{"id":51938,"date":"2022-05-10T15:44:52","date_gmt":"2022-05-10T13:44:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=51938"},"modified":"2022-05-10T15:44:52","modified_gmt":"2022-05-10T13:44:52","slug":"entlarvung-der-propagandaluegen-und-barbareien-des-krieges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/05\/10\/entlarvung-der-propagandaluegen-und-barbareien-des-krieges\/","title":{"rendered":"Entlarvung der Propagandal\u00fcgen und Barbareien des Krieges"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_51940\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-51940\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Sander1a-2-1024x776.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"776\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Apl. Prof. em. Dr. Gabriele Sander \/ Allgemeine Literaturwissenschaft &#8211; \u00a9\u00a0Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Selten war das Theaterst\u00fcck und das Thema aktueller als in diesen Tagen, in denen in der Ukraine ein brutaler, grausamer Angriffskrieg Putins w\u00fctet.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Karl Kraus ver\u00f6ffentlichte 1922 sein f\u00fcr unspielbar gehaltenes Theaterst\u00fcck \u201eDie letzten Tage der Menschheit\u201c als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg, in dem die Absurdit\u00e4t des Krieges dargestellt wird. Wie macht er das?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Kraus wollte mit seiner Trag\u00f6die \u201edie tiefere Wahrheit \u00fcber den Krieg\u201c ergr\u00fcnden. Das St\u00fcck sprengt in seinen Ausma\u00dfen alle Grenzen der Auff\u00fchrbarkeit und ist mit seinen 220 Szenen so unfasslich und monstr\u00f6s wie sein Gegenstand: der Erste Weltkrieg. Der Herausgeber und Hauptautor der 1899 in Wien gegr\u00fcndeten Zeitschrift \u201eDie Fackel\u201c hatte sich als hellsichtiger, scharfz\u00fcngiger und wortgewaltiger Zeitkritiker einen Namen gemacht, der vor allem die satirische Tonlage virtuos beherrschte. Mit den Mitteln der Satire arbeitete Kraus auch in seinem Drama \u201eDie letzten Tage der Menschheit\u201c, um das Grauen und die Sinnlosigkeit des Weltkriegs vor Augen zu f\u00fchren und diesen als groteske Maskerade entmenschlichter Gestalten darzustellen. Dazu bemerkte er in der Vorrede zur ersten Buchausgabe vom Mai 1922: \u201e[&#8230;] der Inhalt ist von dem Inhalt der unwirklichen, undenkbaren [&#8230;] und nur in blutigem Traum verwahrten Jahre, da Operettenfiguren die Trag\u00f6die der Menschheit spielten. Die Handlung, in hundert Szenen und H\u00f6llen f\u00fchrend, ist unm\u00f6glich, zerkl\u00fcftet, heldenlos [\u2026].\u201c<\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander weiter: &#8222;Das Drama ist zwar scheinbar konventionell in f\u00fcnf Akte gegliedert, die sich jeweils mit einem Kriegsjahr befassen, es reiht aber die meist kurzen Szenen nur lose aneinander, sodass eher von einem offenen Drama gesprochen werden muss. Au\u00dferdem wechselt es st\u00e4ndig sowohl den Ort als auch die Figuren. Durch den Verzicht auf Zentralfiguren zugunsten einer Vielzahl von Stimmen bietet das St\u00fcck ein extrem breites Spektrum von Perspektiven und Reaktionen auf diesen ersten \u201atotalen\u2018 Krieg der Weltgeschichte. Kraus versucht damit, sowohl die Abgr\u00fcnde der Barbarei als auch die Absurdit\u00e4ten der vermeintlich \u201egro\u00dfen Zeit\u201c in m\u00f6glichst vielen Facetten auszuleuchten und die apokalyptische Dimension des Krieges deutlich zu machen. So inszeniert er im Epilog \u201eDie letzte Nacht\u201c eine Art Totentanz und l\u00e4sst die Welt in einem Blut-, Aschen- und Meteorregen untergehen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Zeitgenossen beschrieben Karl Kraus so: \u201eDas sei der strengste und gr\u00f6\u00dfte Mann, der heute in Wien lebe. Vor seinen Augen finde niemand Gnade. In seinen Vorlesungen greife er alles an, was schlecht und verdorben sei. [\u2026] Jedes Wort, jede Silbe in der Fackel sei von ihm selbst. Darin gehe es zu wie vor Gericht. Er selber klage an und er selber richte. Verteidiger g\u00e4be es keinen, das sei \u00fcberfl\u00fcssig, er sei so gerecht, dass niemand angeklagt werde, der es nicht verdiene. Er irre sich nie, k\u00f6nne sich gar nicht irren. (\u2026).\u201c Kraus wandte sich bereits nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges entschieden gegen diesen Krieg. Wie tat er das?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Zun\u00e4chst reagierte Kraus mit fassungslosem Schweigen auf den Kriegsausbruch. Er verstummte f\u00fcr einige Monate angesichts der Kriegsbegeisterung, die auch viele prominente Intellektuelle und K\u00fcnstler erfasste. Anfang Oktober 1914 schrieb er an seine Freundin Sidonie N\u00e1dhern\u00fd: \u201eIch denke, die Geister der Nationen stehen geistig noch tief unter dem Feldwebel.\u201c Erst im Dezember 1914 erschien nach f\u00fcnfmonatiger Pause wieder ein neues Heft der \u201eFackel\u201c. Es enthielt seine im November gehaltene Rede \u201eIn dieser gro\u00dfen Zeit\u201c, in der \u2013 so hei\u00dft es zu Beginn \u2013 \u201eeben das geschieht, was man sich nicht vorstellen konnte.\u201c Im Weiteren spricht Kraus von einer \u201elauten Zeit, die da dr\u00f6hnt von der schauerlichen Symphonie der Taten.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_51942\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-51942\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/image001.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Dr. Gabriele Sander f\u00e4hrt fort: &#8222;Sein ebenso prophetischer wie zivilisationskritischer Text ist auch ein Pamphlet gegen die zeitgen\u00f6ssische Presse und die \u201emissbrauchte Sprache\u201c, die f\u00fcr eine besch\u00f6nigende bzw. wahrheitswidrige Kriegsberichterstattung instrumentalisiert wird: \u201eDie Depesche ist ein Kriegsmittel wie die Granate.\u201c Sein anf\u00e4ngliches Schweigen begr\u00fcndete er im Dezember 1915 mit dem \u201eAbscheu gegen das andere Wort, gegen jenes, das die Tat begleitet, sie hervorruft und ihr folgt, gegen den gro\u00dfen Wortmisthaufen der Welt.\u201c W\u00e4hrend des Krieges machte Kraus aus seiner pazifistischen Haltung keinen Hehl. Aufgrund seiner regierungs- und kriegskritischen Kommentare wurden einige Hefte beschlagnahmt, d.h. sie fielen der Zensur zum Opfer.&#8220;<\/p>\n<p><b>Das Besondere an dieser Trag\u00f6die ist die collagen\u00e4hnliche Zusammenstellung von Textmaterial. Was hat er denn benutzt?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;In seinem Selbstverst\u00e4ndnis als Chronist seiner Zeit begann Kraus im Sommer 1915 damit, Materialien f\u00fcr das geplante St\u00fcck zu sammeln, z.B. Leitartikel aus Tageszeitungen sowie Extrabl\u00e4tter, die im Krieg oft sogar mehrmals t\u00e4glich mit Uhrzeit erschienen, au\u00dferdem Dokumente wie milit\u00e4rische Tagesbefehle, Transportbegleitanh\u00e4nger f\u00fcr Schwerverwundete, Gerichtsurteile, Reklamezettel u.a. Er schnitt Artikel, Fotos und Illustrationen aus Zeitungen und Zeitschriften aus und archivierte Postkarten aus der Kriegszeit, z.B. eine mit den kriegshetzerischen Parolen \u201eJeder Schuss ein Russ\u2018\u201c, \u201eJeder Sto\u00df ein Franzos\u2018\u201c und \u201eJeder Tritt ein Britt\u2018\u201c. Einige der ersten Szenen, die Kraus ab 1915 f\u00fcr seine Trag\u00f6die \u201eDie letzten Tage der Menschheit\u201c schrieb, lie\u00df er vorab in der \u201eFackel\u201c abdrucken.<\/p>\n<p>Und weiter: &#8222;Wie er mit dem gesammelten Textmaterial umging, l\u00e4sst sich an einem kontrastierenden Paralleldruck vom Oktober 1915 verdeutlichen: Neben dem Nachdruck des \u201eFriedensrufs des Papstes (Benedikt XV.) an die Kriegf\u00fchrenden\u201c aus dem \u201eOsservatore Romano\u201c erschien unter der \u00dcberschrift \u201eZwei Stimmen\u201c in der linken Spalte \u201eBenedikts Gebet\u201c und in der rechten \u201eBenedikts Diktat\u201c \u2013 ein von Moritz Benedikt, dem Herausgeber der \u201eNeuen Freien Presse\u201c, verfasster sarkastischer Kommentar zum Kriegsgemetzel in der Adria. Kraus verbindet also dokumentarische und satirische Textelemente. Das Prinzip der Collage und Montage \u00fcbernahm er auch f\u00fcr sein Drama, das zu mehr als einem Drittel aus Zitaten besteht. Dazu hei\u00dft es in der Vorrede: \u201eDie unwahrscheinlichsten Gespr\u00e4che, die hier gef\u00fchrt werden, sind w\u00f6rtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate. (\u2026) Phrasen stehen auf zwei Beinen \u2013 Menschen behielten nur eines.\u201c<\/p>\n<p><b>Besonders drastisch ist das Foto der Hinrichtung des ehemaligen Reichsabgeordneten Cesare Battisti 1916 in Trient in der ersten Ausgabe. Musste man den Leser auch bildlich auf den Schrecken des Krieges hinweisen?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Als Schriftsteller und Medienkritiker wusste Kraus nat\u00fcrlich um die suggestive Macht der Bilder. So w\u00e4hlte er f\u00fcr das Frontispiz der ersten Buchausgabe das \u2013 w\u00e4hrend des Krieges als Postkarte verbreitete \u2013 offizielle Foto der Hinrichtung des Trientiner Abgeordneten im \u00f6sterreichischen Parlament Cesare Battisti durch den Wiener Scharfrichter Josef Lang am 12. Juli 1916. Battisti war Vertreter des Irredentismus, einer nationalistischen Bewegung, die sich die Befreiung von italienisch besiedelten Gebieten wie das Trentino und Istrien auf die Fahnen geschrieben hatte. Der Vorwurf gegen ihn lautete, dass er im Krieg zu seinen italienischen Landsleuten \u201e\u00fcbergelaufen\u201c sei.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_51946\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 484px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-51946\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/51KDY80lLEL._SX472_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"474\" height=\"500\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die letzten Tage der Menschheit &#8211; Trag\u00f6die in f\u00fcnf Akten mit Vorpsiel und Epilog &#8211; Von Karl Kraus (Text) und Helmut Qualtinger (Sprecher) &#8211; MP3-CD &#8211; Der Audio Verlag &#8211; ISBN-10: 3742411268 &#8211; ISBN-13: 978-4742411266<\/span><\/div>\n<p><b>Welches Schicksal ereilte Cesare Battisti?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Nach kurzem Prozess wurde er wegen Hochverrats in Trient hingerichtet. Kraus l\u00e4sst dieses Ereignis in seinem St\u00fcck durch die Figur des N\u00f6rglers als Ausdruck des \u00f6sterreichischen Chauvinismus kommentieren:<br \/>\n\u201eDas \u00f6sterreichische Antlitz ist jederlei Antlitz. (\u2026) Es l\u00e4chelt und greint je nach Wetter. (&#8230;) Zumal aber ist es das des Henkers. Des Wiener Henkers, der auf einer Ansichtskarte, die den toten Battisti zeigt, seine Tatzen \u00fcber dem Haupt des Hingerichteten h\u00e4lt, ein triumphierender \u00d6lg\u00f6tze der befriedigten Gem\u00fctlichkeit, der \u201aMir-san-mir\u2018 hei\u00dft. Grinsende Gesichter von Zivilisten und solchen, deren letzter Besitz die Ehre ist, dr\u00e4ngen sich dicht um den Leichnam, damit sie nur ja alle auf die Ansichtskarte kommen. (\u2026) heute ist sie als ein Gruppenbild des k.k. Menschentums in den Schaufenstern aller feindlichen St\u00e4dte ausgestellt, ein Denkmal des Galgenhumors unserer Henker, umgewertet zum Skalp der \u00f6sterreichischen Kultur.\u201c<\/p>\n<p><b>Lassen Sie uns einen Blick auf die Figuren werfen. Kraus hat fast alle Gesellschaftsschichten und auch namhafte reale Personen in dieser Trag\u00f6die verarbeitet. Welche sind besonders markant?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Bei der Gestaltung der weit \u00fcber 1.000 Figuren f\u00e4llt auf, dass sie meist stark typisiert und entindividualisiert sind oder sogar wie Karikaturen wirken. Teils handelt es sich um reale Personen, teils um fiktive Figuren, von denen einige sprechende Namen tragen, etwa der Major Metzler, Hauptmann de Massacr\u00e9, Bambula von Feldsturm, Fettk\u00f6ter oder die Familie Durchhalter. Kraus l\u00e4sst neben einzelnen Tier- und Symbolfiguren (z.B. \u201eChor der Hy\u00e4nen\u201c) vor allem Repr\u00e4sentanten unterschiedlichster gesellschaftlicher Schichten auftreten, von den politischen, kirchlichen und milit\u00e4rischen W\u00fcrdentr\u00e4gern bis zum Kleinb\u00fcrger und Bettler, vom deutschen und \u00f6sterreichischen Kaiser \u00fcber Gener\u00e4le, Fabrikanten und Professoren bis hin zu den Soldaten, Invaliden, Kellnern, Prostituierten und Schiebern. Sie alle demaskiert er durch ihren standes- und milieutypischen Sprachgebrauch, indem er ihnen charakteristische Redeweisen in den Mund legt, in denen z.B. die martialische Kriegspropaganda widerhallt oder fremdenfeindliche, rassistische Vorurteile zum Ausdruck kommen. Identifikationspotenzial haben die meisten Figuren nicht, sie sollen es auch nicht haben, sondern das Lese- bzw. Theaterpublikum in eine distanzierte Haltung dr\u00e4ngen. In diesem Punkt \u00e4hnelt seine Strategie dem sp\u00e4ter von dem Kraus-Bewunderer Bertolt Brecht entwickelten Konzept des \u201eEpischen Theaters\u201c.&#8220;<\/p>\n<p>Die Wissenschaftlerin: &#8222;Zu den in allen Akten pr\u00e4senten Figuren geh\u00f6rt die \u00f6sterreichische Reise- und Kriegskorrespondentin Alice Schalek, die von sich behauptet: \u201eDie 208 Leichenphotographien legitimieren mich wohl zur Gen\u00fcge vor der Nachwelt; sie wird nicht zweifeln, da\u00df ich mitten drin war im heroischen Erleben.\u201c Ihre \u2013 teils in authentischer, teils in fingierter Form wiedergegebenen \u2013 patriotischen Augenzeugenberichte von den Schlachtfeldern macht Kraus zur Zielscheibe seiner Medienkritik. Als sein Alter Ego kann dagegen die Figur des N\u00f6rglers gesehen werden \u2013 \u00fcbrigens eine Paraderolle f\u00fcr Helmut Qualtinger. In Gespr\u00e4chen mit dem Optimisten kommentiert der N\u00f6rgler das Kriegsgeschehen mit bissiger Ironie, oft auch mit Sarkasmus und Zynismus. Besonders scharf polemisiert er gegen die Durchhalteparolen und hohlen patriotischen Phrasen vom Opfer- und Heldentod und f\u00fchrt seinem unkritisch affirmativen Dialogpartner die verheerenden Auswirkungen der Materialschlachten und insbesondere des Giftgaseinsatzes drastisch vor Augen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Wer wird denn noch alles vom N\u00f6rgler attackiert?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/b><\/p>\n<p>Der. Sabine Sander: &#8222;Der N\u00f6rgler attackiert nicht nur die politisch und milit\u00e4risch Verantwortlichen sowie die Schar der Mitl\u00e4ufer und Kriegsgewinnler, sondern stellt auch die schreibende Zunft blo\u00df, darunter prominente \u00f6sterreichische Autoren wie Hofmannsthal, Werfel und andere. Mit hasserf\u00fclltem Spott reagiert er vor allem auf die Verfasser von Kriegsdichtung: \u201eDie Gegenwartsbestie, wie sie gem\u00fctlich zur todbringenden Maschine greift, greift auch zum Vers, um sie zu glorifizieren. Was in dieser entgeistigtesten Zeit zusammengeschmiert wurde \u2013 es erg\u00e4be t\u00e4glich eine Million Tonnen versenkten Geistes (\u2026).\u201c<\/p>\n<p><b>Das Werk galt nach Kraus\u00b4 eigenen Angaben als unspielbar. Bis 1964 hielten sich die Rechteverwalter auch daran. Seitdem hat es immer wieder Versuche gegeben, eine g\u00e4nzliche Inszenierung gibt es bis heute nicht. Warum nehmen sich Regisseure bis heute dieses Werks immer wieder an?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Kraus zufolge war die \u201enach irdischem Zeitma\u00df etwa zehn Abende\u201c umfassende Trag\u00f6die \u201eeinem Marstheater\u201c zugedacht, also weniger als B\u00fchnen- denn als Lesedrama konzipiert. Dennoch hat Kraus nicht nur selbst aus dem St\u00fcck rezitiert, sondern trotz seiner Bedenken auch an der Auff\u00fchrung des Epilogs an der Neuen Wiener B\u00fchne 1923 mitgewirkt und den Text 1929\/30 durch massive K\u00fcrzungen und andere Eingriffe f\u00fcr das Theater eingerichtet. Diese auf 74 Szenen reduzierte B\u00fchnenfassung erm\u00f6glicht die Auff\u00fchrung an einem einzigen, allerdings recht langen Theaterabend. Nach ersten Inszenierungen in den 1960er und 1970er Jahren folgten in den letzten Jahrzehnten immer neue Auff\u00fchrungen \u2013 bis in die j\u00fcngste Gegenwart hinein. Trotz seiner enormen Ausma\u00dfe, Materialf\u00fclle und Komplexit\u00e4t hat das Antikriegsst\u00fcck offenbar nichts an Faszination verloren und stellt bis heute eine besondere Herausforderung dar, den kollektiven Kriegswahnsinn auf die B\u00fchne zu bringen. Zeitgen\u00f6ssische Regisseure behandeln den monumentalen Dramentext als eine Art Steinbruch, aus dem sie eine individuelle Auswahl an Szenen treffen.&#8220;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Was macht z.B. die Inszenierung von Paulus Manker aus?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Seine Inszenierung dauert mehr als sieben Stunden (inkl. Pausen). Sein Auswahlkriterium war nach eigener Auskunft die \u201eSinnlichkeit\u201c der Szenen. Die Erstauff\u00fchrung fand 2018 in der sog. Serbenhalle in der Wiener Neustadt statt, 2021 war diese Inszenierung dann in Berlin zu sehen, in dem als Belgienhalle bekannten Industriedenkmal in der Siemensstadt. Das spektakul\u00e4re \u201aTheaterevent\u2018 kann dort von Juni bis September 2022 erneut miterlebt werden.&#8220;<\/p>\n<p><b>Nach 77 Jahren gibt es mit dem Einmarsch der Russen in die Ukraine wieder einen Krieg in Europa. Sind \u201eDie letzten Tage der Menschheit\u201c heute aktueller denn je?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Karl Kraus geht es in seinem St\u00fcck um die Entlarvung der Propagandal\u00fcgen und Barbareien des Ersten Weltkriegs, um die Aufdeckung der Ursachen und Konsequenzen dieses Zivilisationsbruchs. Historiker wie George F. Kennan haben diesen Krieg als \u201eUrkatastrophe des 20. Jahrhunderts\u201c bezeichnet, die die Welt in ein Davor und Danach einteilte. Von einer Zeitenwende wird auch heute angesichts des von Putin entfesselten Krieges in der Ukraine gesprochen, der nicht nur das europ\u00e4ische, sondern auch das internationale Machtgef\u00fcge in seinen Grundfesten ersch\u00fcttert hat und zu den schlimmsten Bef\u00fcrchtungen Anlass gibt. Wir sehen ja gerade auch in Deutschland, wie der Kriegsausbruch quasi \u00fcber Nacht zu einem Kurswechsel in der Au\u00dfen-, Sicherheits-, Wirtschafts- und Energiepolitik gef\u00fchrt hat. Als unerbittlicher Sprachkritiker h\u00e4tte Kraus gewiss Putins ebenso fadenscheinige wie zynische Begr\u00fcndung f\u00fcr die milit\u00e4rische Invasion aufs Korn genommen, die der Kreml-Chef als \u201eSpezial-Operation zum Schutz der russischen Bev\u00f6lkerung in der Ukraine\u201c deklariert hat.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Welche propagandistische Taktik verfolgt\u00a0Putin?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Gabriele Sander: &#8222;Zu seiner propagandistischen Taktik geh\u00f6rt die systematische Desinformation der Bev\u00f6lkerung durch die staatseigenen Medien und die Pervertierung der Sprache. So sind wir in den letzten Wochen Zeuge von Putins Reden geworden, in denen er seine Soldaten als \u201eFriedenstruppen\u201c bezeichnet und die demokratisch gew\u00e4hlte ukrainische Regierung als faschistisch denunziert. Inzwischen ist es in Russland lebensgef\u00e4hrlich geworden, die Vokabel \u201eKrieg\u201c f\u00fcr den \u00dcberfall auf die Ukraine in der \u00d6ffentlichkeit zu verwenden.&#8220;<\/p>\n<p><b>Uwe Blass<\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_51944\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 195px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-51944\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Sander1a-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"212\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Gabriele Sander &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Dr. Gabriele Sander<\/h4>\n<p>Gabriele Sander studierte Germanistik, allgemeine Sprachwissenschaft und Indogermanistik an der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t in M\u00fcnster und promovierte 1987. Danach arbeitete sie an verschiedenen literarischen Ausstellungen sowie sprach- und literaturwissenschaftlichen Projekten (u. a. kritische Werkausgaben von Kafka, D\u00f6blin und B\u00f6ll) mit. Bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der renommierten Uni-Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; f\u00fchrt Autor Uwe Blass ein spannendes Interview mit Apl. 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