{"id":53004,"date":"2022-07-02T22:59:54","date_gmt":"2022-07-02T20:59:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=53004"},"modified":"2022-07-05T12:46:04","modified_gmt":"2022-07-05T10:46:04","slug":"erik-larsen-der-knast-organist-den-die-gefangenen-lieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/07\/02\/erik-larsen-der-knast-organist-den-die-gefangenen-lieben\/","title":{"rendered":"Erik Larsen: Der &#8218;Knast-Organist&#8216;, den die Gefangenen lieben"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_53023\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-53023\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1245-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Organist Erik Einar Larsen bei einer Beerdigung in der St. Pius X. Kirche in Barmen &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>Erik Einar Larsen ist ein starker Charakter, gro\u00dfherzig, hilfsbereit, ein wenig schr\u00e4g im positiven Sinne und er besitzt einen feinsinnigen, trockenen Humor. Kurz: Kein Typ von der Stange. Und er hat zudem einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Job: Er ist Organist im &#8222;Knast&#8220;.<\/p>\n<p>Bei den katholischen und evangelischen Gottesdiensten in der Justizvollzugsanstalt Simonsh\u00f6fchen greift er in die Orgeltasten. Und da er hinter Gittern k\u00fcnstlerisch und liturgisch freie Hand hat, l\u00e4sst er auch einmal Songs von Deep Purple oder aus den Kino-Klassikern &#8222;Star Wars&#8220; oder &#8222;Der Pate&#8220; in Messe und Abendmahl anklingen &#8211; Lieder, die garantiert in keinem kirchlich n Gesangbuch stehen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es muss nicht immer Bach oder Mozart sein, so die Philosophie von Erik Einar Larsen, der an der Uni Wuppertal Schlagzeug und Klavier studiert hat. &#8222;Die Orgel ist sozusagen meine dritte Fremdsprache&#8220;, erkl\u00e4rt der sympathische Musiker augenzwinkernd.<\/p>\n<p>Zur Musik kam er schon als kleiner Junge: &#8222;Im Kino meiner Gro\u00dfeltern stand noch ein Klavier aus alten Stummfilmzeiten. Auf dem habe ich dann so lange herumgeklimpert, bis es Opa Alfons zu uns nach Hause ins Wohnzimmer tansportieren liess&#8220;, erz\u00e4hlt Erik Einar Larsen.<\/p>\n<div id=\"attachment_53009\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 511px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53009\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1261-1024x971.jpg\" alt=\"\" width=\"501\" height=\"475\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Hat einen trockenen Humor: Organist Erik Einar Larsen &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>Aber wie landet man dann sp\u00e4ter im Gef\u00e4ngnis? Als Organist, versteht sich! Die Erkl\u00e4rung ist &#8211; so der K\u00fcnstler &#8211; eigentlich ganz einfach. &#8222;Ein ehemaliger Musiksch\u00fcler war Vikar in der JVA Simonsh\u00f6fchen. Er bat mich vor 15 Jahren, eine Vertretung zu \u00fcbernehmen. Ich fand die Atmosph\u00e4re im Knast spontan interessant und gab mir selbst lebensl\u00e4nglich. Ich habe dann meine Orgelstelle in Hammerstein gek\u00fcndigt, um mich in Zukunft auf die JVA zu konzentrieren.&#8220;<\/p>\n<p>Erik Einar Larsen bekam von der Wuppertaler Justizvollzugsanstalt quasi einen Honorar-Vertrag auf Lebenszeit. Er hat ein offenes Ohr f\u00fcr die Probleme der Gefangenen, f\u00fchrt viele Gespr\u00e4che mit ihnen, ist inzwischen sogar ehrenamtlicher Seelsorger.<\/p>\n<h4>Offenes Ohr f\u00fcr Probleme der Gefangenen<\/h4>\n<p>Der Organist mit dem gro\u00dfen Herz ist bei den Inhaftierten sehr beliebt. Sicher auch ein Grund, warum die Gottesdienste in der Gef\u00e4ngniskapelle besser frequentiert sind, als die in den meisten normalen Kirchen. Das Bemerkenswerte: Die Gefangenen verzichten daf\u00fcr am Sonntag auf eine von drei Freistunden.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr erf\u00fcllt Erik Einar Larsen, der etwas andere Organist, w\u00e4hrend der Andachten, Abendmahle und Messen nicht selten auch den einen oder anderen Musik-Wunsch.<\/p>\n<p>Bei all der positiven Resonanz, bei all der Dankbarkeit, dass er ein guter Zuh\u00f6rer ist und auch einmal Trost spenden kann, bekommt der Musiker auch die Schattenseiten des Knastlebens hautnah mit: Verzweifelte Gefangene, die ihre neugeborenen Kinder nicht sehen d\u00fcrfen, denen der Besuch der Beerdigung eines engen Familienangeh\u00f6rigen verwehrt wird oder Gefangene, die keinen Ausweg mehr sehen und sich in ihrer Zelle das Leben nehmen.<\/p>\n<div id=\"attachment_53010\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 511px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53010\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1231-1024x812.jpg\" alt=\"\" width=\"501\" height=\"398\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein gl\u00fcckliches Paar: Erik Einar Larsen mit Ehefrau Silvia &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>Wie nah l\u00e4sst Erik Einar Larsen das, was er in der JVA sieht, h\u00f6rt und erlebt \u00fcberfhaupt an sich heran. Der Organist gibt offen zu: &#8222;Sehr stark! Und ich darf ja wegen der Schweigepflicht auch nicht mit anderen dar\u00fcber reden, was mir wiederum auch gut tun w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck \u00fcberwiegen die positiven Eindr\u00fccke ud Erlebnisse, die er mit nach Hause nimmt. Und so lag es f\u00fcr ihn nahe, 2015 sogar seine Hochzeit mit Ehefrau Silvia in der Gef\u00e4ngniskapelle der JVA Simonsh\u00f6fchen, mit vielen Gefangenen als Zeugen, zu feiern.<\/p>\n<p>Nie vergessen wird er auch die Genesungskarte mit unz\u00e4hligen Unterschriften, die er von Gefangenen nach einer Augenoperation erhielt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Erik und sein kleiner Privat-Zoo<\/h4>\n<p>Und wenn er ehemalige Inhaftierte in der Stadt trifft, gibt es fast immer ein freundliches Hallo. Der Knast-Organist: &#8222;Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass es so viele davon in Wuppertal gibt.&#8220;<\/p>\n<p>Auch wenn das Orgelspielen im Gef\u00e4ngnis seine Berufung ist, greift er nicht nur<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0\u00a0<\/span>hinter schwedischen Gardinen in die Tasten: Er spielt bei bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, normalen Messen und Gottesdiensten. Die Musik spielt auch im Privatleben eine wichtige Rolle. Neben Schlagzeug, Orgel und Piano \u00fcbt er sich jetzt auf der Posaune.<\/p>\n<p>Er kann es sich erlauben, das schmucke Mehrfamilienhaus in Heckinghausen, in dem er wohnt, geh\u00f6rt ihm und seiner Frau. Hier lebt er nicht nur mit seiner Silvia, sondern auch mit Katze, Fischen, Axolotln (mexikanische Schwanzlurche), Fr\u00f6schen, Tausendf\u00fc\u00dfern, Rosenk\u00e4fern und einer Riesenschlange. Ein kleiner privater Zoo. Wie schon gesagt, Erik Einar Larsen, der etwas andere Organist.<\/p>\n<div id=\"attachment_53013\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 510px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53013\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1201-1024x788.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"385\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Erik und Silvia Larsen mit ihrer neuen Mieterin Krystyna (l.) aus der Ukraine, die sie aus Dankbarkeit zum Kaffeetrinken eingeladen hat &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>Dass der WSV-Fan ein grosses Herz besitzt, wurde bereits erw\u00e4hnt. Wenn geholfen werden muss, packen er und seine Frau zu. In der STADTZEITUNG erfuhr das Ehepaar vom traurigen Schicksal der Ukrainerin Krystyna Volobuiera, (38), deren Mann Sergey (41) bei der Flucht aus Mariupol von einem Raketentr\u00fcmmerteil get\u00f6tet wurde. V\u00f6llig traumatisiert kam die Witwe mit Tochter Elina (14) in Wuppertal an.<\/p>\n<p>Die Ukrainerin f\u00e4llte schnell die Entscheidung, dass ihre Zukunft hier in der Bergischen Metropole liegen soll, deshalb wollte sie mit Tochter und Kater die Fl\u00fcchtlingsunterkunft so schnell wie m\u00f6glcih verlassen und in eine eigene Wohnung ziehen. <span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Wer Hilfe braucht, bekommt sie auch<\/h4>\n<p>F\u00fcr die Larsens war sofort klar: &#8222;Hier m\u00fcssen wir helfen. Wir hatten uns ganz klar daf\u00fcr entschieden, unsere gerade frei gewordene Wohnung dem Menschen zu geben, der sie am n\u00f6tigsten braucht. Daf\u00fcr haben wir gern auf eine h\u00f6here Miete verzichtet.&#8220;<\/p>\n<p>Und jetzt wohnen Krystyna, Elina und Kater Stiven zwei Stockwerke unter Erik Einar und Silvia Larsen. Auch im Privatleben hat der Organist den richtigen Ton getroffen und f\u00fcr eine &#8222;Ode an die Freude&#8220; gesorgt.<\/p>\n<p><b>Text: Peter Pionke<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_53015\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 511px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-53015\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/IMG_1259-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"501\" height=\"334\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Erik Eind Larsen wartet auf den n\u00e4chsten Einsatz &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er k\u00f6nnte in jedem Wikinger-Film die Hauptrolle spielen. Rote M\u00e4hne, roter Bart &#8211; Erik Einar Larsen hat zwar nordische Wurzeln, ist jedoch vor 68 Jahren mitten in Wuppertal geboren worden und verk\u00f6rpert genau das Gegenteil von einem kaltbl\u00fctigen, kompromisslosen Krieger.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-53004","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wuppertal"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-14 10:35:41","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53004","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=53004"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53004\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53027,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/53004\/revisions\/53027"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=53004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=53004"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=53004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}