{"id":53205,"date":"2022-07-05T12:44:53","date_gmt":"2022-07-05T10:44:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=53205"},"modified":"2022-07-05T12:44:53","modified_gmt":"2022-07-05T10:44:53","slug":"das-groesste-mysterium-die-europaeische-schlafkrankheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/07\/05\/das-groesste-mysterium-die-europaeische-schlafkrankheit\/","title":{"rendered":"Das gr\u00f6\u00dfte Mysterium: Die europ\u00e4ische Schlafkrankheit"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_53208\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-53208\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/du_Prel_Presse_22-2-1024x680.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"680\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Jean-Baptist du Prel &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p><b>In den 20er Jahren tauchte gleichzeitig zur Spanischen Grippe auch eine geheimnisvolle Schlafkrankheit mit dem Namen Encephalitis lethargica auf. Um welche Krankheit handelt es sich dabei?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Du Prel: &#8222;Es handelt sich um eine neurologische Erkrankung, die epidemische Ausma\u00dfe angenommen hatte. Sie hat sich damals von Frankreich aus \u00fcber ganz Europa ausgebreitet und dann weiter nach Nordamerika bis in die Sowjetunion und auch nach Indien. Wir sprechen von einer r\u00e4tselhaften Erkrankung, von der bis heute nicht so ganz gekl\u00e4rt ist, woran es gelegen hat. Diese hat sich durch einen charakteristischen Verlauf dargestellt, so dass sie sich von anderen neurologische Erkrankungen unterscheiden konnte.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-53211\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/image001.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p><b>Bis 1950 befiel diese Schlafepidemie fast eine Millionen Menschen mit schwerwiegenden Folgen f\u00fcr ihre Gesundheit. Wie \u00e4u\u00dferte sich die Krankheit?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Du Prel: &#8222;Klassischerweise, wobei es auch Ausnahmen gibt, hat sie sich in zwei Phasen ge\u00e4u\u00dfert. Das eine war eine akute Phase, da gab es &#8211; zun\u00e4chst jedenfalls &#8211;\u00a0 influenza\u00e4hnliche Symptome: Fieber, Sch\u00fcttelfrost, Kopfschmerzen und auch \u00dcbelkeit. Zus\u00e4tzlich hat sich auch eine oft wechselhafte neurologische Symptomatik gezeigt. Eine Lethargie, also ein ausgesprochenes Schlafbed\u00fcrfnis und auf der anderen Seite gab es auch eine Hirnnervenbeteiligung, womit die Augenmobilit\u00e4t eingeschr\u00e4nkt war. Der Nervus oculomotoris, der dritte Hirnnerv war betroffen, wodurch die Augenbeweglichkeit stark eingeschr\u00e4nkt wurde. Und auch die Beweglichkeit der Gliedma\u00dfen war gehandicapt. Die chronische Phase war gekennzeichnet durch eine parkinson\u00e4hnliche Symptomatik, im Unterschied zur Parkinsonerkrankung gab es bei der Enzephalitis lethargica allerdings neben der typischen Bewegungsarmut auch Phasen normaler Beweglichkeit, die durch externe Stimuli ausgel\u00f6st werden konnten.&#8220;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Der Begriff Schlafkrankheit ist eigentlich irref\u00fchrend. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Du Prel: &#8222;Weil es sich nicht um Schlaf im klassischen Sinne handelt, also das, was man sich unter Schlaf vorstellt. Die Menschen waren zum einen sehr schnell erweckbar aus diesem Zustand und auf der anderen Seite haben sie w\u00e4hrend des Schlafes alles mitbekommen. Das war also kein wirklicher Schlaf.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53213\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 361px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-53213 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/41oq0w9WOZL.jpeg\" alt=\"\" width=\"351\" height=\"522\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Europa und die Schlafkrankheit&#8220; &#8211; Sarah Ehlers &#8211; Verlag Vandenhoeck &amp; Ruprecht &#8211; ISBN-10: 3525310684 &#8211; ISBN-13: 978-3525310687<\/span><\/div>\n<p><b>In Deutschland wurde in den Zwanzigerjahren der Neurologe Felix Stern an der G\u00f6ttinger Nervenklinik zum f\u00fchrenden Experten f\u00fcr diese Krankheit. Er sammelte wertvolle Daten zum Krankheitsverlauf. Aber seine Forschungen wurden verboten. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Du Prel: Felix Stern war von 1920 bis 1928 au\u00dferordentlicher Professor an der Universit\u00e4t in G\u00f6ttingen und auch Oberarzt in der dortigen Nervenklinik. Er wechselte dann nach Kassel. Er war j\u00fcdischer Abstammung und man entzog ihm damals seine Lehrbefugnis. Er ist dann nach Berlin gezogen, hat dort eine private Ambulanz er\u00f6ffnet. Er versuchte auch ins Ausland zu kommen, um seine Forschungen weiter zu betreiben, was ihm leider nicht gelungen ist. Er hat sich 1942 das Leben genommen, weil ihm die Deportation durch die Nazis drohte. Eine sehr tragische Geschichte.&#8220;<\/p>\n<p><b>Es gibt den Film \u201eZeit des Erwachens\u201c mit Robert de Niro und Robin Williams, der auf Erinnerungen des Psychologen Oliver Sacks basiert. Darin geht es um \u00dcberlebende der Krankheit, die fast 40 Jahre nicht ansprechbar in der Bewegungslosigkeit verharrt hatten. Wodurch kommen die Patienten -wenigstens kurzzeitig- zur\u00fcck ins Leben?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Du Prel: Die Behandelten haben damals Levodopa, auch bekannt als L-Dopa bekommen, also ein Dopaminderivat, dass schon f\u00fcr die Parkinsonerkrankung eingef\u00fchrt war. Die Patienten dieser chronischen Phase hatten einen postencephalitischen Parkinsonismus und man dachte, dass vielleicht L-Dopa da auch helfen k\u00f6nnte. Es war dann tats\u00e4chlich so, dass L-Dopa die Menschen zun\u00e4chst aus dieser Lethargie herausgerissen hat, sie quasi wieder einen Normalzustand erreichten. Aber leider war diese Normalisierung nicht von Dauer. Man hat dann versucht die entsprechende Dosis von L-Dopa zu erh\u00f6hen, aber auch das war nicht von Erfolg gekr\u00f6nt und die Patienten sind dann wieder in die Lethargie zur\u00fcckgefallen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_53214\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 360px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53214\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/81Bbh-8YxzL._SL1500_-732x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"490\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Zeit des Erwachens&#8220; von Marshall Penny u.a. mit Robert De Niro und Robin Williams &#8211; Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH &#8211; ASIN: B00004RYW6<\/span><\/div>\n<p><b>Die Erkrankung ist heute verschwunden. An den Ursachen r\u00e4tseln die Wissenschaftler nach wie vor, oder?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Du Prel: &#8222;Manche sagen auch, dass es das gr\u00f6\u00dfte Mysterium des 20. Jahrhunderts war. Zun\u00e4chst einmal ist die Koinzidenz mit der Spanischen Grippe interessant, daher dachte man anfangs auch, es k\u00f6nnte eine besondere Verlaufsform der Spanischen Grippe sein. Bei genauerer Betrachtung war die epidemiologische Beweisf\u00fchrung jedoch nicht stichhaltig, weil es die Encephalitis lethargica schon vor der Spanischen Grippe gab. Sie wurde bereits 1915 in Frankreich beschrieben, und auch die r\u00e4umliche Ausbreitung verlief genau andersherum: Die Spanische Grippe kam von Nordamerika nach Europa und die Encephalitis lethargica von Europa nach Nordamerika. Also es passte nicht. Es war auch so, dass einige F\u00e4lle der Erkrankung in Regionen auftraten, wo es keine Spanische Grippe gab.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Man hat dann auch noch einmal Anfang des 21. Jahrhundert versucht \u00fcber das Labor die Erkrankung mit entsprechenden PCR-Tests zu untersuchen, konnte aber keine Influenza-RNA finden. Vielleicht war es auch zu schwierig nach 80 Jahren noch etwas zu finden. Man hat auch andere Keime in Betracht gezogen wie z.B. den Erreger der Kinderl\u00e4hmung, also Polioviren sowie auch Streptokokken und teilweise auch Herpesviren. Aber es gibt keine Beweise. Momentan gibt es drei favorisierte Entstehungsmechanismen. Das eine w\u00e4re eine Infektion, weil es sich ja auch epidemisch ausgebreitet hat, das zweite w\u00e4re ein m\u00f6gliches Umwelttoxin und das dritte, was die Wissenschaft als wahrscheinlichste M\u00f6glichkeit erachtet, ist eine Autoimmunerkrankung. M\u00f6glicherweise ein Virus, der dazu f\u00fchrt, dass Antik\u00f6rper gegen eigenes Hirngewebe gerichtet werden. Das nimmt man ja momentan bei Long Covid auch an, also eine Autoimmungenese. Das bleibt f\u00fcr die Wissenschaft ein interessanter und sicher noch spannender Weg.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_53209\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 155px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53209\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/du_Prel_Presse_22-3-732x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"145\" height=\"203\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Jean-Baptist du Prel &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Jean-Baptist di Prel<\/h4>\n<p>Jean-Baptist du Prel ist Mitarbeiter in der wissenschaftlichen Leitung des Lehrstuhls f\u00fcr Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t, wo er u.a. Pr\u00e4ventivmedizin lehrt.<\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Schlafkrankheit<br \/>\nDr. Jean-Baptist du Prel \/ Sicherheitstechnik\/Arbeitswissenschaft<br \/>\nFoto: UniService Transfer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220;-Interview hat sich Uwe Blass\u00a0mit Dr. Jean-Baptist du Prel \u00fcber die r\u00e4tselhafte Erkrankung Encephalitis lethargica unterhalten, die sich in den 20er Jahren weltweit ausbreitete.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-53205","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-15 07:22:32","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53205","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53205"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53205\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53216,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53205\/revisions\/53216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53205"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53205"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53205"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}