{"id":50973,"date":"2022-03-29T11:42:15","date_gmt":"2022-03-29T09:42:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=50973"},"modified":"2022-03-29T11:42:15","modified_gmt":"2022-03-29T09:42:15","slug":"die-wuerde-des-menschen-mit-demenz-ist-unantastbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/03\/29\/die-wuerde-des-menschen-mit-demenz-ist-unantastbar\/","title":{"rendered":"Die W\u00fcrde des Menschen mit Demenz ist unantastbar\u2026"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_50976\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-50976\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Baranzke_22-2-1024x686.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"686\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Ethikern Dr. Heike Baranzke &#8211; \u00a9 Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Die Ethikerin Heike Baranzke, Lehrbeauftragte an der Bergischen Universit\u00e4t, sieht da dringenden Handlungsbedarf. \u201eDas Versagen im Umgang mit Menschen mit Demenz beginnt schon damit, dass man nicht mehr mit ihnen, sondern, sobald sie eine Demenzdiagnose haben, nur noch \u00fcber sie spricht\u201c, sagt die versierte Wissenschaftlerin.<\/p>\n<p>An dieser Stelle beginne schon die Depersonalisierung Demenzbetroffener, d.h. die Erkrankten w\u00fcrden nicht mehr als Personen respektiert, sondern nur noch als Tr\u00e4ger einer Krankheit behandelt. Dabei sei es m\u00f6glich, auch mit einer Demenzdiagnose mit entsprechender Unterst\u00fctzung noch sehr viele Jahre ein weitgehend selbst\u00e4ndiges Leben zu f\u00fchren. Es sei falsch, Menschen mit einer Demenzdiagnose nur noch aus der Perspektive der letzten Lebensphase zu betrachten.<\/p>\n<h4>Tabuthema Demenz<\/h4>\n<p>Die Gesellschaft stigmatisiere Menschen, mit Demenz, denn Demenz sei ein Tabuthema. \u201eWenn man \u00fcber Demenz spricht, wird sie als quantitativ \u00fcberm\u00e4chtige, bedrohliche Flut dargestellt, die \u00fcber unsere Gesellschaft str\u00f6mt. Kaum eine andere Krankheit wird mit diesem Flutbild assoziiert, einer \u00dcberschwemmung der Gesellschaft mit demenzkranken Menschen. Es ist ein Angst- und Abwehrbild.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDabei werden Menschen mit Demenz regelrecht dehumanisiert\u201c, sagt sie, \u201eweil man ihnen im Kern sogar das Menschsein und ihren Anspruch auf Achtung ihrer Menschenrechte abspricht und ihr Leben als nicht mehr lebenswert disqualifiziert\u201c.<\/p>\n<p>Ein ad\u00e4quater Umgang sehe anders aus: \u201eSelbst im fortgeschrittenen Stadium ihrer Erkrankung, wenn die verbalen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten weitgehend abhandenkommen, haben dementiell ver\u00e4nderte Personen das Recht, als menschliche Individuen mit ihren Bed\u00fcrfnissen wahr- und ernstgenommen zu werden. Auch bei eingeschr\u00e4nkten kognitiven und verbalen F\u00e4higkeiten ist ihr Ausdrucksverhalten meist als sinnvolles Verhalten verstehbar, wenn man sich in unserem hochleistungsgetriebenen beschleunigten Alltag die M\u00fche des Verstehenwollens und einer empathischen, emotional unterst\u00fctzten Kommunikation mit Demenzerkrankten macht.\u201c<\/p>\n<h4>Doppelte Diskriminierung durch Alzheimer<\/h4>\n<p>Die H\u00fcrden, demenziell erkrankte Menschen weiterhin als gleichberechtigte Mitb\u00fcrger wahrzunehmen, resultierten aus unserem kognitivistischen Menschenbild, also daraus, dass wir uns vor allen Dingen \u00fcber unsere kognitiven Kompetenzen und unseren Verstand definieren, erkl\u00e4rt die Ethikerin. Dabei geh\u00f6re der Ausdruck von Gef\u00fchlen doch auch zum Menschen.<\/p>\n<div id=\"attachment_50978\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-50978\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/old-peoples-home-63615_1280-1024x768.jpeg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"488\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Viele \u00e4ltere menschen leiden an Demenz &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>Wenn dann im Alter beispielsweise die Alzheimererkrankung auftrete, erinnere uns das auch daran, dass alle Organe altern, so auch unser Gehirn. Insofern litten Demenzbetroffene unter einer doppelten Diskriminierung, n\u00e4mlich unter der Diskriminierung von Demenz und unter Altersdiskriminierung.<\/p>\n<p>Heike Baranzke \u201eDabei spiegeln diese Angstbilder und diese Diskriminierungen auch den Fatalismus und die Hilflosigkeit, aufgrund unerf\u00fcllter medizinischer Therapiehoffnungen und Versprechen. Die neurowissenschaftliche Medizin hat vor Jahren sehr selbstbewusst verk\u00fcndet, dass man bald diese Krankheit heilen k\u00f6nnte. Aber diese Therapieversprechen haben sich bis heute nicht erf\u00fcllt.\u201c<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus blende man Betroffene mit Formen fr\u00fcher Demenzen wie die Frontotemporale Demenz oder die Lewy-body-Demenz, die schon im Alter ab 40 Jahren beginnen k\u00f6nnen, genauso aus wie diejenigen, die sich im Fr\u00fchstadium einer Demenzerkrankung bef\u00e4nden und noch zu einem weitgehend selbstst\u00e4ndigen Leben f\u00e4hig seien. \u201eDenen weist man in der Regel direkt den Weg ins Pflegeheim, statt sie mit rehabilitativen Ma\u00dfnahmen zur Aufrechterhaltung einer weitgehend selbst\u00e4ndigen Lebensf\u00fchrung zu unterst\u00fctzen. Wir lernen erst allm\u00e4hlich, dass auch mit dementieller Erkrankung ein gutes Leben m\u00f6glich ist. Das ist die Herausforderung.\u201c<\/p>\n<h4>Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar\u2026<\/h4>\n<p>Der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus sagt: \u201eDemenz raubt Millionen Menschen das Ged\u00e4chtnis, die Unabh\u00e4ngigkeit und die W\u00fcrde, aber sie raubt uns anderen auch die Menschen, die wir kennen und lieben.&#8220; Baranzke empfindet dieses Zitat als sehr problematisch, denn es zeige, dass sich der Mediziner noch nicht wirklich auf das Thema Demenz eingelassen habe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-50979\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/image002-4.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p>\u201eDieses Zitat zeigt, dass wir einem individualistischen Autarkieideal in unseren Gesellschaften anh\u00e4ngen\u201c, sagt sie, und fragt: \u201eWer ist denn schon v\u00f6llig unabh\u00e4ngig und nicht angewiesen auf die Hilfe Anderer?\u201c Alle Menschen seien soziale Wesen und wechselseitig aufeinander angewiesen, sich mit Hilfe unterschiedlich verteilter Kompetenzen zu unterst\u00fctzen. Viel schlimmer noch empfinde sie in diesem Zitat die Gleichsetzung von Ged\u00e4chtnisverlust und W\u00fcrdeverlust. \u201eWas steckt da f\u00fcr ein W\u00fcrdeverst\u00e4ndnis hinter?\u201c, fragt sie.<\/p>\n<p>Die Wissenschaftlerin: \u201eMenschenw\u00fcrde als Basis von Menschen- und Grundrechten ist unverlierbar. Niemand verliert durch Krankheit oder Behinderung, ja nicht einmal durch ein schlimmes Verbrechen, seinen Anspruch auf Respektierung seiner Menschenw\u00fcrde und seiner Menschenrechte.\u201c Das sei in Art. 1 Grundgesetz ganz klar geregelt: \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar, sie zu achten und zu sch\u00fctzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.\u201c<\/p>\n<h4>Behindertenrechtskonvention (BRK)<\/h4>\n<p>Seit einem knappen Jahrzehnt lenkt die WHO die Aufmerksamkeit auf Demenz als ein weltweites Gesundheitsproblem und legte 2017 dazu einen \u00b4Global Action Plan` vor, der Handlungsempfehlungen f\u00fcr die Staaten beinhaltet, die in nationalen Demenz-strategien konkretisiert werden.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu einem gesellschaftlichen Umdenken hat nach Baranzke die Behindertenbewegung Gro\u00dfes geleistet. Sie habe ein Bewusstsein f\u00fcr den Anspruch von Menschen mit Behinderung auf gesellschaftliche Unterst\u00fctzung bei gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Inanspruchnahme seiner Menschen- und Grundrechte formuliert und damit die einseitige medizinische Perspektivierung und Pathologisierung korrigiert.<\/p>\n<p>\u201eSeit 2009 ist die Behindertenrechtskonvention (BRK) der Vereinten Nationen auch geltendes Recht in Deutschland. Seit einigen Jahren w\u00e4chst ein Bewusstsein, dass auch dementiell bedingte kognitive Einschr\u00e4nkungen \u00b4Behinderungen` im Sinne der BRK sind. Und das \u00e4ndert sehr viel. Das fundiert einen Rechtsanspruch auf Rehabilitation und Alltagsunterst\u00fctzungen.\u201c Das bedeute f\u00fcr die Betroffenen viel weitergehende Anspr\u00fcche auf Sozialleistungen, konkretisiert Baranzke. \u201eDie Konzipierung von demenziellen Erkrankungen als Behinderungen schafft somit einen ver\u00e4nderten Rechtsrahmen f\u00fcr staatliche Bringpflichten gegen\u00fcber Menschen mit Demenz und ihren famili\u00e4ren und professionellen Betreuungspersonen und ambulanten sowie station\u00e4ren Betreuungsstrukturen.\u201c<\/p>\n<h4>Wer beurteilt Lebensqualit\u00e4t?<\/h4>\n<p>\u201eStudien in ganz anderen medizinischen Zusammenh\u00e4ngen, wie beispielsweise in palliativmedizinischer Sterbebegleitungen, zeigen,\u201c berichtet Baranzke, \u201edass Angeh\u00f6rige von unheilbar schwer erkrankten Menschen oder auch Au\u00dfenstehende deren Lebensqualit\u00e4t regelm\u00e4\u00dfig schlechter einsch\u00e4tzen als die Betroffenen selbst. Das ist ein Ph\u00e4nomen, dem falsche Unterstellungen und Projektionen zugrunde liegen und das in die N\u00e4he der Gefahr von \u00b4Mitleidst\u00f6tungen` f\u00fchren kann. Neue partizipative Studien mit Menschen mit Demenz zeigen, dass auch sie ihr Leben mit einer leichten oder mittleren Demenz als lebenswert empfinden, wenn man sie dabei unterst\u00fctzt, mit ihren kognitiven Verlusten umzugehen. Es ist also ein Perspektivwechsel notwendig, wenn Lebensqualit\u00e4t beurteilt wird. Die Frage ist: Wer leidet unter was?\u201c<\/p>\n<p>Desweiteren sei die Gesellschaft gefragt, demenziell eingeschr\u00e4nkte Menschen nicht zu diskriminieren oder zu besch\u00e4men, indem sie sie ignoriert, bel\u00fcgt oder st\u00e4ndig korrigiert. \u201eMenschen mit Demenz verm\u00f6gen solche, ihr Selbstwertgef\u00fchl verletzende Verhaltensweisen nicht zu tolerieren und reagieren entweder mit depressivem R\u00fcckzug oder aggressivem Protest. Personen mit derartigen Verhaltensweisen werden oft neuropharmakologisch ruhiggestellt, weil sie den Organisationsablauf st\u00f6ren. Das ist aber grobes Unrecht, weil Menschen mit Demenz wie auch mit anderen Behinderungen ein Recht auf soziale Teilhabe und eine ihnen gem\u00e4\u00dfe Lebensf\u00fchrung besitzen.\u201c<\/p>\n<p>Stattdessen sei eine breite gesellschaftliche Aufkl\u00e4rung sowie die Schulung medizinischer, pflegerischer und famili\u00e4rer Betreuungspersonen von Demenzbetroffenen notwendig, wie mit Menschen mit Demenz konstruktiv kommuniziert werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>An die Angeh\u00f6rigen von Menschen mit Demenz muss beim Thema Lebensqualit\u00e4t in besonderer Weise gedacht werden, \u201edenn Demenzerkrankungen k\u00f6nnen mit Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderungen und schlie\u00dflich mit dem Verlust der Wiedererkennung der nahen Angeh\u00f6rigen einhergehen\u201c, sagt die Wissenschaftlerin.<\/p>\n<p>Darunter litten weniger die Demenzerkrankten selbst als vor allen Dingen die Angeh\u00f6rigen, die sich auf einen sehr tiefgreifenden Wandel des Beziehungscharakters einlassen m\u00fcssten. Das sei emotional sehr belastend und nicht selten eine totale \u00dcberforderung. Da die Betreuung von Demenzbetroffenen f\u00fcr Angeh\u00f6rige tats\u00e4chlich sehr herausfordernd sei, bed\u00fcrfe es dazu auch einer starken professionellen Unterst\u00fctzung \u2013 ob ambulant, teilstation\u00e4r oder station\u00e4r.<\/p>\n<h4>Forschung zu einem guten Leben mit Demenz ist in vollem Gange<\/h4>\n<p>Menschen mit Demenz brauchen Hilfe, keine Frage, aber im fr\u00fchen Stadium der Erkrankung k\u00f6nnen Demenzbetroffene auch noch viel selber regeln. Die Forschung zu einem guten Leben mit Demenz sei in vollem Gange, wei\u00df Baranzke. Nachdem Betroffene fr\u00fcher als \u00b4lebende Tote` oder \u00b4leere H\u00fcllen` galten, habe es in den 80er\/90er Jahren des 20. Jahrhunderts einen Wendepunkt gegeben, der sich auf den einfachen Satz reduzieren lasse: \u201eKommunikation mit Menschen mit Demenz ist m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p>Der Theologe und Demenzforscher Malcolm Goldsmith gilt an dieser Stelle als Wegbereiter. \u201eVon fr\u00fcher Demenz betroffene Demenzaktivist*innen, in Deutschland, z.B. die ehemalige Dolmetscherin Helga Rohra, sind Vork\u00e4mpfer*innen, die zeigen, dass Menschen mit Demenz selbst gefragt werden wollen, was sie brauchen.\u201c<\/p>\n<p>Nun ist Kommunikation vielf\u00e4ltig und kann sich den F\u00e4higkeiten von Menschen mit Demenz auch anpassen. \u201eEs ist ganz essentiell, dass man schon in der Fragestellung weniger kognitive, begrifflich abstrakte und ged\u00e4chtnisorientierte Kommunikation nutzt\u201c, erkl\u00e4rt Baranzke, \u201ed.h. eher Ja\/Nein-Fragen formuliert. Man braucht eine emotionsbasierte und beziehungsgest\u00fctzte Kommunikation.\u201c<\/p>\n<p>Wird diese praktiziert, k\u00f6nnen auch herausfordernde Verhaltensweisen demenzerkrankter Menschen besser als sinnvoll erkannt werden, denn nicht alles ist auf die hirnorganische Erkrankung zu schieben. \u201eSehr oft k\u00f6nnen auch unerkannte Schmerzen, Leiden an sozialer Zur\u00fcckweisung oder Langeweile die Gr\u00fcnde f\u00fcr sog. \u00b4herausforderndes Verhalten` darstellen. Sie sind dann quengelig, unruhig, laufen umher, aber das hat nichts mit der Demenz zu tun. Manches wird man auch nicht dekodieren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Baranzke spricht von Detektivarbeit, durch die Angeh\u00f6rige und Pflegepersonal wieder an die Erkrankten herankommen. Weniger argumentativ, daf\u00fcr mehr emotional k\u00f6nne man durch \u00dcben lernen zu begreifen.<\/p>\n<h4>In der Mitte der Gesellschaft bleiben<\/h4>\n<p>In Deutschland gibt es seit 2019 eine nationale Demenzstrategie, die daf\u00fcr sorgen soll, dass Erkrankte \u00b4in der Mitte der Gesellschaft` bleiben. \u201eDas markiert einen fundamentalen gesellschafts- und gesundheitspolitischen Paradigmenwechsel, der Menschen mit Demenz als Menschen- und Grundrechtstr\u00e4ger mit dem Anspruch auf gesellschaftliche Inklusion und soziale Teilhabe thematisiert\u201c, erkl\u00e4rt Baranzke, \u201edie das Recht auf Kompensation ihrer spezifischen Einschr\u00e4nkungen haben.\u201c<\/p>\n<p>Die Wissenschaftlerin kennt neuere Forschungen, die zweifelsfrei belegen, dass Demenzerkrankte bis in die Phase schwerster Beeintr\u00e4chtigung ein gro\u00dfes Interesse an sozialer Eingebundenheit haben und mit der Umgebung kommunizierten. In \u00e4u\u00dferst ber\u00fchrender Weise zeige die Pionierin Personzentrierter Kommunikation, Naomi Feil, wie dankbar Menschen mit schwerster Demenz f\u00fcr soziale Einbeziehung und emotionale Ansprache seien. Im Internet finden sich beeindruckende Filmbeispiele zu Feils Ansatz der unbedingten Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<div id=\"attachment_50980\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 660px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-50980\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/dementia-3051832_1280-1024x534.jpeg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"339\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Demenz &#8211; h\u00e4ufig noch ein Tabu-Thema &#8211; \u00a9 Pixabay<\/span><\/div>\n<p>\u201eDie Nationale Demenzstrategie erarbeitet und f\u00f6rdert Strukturen, die zur Entstigmatisierung von Menschen mit Demenz und zu einer besseren sozialen Teilhabe f\u00fchren, nicht zuletzt durch die Unterst\u00fctzung der familialen und professionellen Betreuungs- und Pflegepersonen.\u201c<\/p>\n<p>Die medizinisch-neurowissenschaftliche Therapieforschung werde seit jeher massiv unterst\u00fctzt. Die F\u00f6rderung und Erforschung der \u00fcberaus spannenden psychosozialen pflegerischen Betreuung bed\u00fcrfe jedoch h\u00f6chster Aufmerksamkeit, um den Eindruck eines menschenunw\u00fcrdigen Dahinvegetierens \u00fcberzeugend L\u00fcgen zu strafen und so den gesellschaftlichen \u00c4ngsten entgegenzutreten.<\/p>\n<h4>L\u00fcgen verspielen Vertrauen<\/h4>\n<p>\u201eKognitiv eingeschr\u00e4nkte Menschen kommunizieren verst\u00e4rkt emotionsbasiert und sind besonders empf\u00e4nglich f\u00fcr nonverbale Kommunikation\u201c, sagt Baranzke, \u201esie bemerken Ablehnung und Unaufrichtigkeit sehr schnell. Da sind die Worte egal, denn je fortgeschrittener die Demenz ist, desto weniger kommt es auf die Bedeutung der Worte an und mehr auf die zugewandte Haltung.\u201c L\u00fcgen kommt daher in diesem Zusammenhang ein nicht mehr umkehrbarer Vertrauensbruch zu, denn, erkl\u00e4rt die Ethikerin, \u201ees ist nicht einfach ein Spiel mit Worten, sondern eine Haltung, die einen anderen Menschen hinters Licht f\u00fchrt oder als l\u00e4stig ruhigstellen will und die sich unbewusst auch in der Sprachmelodie und in der K\u00f6rpersprache ausdr\u00fcckt.\u201c<\/p>\n<p>Au\u00dferdem m\u00fcsse man bedenken, dass auch Menschen mit Demenz immer mal wieder \u00fcberraschende Ged\u00e4chtnismomente h\u00e4tten und eine L\u00fcge auch kognitiv entlarven k\u00f6nnten. Damit w\u00e4re die Vertrauensbasis in der Betreuungsbeziehung besch\u00e4digt. \u201eWenn eine L\u00fcge aufgrund unseres \u00fcberorganisierten Alltags angewandt wird, sollten wir eher etwas an unserem Alltag \u00e4ndern\u201c, r\u00e4t Baranzke, denn es k\u00f6nne jeden von uns auch selber treffen. Wir m\u00fcssten uns fragen, ob wir uns dann in Betreuungsstrukturen begeben wollten, die damit kalkulieren, uns beliebig zu hintergehen. Diese gesellschaftliche Dimension m\u00fcsse man auch bedenken.<\/p>\n<h4>Technik versus K\u00f6rperged\u00e4chtnis<\/h4>\n<p>Unser digitales Zeitalter bietet unterschiedlichste Versuche, durch technische Neuerungen Menschen mit Demenz zu unterst\u00fctzten. An der Bergischen Universit\u00e4t gibt es ein interessantes Projekt, dass Bilder therapeutisch nutzt. Es handelt sich dabei um ein System f\u00fcr Seniorinnen und Senioren in Altersheimen, die gemeinsam mit ihren Enkeln per Virtual Reality-Konferenz alte Fotos anschauen k\u00f6nnen. Das Familienfotoalbum neu erfunden, im Kontext von Demenzpr\u00e4vention. Das nicht mehr bewusst Erinnerbare soll dabei durch Bilder aktiviert werden.<\/p>\n<p>\u201eDas ist ein sehr sch\u00f6nes Projekt, das uns kognitiv halbwegs Kompetenten eine Br\u00fccke baut zu Menschen mit fortgeschrittener Demenz,\u201c sagt Baranzke, jedoch sei es eben in erster Linie ein kommunikatives Hilfsmittel f\u00fcr uns kognitiv Leistungsf\u00e4higeren. Dadurch, dass unsere Kultur sehr stark auf die kognitiven F\u00e4higkeiten wie denken, erinnern und sprechen fixiert sei, vernachl\u00e4ssigten wir die leiblichen, emotionalen und psychosozialen Kommunikationsbed\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p>Es werde sehr viel Geld in Technik investiert, aber auch ein Pflegeroboter k\u00f6nne nicht unsere Beziehungs- oder Gef\u00fchlsarbeit ersetzen. Diese emotionsbasierten Kommunikationsanker m\u00fcsse man sich hart erarbeiten. \u201eEin \u00e4sthetischer Kanal, der mit kognitiv eingeschr\u00e4nkten Menschen wunderbar funktioniert, ist Musik\u201c, sagt Baranzke, \u201eund zwar sowohl H\u00f6ren, Singen und auch Tanzen, sowie alles, was das K\u00f6rperged\u00e4chtnis aktiviert.\u201c<\/p>\n<p>Die Betreuung von Menschen mit Demenz sei au\u00dferordentlich fordernd, wei\u00df die Wissenschaftlerin, und f\u00e4hrt fort: \u201eEs gibt viele Menschen, die diese psychosoziale Herkulesarbeit lieben. Wir m\u00fcssen sie nur lassen und ihre Talente wertsch\u00e4tzen!<\/p>\n<p>Ob Demenzen oder andere Formen von Behinderungen ein Horrorszenario sind, h\u00e4ngt zum allergr\u00f6\u00dften Teil davon ab, wie wir als Gesellschaft mit den besonderen Bed\u00fcrfnissen derart eingeschr\u00e4nkter Personen umgehen \u2013 in welchem Ma\u00df wir eine inklusive Gesellschaft sein wollen, die allen Menschen die Realisierung ihres Rechts auf soziale Teilhabe erm\u00f6glicht. Das ist die von uns zu verantwortende soziale Konstruktion der Wirklichkeit.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_50976\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 209px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-50976\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Baranzke_22-2-1024x686.jpeg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"133\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<h4><strong>\u00dcber Dr. Heike Baranzke<\/strong><\/h4>\n<p>Dr. Heike Baranzke ist Lehrbeauftragte f\u00fcr Theologische Ethik der Katholischen Theologie in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Sch\u00e4tzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren 2019 weltweit etwa 55 Millionen Menschen von Demenz betroffen. In Deutschland sind es 1,6 Millionen und viele von ihnen sind hochbetagt. Die steigende Lebenserwartung dank besserer Lebensbedingungen ist die Hauptursache f\u00fcr die weitere Verbreitung der Erkrankung. Aber der Umgang mit Menschen mit Demenz l\u00e4sst gesellschaftlich zu w\u00fcnschen \u00fcbrig.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-50973","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 02:35:08","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50973"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50985,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50973\/revisions\/50985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}