{"id":51294,"date":"2022-04-12T15:00:33","date_gmt":"2022-04-12T13:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=51294"},"modified":"2022-04-12T15:00:33","modified_gmt":"2022-04-12T13:00:33","slug":"die-geschichtlichen-folgen-des-vertrages-von-rapallo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/04\/12\/die-geschichtlichen-folgen-des-vertrages-von-rapallo\/","title":{"rendered":"Die geschichtlichen Folgen des &#8222;Vertrages von Rapallo&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_51302\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-51302\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Mangold_Will1-2-1024x689.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"689\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Wissenschaftlerin Dr. Sabine Mangold-Will &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Thema der &#8222;Jahr100Geschichten&#8220;: &#8222;Der Vertrag von Rapallo &#8211; oder der taktische Alleingang zweier ge\u00e4chteter Staaten&#8220;<\/p>\n<p><strong>Wo liegt Rapallo?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Rapallo ist eine der sehenswerten St\u00e4dte an der K\u00fcste Liguriens. Es liegt\u00a0rund 30 km von Genua entfernt, am oberen Schaft des italienischen Stiefels.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Am Ostersonntag, dem 16. April 1922, wurde der Vertrag von Rapallo unterzeichnet. Worum ging es dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Es handelt sich um einen v\u00f6lkerrechtlichen Vertrag zwischen Deutschland und Russland, der am Rande der Konferenz von Genua, einer internationalen Finanz- und Wirtschaftskonferenz zur Regelung der deutschen Reparationen, unterzeichnet wurde. Inhalt des Vertrages war entsprechend der wechselseitige Verzicht auf Reparationen und Entsch\u00e4digungszahlungen, wie die Organisation k\u00fcnftiger wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Zudem wurde die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen zwei, nach dem Ersten Weltkrieg neu entstandenen Staaten: dem zur Republik gewordenen Deutschen Reich und der Russischen Sozialistischen F\u00f6derativen Sowjetrepublik vereinbart.&#8220;\u00a0<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><strong>Warum war dieser Vertrag f\u00fcr Russland und das Deutsche Reich so wichtig?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Der Vertrag entwickelte in der \u00f6ffentlichen Rechtfertigung f\u00fcr beide Seiten eine ganz grunds\u00e4tzliche Funktion: Zwei von den westlichen Siegerm\u00e4chten international ge\u00e4chtete Staaten \u2013 n\u00e4mlich <i>die <\/i>Verlierermacht des Ersten Weltkriegs und <i>die<\/i> Bolschewiki \u2013 schlossen zum Schrecken der Westm\u00e4chte miteinander einen Vertrag und widersetzten sich damit den politischen Interessen der Alliierten. Sie arbeiteten taktisch mit einem Alleingang, der ihren Handlungsspielraum erweitern sollte.<\/p>\n<div id=\"attachment_51298\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-51298\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/image001.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>Praktisch, das zeigen Forschungen, die erst nach der \u00d6ffnung russischer Archive nach 1990 entstanden sind, ging es vor allem um die Flankierung bereits l\u00e4nger anhaltender Gespr\u00e4che, die auf eine milit\u00e4rpolitische und r\u00fcstungswirtschaftliche deutsch-russische Zusammenarbeit abzielten. F\u00fcr Deutschland ging es dabei um die Revision des Versailler Vertrages, f\u00fcr Russland um finanzielle Mittel und technische Unterst\u00fctzung zum Wiederaufbau bzw. Ausbau seiner milit\u00e4rischen Kapazit\u00e4t. Der gemeinsame Nenner war eine perspektivische Revision der deutschen Ost- und der russischen Westgrenzen.&#8220;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><strong>Der Vertrag enthielt auch milit\u00e4rische Aspekte, mit denen die Deutschen den Versailler Vertrag umgehen konnten. Welche waren das z.B.?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Der Vertrag enthielt entgegen zeitgen\u00f6ssischer Ger\u00fcchte kein geheimes Zusatzprotokoll \u00fcber eine milit\u00e4rische Zusammenarbeit. Dar\u00fcber wurde \u2013 wie gesagt \u2013 vielmehr im Vor- und Umfeld verhandelt. Die im Vertrag vereinbarte wirtschaftliche Zusammenarbeit betraf in der Konsequenz daher vor allem Aktivit\u00e4ten, mit denen de facto die milit\u00e4rischen Beschr\u00e4nkungen des Versailler Vertrages umgangen wurden. Ein bekanntes Beispiel ist der Bau einer Flugzeugfabrik durch die Junkers-Werke und die Einrichtung einer Flugschule in Russland, wo mit deutscher Hilfe nicht nur Flugzeuge gebaut, sondern auch deutsche und russische Piloten f\u00fcr einen milit\u00e4rischen Einsatz ausgebildet wurden. Praktisch fand damit der Aufbau einer deutschen Luftstreitmacht, die im Versailler Vertrag ausdr\u00fccklich untersagt war, zwischen 1925 und 1933 in Russland statt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Westm\u00e4chte und auch Vertreter des Deutschen Reiches standen der Vertragsunterzeichnung kritisch gegen\u00fcber. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Das Interesse der Westm\u00e4chte liegt auf der Hand: Sie f\u00fcrchteten Deutschland als aktiven politischen Akteur und kritisierten daher den diplomatischen \u201eAlleingang\u201c, zumal ihnen die geheimen Hintergr\u00fcnde des Vertrags nicht unbekannt waren. Die britische Angst vor einer Erstarkung der Bolschwiken und einer antibritischen Allianz Russland-Deutschland, wom\u00f6glich unter Einschluss der T\u00fcrkei, l\u00e4sst sich in den Akten des Foreign Office finden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>In Deutschland machte sich die Kritik am Vertrag von Rapallo im Wesentlichen an zwei Aspekten fest: Der Vertrag mit Sowjetrussland galt als Menetekel, aber weniger auf den ideologischen Sieg des Kommunismus in Deutschland; kritisiert wurde vielmehr die in Rapallo liegende Provokation der westlichen Siegerm\u00e4chte, mit denen man \u00fcber Verhandlungen zu einer Milderung des Versailler Vertrages zu kommen hoffte. Bezeichnenderweise wurde Rapallo gerade von den Gegnern der Weimarer Republik wegen des milit\u00e4rpolitischen Hintergrunds eher begr\u00fc\u00dft.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_51299\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 375px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-51299\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/519Lc0-iO7L-721x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"365\" height=\"518\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Walther Rathenau &#8211; Sein Leben und sein Werk&#8220; &#8211;<br \/>von Harry Graf Kessler &#8211; Herausgeber: Vidento.eu &#8211; 384 Seiten &#8211; ISBN-10: 9188692314 &#8211; ISBN-13: 978-91896992312<\/span><\/div>\n<p><strong>Kann man den Vertrag von Rapallo auch als ersten Schritt aus der Isolation des 1. Weltkrieges deuten?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Man kann den Vertrag als den Versuch deuten, die internationale Marginalisierung nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg zu \u00fcberwinden, zumal wenn sich die Idee realisiert h\u00e4tte, die T\u00fcrkei in die milit\u00e4rische Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee einzubinden. Dann h\u00e4tte daraus ein eigenes, antiwestliches B\u00fcndnissystem entstehen k\u00f6nnen. De facto allerdings hat der Vertrag mit Sowjetrussland das Misstrauen der weltpolitisch f\u00fchrenden Westm\u00e4chte, vor allem Gro\u00dfbritanniens, gesch\u00fcrt und die internationale Anerkennung und Einbindung der Weimarer Republik zumindest gehemmt. Die akute Folge f\u00fcr Deutschland war die ausbleibende Regelung der Reparationsfrage auf der Konferenz von Genua und indirekt die Ruhrbesetzung durch Frankreich im Januar 1923.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Immer wenn sich Deutschland zu sehr auf Russland zubewegt, also Adenauers Reise 1955 nach Moskau, Brandts Ostpolitik nach 1970 oder Schr\u00f6ders angebliche Berlin-Paris-Moskau-Achse, spricht man vom Rapallo Komplex. Ist das eine permanente europ\u00e4ische Angst vor einer m\u00f6glichen Wiederholung der Ereignisse von 1922?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Nein, das ist keine wirkliche Angst vor einer einseitigen Bindung Deutschlands an Russland (denn das war Rapallo nicht), sondern die politische Instrumentalisierung einer behaupteten permanenten Angst. Den Rapallo-Komplex haben ja immer diejenigen, die in einer bestimmten historischen Situation die Einbindung Russlands ins Internationale System ablehnen, und diese politischen Akteure arbeiten deswegen mit der imaginierten Angst, Deutschland k\u00f6nnte sich selbst sch\u00e4digen, indem es die internationale \u00c4chtung und Isolierung Russlands \u2013 sei es Sowjetrusslands oder \u201ePutin\u201c-Russlands \u2013 durchbricht. Die einzigen, die mit berechtigter Angst auf Rapallo verweisen k\u00f6nnten, tun es in der Regel nicht, weil die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt die Erinnerung an Rapallo \u00fcberlagert: Das eigentliche Opfer des deutsch-sowjetrussischen Zusammengehens sollte perspektivisch der neu gegr\u00fcndete Staat Polen sein, dessen Aufl\u00f6sung im beiderseitigen Interesse lag.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Kurios war die sogenannte Pyjamakonferenz kurz vor der Vertragsunterzeichnung. Was hatte es damit auf sich?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Kurios ist leider ein v\u00f6llig unangebrachtes Wort. Mit dem Begriff \u201ePyjama-Konferenz\u201c wurde r\u00fcckblickend vor allem Walter Rathenau, der 1922 amtierende Au\u00dfenminister, diffamiert, denn er war der Mann im Pyjama. Rathenau stand dem Abkommen mit Sowjetrussland zutiefst skeptisch gegen\u00fcber, wurde in der Nacht zum Ostersonntag von den beiden Diplomaten des Ausw\u00e4rtigen Amtes Ago von Maltzan und Ernst von Simson sowie Reichkanzler Josef Wirth jedoch massiv unter Druck gesetzt, den Vertrag zu unterzeichnen. Einer der Mitarbeiter Maltzans, Moritz Schlesinger, sprach in seinen Erinnerungen zutreffender von einer \u201en\u00e4chtlichen Verschw\u00f6rung\u201c. Rathenau wurde wenige Monate sp\u00e4ter, im Juni 1922, u. a. wegen der Ausgestaltung des Vertrags von Rapallo von Mitgliedern der republikfeindlichen Organisation Consul ermordet.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcber Dr. Sabine Mangold-Will<\/h4>\n<p>Dr. Sabine Mangold-Will studierte Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft an der Universit\u00e4t des Saarlandes.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Die Akademische Oberr\u00e4tin an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln am Lehrstuhl f\u00fcr Neuere und Neueste Geschichte mit Schwerpunkt 19. Jahrhundert ist zudem Privatdozentin f\u00fcr Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Uni-Reihe &#8222;Jahr100Geschichten&#8220; hat sich Autor Uwe Blass mit der\u00a0Akademische Oberr\u00e4tin Dr. Sabine Mangold-Will \u00fcber eine vertraglich geregelte perspektivische Revision der deutschen Ost- und der russischen Westgrenzen,\u00a0die am 16. April 1922 unterzeichnet wurden.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-51294","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 02:35:25","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51294"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51294\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51303,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51294\/revisions\/51303"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}