und Drang-Drama war der Ausl\u00f6ser<\/h4>\n<p>\u201eDie Idee entstand durch einen sehr ber\u00fchmten Text mit dem Titel \u00b4Die Zwillinge` aus dem Jahr 1776 von Friedrich Maximilian Klinger\u201c, erz\u00e4hlt Orth, \u201eein ganz ber\u00fchmtes Drama aus der Zeit des Sturm und Drang. Er hat sich mit den Zwillingen in einer Variation des Themas des Bruderkonfliktes besch\u00e4ftigt.\u201c Zwar h\u00e4tten auch Autoren wie Schiller sich dieses Themas angenommen, aber Klinger sei es gewesen, der tats\u00e4chlich Zwillingsbr\u00fcder in den Mittelpunkt gestellt habe.<\/p>\n<p>\u201eIch habe dann geschaut, wo dieses Zwillingsmotiv denn noch eine Rolle spielt\u201c, f\u00e4hrt er fort und kommt \u00fcber K\u00e4stners Doppeltes Lottchen zu einer Vielzahl aktueller Texte. \u201eIch war sehr \u00fcberrascht, wie unglaublich oft auch gerade in anspruchsvolleren Texten aus der Gegenwartsliteratur das Zwillingsmotiv eine Rolle spielt.\u201c Orth findet Romane und Kurzgeschichten in vielen Independent-Verlagen und bereitet ein Studienseminar vor.<\/p>\n<h4>Das Zwillingsmotiv<\/h4>\n<p>Von einem Zwillingsmotiv k\u00f6nne man sprechen, wenn die vorkommenden Geschwister eine tragende Rolle spielten und bedeutsam f\u00fcr den Text seien, erkl\u00e4rt der Geisteswissenschaftler. Dabei stelle sich auch immer die Frage, ob es wichtig sei, dass die Protagonisten lediglich Geschwister oder doch eben Zwillinge sind. Letzterem k\u00e4me vor allem beim eingangs genannten Klingerdrama eine besondere Bedeutung zu, denn der Konflikt des Dramas entstehe aufgrund des Erstgeburtsrechtes, welches im 18. Jahrhundert vor allem im Erbrecht von gro\u00dfer, existentieller Bedeutung war.<\/p>\n<div id=\"attachment_53453\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 611px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53453\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/portrait-3064773_1280-1024x846.jpeg\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"496\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zwillinge &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eIn Klingers Fall war sich der angeblich j\u00fcngere Bruder nicht sicher, ob er vielleicht nicht doch der Erstgeborene sei. Erschwerend kam hinzu, dass alle, die er gefragt hatte, sich nicht eindeutig \u00e4u\u00dferten. Das hat dem Motiv vom Bruderkonflikt einfach nochmal eine andere Nuance beigef\u00fcgt.\u201c<\/p>\n<p>Das Zwillingsmotiv begegnet uns schon in der Mythologie. Aus der Liebesnacht von Zeus und Leda gehen bekannterma\u00dfen die Zwillingen Castor und Pollux hervor. \u201eFast alles, was in Lexika zu Themen, Motiven und Stoffgeschichte auftaucht hat ganz oft seinen Ursprung in der griechischen oder r\u00f6mischen Mythologie\u201c, wei\u00df Orth, \u201eman denkt dabei auch immer an Romulus und Remus. Bei Castor und Pollux ist mir sofort der Film \u201eFace\/Off\u201c (Im K\u00f6rper des Feindes) von 1997 mit Nicolas Cage eingefallen\u201c schmunzelt der Medienwissenschaftler und erz\u00e4hlt, \u201eda hei\u00dfen die Br\u00fcder n\u00e4mlich auch Castor und Pollux. D.h. selbst in Hollywoodproduktionen wird dann auf solche mythologischen Figuren verwiesen.\u201c<\/p>\n<p>Daran sehe man auch, dass sich das Thema nicht nur in der Literatur oder Malerei, sondern auch in anderen Medien fortgesetzt habe.<\/p>\n<h4>\u00c4u\u00dfere \u00c4hnlichkeit \u2013 Innerliche Verschiedenheit<\/h4>\n<p>Zwillinge sehen sich oft sehr \u00e4hnlich, in der Literatur werden aber vor allem die Gegens\u00e4tze hervorgehoben, konnte Orth mit den Studierenden feststellen. \u201eBei den meisten Zwillingstexten waren die \u00c4hnlichkeiten \u00e4u\u00dferlicher Natur, innerlich, charakterlich, waren die immer sehr unterschiedlich.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_53454\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-53454\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/image002-1.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Das sei meistens auch eines der Hauptthemen in den Texten, diese Diskrepanz zwischen der \u00e4u\u00dferlichen \u00c4hnlichkeit und der inneren Verschiedenheit. \u201eEs ist dieser Konflikt, der aussagt: Ich m\u00f6chte nicht so sein wie meine Schwester oder mein Bruder, aber ich sehe so aus.\u201c Das gehe dann sogar soweit, belegt Orth, dass im Roman \u201eFlechten\u201c der Schweizer Autorin Barbara Schibli, wo es Zwillingsschwestern gab, die eine in der Jugend der anderen eine Narbe zugef\u00fcgt habe, damit sie anders aussehe als sie.<\/p>\n<p>Als sie dann sp\u00e4ter Fotografin geworden sei, stellte sie in einer Ausstellung ausschlie\u00dflich Bilder ihrer Schwester aus, wobei sie die Narbe immer wegretouschiert habe, so, dass man nicht wusste, ob es die Fotografin selber oder ihre Schwester sei. \u201eAlso selbst wenn Differenzmerkmale k\u00f6rperlich zugef\u00fcgt werden, werden sie doch wieder weggenommen, um zu sagen, auch wenn wir versuchen anders zu sein, sind wir es nicht.\u201c<\/p>\n<p>Charakterlich seien Zwillinge jedoch oft verschieden, konnte er mit den Studierenden in vielen Texten belegen und es sei auch spannend gewesen zu sehen, dass sich Gegens\u00e4tze ja bekanntlich auch anz\u00f6gen, gerade bei unterschiedlichen Geschlechtern. \u201eEs gibt daher auch Texte, die so weit gehen, dass es auch eine Wiedervereinigung sexueller Art gibt. Das war eine interessante Erfahrung, auf die zu Anfang keiner gekommen ist, als wir uns gefragt haben, was uns bei diesem Thema erwartet. Mit Inzest hatte keiner gerechnet, aber auch das wird in Texten thematisiert.\u201c<\/p>\n<h4>Ein literarischer Kunstgriff \u2026<\/h4>\n<p>In der 1590 entstandenen \u00b4Kom\u00f6die der Irrungen` nimmt auch William Shakespeare das Zwillingsmotiv auf und verdoppelt es noch einmal, indem er den getrennten Zwillingsbr\u00fcdern je einen Zwillingsdiener zur Seite stellt. Das Zwillingsmotiv wird zu einem literarischen Kunstgriff. \u201eGerade f\u00fcr Verwechslungen ist das nat\u00fcrlich ein wunderbares Motiv mit Zwillingen zu arbeiten\u201c, wei\u00df Orth und erg\u00e4nzt das genannte Beispiel um eine weitere 1602 uraufgef\u00fchrte Kom\u00f6die des Erfolgsautors.<\/p>\n<div id=\"attachment_53455\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 343px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-53455 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/51YdP9oWnYL._SX331_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"499\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Meyers Konversations-Lexikon &#8211; eine Encyklop\u00e4die des Allgemeinen Wissens&#8220; &#8211; 1.100 Seiten &#8211; Forgotten Books Verlag &#8211; ISBN-10: 0365356190 &#8211; ISBN-13: 978-0365356196<\/span><\/div>\n<p>\u201eIn `Was ihr wollt` werden die Zwillinge Viola und Sebastian getrennt. Viola glaubt, dass ihr Bruder verstorben ist und geht dann allein ihren Weg. Sie verkleidet sich als Mann, als Cesario, und es gibt im St\u00fcck einige Verwechslungen. Sebastian hat aber \u00fcberlebt, taucht sp\u00e4ter auf und wird aufgrund der \u00c4hnlichkeit f\u00fcr Cesario, also seine Schwester, gehalten, was auch wieder zu Verwechslungen f\u00fchrt. Auch hier ist es ein literarischer Kunstgriff.\u201c<\/p>\n<h4>\u2026 der sich im 20. Jahrhundert fortsetzt<\/h4>\n<p>Zu den bekanntesten Zwillingsadaptionen des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rt Erich K\u00e4stners \u00b4Das doppelte Lottchen`. 1949 erschien der Roman, und die zeitnahe Verfilmung belohnte 1950 den Stoff mit dem ersten Bundesfilmpreis. Das Besondere dabei sieht Orth in der \u201eIdee, unbekannt ein anderes Leben zu f\u00fchren. Das ist im Grunde genommen eine Weiterentwicklung dieses Verwechslungsmotivs. Die Verwechslungen sind ja meist ungewollt, gerade in dem genannten Shakespearebeispiel. Aber hier ist es gewollt. Die beiden M\u00e4dchen erkennen sich bei K\u00e4stner, als sie sich zuf\u00e4lligerweise treffen und vertauschen bewusst ihre Identit\u00e4ten. Die Idee, ein anderes Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen und nicht erkannt zu werden ist hier besonders gut gelungen.\u201c<\/p>\n<h4>Erkenntnisse der Zwillingsforschung finden Eingang in die Filmkunst<\/h4>\n<p>Die Zwillingsforschung in Deutschland hatte in der Nazizeit grauenhafte Formen angenommen, der Aufbau einer seri\u00f6sen Forschung war nach dem Zweiten Weltkrieg verst\u00e4ndlicherweise schwierig. In Deutschland gibt es heute zwei deutsche Zwillingsgruppen. Das sind die biomedizinische Kohorte HealthTwiSt mit ca. 1500 Zwillingspaaren und `TwinLife`, eine soziologisch-psychologische Kohorte mit ca. 4.000 Zwillingspaaren sowie krankheitsspezifische Kohorten.<\/p>\n<p>Wissenschaftler der Universit\u00e4t des Saarlandes und der Universit\u00e4t Bielefeld wollen das Zusammenspiel von Erbe und Umwelt aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Ihre genannte Studie \u00b4TwinLife` ist auf zw\u00f6lf Jahre angelegt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterst\u00fctzt. Ziel ist es, herauszufinden, welche Faktoren in welchem Ma\u00dfe zu den schulischen Leistungen, dem beruflichen Werdegang und der sozialen Stellung eines Menschen beitragen.<\/p>\n<p>An der Studie nehmen 4000 eineiige und zweieiige Zwillingspaare und ihre Familien aus dem gesamten Bundesgebiet teil. Das k\u00f6nne nach Orths Meinung wiederum zuk\u00fcnftig f\u00fcr neuen fiktionalen Stoff sorgen, denn es habe in der Geschichte der Zwillingsliteratur schon oft \u00dcberschneidungen mit der Zwillingsforschung gegeben.<\/p>\n<div id=\"attachment_53458\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 610px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53458\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/twins-2670823_1280-2-1024x757.jpeg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"444\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zwillingsbr\u00fcder &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eIch hatte einen Gast von der TU Dresden eingeladen, Wieland Schwanebeck, der sich damit ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigt hat\u201c, erz\u00e4hlt er. \u201eEr hat seine Habilitation \u00fcber das Zwillingsmotiv geschrieben und herausgefunden, dass es eine enge Verkn\u00fcpfung zwischen der Zwillingsforschung im 19. Jahrhundert und dem Auftauchen von Zwillingen in Krimis aus dieser Zeit gibt. Das ist echt spannend. Da kann man feststellen, dass unabh\u00e4ngig von der Literatur erforscht wird, wie es beispielsweise sein kann, dass der eine Zwilling zum Verbrecher wird und der andere nicht.\u201c<\/p>\n<p>Das habe auf viele Krimis Einfluss gehabt, die dann mit dem Zwillingsthema gearbeitet h\u00e4tten. In der Spannungsliteratur gebe es immer wieder Zwillinge als Thema. \u201eAuch im Fernsehen gibt es mittlerweile eine mehrteilige Dokuserie mit dem Titel `Evil Twins`\u201c, und auch das belege das immer wiederkehrende Interesse an diesem Motiv.<\/p>\n<h4>Zwillinge als \u201eBlack-Lives-Matter\u201c- Pflichtlekt\u00fcre?<\/h4>\n<p>Ein aktueller Zwillingsroman \u00fcber zwei Schwestern aus einer schwarzen Familie macht seit 2020 von sich reden. Darin entscheidet sich eine der beiden Zwillingsschwestern f\u00fcr ein Leben als Wei\u00dfe. In ihrem Roman `Die verschwindende H\u00e4lfte` (The Vanishing Half) spielt Brit Bennett die Idee durch. Wird da das Zwillingsmotiv zur aktuellen `Black-Lives-Matter`-Pflichtlekt\u00fcre.<\/p>\n<p>\u201eJa, das denke ich schon. Es ist zwar kein deutschsprachiger Text, daher haben wir ihn in unserem germanistischen Seminar nicht gelesen, aber ein sehr aktuelles und spannendes Thema. Das Interessante ist, dass im Grunde genommen die Zwillinge gar nicht so eine gro\u00dfe Rolle spielen. Das Zwillingsmotiv hat zwar eine wichtige Funktion, aber es geht weniger um die Zwillingsgeschwister, als um deren Kinder. Die Hautfarbe der Zwillinge, deswegen kann sich die eine \u00fcberhaupt zu einem Leben als Wei\u00dfe entscheiden, ist so, dass man es nicht genau sehen kann, ob sie \u201aschwarz\u2018 oder \u201awei\u00df\u2018 sind. Und die eine entscheidet sich f\u00fcr ein Leben als Wei\u00dfe und ihr Kind ist auch wei\u00df, w\u00e4hrend die andere zu Hause bleibt und sich, wie der Roman es beschreibt, den \u201eschw\u00e4rzesten Mann\u201c sucht und ein Kind von ihm bekommt, welches \u2013 das wird immer wieder betont \u2013 sehr dunkelh\u00e4utig ist. Es geht dann darum, was mit den Kindern passiert, denn die eine wei\u00df gar nicht, dass sie eigentlich \u201aschwarz\u2018 ist, da sie ja \u201awei\u00df\u2018 aufgewachsen ist.\u201c<\/p>\n<p>Im Verlauf der Geschichte kommen dann die beiden Cousinen zusammen, wobei die als Schwarze aufgewachsene Tochter, die trotz aller Diskriminierung am Ende ein Medizinstudium aufnimmt, ihrer `wei\u00dfen` Cousine sagt, dass sie eigentlich \u201aschwarz\u2018 ist. Da gehe es um Identit\u00e4tsfragen, und die eigentliche Absurdit\u00e4t von Fragen nach der Hautfarbe w\u00fcrden somit geschildert. \u201eAuch hier sind die Schwestern \u00e4u\u00dferlich sehr \u00e4hnlich, charakterlich sehr verschieden und leben ihr Leben auf unterschiedlichen Ebenen.\u201c Die scheinbaren Zwillingsprobleme werden literarisch genutzt und quasi in die n\u00e4chste Genration \u00fcbertragen.<\/p>\n<h4>Die einzigartige Verbundenheit im Heldenepos<\/h4>\n<p>Luke und Leia (Star Wars), Cersei und Jamie (Game of Thrones) und Fred und George Weasley (Harry Potter) sind prominente Zwillingsp\u00e4rchen in der phantastischen Literatur und bilden eine ganz besondere Einheit. \u201eDie sind mehr miteinander verbunden als andere Menschen\u201c, sagt Orth.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_53456\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 611px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53456\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/model-1220067_1280-1024x870.jpeg\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"511\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Zwillinge &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eIch glaube, es ist eine Verbundenheit, die man sich als einzelner nicht vorstellen kann. Das kann man nicht lernen, das kann man nicht nachmachen. Entweder man hat dieses Band oder man hat es nicht. Das kann Fluch und Segen zugleich sein. Nahezu alle Texte, die wir im Seminar behandelt haben, haben diese Bindung zum Thema gemacht. Auch das ist ein Ursprung der Faszination an Zwillingen, weil man es nicht nachempfinden kann.\u201c<\/p>\n<p>Die Trennung eines Zwillings kann aber auch wieder Vereinigung bedeuten. Jack aus James Camerons Erfolgsfilm `Avatar` reagiert resigniert auf den Tod seines Zwillingsbruders. Mit diesem Verlust werden endg\u00fcltig die Bande gekappt, die Jack noch an die Erde binden, und er kann einen Neuanfang wagen. Dass er dazu auf Pandora den urspr\u00fcnglich f\u00fcr seinen Bruder entwickelten Avatar \u00fcbernimmt, kann man auch als Wiedervereinigung beider lesen.<\/p>\n<h4>Kunst kann Verbindung \u00fcber den Tod hinaus verl\u00e4ngern<\/h4>\n<p>\u201eDas ist eine besondere Art und Weise, wie der Film das konstruiert, dass es eigentlich f\u00fcr den Bruder ist und er dann selbst da reinschl\u00fcpft. Kunst kann also eine solche Verbindung \u00fcber den Tod hinaus verl\u00e4ngern. Eine weitere Art der Vereinigung ist das Motiv des Inzestes, wo es dann auch auf eine ganz andere Art durchgespielt wird.<\/p>\n<p>Es gibt eine Erz\u00e4hlung von Thomas Mann, \u201eW\u00e4lsungenblut\u201c, wo das eine Rolle spielt.\u201c\u00a0Die Texte h\u00e4tten ihn sensibilisiert, res\u00fcmiert Orth und als Quintessenz stehe f\u00fcr ihn vor allem die Individualit\u00e4t des einzelnen Zwillings im Vordergrund, der nicht, wie in den meisten Texten, immer mit seinem Gegen\u00fcber verglichen werden will. Und dann habe das Thema schlie\u00dflich noch einen privaten Bezug, verr\u00e4t der Wissenschaftler zum Schluss: Orth ist vor kurzem Vater geworden; und zwar von Zwillingen.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_53451\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 219px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-53451 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Orth1a-3-729x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"294\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Dominik Orth &#8211; \u00a9 Foto: Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dominik Orth<\/h4>\n<p>Dominik Orth absolvierte ein Magister-Studium mit den F\u00e4chern Kulturwissenschaft, Germanistik und Geschichte an den Universit\u00e4ten Bonn und Bremen. Er promovierte 2012 an der Universit\u00e4t Bremen. Seit 2017 arbeitet er als Lehrkraft f\u00fcr besondere Aufgaben im Bereich Neuere deutsche Literatur in der Fachgruppe Germanistik an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor Uwe Blass hat sich in der beliebten Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit dem Literatur- und Medienwissenschafter Dr. Dominik Orth \u00fcber Zwillinge in Literatur und Film unterhalten. Was haben Kleopatra und Marcus Antonius, Kronprinzessin Mary und Kronprinz Frederik von D\u00e4nemark und Angelina Jolie und Brad Pitt gemein?<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-53445","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-07 06:54:44","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53445","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53445"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53445\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53462,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53445\/revisions\/53462"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}