{"id":52096,"date":"2022-05-22T19:12:05","date_gmt":"2022-05-22T17:12:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=52096"},"modified":"2022-05-27T12:03:07","modified_gmt":"2022-05-27T10:03:07","slug":"eine-arme-kirche-wuerde-in-bedeutungslosigkeit-versinken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/05\/22\/eine-arme-kirche-wuerde-in-bedeutungslosigkeit-versinken\/","title":{"rendered":"&#8218;Eine arme Kirche w\u00fcrde in Bedeutungslosigkeit versinken&#8216;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_52101\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-52101\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Frambach_3-2-1024x676.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"676\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Hans Frambach &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Und die Kirche wird auch nicht m\u00fcde, die ganze Welt immer wieder aufzurufen, die Armen nicht zu vergessen. Prof. Dr. Hans Frambach, seines Zeichens Volkswirt mit dem Schwerpunkt Mikro\u00f6konomie und Geschichte des \u00f6konomischen Denkens an der Bergischen Universit\u00e4t, hat sich zusammen mit Co-Autor Daniel Eissrich in dem Buch \u201eDer dritte Weg der P\u00e4pste \u2013 Die Wirtschaftsideen des Vatikans\u201c mit den Sozialenzykliken des Heiligen Stuhls auseinandergesetzt. Thema einer interessanten Folge der Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220;.<\/p>\n<h4>Ein eigener, christlich orientierter Weg<\/h4>\n<p>Seit jeher fordert die katholische Kirche in ihren Sozialenzykliken die Gesellschaft zu mehr Solidarit\u00e4t untereinander auf und formuliert eigene Ideen der wirtschaftlichen Entwicklung. \u201eMit der Bezeichnung \u2018dritter Weg\u2019 geben wir eine Umschreibung f\u00fcr einen von vielen Versuchen der Aufstellung einer Ordnungskonzeption, eines Mittelwegs zwischen den beiden Extremformen eines reinen Wirtschaftsliberalismus und einer Ordnung der zentralen Lenkung\u201c, erkl\u00e4rt der Wissenschaftler.<\/p>\n<p>Es habe in der Ordnungspolitik der Wirtschaftswissenschaften immer Versuche gegeben, marktwirtschaftliche oder planwirtschaftliche Mittelwege zu finden. \u201eDer Vatikan hatte aber seit der ersten Sozialenzyklika \u2018Rerum novarum\u2019 1891, auf die viele Sozialenzykliken folgten, einen eigenen, zwischen den Extremen verorteten \u00b4vermittelnden Weg` beschrieben, der, im Gegensatz zu anderen dritten Wegen, eine Orientierung an christlichen Werten in den Vordergrund stellt.\u201c<\/p>\n<h4>Wie reich ist der Vatikan eigentlich?<\/h4>\n<p>Wie beschreitet nun aber ein an christlichen Werten orientiertes Wirtschaftsunternehmen einen neuen Weg? Dazu muss man vielleicht erst einmal kl\u00e4ren, um welche Unternehmensgr\u00f6\u00dfe es sich im Falle des Vatikans handelt. Wie reich ist also die r\u00f6mische Enklave? \u201eEin Problem in der Beantwortung dieser Frage besteht darin, dass oftmals nicht nur der Vatikan gemeint ist, sondern die Katholische Kirche \u00fcberhaupt\u201c, schr\u00e4nkt Frambach eine richtige Antwort sofort ein, jedoch sei ganz offiziell bei Wikipedia zu lesen, dass die Verm\u00f6genswerte des Vatikans bei ca. 13 Milliarden Euro, bei j\u00e4hrlichen Ausgaben von ca. 0,4 Milliarden Euro, l\u00e4gen, wobei der Schwerpunkt auf den Personalkosten ruhe.<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-44822 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Universit\u00e4t Wuppertal<\/span><\/div>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Verm\u00f6genswerte sei dabei in Grundbesitz, Liegenschaften und Geb\u00e4uden gebunden. F\u00fcr Deutschland, sagt Frambach, gebe es auch Angaben. \u201eH\u00e4ufig genannte Zahlen stammen etwa von dem Politikwissenschaftler und Publizisten Carsten Frerk, der im Zuge des Ausgabenskandals um den ehemaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst von 2013 gegen\u00fcber Fokus online und dem Spiegel das Verm\u00f6gen der Katholischen Kirche in Deutschland einmal auf etwa 200 Milliarden Euro taxiert hatte.\u201c<\/p>\n<p>Der Autor Friedhelm Schwarz geht mit dem Unternehmen Kirche hart ins Gericht und sagt: \u201eKein Unternehmen, keine Partei und keine Gewerkschaft hat so viel Macht wie die beiden gro\u00dfen Kirchen in Deutschland. \u2026 Die Kirchen betonen in der \u00d6ffentlichkeit immer wieder ihre Armut. Doch das ist eine Zweckl\u00fcge, um noch mehr Einnahmen und Subventionen zu scheffeln, die nur dazu dienen, den Einfluss der Kirchenb\u00fcrokraten auszubauen. Die beiden gro\u00dfen Kirchen in Deutschland verf\u00fcgen heute \u00fcber ein Gesamtverm\u00f6gen von rund 500 Milliarden Euro. Sie haben 53 Millionen Mitglieder und besch\u00e4ftigen \u00fcber 1,3 Millionen Mitarbeiter in knapp 50.000 selbstst\u00e4ndigen Unternehmen. Sie erzielen einen Gesamtumsatz von mehr als 125 Milliarden Euro j\u00e4hrlich.\u201c<\/p>\n<p>Frambach will die von Schwarz genannten Zahlen gar nicht in Abrede stellen, betont jedoch: \u201eIn den vielen Unternehmen, die sich in Eigentum und Tr\u00e4gerschaft der Kirche befinden, sind Menschen besch\u00e4ftigt, die produzieren, Dienstleistungen erbringen, wirtschaftliche Werte erzeugen. Vielfach handelt es sich um soziale Einrichtungen wie Krankenh\u00e4user, Hospize, Jugend- und Altersheime. Die (katholische) Caritas etwa ist mit ann\u00e4hernd 700.000 hauptamtlichen Mitarbeitern der gr\u00f6\u00dfte nichtstaatliche Arbeitgeber in Deutschland.\u00a0 Daher muss man sich ernsthaft fragen, ob die Welt bzw. die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger besser dran w\u00e4ren, wenn sich dieses Verm\u00f6gen nicht in den H\u00e4nden der Kirche, sondern von Privatunternehmen bef\u00e4nde.\u201c<\/p>\n<h4>Der Peterspfennig<\/h4>\n<p>Der Peterspfennig steht dem Papst h\u00f6chstpers\u00f6nlich zur Verf\u00fcgung. Diese Kollekte, die jedes Jahr am 29. Juni, dem Fest der Apostel Petrus und Paulus, f\u00fcr den \u2018Liebesdienst an den Bed\u00fcrftigen\u2019 weltweit eingesammelt wird, sp\u00fclte allein 2019 fast 57 Millionen US-Dollar in die Kassen des Vatikans. Diese Peterspfennig-Spende wird seit Jahren \u00fcberwiegend dazu verwendet, das wachsende Haushaltsdefizit der Kurie zu decken und kommt den Bed\u00fcrftigen gar nicht mehr zu. Eine Verwendung von Spenden f\u00fcr steuerpflichtige, wirtschaftliche Gesch\u00e4ftsbetriebe ist allerdings unzul\u00e4ssig.<\/p>\n<p>\u201eDer Peterspfennig ist offiziell darauf ausgerichtet, den Papst in der Wahrnehmung seiner \u2018vielf\u00e4ltigen Aufgaben\u2019 und, ich zitiere, \u2018dessen Sorge f\u00fcr die Erfordernisse der Weltkirche und den Liebesdienst an Bed\u00fcrftigen zu unterst\u00fctzen\u2019\u201c, erkl\u00e4rt Frambach. \u201eImmer wieder tauchen allerdings Schlagzeilen auf, nach denen der Peterspfennig zur Schlie\u00dfung von Haushaltl\u00f6chern, der Finanzierung undurchsichtiger Immobiliengesch\u00e4fte und Spekulationen verwendet wird. Wenngleich der Vatikan durchaus selber Untersuchungen \u00fcber mutma\u00dfliche Betr\u00fcgereien angesetzt hat, sehe ich durch die wohl kaum zu leugnenden praktischen Zust\u00e4nde einen riesigen Vertrauensschaden gegen\u00fcber den Spendern, von denen die meisten sicherlich im Vertrauen auf wohlt\u00e4tige Verwendung ihr Geld geben. Die Mittelverwendung f\u00fcr unzul\u00e4ssige Zwecke ist nat\u00fcrlich unzul\u00e4ssig.\u201c<\/p>\n<h4>Franz von Assisi \u2013 das Streben nach einem Ideal<\/h4>\n<p>Der Kaufmannssohn Franz von Assisi gilt als Vorreiter der Armutsbewegung. Papst Franziskus hat die Wahl seines Namens mit der Aussage begr\u00fcndet, er w\u00fcnsche eine arme Kirche f\u00fcr die Armen. Kaum vorstellbar, dass das Oberhaupt der Katholiken nicht um die immensen Verm\u00f6genswerte wei\u00df, aber ein Ver\u00e4u\u00dfern und Verschenken dieser Werte h\u00e4tte nach Frambachs Einsch\u00e4tzung auch nur einen kurzen Erfolg. \u201eW\u00fcrde die Kirche die Erl\u00f6se zur Armutsbew\u00e4ltigung verwenden, stiege einerseits sicherlich die Glaubw\u00fcrdigkeit\u201c, erkl\u00e4rt er, \u201eandererseits aber w\u00fcrde sich an der grunds\u00e4tzlichen Armutsproblematik in der Welt aber wohl kaum, allenfalls vielleicht kurzfristig, etwas \u00e4ndern.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_52105\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 323px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-52105 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/51n0xiTjRUL.jpeg\" alt=\"\" width=\"313\" height=\"500\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der dritte Weg der P\u00e4pste &#8211; Die Wirtschaftsideen des Vatikans&#8220; &#8211; Hans Frambach &amp; Daniel Eissrich &#8211; UVK-Verlagsgesellschaft &#8211; 284 Seiten &#8211; ISBN-10: 3867646007 &#8211; USBN-13: 978-3867646000<\/span><\/div>\n<p>Vielmehr glaubt Frambach, dass Papst Franziskus mit seiner Aussage zum Ausdruck bringen wollte, dass sich die Kirche bzw. jegliche ihrer W\u00fcrdentr\u00e4ger in ihrer t\u00e4glichen Arbeit eher mit den realen Problemen der Armen und \u00c4rmsten direkt auseinandersetzen und sich weniger um Fragen des eigenen Verwaltens, der Eigenbesch\u00e4ftigung und der strategischen Au\u00dfendarstellung und Vernetzung k\u00fcmmern sollten. Das Leben und die Arbeit Franz von Assisis sehe der Papst als erstrebenswertes Ideal. \u201eIch bef\u00fcrchte, dass eine arme Kirche in unserer heutigen Welt eher in der Bedeutungslosigkeit versinken w\u00fcrde, da sie viele ihrer sozialen Auftr\u00e4ge gar nicht mehr erf\u00fcllen k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<h4>Machtverlust folgt Unfehlbarkeitsdogma<\/h4>\n<p>In seinem Buch schreibt Frambach \u00fcber die gro\u00dfen Umbr\u00fcche durch die Industrialisierung in Italien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die den Kirchenstaat jeglicher weltlicheren Machtinstrumente beraubte. Parallel verk\u00fcndet Papst Pius IX. in dieser Zeit das Unfehlbarkeitsdogma. Ein Zufall?<\/p>\n<p>\u201eDiese Frage kann ich nicht wirklich beantworten, da es sich bei der Unfehlbarkeit um eine Eigenschaft handelt, die die katholische Kirche dem Papst zugeschrieben hat, um ein abschlie\u00dfendes Urteil \u00fcber strittige theologische Fragen abzugeben\u201c, antwortet der Wissenschaftler. Jedenfalls habe der Kirchenstaat im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Italien gro\u00dfe Landfl\u00e4chen und damit auch weltliche Macht abtreten m\u00fcssen, wei\u00df Frambach. Heute besitze der Kirchenstaat \u00b4nur` noch die Vatikanstadt selber, Lateran und die Sommerresidenz Castel Gandolfo.<\/p>\n<p>\u201eDie Vermutung, dass im Zuge des damaligen Verlustes des weltlichen Einflusses endlose Streitigkeiten auf theologischem Gebiet m\u00f6glichst reduziert oder vermieden werden sollten, ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen\u201c, erkl\u00e4rt er. \u201eDie M\u00f6glichkeit der Abgabe eines \u2018endg\u00fcltigen Urteils\u2019 durch die sozusagen \u2018h\u00f6chste Instanz\u2019 [Unfehlbarkeitsdogma; Anm. d. Red.] hat gewiss keine Ungelegenheit darstellt.\u201c<\/p>\n<h4>Einfluss der Sozialenzyklika auf Sozial- und Wirtschaftspolitik<\/h4>\n<p>Das Problem sozialer Ungerechtigkeit hat die Kirche schon fr\u00fch erkannt, eine wirkliche Stellungnahme jedoch erst in der Enzyklika \u2018Rerum Novarum\u2019 1891 formuliert. Das hat Einfluss auf die Sozial- und Wirtschaftspolitik vieler L\u00e4nder gehabt. Den direkten Einfluss k\u00f6nne man bspw. an der Entstehung der katholischen Arbeiterbewegung in L\u00e4ndern wie Belgien, Deutschland, Frankreich, Holland und Italien sowie an verschiedenen Wohlt\u00e4tigkeits- und Selbsthilfeorganisationen sehen, wei\u00df Frambach.<\/p>\n<p>Das liege auch daran, dass katholische Theologen, die mit den Inhalten der Sozialenzykliken bestens vertraut waren, teilweise hohe politische \u00c4mter innehatten oder in Parlamenten sa\u00dfen, in denen sie entsprechende Forderungen auch umzusetzen versuchten. Frambach nennt hier stellvertretend den Priester Heinrich Brauns, der ab 1920 acht Jahre das Amt des Reichsarbeitsministers in der Weimarer Republik bekleidete. \u201eEs hat sehr viele Kenner der Sozialenzykliken in einflussreichen Positionen gegeben. Bei der Einf\u00fchrung der Sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland wird sogar auf den Ordo-Gedanken &#8211; [Im Ordo-Gedanken vertraten die Menschen im Mittelalter die \u00dcberzeugung, dass eine gottgewollte hierarchische Gliederung der Welt existiert, in der die Menschen nat\u00fcrlicherweise in verschiedenen \u00dcber- und Unterordnungsverh\u00e4ltnissen miteinander leben; Anm. d. Red.] &#8211; der katholischen Soziallehre explizit zur\u00fcckgegriffen. Aber ebenso spielten Wertvorstellungen aus dem Protestantismus, Liberalismus und Sozialismus eine Rolle. Insgesamt h\u00f6here oder \u00fcbergeordnete Werte, die sich in den aus dem Humanit\u00e4tsgedanken gr\u00fcndenden Werten von Freiheit, Gleichheit, und Gerechtigkeit wiederfinden.\u201c<\/p>\n<p>Immer wieder l\u00f6sten die Sozialenzykliken im Laufe der Jahre hohe politische Wellen aus. Frambach erinnert an die 2009 von Papst Benedikt XVI. ver\u00f6ffentlichte Sozialenzyklika \u2018Caritas in Veritate\u2019, die massiv die Finanzm\u00e4rkte kritisierte oder Papst Franziskus\u2019 \u2018Laudato Si\u2019\u2019 von 2015, in der er die moderne kapitalistische Marktlogik mit insbesondere den katastrophalen Folgen f\u00fcr unsere Umwelt, der Lebensgrundlage der Menschen, hart kritisierte.<\/p>\n<p>Das ging um die Welt, denn eines d\u00fcrfe man nicht vergessen: \u201eDie Katholische Kirche hat weltweit um die 1,3 Milliarden Mitglieder. D.h., die Ideen der Enzykliken k\u00f6nnen einer vergleichsweisen gro\u00dfen Zuh\u00f6rerschaft relativ einfach vermittelt werden.\u201c Ob es der Pfarrer auf der Kanzel oder die vielen Publikationsorgane der Kirche sind, die Reichweite dieser Botschaften ist enorm.<\/p>\n<h4>Diese Wirtschaft t\u00f6tet<\/h4>\n<p>Papst Franziskus sagt: \u201eDiese Wirtschaft t\u00f6tet\u201c, und geht dabei von einer Idee aus, dass die Armen eine besondere Unschuld auszeichne und sie die Bewahrer einer nicht von Egoismus, \u00f6konomischen Interessen, Geld und Individualismus korrumpierten naiven Reinheit seien.<\/p>\n<p>Der Wirtschaftsjournalist Rainer Hank sagt dazu: \u201eDer christliche Glaube hat den Kapitalismus angeschoben.\u00a0 Sie (die Armen) werden sowohl politisch als W\u00e4hler wie theologisch als Kirchenvolk instrumentalisiert. W\u00fcrden die Armen mithilfe marktwirtschaftlicher Reformen ihr Elend verlassen, verl\u00f6re diese Soziallehre ihre Basis und ihre Legitimation. Ein Kapitalismus, der die Armen reich macht, st\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_51111\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-51111\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/st-peters-basilica-g376c7b121_1920-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Petersdom in Rom &#8211; imposanter Mittelpunkt des Vatikans &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Dass die Armen die \u2018Bewahrer\u2019 einer \u2018naiven Reinheit\u2019 seien, stellt Frambach allerdings in Frage. \u201eArmut allein macht den Menschen nicht zu einem besseren, sie sch\u00fctzt sicherlich vor mancherlei Versuchung, doch ich bezweifle, dass der Arme, wenn er reich w\u00e4re, anders handeln w\u00fcrde als der Reiche.\u201c Die viel zitierte Aussage von Papst Franziskus, \u2018diese Wirtschaft t\u00f6tet\u2019, die er 2013 in dem Apostolischen Schreiben \u2018Evangelii Gaudium\u2019 getroffen habe, beziehe sich auf die Unzahl verachtungsw\u00fcrdiger Zust\u00e4nde in modernen Gesellschaften und ziele vor allem auf die Aussage, dass eine Schlagzeile an der B\u00f6rse eine h\u00f6here Wahrnehmung erfahre, als ein erfrierender Obdachloser.<\/p>\n<p>\u201eIch stimme durchaus zu\u201c, sagt Frambach, \u201edass die sogenannten \u2018Armen\u2019 in vielerlei Hinsicht gegen\u00fcber den sog. \u2018Reichen\u2019 benachteiligt sind, und es auch viele Situationen gegeben hat und gibt, in denen Menschen instrumentalisiert wurden und werden. Den Vorwurf jedoch, dass der Kapitalismus Reformen sozusagen absichtlich verhindern w\u00fcrde, um ihn nicht zu gef\u00e4hrden oder gar der Soziallehre ihre Legitimationsbasis zu entziehen, halte ich f\u00fcr geradezu absurd.\u201c<\/p>\n<p>In den modernen marktwirtschaftlich ausgerichteten Wirtschaftssystemen gehe es doch vor allem darum, die sozialen Probleme zu mindern. Aber das sei eben alles andere als einfach, wenn gleichzeitig pers\u00f6nliche Freiheitrechte zugesichert, soziale Absicherung gew\u00e4hrleitstet, ein Mindestma\u00df an Wohlstand f\u00fcr alle gegeben und nicht zuletzt die Umwelt lebenswert erhalten sein sollen.<\/p>\n<h4>Berechtigte Sorge um den Wohlfahrtsstaat<\/h4>\n<p>1931 erschien die Sozialenzyklika \u2018Quadragesimo anno\u2019 von Papst Pius XI., in der er vor einem Ausbau des Staates zum Wohlfahrtsstaat warnt. \u201eDarin wird auf eine m\u00f6gliche Entwicklung hingewiesen, dass der Staat immer mehr Aufgaben an sich ziehe, damit auf der einen Seite immer gr\u00f6\u00dfer und m\u00e4chtiger werde und in immer st\u00e4rkerem Ma\u00dfe zentralverwaltungswirtschaftliche Elemente aufweise, auf der anderen Seite den B\u00fcrgern jedoch zunehmend Eigenverantwortung entziehe und Leistungsanreize nehme, ja eine Art Nehmer- bzw. Anspruchshaltung gegen\u00fcber dem Staat geradezu f\u00f6rdere\u201c, so Frambach.<\/p>\n<p>\u201eDas war eine Angst, die damals von der Katholischen Kirche formuliert wurde und in der Sache auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist, denn es geht um das grundlegende Verh\u00e4ltnis von B\u00fcrger\/-innen und Staat bzw. um die Rolle des Staates, die Gew\u00e4hrung von Freiheiten und die Wahrnehmung von Verantwortung, um die Schaffung zeitgem\u00e4\u00dfer Rahmenbedingungen.\u201c Sp\u00e4testens mit der Auseinandersetzung um den Zustand unserer Umwelt und zunehmender Kriegshandlungen sind die Themen des Weltfriedens, der Menschlichkeit, grundlegender Lebensbedingungen in den Fokus getreten, Themen, die den Sozialenzykliken immer wieder behandelt wurden.<\/p>\n<h4>Neudefinition des Fortschrittsbegriffs<\/h4>\n<p>Immer wieder mahnt der Vatikan die Welt, Anspruchsdenken zur\u00fcckzufahren und die Verantwortung gegen\u00fcber der Gemeinschaft ernst zu nehmen. Papst Franziskus sieht den Ausweg in einer Neudefinition des Fortschrittbegriffs, nach dem die reichen Staaten in vielf\u00e4ltiger Hinsicht von ihrem Reichtum an arme L\u00e4nder abgeben, denn es gehe um den Frieden und den Fortbestand der Welt, um Gemeinschaft, Menschlichkeit und Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u201eMit seinem Appell, Fortschritt neu zu definieren, wie es Franziskus getan hat, u.a. soziale und \u00f6kologische Aspekte in den Fortschrittsbegriff zu integrieren und mehr Frieden, Gemeinschaft, Menschlichkeit und Solidarit\u00e4t einzufordern, erf\u00fcllt der Papst genau das, was m.E. seine Aufgabe ist\u201c, res\u00fcmiert Frambach.<\/p>\n<p>Und weiter: \u201eMit der Forderung an reiche L\u00e4nder, mehr R\u00fccksicht auf die \u00e4rmeren zu nehmen \u2013 nicht zuletzt auch, weil viel Not und Elend dort durch die Wirtschaftsweise der reichen Staaten auch verursacht wurde \u2013, greift Franziskus eine der, wenn nicht sogar die Frage der Volkswirtschaftslehre auf; n\u00e4mlich die nach der immer ungleicher werdenden Verteilung der Einkommen und Verm\u00f6gen, von deren L\u00f6sung wir mehr denn je entfernt sind. W\u00e4hrend Volkswirte und insbesondere Entwicklungs\u00f6konomen seit langem mit leider nur m\u00e4\u00dfigem Erfolg nach L\u00f6sungen suchen, verstehe ich die in den Sozialenzykliken vorgenommenen moralischen Appelle der P\u00e4pste als einen anderen, vielleicht auch nicht erfolgversprechenderen, jedoch in die gleiche, richtige Richtung zielenden Vorsto\u00df, das Leben auf unserem Planeten lebenswerter zu gestalten. Und zwar f\u00fcr alle.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_52102\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 232px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-52102\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Frambach_3-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"222\" height=\"297\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Hans Frambach &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Hans Frambach<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Hans Frambach leitet den Arbeitsbereich Mikro\u00f6konomie und Geschichte des \u00f6konomischen Denkens in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Wirtschaftswissenschaft, Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was w\u00e4re, wenn die Kirche der Armen tats\u00e4chlich arm w\u00e4re? Was w\u00e4re, wenn alle Kircheng\u00fcter verkauft und den Armen zugutek\u00e4men? Was w\u00e4re, wenn dann alle seelsorgerischen T\u00e4tigkeiten auf einmal nicht mehr finanzierbar w\u00e4ren? Der Vatikan ist reich, die Katholische Kirche ist reich, ohne Frage, sie mehrt ihr Verm\u00f6gen von Tag zu Tag.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-52096","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-21 13:09:16","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52096","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=52096"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52096\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52109,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52096\/revisions\/52109"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=52096"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=52096"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=52096"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}