{"id":51379,"date":"2022-04-19T17:26:25","date_gmt":"2022-04-19T15:26:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=51379"},"modified":"2022-04-19T17:26:25","modified_gmt":"2022-04-19T15:26:25","slug":"kunst-die-seit-dem-2-weltkrieg-spurlos-verschwunden-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/04\/19\/kunst-die-seit-dem-2-weltkrieg-spurlos-verschwunden-ist\/","title":{"rendered":"Kunst, die seit dem 2. Weltkrieg spurlos verschwunden ist"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_51381\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 904px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-51381\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Lehmann1-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"894\" height=\"619\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Doris Lehmann &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Das Bernsteinzimmer war ein Prunkraum, der im Auftrag des preu\u00dfischen K\u00f6nigs Friedrich I. bis 1712 im Berliner Schloss eingebaut wurde und bereits 1716 von K\u00f6nig Friedrich Wilhelm I. an Zar Peter I. im Tausch gegen gro\u00df gewachsene Soldaten seinen Weg nach Sankt Petersburg fand.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nach rund zwei Jahrhunderten erbeutete die deutsche Wehrmacht 1941 das kunstvolle Zimmer, baute es im K\u00f6nigsberger Schloss ein und lagerte es beim Vormarsch der Roten Armee 1944 wieder aus.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Seitdem fehlen von diesem legend\u00e4ren Bernsteinzimmer bis auf eine Truhe und ein Mosaik, die h\u00f6chstwahrscheinlich bis 1944 bereits gestohlen wurden, jede Spur.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr die Wuppertaler Kunstgeschichtlerin Dr. Doris Lehmann ist das Bernsteinzimmer nur ein Beispiel f\u00fcr viele Bilder und Skulpturen, die nach dem Chaos des Zweiten Weltkriegs in geheimen Verstecken verschwanden, gestohlen oder annektiert wurden. Die Wiederbeschaffung dieser Kunstwerke besch\u00e4ftigt bis heute die Museen der Welt.<\/p>\n<h4>Die Suche nach verlorener Kunst geht weiter<\/h4>\n<p>\u201eNichts geht verloren, das nicht gefunden werden kann\u201c, sagt die versierte Wissenschaftlerin. \u201eWenn wir von Kriegsverlusten sprechen, sollten wir zun\u00e4chst unterscheiden zwischen den Werken, die tats\u00e4chlich zerst\u00f6rt oder so massiv besch\u00e4digt wurden, dass h\u00f6chstens noch Fragmente davon erhalten sind. Das sind unwiederbringliche Verluste. Dazu geh\u00f6ren beispielsweise die ber\u00fchmten Wandmalereien Albrecht D\u00fcrers im N\u00fcrnberger Rathaussaal, die im Krieg verbrannt sind. Ebenfalls als verloren gelten die drei spektakul\u00e4ren Fakult\u00e4tsbilder, die Gustav Klimt f\u00fcr die Aula der Wiener Universit\u00e4t gemalt hatte.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_51382\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-51382\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/image002-1.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Die Wissenschaftlerin weiter: &#8222;Die nur mit gro\u00dfem Aufwand zu transportierenden Monumentalgem\u00e4lde wurden aufgerollt und zusammen mit anderen Kunstwerken in Schloss Immendorf bei Hollabrunn aufbewahrt. Dort wurden Soldaten der SS stationiert, zu denen ein Sprengkommando geh\u00f6rte, das bei seinem Abzug im Mai 1945 Hitlers sogenannten \u00b4Nerobefehl` befolgte und mit einem Zeitz\u00fcnder einen verheerenden Brand verursachte.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Zwar gebe es Ger\u00fcchte \u00fcber angebliche Pl\u00fcnderungen, aber eine heimliche Bergung der riesigen Gem\u00e4lde gelte aus praktischen Gr\u00fcnden als nahezu ausgeschlossen. Die Suche nach diversen Werken, von denen nicht zweifelsfrei gekl\u00e4rt ist, ob sie nun tats\u00e4chlich zerst\u00f6rt sind, gehen daher unvermittelt weiter. \u201eVermutlich verbrannt ist auch Caravaggios skandal\u00f6se Erstfassung des Evangelisten Matth\u00e4us f\u00fcr die Contarelli-Kapelle der Kirche San Luigi dei Francesi in Rom, die wie acht bis heute fehlende Gro\u00dfformate von Rubens in der Berliner Gem\u00e4ldegalerie aufbewahrt wurde. Aber Gewissheit, ob diese Werke zerst\u00f6rt oder verschollen sind, haben wir auch in diesen F\u00e4llen nicht.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In jedem Einzelfall gebe es eine unterschiedlich gro\u00dfe Hoffnung, dass das Kunstwerk noch existiere und darum wieder aufgefunden und zur\u00fcckgegeben werden k\u00f6nne. Lehmann nennt ein Beispiel: \u201e2016 konnten wir uns dar\u00fcber freuen, dass der K\u00f6lner Dom ein Glasmalereifragment zur\u00fcckerhielt und 2017 den steinernen Kopf einer Relieffigur, der 1945 vom Tympanon des schwer besch\u00e4digten Michaelsportals verloren gegangen war. Ein amerikanischer Soldat hatte das St\u00fcck vom Dom aus den Tr\u00fcmmern als Andenken mitgenommen. Nach seinem Tod fand der Sohn des Soldaten das steinerne Bruchst\u00fcck im Nachlass, lie\u00df seine Herkunft kl\u00e4ren und gab es zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<h4>Der Schutz von Kunstwerken im Krieg war schwierig<\/h4>\n<p>\u201eSchutzversuche waren so verschieden wie die gef\u00e4hrdeten Objekte und die M\u00f6glichkeiten ihrer Besch\u00fctzer\u201c, sagt Lehmann, denn oft mangelte es an Verpackungsmaterial und Zeit f\u00fcr aufw\u00e4ndige Sicherungsma\u00dfnahmen. Daher wurden im Verlaufe des Krieges die Ma\u00dfnahmen den ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen angepasst.<\/p>\n<p><span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>\u201eZun\u00e4chst wurden Museen f\u00fcr Besucher geschlossen, die dort verwahrten beweglichen Kunstwerke verpackt und in Kellerr\u00e4ume gebracht. Teilweise geschah das auch mit Best\u00e4nden aus den Depots. Wer konnte, verschalte kulturell wertvolle Fassaden und nahm bewegliche Teile ab. Kleinere wertvolle Kunstwerke konnten in Tresoren oder Tresorr\u00e4umen gelagert werden.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_51383\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 457px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-51383\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/71Y6lpnDkyL._SL1200_-803x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"447\" height=\"570\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Film &#8222;Die Frau in Gold&#8220; mit Helen Myrren, Ryan Reynolds und Daniel Br\u00fchl in den Hauptrollen &#8211; EuroVideo Medien GmbH &#8211; ASIN: BOOZWBOFWO<\/span><\/div>\n<p>Jedoch als die Gefahr von Bombensch\u00e4den wuchs, suchte man nach bomben- und pl\u00fcnderungssicheren Aufbewahrungsr\u00e4umen, erkl\u00e4rt die Fachfrau. \u201eWenn Bergungstransporte m\u00f6glich waren, dann wurden ausgew\u00e4hlte Kunstwerke zur Lagerung in Bunkeranlagen, Schlossbauten und Gutsh\u00e4user gebracht. Aber auch H\u00f6hlen und Stollen von Salz- und Kalibergwerken wurden genutzt. Recht bekannt ist die Saline Altaussee, wo Hitler die Kunstwerke f\u00fcr sein geplantes F\u00fchrermuseum unterbringen lie\u00df.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Auslagerungen garantierten indes keine Sicherheit, betont Lehmann dabei, denn es sei heute auch bekannt, dass sowohl im Berliner Flakbunker Friedrichshain zahlreiche Gem\u00e4lde und Skulpturen verbrannten, als auch an manchen Bergungsorten Kunstwerke unter dem Raumklima stark litten.<\/p>\n<h4>Die Verbringung von Raubkunst<\/h4>\n<p>Das NS-Regime hat tausende Werke aus Schl\u00f6ssern, Bibliotheken, Museen und Privatsammlungen in den besetzten Gebieten beschlagnahmt. Man spricht von Raubkunst, von der immer noch nicht alle an ihre Eigent\u00fcmer zur\u00fcckgegeben werden konnte. Wohin verschwanden diese vielen Kunstgegenst\u00e4nde?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eEs wurden etwa 1.400 provisorische Sammelstellen an unterschiedlichen Orten eingerichtet\u201c, erkl\u00e4rt die Wissenschaftlerin. \u201eAls sogenannte \u00b4Bergungsorte` wurden bevorzugt enteignete Burgen, Schl\u00f6sser, Gutsh\u00e4user, Kl\u00f6ster, Kirchen und sogar Schulen genutzt. Auch in R\u00e4umen von Schloss Neuschwanstein und der Neuen Burg in Wien wurde enteignete Kunst gelagert. In Polen geraubte Kunst wurde in Schloss Fischhorn gesammelt, Kunstwerke aus Frankreich und den Benelux-L\u00e4ndern im Geb\u00e4ude des Jeu de Peaume in Paris zusammengetragen. In requirierten Bibliotheken und Archiven hortete man beschlagnahmte B\u00fccher, so beispielsweise in Kiew in der Kirow-Bibliothek und in der Akademie der Wissenschaften in Minsk.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_51386\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 416px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-51386 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/61qe16nb7L-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"406\" height=\"500\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Kunst , die Sie nie sehen werden &#8211; gestohlen, verschollen, zerst\u00f6rt&#8220;- C\u00e9line Delavaux &#8211; Pressten Verlag &#8211; 192 Seiten &#8211; ISBN-10: 3791347160 &#8211; ISBN-13: 978-3791347165<\/span><\/div>\n<p>Sammelstellen wie z.B. ein M\u00f6bellager in Oldenburg dienten als Zwischenlager auch dazu, wei\u00df Lehmann, Kunstwerke weiterzuleiten. \u201eVermutlich wurden Millionen von beschlagnahmten B\u00fcchern in die Best\u00e4nde deutscher und \u00f6sterreichischer Bibliotheken eingepflegt. Auch Museumssammlungen erhielten Kunstwerke zugeteilt.\u201c<\/p>\n<h4>Der schwierige Weg der R\u00fcckf\u00fchrung<\/h4>\n<p>Ein ber\u00fchmtes Beispiel der erfolgreichen Restitution, also R\u00fcckf\u00fchrung, ist das Jugendstilgem\u00e4lde \u201eAdele Bloch Bauer I\u201c von Gustav Klimt, dessen Geschichte sogar ein Kinofilm mit dem Titel \u201eDie Dame in Gold\u201c behandelt. Das Gem\u00e4lde wurde 1938 von den Nazis enteignet und 1941 an die \u00d6sterreichische Nationalgalerie verkauft. Die Erbin, Maria Altmann, erhielt das Werk erst durch einen langwierigen Prozess 2006 zur\u00fcck.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Man sch\u00e4tzt heute, dass ca. 10.000 Werke der Naziraubkunst noch nicht zur\u00fcckgegeben wurden. R\u00fcckf\u00fchrungen seien \u00e4u\u00dferst schwierig, wei\u00df Lehmann und sagt: \u201eJede R\u00fcckf\u00fchrung stellt einen Einzelfall dar. Wir m\u00fcssen uns klarmachen, dass diese Kulturgutverluste inzwischen sehr lange zur\u00fcckliegen und die Rekonstruktion der damaligen individuellen, situationsspezifischen Besitzverh\u00e4ltnisse und der damit verbundenen Umst\u00e4nde eine besondere Herausforderung darstellen. Dies zu leisten z\u00e4hlt zu den Aufgaben der Provenienzforschung.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Fehlende und ungenaue Angaben verursachen gerade in F\u00e4llen strittiger Eigentumsfragen Schwierigkeiten, wenn ehemalige Eigent\u00fcmerinnen und Eigent\u00fcmer oder deren Erben versuchen nachzuweisen, dass eine \u00b4Schenkung` oder ein \u00b4Verkauf` unter Zwang stattgefunden hat und damit wie bei einer Beschlagnahmung oder Enteignung eine R\u00fcckgabe oder eine andere gerechte und faire Entsch\u00e4digung im Sinne der Washingtoner Prinzipien von 1998 zu erfolgen hat.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Keine einheitliche Rechtsvorschrift<\/h4>\n<p>Es gebe keine einheitliche Rechtsvorschrift, die f\u00fcr alle beteiligten L\u00e4nder gelte, wei\u00df Dorus Lehmann, zwar best\u00fcnde mittlerweile innerhalb Europas ein Netzwerk von Restitutionskommissionen, aber viele Unterschiede blieben. \u201eSo gibt es in \u00d6sterreich ein Restitutionsgesetz, wonach die staatlichen Museen beweisen m\u00fcssen, dass ihr Sammlungsobjekt keine Raubkunst ist. In Deutschland hingegen gibt es ein solches Gesetz nicht, hier wird nach Empfehlungen gehandelt und seit 2003 ber\u00e4t und vermittelt in strittigen F\u00e4llen die sogenannte Limbach-Kommission. Das ist die aus ehrenamtlichen Mitgliedern bestehende \u00b4Beratende Kommission im Zusammenhang mit der R\u00fcckgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturg\u00fcter, insbesondere aus j\u00fcdischem Besitz`.\u201c<\/p>\n<p>Im Fall der \u00b4Goldenen Adele` mussten relevante Informationen durch Archivrecherchen erst einmal ausfindig gemacht werden, der Fall war aus verschiedenen Gr\u00fcnden kompliziert. \u201eWie andere Nachkommen auch, lebte die Erbin Maria Altmann wegen der Flucht vor den Nazis in Amerika und damit weit entfernt. In anderen F\u00e4llen gibt es mitunter auch Sprachbarrieren. Die Restitution der \u00b4Goldenen Adele` sollte uns vor Augen f\u00fchren, dass es in Museen ebenso wie in Privatbesitz und im Kunsthandel immer noch unentdeckte Raubkunst gibt.\u201c<\/p>\n<h4>Von Alliierten konfiszierte Kunst lagert im Ausland<\/h4>\n<p>Nach dem Krieg ist eine Vielzahl an Kunstwerken auch von den Alliierten ins Ausland geschafft worden. Nur allm\u00e4hlich kommt Licht in diese Aktionen. Der Schatz des Priamos, den Heinrich Schliemann dem Museum f\u00fcr Vor- und Fr\u00fchgeschichte vermachte, lagerte z.B. Jahrzehnte im Depot des Puschkin-Museums und wurde erst 1994 wieder ausgestellt. Eine R\u00fcckgabe lehnt Moskau kategorisch ab und sagt noch 2019, dass bis zum Zweiten Weltkrieg das Prinzip gegolten habe, dass dem Sieger zustehe, was ihm in die H\u00e4nde gerate.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eRussland beruft sich auf das Prinzip der Beutekunst, das wir als historisches Ph\u00e4nomen weit zur\u00fcckverfolgen k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rt Doris Lehmann. \u201eSchon die Troph\u00e4en, mit denen Napoleon den Louvre f\u00fcllte, hatten ihre Vorbilder. Die Alliierten gingen unterschiedlich mit den von ihnen nach Kriegsende beschlagnahmten Kunstwerken um.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So wurden die nach Amerika \u00fcberf\u00fchrten Objekte dort ausgestellt und anschlie\u00dfend wieder zur\u00fcckgegeben. Die in die UdSSR gebrachten St\u00fccke gelangten vorwiegend in das Moskauer Puschkin-Museum und die Leningrader Eremitage, aber auch in weitere Einrichtungen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>1,5 Millionen Kunstwerke landeten in der DDR<\/h4>\n<p>\u201eVon den in die Sowjetunion verbrachten etwa 2,5 Millionen Kunstwerken kamen 1955\u201358 ca. 1,5 Millionen in die DDR, 1977\/78 folgte weiteres Museumsgut.\u201c Jedoch bedauert Lehmann, dass unser Kenntnisstand \u00fcber die restlichen Kunstwerke nach wie vor nicht umfassend sei.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eEinzelne verloren geglaubte Werke wurden oder werden in russischen Sammlungen ausgestellt, von anderen St\u00fccken ist durch den Austausch zwischen Wissenschaftlern immerhin bekannt, dass sie erhalten sind. Vermutlich lagern noch viele Kunstwerke in den Sonderdepots, die lange geheim gehalten und streng gesichert wurden. Das hei\u00dft allerdings nicht, dass alle Objekte in einem guten Zustand sind.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Kompensation f\u00fcr deutsche Kriegs-Zerst\u00f6rungen<\/h4>\n<p>Seit 2008 befasse sich der Deutsch-Russische Museumsdialog (DRMD) im Rahmen eines Projekts mit der Auswertung der Pack- und Transportlisten sowjetischer Troph\u00e4enbrigaden, die \u00fcber die kriegsbedingt in die Sowjetunion verbrachten und dort verteilten Kulturg\u00fcter Auskunft gebe. Dies d\u00fcrfe mehr Transparenz bringen, auch wenn die noch in Russland befindlichen Kunstwerke voraussichtlich nicht in deutsche Sammlungen zur\u00fcckkehren w\u00fcrden, so wie es dem internationalen G\u00fcter- und V\u00f6lkerrecht entspreche.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eRussland hat mit dem sogenannten Duma-Gesetz 1998 die im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg beschlagnahmten Kunstwerke zu seinem Eigentum erkl\u00e4rt und gibt als Zweck die Kompensation seiner durch deutsche Zerst\u00f6rungen kriegsbedingten Verluste an. Politisch gibt es diesbez\u00fcglich keinen Konsens, die Bundesrepublik Deutschland erkennt diese Position nicht an. Auf wissenschaftlicher Ebene wird versucht, unabh\u00e4ngig von den politischen und juristischen Uneinigkeiten international zusammenzuarbeiten, zu rekonstruieren, welche Objekte noch existieren, wo und in welchem Zustand.&#8220;<\/p>\n<p>Dr. Doris Lehmann weiter: &#8222;Die Forschung ber\u00fccksichtigt auch die Kulturgutverluste, die russische Museen durch Abtransporte und Zerst\u00f6rungen erlitten und die mit den Pl\u00fcnderungen im Zuge der Verw\u00fcstung zahlreicher Kirchen, Kl\u00f6ster und Schl\u00f6sser einhergingen. Wenn m\u00f6glich werden Objekte gemeinsam erforscht und wieder zug\u00e4nglich gemacht, was bedeutet, dass sie in Russland ausgestellt werden, denn in Deutschland w\u00fcrde unser Staat die Kunstwerke als sein Eigentum beschlagnahmen. Diese Forschungsarbeit, zu der noch im letzten Jahr eine umfangreiche Publikation erschienen ist, geht leider nicht einher mit einem barrierefreien Zugang zu den entsprechenden Akten, die im Russischen Staatsarchiv f\u00fcr Literatur und Kunst eingesehen werden m\u00fcssten.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Wie Kooperationen unter den sich aktuell ver\u00e4ndernden Rahmenbedingungen des russischen Einmarschs in die Ukraine aufrechterhalten oder sich neu anbahnen lie\u00dfen, dazu k\u00f6nne sie keine Aussage treffen.<\/p>\n<h4>Der Schatz des Priamos<\/h4>\n<p>\u201eWas den Schatz des Priamos angeht, so hat sich schon Schliemann mit dessen heimlicher Bergung und der Unterschlagung des vertraglich vereinbarten Fundanteils, nicht fair und gerecht verhalten\u201c, erkl\u00e4rt die Wissenschaftlerin.\u00a0 Deswegen habe sich Schliemann auch in einem Prozess verantworten und die t\u00fcrkische Regierung, der er ihre H\u00e4lfte vorenthielt, finanziell entsch\u00e4digen m\u00fcssen. Eine R\u00fcckgabe des Schatzes an Deutschland w\u00e4re zudem nicht unproblematisch.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_51392\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 348px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-51392 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/41gIQduggL.jpeg\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"500\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der Schatz des Priamos &#8211; wie Heinrich Schliemann sein Troja erfand&#8220; &#8211; Philipp Vandenberg &#8211; Bastei L\u00fcbbe Verlag &#8211; 469 Seiten &#8211; ISBN-10: 3404614232 &#8211; ISBN-13: 978-3404614233<\/span><\/div>\n<p>\u201eK\u00e4me der Schatz zur\u00fcck nach Berlin, so w\u00e4ren die Umst\u00e4nde des zu Gunsten Schliemanns geschlossenen Vergleichs vermutlich Gegenstand neuer Diskussionen. Aber ich erwarte nicht, dass das Museum f\u00fcr Vor- und Fr\u00fchgeschichte in Berlin die kostbaren Goldobjekte und den Schmuck zur\u00fcckerh\u00e4lt, auch wenn diese Forderung aufrechterhalten wird. Wor\u00fcber wir uns stattdessen freuen k\u00f6nnten ist, dass zahlreiche andere Fundst\u00fccke der Troja-Grabung zur\u00fcckgegeben wurden und sogar Silbergef\u00e4\u00dfe aus dem sogenannten Schatz, zu denen spannende Forschungsergebnisse vorliegen. Auch diesbez\u00fcglich setzen die Wissenschaftler auf internationale Zusammenarbeit.\u201c<\/p>\n<h4>Auch das Von der Heydt-Museum beklagt Kriegsverluste<\/h4>\n<p>Auch in Wuppertal wurde ab Juni 1943 ein gro\u00dfer Teil der wertvollen Kunstgegenst\u00e4nde aus dem St\u00e4dtischen Museum Elberfeld in den Auslagerungsort der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz evakuiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden 34 Objekte, davon 10 Gem\u00e4lde sowie 24 Kleinplastiken und Skulpturen als Verluste am Auslagerungsort vermerkt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Werke sind mutma\u00dflich gestohlen worden und gelten bis heute als verschollen. Die Suche danach geht jedoch weiter.<\/p>\n<p>\u201eAls gestohlen gemeldete Kunstwerke sind im \u00b4Art Lost Register` recherchierbar, einer kostenpflichtigen Online-Datenbank, die zurzeit etwa 700.000 vermisste Objekte dokumentiert\u201c, wei\u00df Doris Lehmann.\u00a0 Dort seien Gem\u00e4lde ebenso erfasst wie Antiken, Schmuck, Uhren und auch Raubkunst.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eDas \u00b4Art Loss Register` pr\u00fcft in Kooperation mit Beteiligten des Kunstmarkts Objekte, die in den Handel eingebracht werden sollen. Wenn also eines der vermissten Objekte \u00fcber einen Nachlass verkauft werden soll und beispielsweise f\u00fcr eine Auktion oder Messe oder bei einem Pfandleiher eingeliefert wird, dann l\u00e4sst sich auf diesem Weg checken, ob das Werk dort erfasst ist. Mit Hilfe dieser Pr\u00fcfung wurde auch schon museale Raubkunst wiederentdeckt.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Speziell f\u00fcr Such- und Fundmeldungen von Raubkunst gebe es zudem die frei zug\u00e4ngliche Lost-Art Datenbank, die auf der Seite \u00b4Deutsches Zentrum Kulturgutverluste` Provenienzrecherchen erm\u00f6gliche. Auch die Homepage der Kulturverwaltung des Bundes biete zu Informationen einen bequemen Zugang. Die Provenienzdatenbank Bund enthalte den Restbestand der Kunstwerke und Kunstgewerbeobjekte, die dem Central Collecting Point M\u00fcnchen zugeordnet wurden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>&#8222;Landschaft&#8220; von Jean-Baptiste Camille Corot bleibt verschwunden<\/h4>\n<p>\u201eDas war die nach Kriegsende 1945 von den amerikanischen Alliierten eingerichtete Sammelstelle f\u00fcr Raubkunst im ehemaligen NSDAP-Parteigeb\u00e4ude, wo die Objekte zum Zweck der Restitution inventarisiert wurden. In dieser Datenbank sind noch erhaltene Werke dokumentiert, die nicht zur\u00fcckgegeben werden konnten, weil ihre Provenienz w\u00e4hrend der NS-Zeit bisher nicht gekl\u00e4rt werden konnte.\u201c Die Datens\u00e4tze w\u00fcrden dort immer aktualisiert, wenn es neue Hinweise gebe.<\/p>\n<p>Eines der verschollenen\/gestohlenen Werke aus Wuppertal ist das zwischen 1860\/69 entstandene Gem\u00e4lde mit dem Titel \u00b4Landschaft` von Jean-Baptiste Camille Corot, eine Schenkung des Museumsvereins Elberfeld, dessen Verbleib seit 1945 unbekannt ist. Es existiert noch ein Foto des Bildes in einem digitalisierten Auktionskatalog. Mit der zunehmenden Digitalisierung sieht Lehmann neue M\u00f6glichkeiten, verloren geglaubte Werke wiederzufinden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eEs gibt die M\u00f6glichkeit der R\u00fcckw\u00e4rts-Bildsuche etwa \u00fcber TinEye. Das bedeutet, Sie k\u00f6nnen Ihre Bilddatei hochladen und mit der Suchmaschine das Internet nach vergleichbaren Treffern absuchen lassen. Wenn das Gem\u00e4lde noch existiert, dann kann es gut sein, dass fr\u00fcher oder sp\u00e4ter jemand ein Foto davon macht und es im Internet z.B. auf einer Museumsseite oder bei Facebook zeigt. In diesem Fall bietet der Treffer einen Hinweis auf die Herkunft der anderen Bilddatei. Es ist in jedem Fall eine enorme Hilfe, dass ein solches Foto existiert, denn Corot hat viele Landschaften gemalt. F\u00fcr eine Identifizierung b\u00f6te ein wenig aussagekr\u00e4ftiger Titel wie \u00b4Landschaft` keine geeignete Basis.\u201c<\/p>\n<p>In der Art wie polizeiliche Cold-Case-Ermittlungen suchen Wissenschaftler*innen der ganzen Welt nach verloren geglaubten Kunstsch\u00e4tzen und \u00fcberraschen immer wieder mit spektakul\u00e4ren Funden. Ob dem Bernsteinzimmer ein solches Gl\u00fcck noch zuteilwird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p><b>Uwe Blass<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_51389\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 306px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-51389\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Lehmann1-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"296\" height=\"346\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Doris Lehmann &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><strong>\u00dcber Dr. Doris Lehmann<\/strong><\/h4>\n<p>Dr. Doris H. Lehmann ist gelernte Fotografin und studierte Kunstgeschichte, Klassische Arch\u00e4ologie, Provinzialr\u00f6mische Arch\u00e4ologie und Lateinische Philologie an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln und wurde 2005 ebenda promoviert. 2018 habilitierte sie sich an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t Bonn mit einer Arbeit zu den Streitstrategien bildender K\u00fcnstler in der Neuzeit und ist seitdem Privatdozentin. 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