{"id":53082,"date":"2022-06-28T09:31:56","date_gmt":"2022-06-28T07:31:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=53082"},"modified":"2022-06-28T11:53:59","modified_gmt":"2022-06-28T09:53:59","slug":"ohne-vertrauen-keine-pflege-fuer-menschen-mit-demenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/06\/28\/ohne-vertrauen-keine-pflege-fuer-menschen-mit-demenz\/","title":{"rendered":"Ohne Vertrauen keine Pflege f\u00fcr Menschen mit Demenz"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_53085\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-53085\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Baranzke_22-2-1024x753.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"753\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Ethikern Dr. Heike Baranzke &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>In der Pandemie und den damit verbundenen Berichten \u00fcber den Pflegenotstand in Krankenh\u00e4usern und Altenpflegeheimen wurde die Bev\u00f6lkerung ausf\u00fchrlich informiert. Gesundheitseinrichtungen ringen um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und zahlen gar im Vorfeld Boni. Aber was bedeutet das f\u00fcr uns als Gesellschaft, wenn immer weniger Menschen sich f\u00fcr den Pflegeberuf entscheiden?<\/p>\n<p>Die verbleibenden Pflegenden werden zwangsl\u00e4ufig noch weniger Zeit mit den hilfsbed\u00fcrftigen Menschen verbringen. Dr. Heike Baranzke, Ethikerin in der Katholischen Theologie an der Bergischen Universit\u00e4t, sieht die Entwick-lung dieser drohenden Auswirkungen mit Sorge und fragt \u201eSollen wir uns denn damit abfinden, dass es immer weniger Pflegekr\u00e4fte gibt?\u201c UNach ihrem Daf\u00fcrhalten gelte es zun\u00e4chst einmal, das Verst\u00e4ndnis von Pflege zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<h4>Was verstehen wir unter Pflege?<\/h4>\n<p>\u201ePflegekr\u00e4fte verlassen ihren Beruf, weil sie aufgrund falscher \u00f6konomischer Anreize, dazu geh\u00f6rt das Kaputtsparen des Gesundheitswesens seit Einf\u00fchrung der Pflegeversicherung Mitte der 90er Jahre, an einer herabw\u00fcrdigenden und zu engen Auffassung von Pflege leiden, die ihnen immer weniger Zeit mit Hilfsbed\u00fcrftigen zugesteht\u201c, stellt Heike Baranzke unmissverst\u00e4ndlich fest und formuliert es im weiteren noch drastischer: \u201eDie menschliche Beziehungsdimension kommt regelm\u00e4\u00dfig zu kurz. Pflegekr\u00e4fte sehen sich in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung als &#8222;Arschwischer&#8220; disqualifiziert. In dieser zynischen Selbstbeschreibung der Pflegefachkr\u00e4fte kommt die gesellschaftliche Kr\u00e4nkung des Berufsstandes zum Ausdruck!\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44822\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Es werde \u00fcberhaupt nicht anerkannt, dass seit Jahren die Zeit f\u00fcr eine qualifizierte Beziehungsarbeit mit den ihnen anvertrauten hilfsbed\u00fcrftigen Menschen beschnitten w\u00fcrden. Damit komme die unverzichtbare menschliche Beziehungsdimension im pflegeberuflichen Handeln regelm\u00e4\u00dfig und programmatisch zu kurz. \u201eDabei w\u00e4hlen Menschen den vielseitigen und sehr anspruchsvollen Pflegeberuf nicht zuletzt gerade wegen der sozialen Dimension, an deren Aus\u00fcbung sie dann permanent strukturell gehindert werden.\u201c<\/p>\n<p>Sie st\u00fcnden unter einem enormen Zeitdruck. Die daraus resultierende Frustration dar\u00fcber, ihrem Dienst an den Menschen in grober und andauernder Weise nie gerecht werden zu k\u00f6nnen, sei der eigentliche Grund, warum Pflegende h\u00e4ufig ihren Beruf verlassen. Zwar verf\u00fcgten Gesundheitsberufe \u00fcber spezifisch naturwissenschaftlich-medizinisches Wissen, aber dieses Wissen m\u00fcsse im Kontext von Beziehungen zu Personen angewendet werden, insbesondere beim Pflegeberuf. Insofern stehe der Pflegeberuf dem Berufsfeld der sozialen Arbeit nahe, insbesondere im Bereich der ambulanten Pflege sowie der Altenpflege.<\/p>\n<p>\u201ePflegeberufe sind also prim\u00e4r soziale Interaktionsberufe mit besonderer medizinischer Qualifikation\u201c, sagt Heike Baranzke, \u201enicht aber medizinisch-technische Reparaturberufe.\u201c Die fehlende Wertsch\u00e4tzung der psychosozialen Kommunikationskompetenzen werde innerhalb der Pflegeberufe beklagt. Neue Studien zur Arzt-Patienten-Beziehung belegten, dass die Vernachl\u00e4ssigung der Kommunikation Heilungsprozesse beeintr\u00e4chtigen und im schlimmsten Fall sogar Menschenleben kosten k\u00f6nne. Daher m\u00fcsse der Stellenwert der psychosozialen Sorget\u00e4tigkeiten, der auch die Angeh\u00f6rigenbetreuung umfassen m\u00fcsse, in allen Gesundheitsberufen deutlich angehoben werden, fordert die Ethikerin.<\/p>\n<h4>Ad\u00e4quater Umgang mit Menschen mit Demenz gleich gesellschaftliche Chance?<\/h4>\n<p>\u201eWelches Menschenbild leitet denn unsere moderne, funktionale, beschleunigte Hochleistungsgesellschaft, die ja sogar kognitiv kompetenten Menschen im leistungsf\u00e4higen Alter zusetzt?\u201c, fragt daher die Wissenschaftlerin und verweist auf die vielen Burn-out-F\u00e4lle in der Pflege. Kaum bekannt ist, dass das Ph\u00e4nomen des \u201eBurn-out\u201c am Beispiel der Pflegeberufe erstmals beschrieben worden ist. Menschen mit Demenz, die dem stets wachsenden Leistungsdruck nicht mehr gewachsen sind und dann entsprechende Widerst\u00e4nde entwickelten, k\u00f6nnten folglich sogar als eine gesellschaftliche Chance f\u00fcr ein Umdenken betrachtet werden, erkl\u00e4rt sie.<\/p>\n<div id=\"attachment_53089\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53089\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/old-peoples-home-63615__340.jpeg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"375\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Demenz &#8211; eine schwere Belastung f\u00fcr Patient, Angeh\u00f6rige und Pflegepersonal &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Denn \u201eMenschen mit fortgeschrittener Demenz zeigen das bemerkenswerte Verhalten, dass sie pflegerisch-technische Behandlungen erst gar nicht zulassen, wenn der psychosoziale Beziehungsaufbau nicht stattgefunden hat. Wenn sie nicht vorher ein Vertrauensverh\u00e4ltnis hergestellt haben, brauchen sie mit der K\u00f6rperpflege erst gar nicht anfangen. Da sind Menschen mit Demenz richtige Revoluzzer, kann man sagen. Sie reagieren dann mit dem sogenannten \u00b4herausfordernden Verhalten`, in dem die pflegewissenschaftliche Forschung der letzten Jahrzehnte unerwarteterweise viel Vern\u00fcnftigkeit entdeckt hat.\u201c<\/p>\n<p>Denn vielfach dr\u00fccken von fortgeschrittener Demenz betroffene Menschen nonverbal unerkannte Schmerzen aus, angefangen beim Zahnschmerz bis hin zu Tumorschmerzen \u2013 ein hochbedeutsames Problem, das auch auf medizinischer Seite vielfach noch nicht ausreichend bekannt ist. Au\u00dferdem wollen Menschen mit Demenz durchweg als soziale Interaktionspartner anerkannt werden. Sie leiden sehr unter sozialer Exklusion.<\/p>\n<p>Die Arbeit und Betreuung von Menschen mit Demenz ist zweifelsohne herausfordernd und sozial anstrengend. Doch man solle nicht glauben, dass Pflegekr\u00e4fte daher diesen Beruf ablehnen. Heike Baranzke hat da ganz andere Erfahrungen gemacht. \u201eIch habe im Rahmen eines DFG-Forschungsprojektes an der deutschlandweit einzigen pflegewissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Vallendar (die einzige pflegewissenschaftliche Vollfakult\u00e4t Deutschlands, die im letzten Jahr geschlossen wurde -Anm. d. Red.-) nicht wenige professionelle Betreuungspersonen in Altenpflegeheimen kennengelernt, die ihre Arbeit mit Demenzerkrankten sehr lieben und als zutiefst befriedigend erleben, wenn sie denn so arbeiten d\u00fcrfen, wie sie wollen. Es gibt da regelrechte Naturtalente und auch immer wieder viel zu lachen, denn Humor ist in diesem Arbeitsfeld enorm wichtig.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_53087\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-53087 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/51QVGW0FLqL._SY494_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"496\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Sie haben meinen Ring gestohlen&#8220; &#8211; Naomi Feil &#8211; Ernst Reinhardt Verlag &#8211; ISBN-10: 978349026296 &#8211; ISBN-13: 978-3497026296<\/span><\/div>\n<p>So gesehen fordern Menschen mit Demenz ein gesellschaftliches Umdenken geradezu heraus, dem wir uns alle stellen m\u00fcssen.\u00a0\u201eWenn man sich auch mal der F\u00fchrung einer demenzerkrankten Person \u00fcberl\u00e4sst, von der Bedeutung von Worten abstrahiert und gemeinsam singt oder sich im Tanz f\u00fchren l\u00e4sst, f\u00fchrt das zu Interaktionen auf einer anderen Ebene. Wir m\u00fcssen uns nur darauf einlassen, so wie wir uns ja auch auf Kinder einlassen. In beiden F\u00e4llen ist es die emotionale Ebene, auf die wir uns einschwingen k\u00f6nnen. Allerdings wollen Demenzbetroffene nicht wie Kinder behandelt werden. Sie wollen vielmehr mit ihren Lebenserfahrungen und ihrer individuellen Biografie respektiert werden. Hier liegt ein bedeutsamer Unterschied zum Vergleich mit Kindern.\u201c<\/p>\n<h4>Der schlimmste Ort im Gesundheitswesen<\/h4>\n<p>\u201eEs gibt mit Bezug auf die psychosozialen Bed\u00fcrfnisse keinen schlimmeren Ort im Gesundheitswesen als das Krankenhaus mit seiner Organisation\u201c, sagt Heike Baranzke und spricht damit vielen erkrankten Menschen und Angeh\u00f6rigen aus der Seele, denn schon kognitiv kompetente Patienten und Patientinnen kommen mit der vollst\u00e4ndigen Unterwerfung individueller Lebensbed\u00fcrfnisse unter den technisch-funktionalen Organisationsablauf in den Hospit\u00e4lern schlecht klar.<\/p>\n<p>\u201eWenn Sie gerade mal als schwerkranker Mensch gl\u00fccklicherweise weit nach Mitternacht eingeschlafen sind, dann schon wieder um f\u00fcnf Uhr morgens f\u00fcr die erste Infusion geweckt werden und um sieben steht schon das Fr\u00fchst\u00fcck auf dem Tablett, dann werden sie wahnsinnig\u201c, sagt Heike Baranzke und f\u00e4hrt fort: \u201eKognitiv eingeschr\u00e4nkte Menschen k\u00f6nnen hier regelrecht traumatisiert und in ihrem emotionalen Gleichgewicht aus der Bahn geworfen werden. Das kann einen verschlimmernden Demenzschub geben.\u201c<\/p>\n<p>Es g\u00e4be aber mittlerweile pflegerische Alten-heimkonzepte, die es mit Hilfe pr\u00e4ventiver regelm\u00e4\u00dfiger Gesundheitsuntersuchung vor Ort wirklich schaffen w\u00fcrden, Krankenhausaufenthalte fast v\u00f6llig zu vermeiden. Wenn eine Krankenhauseinweisung dennoch einmal unumg\u00e4nglich sei, sei eine psychosoziale Begleitperson zwingend notwendig. Vereinzelt h\u00e4tten Krankenh\u00e4user die Problematik mittlerweile erkannt und lie\u00dfen sich auf eine kommunikative Schulung des medizinischen Personals oder eine enge Kooperation mit daf\u00fcr sensibilisierten Altenpflegeeinrichtungen ein. Das sei f\u00fcr die vorherrschende Krankenhausorganisation allerdings eine echte Herausforderung.<\/p>\n<h4>Person-zentrierte Pflege oder von der Behandlung zur Begegnung<\/h4>\n<p>Der britische Psychologe Tom Kitwood entwickelte 1995 die von ihm so genannte \u201ePerson-zentrierte Pflege\u201c (engl.: Person-Centred Care; PCC), die die Einzigartigkeit der Person mit Demenz in den Mittelpunkt stellt. Der Erhalt und die St\u00e4rkung des Personseins ist sein oberstes Ziel in der Betreuung von Menschen mit Demenz. Kitwood stellt die Hypothese auf, dass eine person-zentrierte Pflege den Prozess einer Demenzerkrankung positiv beeinflussen kann. Baranzke sieht darin eine Erweiterung des Interventionsrepertoires \u00fcber das Medizinische hinaus.<\/p>\n<p>\u201eKitwood protestiert seit den 70er Jahren zunehmend gegen die medizinische Reduktion jeglichen Ausdrucksverhalten von Menschen mit Demenz auf die hirnorganische Erkrankung, die den Menschen dahinter nicht mehr sieht. Es steht also nur die neurologische Erkrankung im Vordergrund, die mit medizinisch-pharmakologischen Therapeutika behandelt werden soll. Jegliche Verhaltensauff\u00e4lligkeiten werden auf die Hirnerkrankung zur\u00fcckgef\u00fchrt, andere Ursachen werden missdeutet und Schmerzen oft nicht erkannt.\u201c<\/p>\n<p>Daher m\u00fcsse vor jeglicher Medikamentengabe zuerst eine allumfassende, gr\u00fcndliche Untersuchung her, die alle anderen Ursachen ausschlie\u00dft. So h\u00e4tten z.B. Zahn- oder Tumorschmerzen nichts mit einer demenziellen Erkrankung zu tun und k\u00f6nnten auch nicht mit Psychopharmaka behandelt werden.<\/p>\n<p>\u201eDemenzerkrankte m\u00fcssen als individuelle Pers\u00f6nlichkeiten mit ihrer Sozialisation, unverwechselbaren Biografie und Vorlieben, aber auch \u00c4ngsten und N\u00f6ten sowie mit ihren psychosozialen Bed\u00fcrfnissen wahrgenommen werden\u201c, sagt Baranzke. Allein die Kriegsgeneration bed\u00fcrfe dabei eines besonderen Augenmerks. Es gehe in der person-zentrierten Pflege um einen Pradigmenwechsel von der Behandlung eines Krankheitstr\u00e4gers als Objekt hin zu einer zwischenmenschlichen Begegnung und Kommunikation mit einem an Demenz leidenden Subjekt, also von der Behandlung zur Begegnung.<\/p>\n<h4>Verhalten verstehen lernen: ein Beispiel<\/h4>\n<p>\u201eWenn man sich f\u00fcr die Biographie der Menschen interessiert\u201c, sagt Baranzke, \u201ekann man Verhaltensweisen verstehen lernen.\u201c Ein Beispiel: Eine an Demenz erkrankte Frau, die im Rollstuhl sa\u00df, klammerte sich \u00fcberall fest. Selbst am Tisch wollte sie die Tischplatte nicht loslassen. Irgendwann kam man dahinter, dass diese Frau eine lange Zeit ihres Lebens auf einem schaukelnden Segelschiff verbracht hatte und es daher gewohnt war, sich festzuhalten. \u201eAls man das entdeckt hatte, gab man ihr einen kleinen Stock in die Hand, an dem sie sich festhalten konnte und die Sache war in Ordnung.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_53090\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 511px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53090\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/woman-593456_1280-1024x682.jpeg\" alt=\"\" width=\"501\" height=\"333\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Eine hilflose, einsame alte Frau &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Die Wissenschaftlerin nennt das ein Verstehenlernen des individuellen biografischen K\u00f6rperged\u00e4chtnisses. \u201eApathisch in der Ecke sitzende Menschen, k\u00f6nnen beim Besuch des kleinen Enkels, der mit einem Fu\u00dfball kickt, auf einmal aufstehen und wieder rumkicken, weil das in ihrem K\u00f6rperged\u00e4chtnis ist.\u201c Daher seien auch intensive Gespr\u00e4che zwischen Angeh\u00f6rigen und dem Pflegepersonal w\u00fcnschenswert, um \u00fcber die Biographie der Heimbewohner ein m\u00f6gliches Verhalten erkennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h4>Eine Lanze f\u00fcr den Pflegeberuf: Gef\u00fchlsarbeit<\/h4>\n<p>In der Altenpflege, nicht zuletzt durch unsere langj\u00e4hrige Pandemie, schwinden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und wir reden vom Pflegenotstand. Die Frage ist: Wie gebietet unsere Gesellschaft dem Einhalt? Dazu Baranzke: \u201eDie gesellschaftliche und gesundheitspolitische Anerkennung des Pflegeberufs, besonders des Altenpflegeberufs, der ja in der Anerkennungshierarchie ganz unten steht, muss sich fundamental \u00e4ndern, hin zu einer au\u00dferordentlichen, anspruchsvollen und vielseitigen Profession, denn es ist ein anspruchsvoller und vielseitiger Beruf, eine Profession, wo sie viel k\u00f6nnen, wissen und organisieren m\u00fcssen. Sie leisten im Prinzip acht Stunden durchg\u00e4ngig Dauerpsychotherapie\u201c erkl\u00e4rt die Fachfrau.<\/p>\n<p>Sie f\u00e4hrt fort, \u201ejeder Psychotherapeut macht nach einer Stunde erst einmal eine Pause. Das k\u00f6nnen sich Pflegende nicht leisten. Das ist ein richtig harter, aber auch unglaublich vielseitiger und daher ganzheitlich fordernder Job.\u201c Pflegende litten regelrecht unter der gesellschaftlichen Missachtung und es w\u00e4re bereits ein Gewinn, wenn sich das \u00e4ndern w\u00fcrde. \u201eWir brauchen auch gesamtgesellschaftlich, das betrifft nicht nur die Pflege, eine Wertsch\u00e4tzung der psychosozialen F\u00fcrsorge als Arbeit. \u00b4Gef\u00fchlsarbeit`, die f\u00fcr die viel beschworene, aber wenig verstandene Dimension einer menschenw\u00fcrdigen Haltung gegen\u00fcber besonders vulnerablen Personen unabdingbar ist.\u201c<\/p>\n<p>Um ihre Ausf\u00fchrungen besser verstehen zu k\u00f6nnen, nennt Baranzke ein Praxisbeispiel f\u00fcr eine gelebte \u00b4Gef\u00fchlsarbeit`. \u201eIch habe ein wunderbares Beispiel f\u00fcr \u00b4Gef\u00fchlsarbeit` erlebt, wo eine Pflegekraft mit einigen Teilnehmern einer demenzerkrankten Gruppe \u00b4Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht` gespielt hat. Da konnte man beobachten, was das f\u00fcr eine Arbeit war. Es ging nicht um die Spielfreude der Pflegeperson. Sie hatte alle Mitspielenden genau im Auge und wusste, wann jemand \u00fcberfordert war und wo man assistieren musste. Wenn diese Pflegekraft an diesem Tag nichts Anderes gemacht h\u00e4tte, als Mensch-\u00e4rgere-dich-nicht zu spielen, w\u00e4re sie davon schon hundem\u00fcde gewesen. Aber alle anderen T\u00e4tigkeiten kamen noch dazu. F\u00fcrsorgearbeit\u201c, sagt sie abschlie\u00dfend, \u201emuss in ihrer psychosozialen Dimension, die nirgendwo ad\u00e4quat bezahlt wird, anerkannt werden. Es ist Arbeit an verk\u00f6rperten Personen, und zwar unter vollem Einsatz der eigenen Person.\u201c<\/p>\n<p>Naomi Feil, die Begr\u00fcnderin der Validation, einer Methode und Haltung im Umgang mit Menschen mit Demenz sagt: \u201eEs geht darum, der beeintr\u00e4chtigten Person in ihrer Wahrnehmung empathisch, auf Augenh\u00f6he und mit Respekt zu begegnen.\u201c Und daf\u00fcr ist Zeit unendlich wichtig.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_53085\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 195px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53085\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Baranzke_22-2-1024x753.jpeg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"136\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Ethikern Dr. Heike Baranzke &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Heike Baranzke<\/h4>\n<p>Dr. Heike Baranzke ist Lehrbeauftragte f\u00fcr Theologische Ethik der Katholischen Theologie in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ethikerin Heike Baranzke befasst sich in der Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; mit dem brandaktuellen Thema &#8222;Behandlung, Pflege und die Gef\u00fchlsarbeit mit Menschen mit Demenz&#8220;.\u00a0Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation prognostiziert, dass es bis 2030 ca. 40 Prozent mehr Menschen mit Demenz geben wird. Und kein Land ist darauf vorbereitet! Uwe Blass hat sich mit der Wissenschaftlerin unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-53082","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-24 10:22:52","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53082","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53082"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53082\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53093,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53082\/revisions\/53093"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53082"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53082"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}