{"id":52947,"date":"2022-06-21T07:51:34","date_gmt":"2022-06-21T05:51:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=52947"},"modified":"2022-06-21T12:51:46","modified_gmt":"2022-06-21T10:51:46","slug":"politiker-walther-rathenau-der-feind-steht-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/06\/21\/politiker-walther-rathenau-der-feind-steht-rechts\/","title":{"rendered":"Politiker Walther Rathenau: \u201eDer Feind steht rechts!\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_52950\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-52950\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Grothe_Pressefoto-2-1024x783.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"783\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Apl. Prof. Dr. Ewald Grothe \/ Geschichte &#8211; \u00a9\u00a0UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Walther Rathenau (29.09.1867 &#8211; 24.06.1922) war ein deutscher Industrieller, Schriftsteller und Liberaler Politiker (DDP). W\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges beteiligte er sich an der Organisation der Kriegswirtschaft und setzte sich f\u00fcr einen &#8222;Siegfrieden&#8220;\u00a0ein. Nach dem Krieg kam er schlie\u00dflich zur linksliberalen DDP und wurde im Februar 1922 Reichsau\u00dfenminister. Walther Rathenau war Jude. Er wurde im Juni 1922 von Rechtsradikalen ermordet.<\/p>\n<p><b>Der deutsche Industrielle, Schriftsteller und liberale Politiker Walther Rathenau wurde am 24. Juni 1922 in Berlin ermordet. Wer war dieser Mann?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Er war ein ganz faszinierender Mann, nicht umsonst gibt es Darstellungen, die sagen, er bildet sozusagen ein Portrait der ganzen Epoche ab, also der Epoche des Wilhelminismus und auch der beginnenden Weimarer Republik, in der es ganz viele politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Umbr\u00fcche gab. Die gr\u00f6\u00dfte Zeitenwende war nat\u00fcrlich der Erste Weltkrieg. Rathenau war ein Intellektueller, ein Weltb\u00fcrger, er war Jude und er vereinte verschiedene T\u00e4tigkeiten miteinander, die ungew\u00f6hnlich sind. Er vereinte in sich den Unternehmer, Politiker und Schriftsteller, drei T\u00e4tigkeiten, die er auch parallel aus\u00fcbte, wobei schon eine T\u00e4tigkeit f\u00fcr ein ganzes Leben ausreichen w\u00fcrde.&#8220;<\/p>\n<p><b>\u201eVon vornherein will ich bekennen, dass ich Jude bin.\u201c Mit diesem Satz beginnt Rathenau seinen Artikel mit dem Titel \u201eH\u00f6re Israel\u201c 1897 in der Zeitschrift \u201eDie Zukunft\u201c. Was bezweckte er damit?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Es war eine Stellungnahme in der von Maximilian Harden herausgegebenen Zeitschrift \u201eDie Zukunft\u201c, die sich deutlich absetzte von der Schrift Theodor Herzls \u201eDer Judenstaat\u201c. Herzl hatte in seiner Studie einen eigenen Staat f\u00fcr die Juden gefordert und auf den haben sich sp\u00e4ter auch die Juden bei der Staatsgr\u00fcndung in Israel bezogen. Rathenau \u2013- selbst Jude &#8211; trat darin f\u00fcr die Assimilation der Juden ein, also eine m\u00f6glichst starke Integration der Juden in die deutsche Nation. Es wurde im 19. Jahrhundert ganz viel dar\u00fcber diskutiert, wie sich nun das Judentum zur deutschen Nation verh\u00e4lt. Die in Deutschland lebenden Juden f\u00fchlten sich als Deutsche, aber sie hatten verminderte Rechte, und das wurde innerhalb und au\u00dferhalb des deutschen Judentums diskutiert. Ist eine Emanzipation, ist eine Assimilation oder ist eine Akkulturation sinnvoll? Die Frage war, wie weit w\u00fcrde sich das deutsche Judentum integrieren, und Rathenau bef\u00fcrwortete die Assimilation.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_52954\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-52954\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/image001-1.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p><b>Rathenau war stark an der deutschen R\u00fcstungsproduktion im Ersten Weltkrieg beteiligt und bis zu seinem Ausscheiden aus dem Kriegsministerium 1915 auch in die Kriegsplanungen der Reichsregierung eingebunden. Er forderte auf einer Konferenz im preu\u00dfischen Kriegsministerium am 16. November 1916 aufgrund kriegsbedingten Arbeitskr\u00e4ftemangels die Deportation belgischer Zivilisten zur Zwangsarbeit. Das war wirtschaftlich wie politisch eine extreme Haltung, oder?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Das war eine extreme Haltung, ganz sicher. Die erkl\u00e4rt sich aus Rathenaus genereller T\u00e4tigkeit w\u00e4hrend des Krieges. Er war zun\u00e4chst bei Kriegsbeginn skeptisch. Es gab ja auch Kriegsgegner, nicht alle waren 1914 kriegsbegeistert. Aber Rathenau sah sich in der Verantwortung und ging auch in die Verantwortung. Er leitete 1914\/15 die Kriegsrohstoffabteilung im preu\u00dfischen Kriegsministerium, hatte auch die Hoffnung auf eine Berufung zum Staatssekret\u00e4r im Reichsschatzamt, was sich aber leider nicht realisierte. Durch diese Verantwortung wandelte er seine Haltung von einem Kriegsgegner zu einem Bef\u00fcrworter, wobei es ihm vor allem darum ging, dass Deutschland, wenn es sich jetzt nun mal im Krieg befand, den Krieg nat\u00fcrlich erfolgreich beenden musste. Alles andere w\u00e4re aus seiner Sicht wirtschaftlich und politisch mit all seinen sozialen Folgen eine Katastrophe gewesen, d.h. er organisierte die R\u00fcstungsfabrikation der AEG, das war ja sein Unternehmen, in dem er t\u00e4tig war und war bereit, sehr viel an Ideen zu investieren, wie nun Deutschland den Krieg gewinnen k\u00f6nne.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Da kam diese Haltung her, die Frage also, wie man solche notwendigen Arbeiten erfolgreich unter staatlicher Leitung in Zusammenarbeit mit Privatunternehmen durchf\u00fchren k\u00f6nne. Und dann ging er soweit zu sagen, da es belgische Zivilisten g\u00e4be, die zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden, dann m\u00fcssten die eben Zwangsarbeit leisten, um Deutschland kriegst\u00fcchtig zu machen. Eine \u00e4hnliche Forderung hat er auch an anderer Stelle erhoben: Er wollte London mit dem Zeppelin bombardieren, auch das ist eine kuriose und auch brutale Idee, aber es ging ihm darum, dass Deutschland den Krieg siegreich f\u00fcr sich entscheiden sollte. Rathenau hat solche offensiven Forderungen konzeptionell unterst\u00fctzt, war aber weder konkret beteiligt noch hat er dies aktiv in die Wege geleitet. Nat\u00fcrlich wusste er, dass dies gegen die Haager Konvention (1907) verstie\u00df. Gleichwohl f\u00fchrte dies dazu, dass er nach dem Krieg mit einem Kriegsgerichtsverfahren bedroht wurde, das dann aber nicht zustande kam.&#8220;<\/p>\n<p><b>Rathenau vertrat eine harte Haltung zum Krieg und pl\u00e4dierte gar f\u00fcr dessen Fortf\u00fchrung. Warum?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Er bef\u00fcrchtete, dass die Kriegsfolgen bei einer Niederlage ganz erheblich sein w\u00fcrden. Generell hielt er den Krieg schon f\u00fcr ein Verh\u00e4ngnis, aber in der Situation des Krieges selber war er bereit, jeden Weg zu gehen. Selbst kurz vor Kriegsende pl\u00e4dierte er sogar noch f\u00fcr eine Generalmobilmachung. Sein Aufruf im Oktober 1918 zielte aber nicht auf den Sieg, sondern auf die Positionsverbesserung f\u00fcr die von ihm zur gleichen Zeit bef\u00fcrworteten Waffenstillstandsverhandlungen. Rathenau pl\u00e4dierte bereits sehr fr\u00fch f\u00fcr Friedensverhandlungen und trat gegen Maximalforderungen f\u00fcr einen Friedensvertrag ein.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_52956\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 317px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-52956 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/519Lc0-iO7L._AC_UY436_QL65_.jpeg\" alt=\"\" width=\"307\" height=\"436\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Walther Rathenau: Sein Leben und sein Werk&#8220; (Zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Ermordung des deutschen Au\u00dfenministers&#8220; &#8211; Autor: Harry Graf Kessler &#8211; 1. Edition (M\u00e4rz 2022) &#8211; 384 Seiten &#8211; Verlag Vindeto.eu &#8211; ISBN-10: 9189692314 &#8211; ISBN-13: 978-9189692312<\/span><\/div>\n<p>1<b>918 wirkt er an der Bildung der &#8222;Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer&#8220; mit, die das Stinnes-Legien-Abkommen schlie\u00dft. In diesem handeln Arbeitgeber und Arbeitnehmer tarifrechtliche Vereinbarungen aus. Im Jahr darauf ver\u00f6ffentlicht er mehrere programmatische Schriften zum Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft. Sein Modell der zentral gelenkten Planwirtschaft \u00fcbernahmen sowohl Lenin und Hitlers R\u00fcstungsminister Albert Speer sowie sp\u00e4ter auch bspw. Ludwig Erhard. Kann man sagen, sein heller Geist war seiner Zeit voraus?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Ewald <\/b>Grothe: &#8222;Jein, man muss dazu sagen, dass in dieser Zeit ganz viele Pl\u00e4ne \u00fcberlegt wurden, wie man Arbeit organisiert, wie man letztendlich die Industrialisierung organisiert. Man suchte nach einer Balance zwischen der Privatwirtschaft und der staatlich gelenkten Wirtschaft. In der Zeit der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts existierten viele dieser Pl\u00e4ne, so dass man nicht unbedingt sagen kann, er war seiner Zeit voraus. Er war sicher einer von vielen politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen, die solche Pl\u00e4ne erwogen. Dass eine Planwirtschaft f\u00fcr Diktaturen besser passt, siehe die Beispiele Lenin oder Speer, das ist nat\u00fcrlich v\u00f6llig klar, denn die Planwirtschaft ist ja die Wirtschaftsform in einer Diktatur, sei es rechts oder links.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dass es bei Rathenau zu solchen Pl\u00e4nen kommt, hat auch mit der Kriegssituation zu tun, in der man die Wirtschaft nicht v\u00f6llig frei als Marktwirtschaft organisieren kann, sondern sie staatlich f\u00fcr bestimmte Zwecke des Staates lenkt. Bei Rathenau steckt aber auch eine andere Haltung dahinter. Es ist seine Einstellung gegen \u00fcberzogene Profite, gegen soziale Schieflagen, so dass auch da eine Kombination von staatlicher Planung und Marktwirtschaft ins Spiel kommt. Das Stichwort bei ihm ist das Wort \u00b4Gemeinwirtschaft`. Verflechtung von Wirtschaftsformen privater, genossenschaftlicher und gewerkschaftlicher Art unter staatlicher Leitung, das war das, was ihm vorschwebte.&#8220;<\/p>\n<p><b>Am 31. Januar 1922 wurde Rathenau Reichsau\u00dfenminister, wegen seiner widerspruchsvollen politischen Haltung von Anfang an aber auch von vielen Seiten angefeindet. Man warf ihm immer wieder vor, sich an der \u201eErf\u00fcllungspolitik\u201c beteiligt zu haben. Was war damit gemeint?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Unter dem Stichwort \u201eErf\u00fcllungspolitik\u201c wurden die Politiker vor allem von der rechten politischen Seite kritisiert, die sehr weit darin gingen, die Forderungen aus dem Versailler Vertrag (1919) zu erf\u00fcllen. Die Strategie dieser Politiker war allerdings, durch die \u201eErf\u00fcllungspolitik\u201c den Alliierten zu zeigen, dass vieles gar nicht erf\u00fcllbar war. Die Reparationen beispielsweise waren nicht erf\u00fcllbar. Und deswegen m\u00fcsse da eine Reform her, und dar\u00fcber wurde in vielen Konferenzen und Abkommen im Laufe der Weimarer Republik immer wieder verhandelt. Zu den sogenannten Erf\u00fcllungspolitikern wurde Rathenau, sp\u00e4ter auch Gustav Stresemann gez\u00e4hlt, die von rechts au\u00dfen als solche kritisiert wurden. Es war zu einem polemischen Schlagwort gegen diese Art der Au\u00dfenpolitik geworden. Positiv gewendet, handelte es sich um eine Verst\u00e4ndigungspolitik, die auf einen Ausgleich zwischen den Alliierten und dem Deutschen Reich abzielte.&#8220;<\/p>\n<p><b>Wer war f\u00fcr seine Ermordung verantwortlich?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Die Gegner standen vor allem auf der rechten politischen Seite. In diesem Falle war es die Marinebrigade Ehrhardt bzw. eine Verschw\u00f6rung, die sich auch Organisation Consul nannte. Die Brigade Erhardt war von dem Korvettenkapit\u00e4n Hermann Ehrhardt 1919 gegr\u00fcndet worden. Das waren Freikorps von Marinesoldaten, die sich zusammentaten und, nationalistisch, antisemitisch motiviert, bereit waren, politische Morde auszuf\u00fchren. So auch bereits 1921 an dem Zentrumspolitiker und Reichsfinanzminister Matthias Erzberger, der im Schwarzwald erschossen wurde.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Organisation Consul war z.B. auch am Mordversuch im Juni 1922 an Philipp Scheidemann beteiligt, dem SPD-Politiker, der die Ausrufung der Republik 1918 vollzogen hatte. Schlie\u00dflich waren es drei Mitglieder der Organisation Consul, die Rathenau erschossen, als er in Berlin mit dem Auto unterwegs war. Er verstarb noch vor Ort. Es handelte sich bei dem Mord nicht nur um ein politisches Attentat auf seine Person, sondern letztlich symbolisch und tats\u00e4chlich um einen Anschlag auf die Republik.<\/p>\n<p>Heute, einhundert Jahre sp\u00e4ter, sehen wir, dass politische Morde aus rechten oder linken Gruppierungen keineswegs der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Wir alle erinnern uns noch lebhaft an die Ermordung des Kasseler Regierungspr\u00e4sidenten Walter L\u00fcbcke durch einen Rechtsextremisten im Jahre 2019. Auch dass Rathenau als Jude zum Opfer von Antisemiten wurde, ist kein Zufall. Die best\u00fcrzende Aktualit\u00e4t von Rechtsextremismus und Antisemitismus hundert Jahre nach der Ermordung von Rathenau muss uns zu denken geben.&#8220;<\/p>\n<p><b>Nach seinem Tod wurde von der Regierung ein Gesetz zum Schutz der Republik auf den Weg gebracht. Was beinhaltete dieses Gesetz?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Das Republikschutzgesetz ist sehr umstritten. Es gab zwei solcher Gesetze, eines von 1922 bis 1929 und dann noch ein zweites von 1930 bis 1932. Das erste Gesetz wurde nach dem Mord an Rathenau von SPD, DDP und USPD verabschiedet. Es verbot Veranstaltungen und Publikationen von Organisationen, die gegen die Verfassung verstie\u00dfen, es versch\u00e4rfte die Strafen gegen politische Morde, es richtete einen Staatsgerichtshof ein, der politische Straftaten aburteilen sollte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es gab eine entschiedene Gegnerschaft, auch deshalb, weil es auch Gruppen im Reichstag gab, die durchaus Sympathien mit antirepublikanischen Organisationen hegten. Und es war auch schwierig, dieses Gesetz mit der Verfassung in Einklang zu bringen, denn der Staatsgerichtshof stand dann im Ruf, ein Sondergericht zu sein. Es waren so eine Art Notstandsgesetze, weil man die Gefahr f\u00fcr die Republik erkannte. Reichskanzler Joseph Wirth formulierte dann im Reichstag: \u201eDer Feind steht rechts!\u201c Damit hatte er zweifelsohne recht.&#8220;<\/p>\n<p><b>Ein englischer Historiker nannte Rathenau den &#8222;Schutzheiligen&#8220; der deutschen Demokratie. Lag er damit richtig?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;F\u00fcr Rathenau gibt es ganz viele \u00e4hnlicher Bezeichnungen. Diese Formulierung des Schutzheiligen stammt von dem britischen Historiker Patrick Graham Williamson aus dem Jahr 1975. Rathenau ist jemand, der f\u00fcr die Weimarer Republik eintrat und von daher eine Symbolfigur, so w\u00fcrde ich es eher nennen, der die liberale Demokratie, die Republik verteidigte. Es gab verschiedene solcher Symbolfiguren, zu denen ich auch Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann, Hugo Preu\u00df und Moritz Julius Bonn z\u00e4hlen w\u00fcrde. Es kommen mehrere Politiker f\u00fcr eine solche Bezeichnung in Frage, die ganz wesentlich an der Gr\u00fcndung der Republik, einer Verabschiedung einer demokratischen Verfassung, der Installierung der Republik und damit der Demokratie beteiligt waren.&#8220;<\/p>\n<p><b>Rathenaus \u00fcber 70.000 seitiger Dokumentennachlass wurde von den Sowjets 1945 beschlagnahmt und lagert noch heute in Moskau. Ist unter den aktuellen politischen Bedingungen eine wissenschaftliche Arbeit dort jetzt \u00fcberhaupt m\u00f6glich?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Ewald Grothe: &#8222;Nein, unter den aktuellen Bedingungen ist das \u00fcberhaupt undenkbar. Die Dokumente sind sowieso erst relativ sp\u00e4t zur Verf\u00fcgung gestellt worden. Es gab auch eine Zeit, in der man nicht wusste, wo die Dokumente \u00fcberhaupt lagerten. Der Umfang des Nachlasses ist sehr gro\u00df, \u00fcber 900 Akten. Ich habe mir das Findbuch in deutscher \u00dcbersetzung einmal online angesehen. Man erkennt schnell, wie wertvoll dieser Nachlass ist. Er besteht aus Korrespondenz, ganz vielen Artikeln, zum Teil noch unver\u00f6ffentlicht, Reden, Tageb\u00fcchern und auch Fotos sind enthalten. Also eine Rathenau-Biographie, von denen es erstaunlicherweise viele gibt, kann man mit wissenschaftlichem Anspruch ohne die Nutzung dieses Nachlasses gar nicht schreiben. Aber derzeit ist so etwas auch gar nicht m\u00f6glich.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es ist ohnehin ein Problem, dass es Best\u00e4nde aus deutschen Archiven und Bibliotheken gibt, die bis heute nicht zur\u00fcckgef\u00fchrt wurden. Rathenaus Nachlass wurde 1945 beschlagnahmt und dann nach Moskau transportiert. Die Verhandlungen \u00fcber die R\u00fcckf\u00fchrung dieser Archivalien sind leider bisher nicht erfolgreich gewesen. Solange die Unterlagen wenigstens zug\u00e4nglich sind, ist uns Wissenschaftlern schon sehr geholfen. Ganz misslich wird es dann, wenn jetzt, in Kriegszeiten, die russischen Archive gar nicht zug\u00e4nglich sind. Das ist eine wirkliche Behinderung f\u00fcr die historische Forschung.&#8220;<\/p>\n<p><b>Uwe Blass<\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_52952\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 176px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-52952\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Grothe_Pressefoto-3-751x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"226\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Ewald Grothe &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Ewald Grothe<\/h4>\n<p>Apl. Prof. Dr. Ewald Grothe studierte Geschichtswissenschaften, \u00f6ffentliches Recht und Rechtsgeschichte in Marburg. Er habilitierte sich 2003 in Wuppertal und lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universit\u00e4t. Seit 2009 ist er au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im &#8222;Jahr100Wissen-Interview&#8220; unterh\u00e4lt sich Uwe Blass mit dem Historiker apl. Prof. Dr. Ewald Grothe zum 100. 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