{"id":50510,"date":"2022-03-04T16:55:05","date_gmt":"2022-03-04T15:55:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=50510"},"modified":"2022-03-08T19:44:58","modified_gmt":"2022-03-08T18:44:58","slug":"warum-meilenstein-der-filmgeschichte-vernichtet-werden-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/03\/04\/warum-meilenstein-der-filmgeschichte-vernichtet-werden-sollte\/","title":{"rendered":"Warum Meilenstein der Filmgeschichte vernichtet werden sollte"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_50514\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-50514\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Orth1a-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Dominik Orth &#8211; \u00a9<\/span><\/div>\n<p>Uwe Blass hat sich im Rahmen der Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit Dr. Dominik Orth, Professor f\u00fcr &#8222;Neuere deutsche Literatur&#8220;, \u00fcber die Berliner Urauff\u00fchrung von &#8222;Nosferatu&#8220; unterhalten.<\/p>\n<p><strong>Kann man den Film Nosferatu \u2013 eine Symphonie des Grauens, der am 04. M\u00e4rz 1922 in Berlin uraufgef\u00fchrt wurde, als den ersten deutschen Horrorfilm bezeichnen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Dominik Orth: &#8222;Das w\u00fcrde sicherlich etwas zu kurz greifen. Zum einen ist der Begriff \u201eHorrorfilm\u201c einem historischen Wandel unterworfen \u2013 was fr\u00fcher als Horrorfilm galt, f\u00fchrt heute bei Genrefans vielleicht nur zu einem m\u00fcden L\u00e4cheln. Zum anderen gab es auch vor \u201eNosferatu\u201c wichtige Filme, die als Horrorfilme gelten k\u00f6nnen. Insbesondere der expressionistische Klassiker \u201eDas Cabinet des Dr. Caligari\u201c von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 ist hier zu nennen. Dennoch steht \u201eNosferatu\u201c sicherlich eine besondere Stellung in der Fr\u00fchgeschichte des Horrorfilms zu. Es ist nun mal ein fr\u00fcher Meilenstein dieses Genres und nicht zuletzt ein ganz wichtiger Film f\u00fcr das Genre des Vampirfilms.<\/p>\n<p><strong>Worum handelt der Film?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Dominik Orth: &#8222;Der Makler Hutter reist zum Grafen Orlok nach Transsylvanien, um mit ihm ein Gesch\u00e4ft abzuschlie\u00dfen. Der Gast merkt bald, dass Orlok ein Vampir ist. Dieser wiederum verliebt sich in Hutters Frau Ellen, nachdem er ein Foto von ihr gesehen hat. Auf der Reise des Vampirs zu Ellen pflastern Leichen seinen Weg, die Opfer erliegen der Pest. Schlie\u00dflich wird Ellen von Orlok heimgesucht \u2026 Mehr soll hier nicht verraten werden, ich will ja nicht spoilern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Haben sich die Produzenten am Stoff von Bram Stokers Dracula bedient?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Dominik Orth: &#8222;Absolut, im Grunde genommen handelt es sich um die erste Verfilmung dieses Romans. Allerdings wollte die Produktionsfirma die Kosten f\u00fcr die Rechte sparen und deshalb wurden vom Drehbuchautor Henrik Galeen die Figuren umbenannt und der Titel ge\u00e4ndert. Doch nicht nur das: Die Bez\u00fcge zwischen Stokers Roman und der Handlung des Films sind insgesamt eher lose, einige Figuren wurden gestrichen, nicht wenige Details der Handlung ge\u00e4ndert. Aber das ist f\u00fcr eine Literaturverfilmung wiederum nicht verwunderlich, die Bez\u00fcge zwischen Vorlage und Adaption sind nicht immer eng. Interessanterweise verschweigt der Film den Bezug zum ber\u00fchmten Vampirroman gar nicht. In einem Zwischentitel der Titelsequenz steht explizit: \u201eNach dem Roman \u201eDracula\u201c von Bram Stoker. Frei verfasst von Henrik Galeen.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-50515\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/image001.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p><strong>Wie wurde der Film bei Presse und Publikum angenommen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Dominik Orth: &#8222;Es gab zwar einige gute Kritiken, aber ein finanzieller Erfolg war der Film nicht. Die Produktionsfirma hatte so viel Geld in die Werbung investiert \u2013 die Kosten daf\u00fcr waren h\u00f6her als f\u00fcr die Produktion des Films \u2013, dass sie bereits wenige Monate nach der Urauff\u00fchrung Konkurs anmelden musste.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Der Film sollte 1925 vernichtet werden. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Dominik Orth: &#8222;Das h\u00e4ngt unmittelbar mit den offensichtlichen Bez\u00fcgen zu \u201eDracula\u201c zusammen. Bram Stokers Witwe verklagte die Produktionsfirma Prana, die Rechte nicht erworben zu haben. Im Urteil wurde das offensichtliche Plagiat hart bestraft: Der Film und s\u00e4mtliche Kopien sollten vernichtet werden. Interessanterweise verzichtete die Kl\u00e4gerin auf eine Gewinnbeteiligung, denn der Film hatte ja keine Gewinne erzielt. Es ist ein Gl\u00fcck f\u00fcr die Filmgeschichte, dass einige Exportkopien der Vernichtung entgehen konnten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Der Filmjournalist Lars Penning sagt, der amerikanische Horrorfilm der 30er Jahre sei ohne das fantastische deutsche Stummfilmkino nicht denkbar. Stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Dominik Orth: &#8222;Auf jeden Fall ist der Einfluss des Weimarer Kinos auf den internationalen Film nicht zu untersch\u00e4tzen beziehungsweise kann gar nicht hoch genug eingesch\u00e4tzt werden. Sicherlich l\u00e4sst sich daher auch von einer gewissen Vorreiterrolle f\u00fcr entsprechende Genrefilme sprechen. Aber auch unabh\u00e4ngig davon pr\u00e4gte gerade der expressionistische Film ganze Filmstile, wie etwa den sogenannten Film Noir. Nicht wenige Protagonisten des Weimarer Films machten dann ja auch in Hollywood Karriere oder versuchten es zumindest. Friedrich Wilhelm Murnau etwa, der Regisseur von \u201eNosferatu\u201c, folgte bereits in den 20er Jahren dem Lockruf der amerikanischen Filmindustrie. Und mit Beginn der NS-Zeit flohen zahlreiche Filmschaffende nach Hollywood, um dort unter anderem das \u00e4sthetische Spiel mit Licht und Schatten, das sowohl f\u00fcr den expressionistischen Film als auch f\u00fcr den Film Noir kennzeichnend ist, fortzusetzen. Fritz Lang beispielsweise, neben Murnau einer der wichtigsten Regisseure des Weimarer Kinos und Regisseur von \u201eMetropolis\u201c, inszenierte zahlreiche Noir-Filme.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Nosferatu ist auch ein Beispiel f\u00fcr die akribische Restauration des Filmmaterials. Was passiert da?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Dominik Orth: &#8222;Das ist ein technisch hochkomplexes Verfahren, das mit den heutigen Mitteln der Digitalisierung ganz neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnet. Wichtigste Grundlage ist nat\u00fcrlich das zugrundeliegende Material. Zahlreiche Filme aus dieser Zeit sind verschollen oder unvollst\u00e4ndig \u00fcberliefert, mitunter ist das in Archiven gefundene Material besch\u00e4digt. In der Regel werden f\u00fcr die Restaurierung von Stummfilmklassikern m\u00f6glichst viele Verleihkopien, die meistens verstreut in diversen Archiven rund um den Globus liegen, zu Rate gezogen, im Idealfall ist ein Kameranegativ vorhanden. Je nach Zustand des Materials wird dieses zun\u00e4chst physisch restauriert. Anschlie\u00dfend wird der Film gescannt und dann digital restauriert. Dabei wird versucht, m\u00f6glichst nah an das Original heranzureichen.\u00a0 Das reicht bis zu Formen der Farbgebung. Zahlreiche Stummfilme waren ja nicht schwarz-wei\u00df, sondern unterschiedlich eingef\u00e4rbt. Dazu gab es verschiedene technische Verfahren und diverse Farbcodes. So konnten auch interessante Effekte erzielt werden: In \u201eNosferatu\u201c beispielsweise wechselt pl\u00f6tzlich innerhalb einer Szene die Farbe von Sepia auf gr\u00fcnlich-t\u00fcrkis und zwar in dem Moment, als durch den Wind die Flamme einer Kerze ausgeht.<\/p>\n<div id=\"attachment_50517\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 443px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-50517\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/81iDIfDa3DL._SL1500_-802x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"433\" height=\"553\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Herstellerreferenz: \u200e 22346487 &#8211;\u00a0Regisseur: \u200e Murnau, Friedrich Wilhelm &#8211;\u00a0Medienformat: \u200e Deluxe-Ausgabe &#8211;\u00a0Laufzeit: \u200e 1 Stunde und 35 Minuten &#8211;\u00a0Studio: \u200eLEONINE &#8211;\u00a0ASIN: \u200e B00J18RICU<\/span><\/div>\n<p>Durch die unterschiedliche Farbgebung des Filmbildes wird so deutlich, dass es dunkel geworden ist. Wenn Informationen \u00fcber solche Einf\u00e4rbungen vorliegen, so wird dies im Rahmen der Restaurierung ber\u00fccksichtigt.<br \/>\nNeben dem Bildmaterial ist dann auch noch die Frage nach dem Ton, denn der Stummfilm war ja nicht wirklich stumm \u2013 es gab eben nur keine Tonspur. Dennoch wurde f\u00fcr zahlreiche Filme eine eigene Musik komponiert, die dann im Idealfall durch ein Orchester w\u00e4hrend der Filmvorf\u00fchrung gespielt wurde. In der DVD-Edition der Murnau-Stiftung etwa wurde die Originalmusik zu \u201eNosferatu\u201c rekonstruiert. Das ist unglaublich spannend, denn es finden sich faszinierende Bild-Ton-Entsprechungen, die man f\u00fcr den \u201aStummfilm\u2018 gar nicht erwarten w\u00fcrde. So wird beispielsweise das Kr\u00e4hen eines Hahnes instrumental imitiert.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Hat dieser Film heute noch ein Publikum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr.<strong> Dominik Orth: <\/strong>&#8222;Na hoffentlich! Aber im Ernst, der Film ist aktuell in einer sehr guten Edition als DVD oder Blu-ray verf\u00fcgbar, was ja daf\u00fcrspricht, dass es auch heute noch ein Publikum daf\u00fcr gibt. Zudem wurde er 2003 als einer von 35 Filmen in den Filmkanon der Bundezentrale f\u00fcr politische Bildung aufgenommen.\u00a0Und sein Status als Klassiker nicht nur des Horror- und des Vampirfilms, sondern auch des expressionistischen Films und des Weimarer Kinos insgesamt ist ungebrochen. Dazu tr\u00e4gt sicherlich zus\u00e4tzlich das Remake mit Klaus Kinski aus dem Jahr 1979 unter der Regie von Werner Herzog bei, auch wenn dieser Film ja ebenfalls schon einige Jahrzehnte alt ist. Aber Kinski ist ja immer einen Blick wert \u2013 und Murnau eben auch.<br \/>\nUnd schlie\u00dflich ist \u201eNosferatu\u201c \u00e4sthetisch \u00e4u\u00dferst reizvoll. Die Inszenierung von Licht und Schatten ist absolut sehenswert. Wenn der Schatten von Orloks Hand das Herz von Ellen umkrallt, dann bekomme ich immer wieder eine G\u00e4nsehaut.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcber Dr. Dominik Orth<\/h4>\n<p>Dominik Orth absolvierte ein Magister-Studium mit den F\u00e4chern Kulturwissenschaft, Germanistik und Geschichte an den Universit\u00e4ten Bonn und Bremen. Er promovierte 2012 an der Universit\u00e4t Bremen. Seit 2017 arbeitet er als Lehrkraft f\u00fcr besondere Aufgaben im Bereich Neuere deutsche Literatur in der Fachgruppe Germanistik an der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1922 feierte der Stummfilm &#8222;Nosferatu, eine Symphonie des Grauens von Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau in Berlin Premiere. Max Schreck spielte damals Graf Orlok (Nosferatu). Das Drama basierte auf Bram Stokers Roman &#8222;Dracula&#8220;, war aber von diesem nicht autorisiert. Und das h\u00e4tte dem Horrorfilm beinahe den Garaus gemacht.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-50510","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-06 11:41:04","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50510","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50510"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50510\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50518,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50510\/revisions\/50518"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50510"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50510"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50510"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}