{"id":51762,"date":"2022-05-03T12:28:18","date_gmt":"2022-05-03T10:28:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=51762"},"modified":"2022-05-03T12:28:18","modified_gmt":"2022-05-03T10:28:18","slug":"machtvolle-kontrollinstanz-fuer-effektive-friedenspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/05\/03\/machtvolle-kontrollinstanz-fuer-effektive-friedenspolitik\/","title":{"rendered":"Machtvolle Kontrollinstanz f\u00fcr effektive Friedenspolitik"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_51764\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-51764\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Hartung1-2-1024x727.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"727\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Gerald Hartung \/ Philosophie\u00a0&#8211; \u00a9 Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Der Klimawandel und die Ausbeutung unserer \u00f6kologischen Ressourcen des 20. Jahrhunderts wird uns noch Jahrtausende besch\u00e4ftigen. Sie arbeiten als Philosophiehistoriker und haben in einer Veranstaltungsreihe des Studium Generale einmal die Frage \u201eWas ist der Mensch?\u201c behandelt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><b>Hat die Menschheit Erfahrungen gemacht, die den aktuellen Herausforderungen entsprechen und k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass wir \u00fcberhaupt verstehen k\u00f6nnen, vor welcher Herausforderung wir stehen und welche Handlungsoptionen notwendig sind?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Gerald Hartung: &#8222;Das ist eine interessante Frage, vor allem aufgrund ihrer kulturpessimistischen Tonlage. Selbstverst\u00e4ndlich kann man sagen, dass wir Menschen Erfahrungen machen, aus denen wir lernen k\u00f6nnen. Allerdings gibt es Ereignisse \u2013 beispielsweise Krisen und Katastrophen \u2013, die uns die Vermutung nahelegen, dass es mit den richtigen Schl\u00fcssen, die wir aufgrund von Erfahrungen ziehen, nicht weit her ist. Als Individuen, also als soziale und geschichtliche Subjekte, machen wir Erfahrungen im Rahmen unserer Lebenszeit. In normalen F\u00e4llen \u2013 wir sollten die pathologischen F\u00e4lle ausschlie\u00dfen \u2013 ziehen Menschen aus ihrer Erfahrungen die richtigen Schl\u00fcsse.&#8220;<\/p>\n<p>Prof. Hartung weiter: &#8222;Ein Beispiel aus fr\u00fcheren Zeiten war das Kleinkind, das nur einmal im Leben auf die hei\u00dfe Herdplatte fasst. Als kollektive Subjekte leben wir als Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Generationen, die aufeinander folgen. So werden Erfahrungen innerhalb von Familien und sozialen Gruppen weitergegeben. Ein Beispiel ist die Kriegserfahrung meiner Elterngeneration, die als junge Menschen den zweiten Weltkrieg und das Bombardement deutscher St\u00e4dte erlebt haben (ohne die komplexe Lage von Verursachung und Verantwortlichkeit zu kennen) und diese Erfahrung weitergegeben haben. Aber schon hier ist die Lage so komplex, dass die Schl\u00fcsse aus gemachten Erfahrungen nicht eindeutig sind.&#8220;<\/p>\n<p>Der Wissenschadftler betont: &#8222;Sowohl ein radikaler Pazifismus als auch ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine milit\u00e4rische Abschreckungspolitik kann vor diesem Erfahrungshintergrund motiviert werden. Ein weiterer Gedanke: Wir begegnen Herausforderungen und treffen Entscheidungen in einem Spannungsfeld von Erfahrung (Vergangenheit) und Erwartungen (Zukunft). Das hei\u00dft: Unsere Erwartungen zuk\u00fcnftiger Situationen und Lebenslagen bestimmen unsere Gegenwart. In dem Ma\u00dfe, in dem die Zukunft nicht mehr der Vergangenheit entspricht, fehlt uns ein wichtiger Anker, um unsere Erwartungen zu regulieren. In diesem Sinne \u2013 das ist ein Gedanke des Historikers Reinhart Koselleck \u2013 sind wir als Akteure in einer sich rasant wandelnden Welt nicht gut vorbereitet auf die Zukunft.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44822\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-44822 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Logo-Transfergeschichten.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Dr. Gerald Hartung: &#8222;Die Forderung nach einer globalen Politik, die sich nicht nur auf ideale Maximalforderungen st\u00fctzt, sondern auch auf Institutionen, die einer politischen Willensbildung Nachdruck verleihen k\u00f6nnen, ist seit der Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem wortreich formuliert worden. Es fehlt jedoch weiterhin an einer globalen Judikative und Exekutive. Was die Vollversammlung der UNO beschlie\u00dft, das h\u00e4ngt in der Praxis immer noch vom guten Willen der politischen Akteure ab. Und der ist, wie nicht zuletzt der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zeigt, ein rares Gut.&#8220;<\/p>\n<p>Gerald Hartung f\u00e4hrt fort: &#8222;Mit der Gr\u00fcndungsakte der UNO ist ein Weg beschritten worden, der ausgel\u00f6st wurde von der menschheitlichen Katastrophe eines deutschen Angriffskrieges auf ganz Europa. Solange die Erinnerung an dieses Ausl\u00f6sermoment wachgehalten wird, k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass der eingeschlagene Weg eingehalten wird. Jede neuere humanit\u00e4re Katastrophe und alle Formen eines Genozids erinnern uns daran, dass wir noch nicht viel erreicht haben. Es wird deutlich, dass wir eine machtvolle Kontrollinstanz ben\u00f6tigen, die Friedenspolitik effektiv betreiben kann. Davon sind wir weit entfernt.&#8220;<\/p>\n<p>Der Wissenschaftler weiter: &#8222;Eine radikale Individualisierung von Politik scheint mir ein gro\u00dfer Unsinn zu sein. M\u00f6glicherweise sehen wir in einigen Richtungen aktueller Identit\u00e4tspolitik eine Tendenz zur Radikalisierung des Politischen. Aber Politik setzt auf Prozesse der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung, der Einhegung von Konflikten und der Konsensbildung. Verantwortlichkeit wird zwar auch dem Handeln Einzelner zugeschrieben (das ist eine Basis unseres Rechtsstaates), aber sie kann angesichts der Komplexit\u00e4t politischer, sozialer und \u00f6konomischer Strukturen in einer sich globalisierenden Welt nicht allein auf den Schultern Einzelner lasten. Es bedarf der Entlastung durch institutionalisierte Verfahren der Legimitation sozialen Handelns.&#8220;<\/p>\n<p><b>Gegenw\u00e4rtig ist von einer Krise der Politik und einem Vertrauensverlust in Wissenschaft die Rede? Wie stehen Sie zu diesem Krisendiskurs, der oftmals in die Warnung vor einer nahenden Katastrophe umschl\u00e4gt und einen apokalyptischen Grundton hat?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Gerald Hartung: &#8222;Es gibt gute Gr\u00fcnde f\u00fcr den angesprochenen Vertrauensverlust in die Politik. Diese liegen aber nicht auf der Oberfl\u00e4che der Debatten zutage, wie sie in Zeitungen, Zeitschriften, Talkshows und sozialen Medien transportiert werden. Bedauerlicherweise ist die Lage komplizierter und es ist kaum noch m\u00f6glich, die Vertrauensfrage an einzelne handelnde Personen in der Politik zu adressieren. Die unerfreuliche Nachricht ist, dass viele Faktoren beim Thema Vertrauen zusammenspielen, die f\u00fcr unsere moderne Informationsgesellschaft charakteristisch sind: Wir sind mit einer Flut von Informationen auf unterschiedlichen Kan\u00e4len konfrontiert. Diese Situation erleben wir oftmals als krisenhaft, weil es uns nicht gelingt, mit guten Gr\u00fcnden die Komplexit\u00e4t der Informationslage zu reduzieren.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_50495\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 712px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-50495\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Friedensfahnen-an-der-Junior-Uni_2-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"702\" height=\"936\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Friedens-Fahnen vor der Junior Uni &#8211; entworfen von jungen Studentinnen und Studenten \u00a0&#8211; \u00a9 Junior Uni<\/span><\/div>\n<p>Prof. Hartung unterstreicht: &#8222;Auf verschiedenen Informationskan\u00e4len werden unterschiedliche Informationen, Meinungen, Wertungen vertreten. Die Pandemielage hat gezeigt, dass Expertinnen Experten wiedersprechen k\u00f6nnen. Daten k\u00f6nnen unterschiedlich interpretiert werden, Situationen different eingesch\u00e4tzt und Erwartungen in unterschiedlichen Tonlagen formuliert werden. Vertrauen in handelnde Personen, Institutionen und Verfahrensweisen haben wir, solange unsere Erfahrungen und Erwartungen mit den Erfahrungen und Erwartungen anderer korrelieren und wir den Eindruck haben, in einer gemeinsamen Welt zu leben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Grundlagen des Vertrauens werden br\u00fcchig, wenn f\u00fcr uns Erfahrungen und Erwartungen auseinanderklaffen und wir zunehmend das Gef\u00fchl oder die begr\u00fcndete Einsicht haben, mit anderen Menschen nicht mehr die gleiche Weltsicht zu teilen. Mit diesen Erfahrungen der Unvertrautheit gehen wir unterschiedlich um. Die einen sehen nur die Risiken und Gefahren, die anderen Chancen und neue Handlungsoptionen. Politik kann es unter diesen Rahmenbedingungen den Menschen nicht immer recht machen. Sie kann in einer pluralistischen Gesellschaft nicht alle Interessen und Gef\u00fchlslagen bedienen. Und es kommt noch schlimmer: Politik kann diese Situation auch zur Polarisierung in der Gesellschaft nutzen, wie wir in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern beobachten k\u00f6nnen. Dann treten an die Stelle der Machterhaltung durch Konsensbildung Verfahren der Dissensverst\u00e4rkung. Diese Tendenz untergr\u00e4bt die Fundamente einer liberalen Gesellschaftsordnung.&#8220;<\/p>\n<p><b>Der Philosoph Wolfram Eilenberger sagt in einem Interview: \u201eIm heutigen Reden \u00fcber \u00f6kologische Transformation wird so getan, als sei alles nur eine Frage der technischen oder politischen Umsetzbarkeit. Ich halte das f\u00fcr eine ungl\u00fcckliche Illusion. (\u2026) Wir haben in Wahrheit keine tragbaren L\u00f6sungen f\u00fcr die Fragen, vor denen wir derzeit stehen. Wir haben nicht einmal die treffenden Begriffe zur Beschreibung des Problemhorizonts.\u201c Ist es wirklich so ausweglos?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Gerald Hartung: &#8222;Nein, diese Ansicht teile ich nicht. Wir haben alle Begriffe zuhanden, um die Herausforderungen des Klimawandels und der \u00f6kologischen Transformation zu bew\u00e4ltigen. Es besteht kein akuter Bedarf an neuen Begriffen, auch wenn die Sucht nach Neologismen viele vorantreibt. Was vielmehr fehlt und eigentlich immer fehlt, das ist die Bereitschaft, an und mit dem vorhandenen Begriffsinstrumentarium zu arbeiten. Denn Begriffe sind st\u00e4ndig im Wandel. Wir sind permanent dazu herausgefordert, beispielsweise die Grundbegriffe unserer politischen und moralischen Praxis zu bearbeiten und diese den sich wandelnden Kontextbedingungen anzupassen. Das gilt f\u00fcr den Begriff der \u201eFreiheit\u201c wie f\u00fcr den Begriff der \u201eVerantwortung\u201c. Das gilt f\u00fcr die Begriffe \u201eGleichheit\u201c, \u201eGerechtigkeit\u201c, Recht\u201c, \u201eSicherheit\u201c und viele andere ebenso. Das gilt aber auch f\u00fcr eher unscheinbare Begriffe unserer technisierten und sozial differenzierten Lebenswelt wie \u201eTeilhabe \/ Partizipation\u201c, \u201eTransformation\u201c, \u201eRisiko und Kontrolle\u201c, das allgegenw\u00e4rtige Reden \u00fcber \u201eKrisen\u201c, den allseits beklagten Verlust an \u201eVertrauen\u201c. Bei genauem Hinsehen ist oftmals nicht klar, welche \u201eFreiheit\u201c wir einfordern, welches Verst\u00e4ndnis von \u201eKrise\u201c wir vermeintlich voraussetzen, worauf wir mit guten Gr\u00fcnden vertrauen sollten und ob ein gutes Ma\u00df an Misstrauen nicht sinnvoll ist. Denn \u201eblindes Vertrauen\u201c sollte niemand von uns in andere Personen, Institutionen und Verfahrensweise wie Gerichtsverfahren, Promotionsordnungen, Finanztransaktionen usw. haben.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und weiter: &#8222;Neben der Tendenz zu Polarisierung besteht eine weitere Gefahr, die unsere liberale Gesellschaftsordnung unterh\u00f6hlen k\u00f6nnte: die Lenkung der Medien und die Eliminierung von Widerspruch, eine totalit\u00e4re Form der Begriffspolizei, wenn beispielsweise, wie wir aktuell in Russland beobachten k\u00f6nnen, von Regierungen vorgeschrieben wird, wie Ereignisse und Handlungen (nicht) genannt werden d\u00fcrfen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Die Welt steckt in der gr\u00f6\u00dften Pandemie des 21. Jahrhunderts mit noch nicht definiertem Ausgang. Sollten wir die Grundbegriffe unserer liberalen politischen Ordnung \u2013 beispielsweise Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit \u2013 neu definieren?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Gerald Hartung: &#8222;Diese Frage habe ich bereits beantwortet, aber ich m\u00f6chte hier noch einmal unterstreichen: Wir haben zu keinem vergangenen Zeitpunkt und werden auch zu keinem zuk\u00fcnftigen die Grundbegriffe unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens definieren k\u00f6nnen, weil diese Begriffe lebendig sind und weil sich ihre Grenzen verschieben k\u00f6nnen. Es entspricht einer Praxis liberalen Gesellschaften, dass die Meinungsvielfalt \u2013 auch unterschiedliche Theorieans\u00e4tze und politische Verfahren zum Verst\u00e4ndnis und zu Bew\u00e4ltigung der Pandemielage \u2013 ausgehalten wird. Das ist ein Aspekt des Toleranzgebotes, das \u2013 wir wollen auch nichts Sch\u00f6nreden \u2013 in Zeiten permanent erlebter Krisen und sozialen Verwerfungen \u2013 an seine Grenzen kommt. Die Pandemielage der zur\u00fcckliegenden zwei Jahre kann als Stresstest im Aushalten von Pluralit\u00e4t und Widerspr\u00fcchlichkeit, im Ein\u00fcben von Toleranz und Solidarit\u00e4t angesehen werden. Der Ausgang dieses Experiments ist offen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_50534\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 709px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-50534\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/90193ec5b64483e25ab313d6656bb165-2-1024x634.jpeg\" alt=\"\" width=\"699\" height=\"432\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Wuppertaler protestieren gegen Putins Krieg in der Ukraine &#8211; \u00a9 Stadt Wuppertal<\/span><\/div>\n<p><b>Wie k\u00f6nnen Philosophinnen und Philosophen mithelfen, einen Weg aus der Krise des Vertrauens in Politik und Wissenschaft aufzuzeigen?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Gerald Hartung: &#8222;Nun, Philosophinnen und Philosophen k\u00f6nnen auch keine Probleml\u00f6sungen anbieten. Seit gut zweihundert Jahren hat sich allm\u00e4hlich die Einsicht durchgesetzt, dass uns die eine Theorie zur Erkl\u00e4rung der Komplexit\u00e4t unserer Wirklichkeit fehlt. Im Prozess der Ausdifferenzierung des Wissens haben sich seit dem 19. Jahrhundert neue Wissensdisziplinen in den Natur-, Sozial- und Kulturwissenschaften gebildet, die jeweils andere Perspektiven auf unsere Wirklichkeit (Natur, Gesellschaft, Kultur) werfen. Unser Wissen ist detaillierter geworden, aber auch perspektivisch. Paradoxerweise hat sich mit der Anh\u00e4ufung von Wissen in seiner perspektivischen Vielfalt die Erkenntnis verbreitet, dass der Bereich des Nichtwissens nahezu unendlich gro\u00df ist. Mit jedem Fortschritt an Wissen w\u00e4chst auch das Nichtwissen. Dem Wissensfortschritt korreliert daher eigent\u00fcmlicherweise ein theoretischer Pessimismus: Wir werden niemals eine L\u00f6sung der Weltr\u00e4tsel erreichen k\u00f6nnen.&#8220;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Prof. Hartung erg\u00e4nzt: &#8222;Der Naturforscher und Mediziner Emil du Bois-Reymond hat schon 1872 in einer vielbeachteten Rede in diesem Zusammenhang von einem unaufhebbaren Bereich des \u201eIgnorabimus\u201c gesprochen. Was k\u00f6nnen Philosophen hier leisten? Die Antwort lautet: Sie haben eine unvergleichliche Kompetenz im Aushalten dieser Situation, in der das Wissen des Nichtwissens sich in den Vordergrund dr\u00e4ngt und dramatische Z\u00fcge \u2013 bspw. im Hinblick auf die Frage, wie wir die Klimakatstrophe vermeiden wollen \u2013 annimmt. Seit den Zeiten Platons ist diese Lage in verschiedenen Spielarten des aporetischen Denkens durchdrungen worden. Philosophinnen und Philosphen wissen, wie mit unaufl\u00f6sbaren Widerspr\u00fcchen (Aporien) umzugehen ist, ohne in naiver Weise vorschnelle L\u00f6sungen zu suchen, bei Ideologien Zuflucht zu nehmen, oder in Resignation abzugleiten. Denn hier liegt ein Geheimnis der menschlichen Lebensform: dass sie vor Fragen gestellt ist, f\u00fcr die sie keine Antworten findet, und dennoch auf dem Weg der Antwortsuche mit vorl\u00e4ufigen Strategien ihr \u00dcberleben sichert. Daran sollten wir uns erinnern, um zukunftsf\u00e4hig zu bleiben.&#8220;<\/p>\n<p><b>Uwe Blass<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_51766\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 176px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-51766\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Hartung1-3-787x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"216\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Gerald Hartung\u00a0&#8211; \u00a9 \u00a0UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Gerald Hartung<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Gerald Hartung habilitierte 2002 an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Sozialwissenschaften und Philosophie der Universit\u00e4t Leipzig und arbeitete dort als Privatdozent. 2008 kam er zun\u00e4chst als Professorenvertreter an die Bergische Universit\u00e4t und \u00fcbernahm 2010 dort den Lehrstuhl f\u00fcr Kulturphilosophie\/ \u00c4sthetik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Uni-Reihe &#8222;Transfergeschichten&#8220; geht es um das Thema Menschen und Politik in Pandemie- und Kriegszeiten und um das Geheimnis der menschlichen Lebensform aus der Sicht des Philosphen Prof. Dr. Gerald Hartung.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-51762","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-12 19:31:30","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51762","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51762"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51762\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51768,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51762\/revisions\/51768"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51762"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51762"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51762"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}