{"id":50324,"date":"2022-02-21T12:58:24","date_gmt":"2022-02-21T11:58:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=50324"},"modified":"2022-02-21T13:49:26","modified_gmt":"2022-02-21T12:49:26","slug":"mit-tattoos-in-ein-neues-leben-aufbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/02\/21\/mit-tattoos-in-ein-neues-leben-aufbrechen\/","title":{"rendered":"Mit Tattoos in ein neues Leben aufbrechen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_50335\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 844px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-50335\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20161208_122900-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"834\" height=\"534\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein T\u00e4towierer bei der Arbeit &#8211; \u00a9 Siegfried J\u00e4hne<\/span><\/div>\n<p>In diesem Falle, das Studio \u201eHaut(ge)schichten an der Hochstrasse am Elberfelder \u00d6lberg. Der 35j\u00e4hrige T\u00e4towierer Tim wartete auf ihn. Tim versteht sich als K\u00fcnstler, hat sein Handwerk vor vier Jahren von Profis erlernt und inzwischen viel Erfahrung sammeln k\u00f6nnen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Sein eigener K\u00f6rper, sein Hals und sein Gesicht ist auff\u00e4llig t\u00e4towiert.<\/p>\n<p>Was bedeutet ihm das? \u201eIch genie\u00dfe die<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Blicke, die Aufmerksamkeit, will mich abgrenzen\u201c sagt er. Klar, seine Mutter habe ich zuerst auch erschrocken, aber jetzt hat sie selber ein Tattoo. Was in 15 oder 20 Jahren ist, ist f\u00fcr ihn heute nicht wichtig, sagt er. Schlie\u00dflich k\u00f6nne man Tattoos ja auch wieder entfernen.<\/p>\n<p>Leonardo ist beeindruckt von Tim. Mit ihm hat er das obligate Vorgespr\u00e4ch gef\u00fchrt und das notwendige Vertrauen gewonnen. Das ist f\u00fcr uns sehr wichtig, sagt die eine Studioleiterin Sofia (42), die vermeiden m\u00f6chte, dass<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>ihre Kunden gesundheitliche Vorbedingungen nicht erf\u00fcllen oder ihren gefassten Entschluss alsbald bereuen m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p>Alles habe seine Ordnung, f\u00fcr diesen Fall\u00a0gibt es vorgedruckte Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rungen. Nein, die Gefahr des Absprungs war bei Leonardo offenbar nicht gegeben, weder drohte bei ihm eine Schwangerschaft noch ist er akut oder chronisch krank.<\/p>\n<p>Er hatte klare Vorstellungen von dem, was er wollte. Sein linker Arm soll demn\u00e4chst das Abbild eines Ph\u00f6nix tragen. Warum einen mythischer Vogel, der am Ende seines Lebenszyklus verbrennt oder stirbt? \u201cEs hat mit meiner Krankheit zu tun\u201c, sagte er leise. Ich stutze, \u201everrat es mir\u201c, sagte ich. Dann antwortete er ganz ruhig: \u201eIch hatte Leuk\u00e4mie. Bis zum letzten Fr\u00fchjahr war ich in klinischer Behandlung im Wuppertaler Helios Krankenhaus\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_50328\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 370px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-50328\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20161115_133249-rotated.jpeg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"640\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Tattoo auf dem Arm &#8211; \u00a9 Siegfried J\u00e4hne<\/span><\/div>\n<p>Eine Krankheit also, die das Leben des gerade frisch verm\u00e4hlten auf einen Schlag ver\u00e4ndert und in Frage stellte und ganz nebenbei zwangsl\u00e4ufig zu Gewichtsver\u00e4nderungen f\u00fchrte. Und jetzt begreife auch ich, letzte Vorurteile sind beseitigt.<\/p>\n<p>Lateinisch Phoenix bedeutet ja soviel wie \u201eDer Wiedergeborene\/Der neugeborene Sohn\u201c. Ph\u00f6nix aus der Asche eben, den Spruch kennt jeder, als Symbol f\u00fcr etwas, das aus der Asche wieder aufersteht. F\u00fcr Leonardo ist das Tattoo der Aufbruch in ein neues Leben.<\/p>\n<h4>Schmerzen sind unvermeidlich<\/h4>\n<p>Deshalb scheut er auch nicht die Tortur, die ihn jetzt erwartet. Zehn Sitzungen in sechs Stunden sind bei der gew\u00e4hlten \u201eNeo-Tradition-Methode\u201c (Gegensatz Oldschool, alte traditionelle Schule) sind anberaumt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>Traditional &amp; new Styles sind die bekannten Differenzierungen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend mit Traditional und Oldschool klassische Seefahrermotive bezeichnet werden, bedient sich der Newschool-Stil der gleichen schwarzen Konturen und kr\u00e4ftige F\u00fcllfarben, verbessert diese Methode jedoch noch und f\u00fchrt knalligere Farben, neue Farbverl\u00e4ufe und Schattierungen ein.<\/p>\n<p>Tim hat alles akribisch vorbereitet, sein Handwerkszeug ist sterilisiert, die Schablone (Stanze) vorbereitet und kann auf die mit Vaseline eingefettete Haut aufgetragen werden. Salvatore liegt bei der Prozedur, wird angeleuchtet mit ged\u00e4mpftem Licht, so wie beim Fotografen, damit der T\u00e4towiere einen gute Sicht hat.<\/p>\n<p>Das Bild wird mit einem Farbstift auf die Haut gebracht, bevor die einer kleinen N\u00e4hmaschine gleichende elektrische T\u00e4towiermachine vom Typ \u201eRotary\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>los rattert und die Haut mit einem spitzen Gegenstand \u00f6ffnet. Dauerhaft haltbar sind diejenigen Farbpigmente, die in der mittleren Hautschicht (Dermis) eingelagert sind.<\/p>\n<div id=\"attachment_50336\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 370px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-50336\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20161208_123709-rotated.jpeg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"640\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Siegfried J\u00e4hne<\/span><\/div>\n<p>Hier werden die Farbpigmente in den Papillark\u00f6rpern der Haut dauerhaft eingekapselt. Gewebeverletzungen mit Blutungen sind dabei<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>unvermeidlich. Diese Hautverletzungen tut weh.<\/p>\n<p>Dabei ist das Schmerzempfinden ganz unterschiedlich, sagt Gesch\u00e4ftsmitinhaberin Kati (33): M\u00e4nner halten das<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>in der Regel zwei Stunden an einem St\u00fcck aus, Frauen oft vier Stunden und mehr. \u201eEs ist nicht so schlimm, wie beim Zahnarzt, sind sich alle sicher. Ein guter T\u00e4ttoowierer versteht sein Handwerk so, das es nicht zu Narbenbildungen kommt.<\/p>\n<p>Mit Haut(ge)schichten wollten die Initiatoren raus aus der Subkultur. Ihr Ziel eine offene , saubere Atmosph\u00e4re an einem Ort, an dem man sich wohl f\u00fchlt. Die Kunden von \u201eHaut(ge)schichten\u201c kommen aus allen Schichten und Altersklassen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span><\/p>\n<p>Sofia erz\u00e4hlt gerne die Geschichte einer 18j\u00e4hrigen, die sich ihr erstes Tattoo auf den Oberarm stechen lie\u00df. Als die 86j\u00e4hrige Gro\u00dfmutter, eine pensionierte Schulleiterin, dies zum ersten mal seh, war sie entsetzt, wie die meisten Angeh\u00f6rigen dieser Generation.<\/p>\n<p>Doch als diese erkannte, dass die Enkeltochter ihren Vornamen, den der Gro\u00dfmutter hat t\u00e4towieren lassen, kamen ihr die Tr\u00e4nen und sie \u00e4nderte ihre Einstellung zum Thema radikal. Die Gro\u00dfmutter wurde danach die bis heute \u00e4lteste Kundin, denn sie lie\u00df sich jetzt den Namen ihrer Enkeltochter in ihre Haut einbringen.<\/p>\n<p>Das Studio an der Hochstrasse ist ger\u00e4umig, 280 qm in freundlich eingerichteten R\u00e4umen stehen den Kunden zur Verf\u00fcgung.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span>F\u00fcnf T\u00e4towierer arbeiten in der Regel an einem acht-Stunden Tag. Sie sind im Grunde freischaffende K\u00fcnstler, die selbst\u00e4ndig arbeiten. So wie Marcel (32), der heute die 52j\u00e4hrige aber deutlich j\u00fcnger aussehende Anja G. als Kundin hat.<\/p>\n<p>In diesem speziellen Falle kommt es besonders auf die Farben an, die immer eine hohe Qualit\u00e4t haben m\u00fcssen. Dies wegen der Vertr\u00e4glichkeit, der Farbbest\u00e4ndigkeit, aber auch damit Metalle in den Farbstoffen bei einer Kernspintomographie keine unerw\u00fcnschte Reaktionen wie etwa Verbrennungen zeigen.<\/p>\n<div id=\"attachment_50329\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 650px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-50329\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/20161115_133355.jpeg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Siegfried J\u00e4hne<\/span><\/div>\n<p>\u201eDie Qualit\u00e4t unserer Farbstoffe entspricht wie in allen seri\u00f6s arbeitenden Studios gepr\u00fcften EU-Normen. Lassen Sie sich im Zweifel der Etiketten zeigen,\u201c gibt Sofia einen Rat. Anja G. ist gekommen, weil ihr das vor 20 Jahren aufgebrachte und inzwischen etwas verblasste Schulter-Tattoo nicht mehr gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Wer wie sie seine T\u00e4towierung bedauert, z.B. wegen Mangel an \u00c4sthetik oder wegen einer bittere Erinnerung an einer dargestellten Person, kann entweder zu einer<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>teuren Laser-Entfernung gehen oder aber wie sie das Tattoo mit der \u201e\u201cCover-Up\u201c Technik dr\u00fcber t\u00e4towieren lassen.<\/p>\n<p>Das neue Tattoo, was das alte Tattoo abdecken soll, muss naturgem\u00e4\u00df viel gr\u00f6sser sein und auch kr\u00e4ftigere Farben enthalten, um es perfekt abdecken zu k\u00f6nnen. Anja G. hat eine rote Rose mit gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern zur \u00dcberdeckung gew\u00e4hlt, die Abdeckung gelingt perfekt. Hatte sie \u00c4ngste vor dem Eingriff? \u201eErst nicht, aber als es dann losging, war ich sehr aufgeregt\u201c, verriet sie.<\/p>\n<h4>Die Branche boomt gewaltig<\/h4>\n<p>Das Thema \u201eTattoo-Entfernung\u201c bekommt eine immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung, auch weil Krankenkassen diese in aller Regel nicht finanzieren. Das ist der Grund, warum die Inhaber von \u201eHaut(ge)schichten\u201c demn\u00e4chst auch dieses Thema anbieten. Ein Laserger\u00e4t soll angeschafft und von medizinischen Fachpersonal bedient werden, so der neue Business-Plan von Vanessa Kurzeja-Wevering und<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>den beiden Mitgesellschafterinnen.<\/p>\n<p>Arbeitsmangel wird in dieser zukunftstr\u00e4chtigen Branche ohnedies nicht erwartet. Achtzig Prozent aller Kunden kommen n\u00e4mlich mindestens noch ein zweites Mal, aus welchem Grund auch immer. Dazu geh\u00f6ren auch Piercings, ob im Mund, in der Nase, den Augenbrauen am Ohr, an Brust, Bauch oder im Intimbereich, und zwar in diversen Modifikationen bis hin zu Implantationen.<\/p>\n<p>Und Accessoires aller Art erg\u00e4nzen das reichhaltige Angebot. M\u00f6glich ist fast alles. Die Leute kommen, weil sie etwas ver\u00e4ndern wollen, wohl nicht nur an ihrem \u00c4u\u00dferen. Ich jedenfalls habe dazugelernt.<\/p>\n<p><strong>Text: Siegfried J\u00e4hne<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist Anfang 30, hat italienischen Vorfahren und sieht gut aus. Und trotzdem er will sein \u00c4u\u00dferes ver\u00e4ndern. Warum, frage ich mich vielleicht etwas naiv. So wie Leonardo (Name ge\u00e4ndert) geht es vielen jungen Menschen, die t\u00e4glich ein Tattoo-Studio aufsuchen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-50324","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lifestyle"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 16:16:26","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50324","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50324"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50324\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50337,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50324\/revisions\/50337"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50324"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50324"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50324"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}