{"id":49835,"date":"2022-02-04T15:15:42","date_gmt":"2022-02-04T14:15:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=49835"},"modified":"2022-02-08T12:21:36","modified_gmt":"2022-02-08T11:21:36","slug":"ulysses-ein-kerntext-der-literarischen-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2022\/02\/04\/ulysses-ein-kerntext-der-literarischen-moderne\/","title":{"rendered":"&#8222;Ulysses&#8220;: Ein Kerntext der literarischen Moderne"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_49837\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-49837\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/RennhakNEU-1024x682.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"682\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Katharina Rennhak \/ Anglistik &#8211; \u00a9\u00a0Foto: Auen60 Photography<\/span><\/div>\n<p>Der Autor James Joyce wurde am 02. Februar 1882 in Dublin (Irland) geboren, er starb am 13. Januar 1941 in Z\u00fcrich (Schweiz).<\/p>\n<p><strong>Einer der Begr\u00fcnder des modernen Romans war der irische Schriftsteller James Joyce, dessen Roman \u201eUlysses\u201c 1922 ver\u00f6ffentlicht wurde. Worum geht es in diesem Werk?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Der Roman spielt an nur einem Tag, dem 16. Juni 1904, in Dublin und pr\u00e4sentiert minuti\u00f6s die Alltagshandlungen, Gedanken und Wahrnehmung der beiden Hauptfiguren, Stephen Dedalus und Leopold Bloom. Die Wege der beiden Figuren kreuzen sich wiederholt, Stephen und Leopold begegnen sich aber erst im 14. (von insgesamt 18) Kapiteln.<br \/>\nDer 22-j\u00e4hrige intellektuelle Stephen ist vor kurzem, weil seine Mutter im Sterben lag, aus Paris zur\u00fcckgekehrt und arbeitet jetzt als Lehrer. Er f\u00fchlt sich in seiner Heimatstadt nicht mehr zu Hause, hat sich vom katholischen Glauben losgesagt und ist frustriert, weil er nicht sieht, wie er seine ambitionierten Pl\u00e4ne, Schriftsteller zu werden, verwirklichen kann.<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel beschlie\u00dft er, nicht mehr in die Wohnung im Martello Tower au\u00dferhalb der Stadt, die er sich mit zwei anderen jungen M\u00e4nnern teilt, zur\u00fcckzukehren, ohne einen klaren Plan zu haben, wohin ihn sein Weg f\u00fchren wird. Auch Leopold Bloom, Anzeigenakquisiteur f\u00fcr ein Dubliner Tagblatt und gutm\u00fctiger Kleinb\u00fcrger in der midlife crisis, ist als nicht-gl\u00e4ubiger Jude ein Au\u00dfenseiter in Dublin. Auch er wandert an diesem 16. Juni ruhelos durch die Stadt. Er versucht seiner Eifersucht auf Blazes Boylan, den Geliebten seiner Frau Molly, Herr zu werden. Seine Gedanken kreisen immer wieder, um seinen zehn Jahre zuvor verstorbenen Sohn. Am Ende des Tages findet Stephen in Bloom einen Vater, Leopold Bloom in Stephen einen Sohn. Die Vorstellungen von Zugeh\u00f6rigkeit und Heimat dieser beiden rast- und heimatlosen Figuren ordnen sich neu.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die Erstver\u00f6ffentlichung von Joyces &#8222;Ulysses&#8220; gestaltete sich schwierig. Was war das Problem?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Ja, die Publikationsgeschichte von Ulysses ist wirklich spannend. Geplant hatte Joyce die Erz\u00e4hlung von Leopold Bloom eigentlich als letzte short story f\u00fcr seinen Kurzgeschichtenzyklus Dubliners. Das Manuskript wuchs dann aber zwischen 1914 und 1921 auf etwa 800 Seiten an. Erste Ausz\u00fcge erschienen von M\u00e4rz 1918 bis August 1920 in serieller Form in der amerikanischen Zeitschrift The Little Review. Die Publikation musste dann allerdings eingestellt werden, als ein New Yorker Gericht die Herausgeberinnen der Zeitschrift wegen der Ver\u00f6ffentlichung der Texte zu einer Geldstrafe verurteilte. Das Gericht fand die Ausz\u00fcge aus Ulysses so obsz\u00f6n und anst\u00f6\u00dfig, dass es eine ausf\u00fchrliche Darstellung der fraglichen Passagen f\u00fcr unzumutbar hielt. Weitere Ausz\u00fcge erschienen dann in Harriet Weavers Zeitschrift The Egoist in England. Hier weigerten sich aber schon die Drucker, die als zu obsz\u00f6n empfundenen Abschnitte \u00fcberhaupt zu setzen. F\u00fcr die Erstausgabe des Buchs fand sich zun\u00e4chst weder in England noch in Amerika ein Verleger, und so erschien sie schlie\u00dflich 1922 in Paris in Sylvia Beachs Verlag Shakespeare &amp; Company. Die Auflage war streng limitiert und von den 3.000 Exemplaren soll das U.S. Post Office 500 verbrannt haben, knapp 500 weitere beschlagnahmte der Zoll in Folkstone. In Amerika, England und Irland blieb der Roman bis in die 1930er Jahre verboten.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-49838\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/image001.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p><strong>Der Erfolg von &#8222;Ulysses&#8220; war aber nicht aufzuhalten, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Die Berichterstattung in den Medien hatte das Interesse vieler Leserinnen und Leser geweckt. Eine von George Goyert f\u00fcr den Z\u00fcricher Rhein Verlag vorgenommene \u00dcbersetzung des Romans ins Deutsche erschien bereits 1927, eine franz\u00f6sische \u00dcbersetzung 1929. Das Interesse in ganz Europa war gro\u00df. Schlie\u00dflich hatte die Ver\u00f6ffentlichung der Ausz\u00fcge in The Little Review und The Egoist, zwei wichtige Organe der literarischen Avantgarde, in denen u.a. auch T.S. Eliot, Wyndham Lewis oder W.B. Yeats publizierten, den Ulysses von Anfang an als einen Kerntext der literarischen Moderne etabliert.<\/p>\n<p><strong>Was war an diesem Roman zu Beginn des 20. Jahrhunderts denn so modern?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Oh, das ist eine Frage, zu deren Beantwortung Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ganze B\u00fccher schreiben. Will man die Frage so kurz und b\u00fcndig wie m\u00f6glich beantworten, dann w\u00fcrde ich sagen, zentral f\u00fcr das modernistische Erz\u00e4hlen ist grunds\u00e4tzlich die Darstellung eines an sich trivialen Alltags aus der subjektiven Sicht einer Figur oder mehrerer Figuren. Im Mittelpunkt steht weniger das Handeln der Charaktere als vielmehr deren Wahrnehmung einer hochgradig komplexen und sich unabl\u00e4ssig wandelnden Welt, in der die Figuren hin und wieder kurze Momente einer tieferen Einsicht erleben. In Joyces Ulysses sprudelt es nur so vor narrativer und sprachlicher Experimentierfreudigkeit. Jedes Kapitel des Romans wechselt den Erz\u00e4hlstil und passt ihn dem Erlebnis und der Stimmung an, die f\u00fcr Stephen oder Bloom in diesem Kapitel zentral sind. &#8222;Jede Episode [\u2026] sollte ihre eigene Erz\u00e4hltechnik nicht nur bedingen, sondern geradezu hervorbringen&#8220;, erkl\u00e4rt Joyce (auf Italienisch in einem Brief an Carlo Linati im September 1920).<\/p>\n<p>Die Komplexit\u00e4t der Welt spiegelt sich dar\u00fcber hinaus im Ulysses in einem komplexen System enzyklop\u00e4discher Anspielungen und literarischer Verweise \u2013 auf Homers Odyssee nat\u00fcrlich, aber auch auf Shakespeares Hamlet und die Werke Dantes. Zudem gibt es unz\u00e4hlige Referenzen auf weitere nicht nur literarische, sondern auch theologische, philosophische oder wissenschaftliche Intertexte vom Mittelalter bis zur Moderne. Das 13. Kapitel (&#8218;Nausicaa&#8216;), in dem Leopold Bloom am Strand in einer voyeuristischen Betrachtung der koketten Gerty schwelgt, die mit ihm flirtet und f\u00fcr ihn den Rock hebt, parodiert zum Beispiel den Stil eines Groschenromans. Das 14. Kapitel (&#8218;Oxen of the Sun&#8216;), in dem Bloom der werdenden Mutter Mrs. Purefoy einen Besuch in der Frauenklinik abstattet, bietet ein grandioses Pastiche der wichtigsten englischen Prosastile von der altenglischen Literatur \u00fcber das neoklassizistische Erz\u00e4hlen bei Jonathan Swift, den selbstreflexiven Gestus Laurence Sternes bis zum sp\u00e4tviktorianischen Erz\u00e4hlstil Oscar Wildes, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Die Geburt und Entwicklung eines Kindes werden hier analog gesetzt zur Entwicklung der englischen Sprache und Literatur.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Joyce arbeitet in seinem Roman erstmalig mit der Erz\u00e4hltechnik des Bewu\u00dftseinsstroms. Was ist das?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Der allererste war Joyce nicht. In Ulysses findet sich im letzten Kapitel (&#8218;Penelope&#8216;) mit dem assoziativen Gedankenfluss von Molly Bloom aber wohl der virtuoseste Versuch, den Ablauf mentaler Prozesse sprachlich abzubilden. Bereits das dritte Kapitel (&#8218;Proteus&#8216;) nutzt diese Erz\u00e4hltechnik extensiv und f\u00fchrt so in die Gedankenwelt Stephens ein. Syntaktisch unvollst\u00e4ndige und ungew\u00f6hnliche S\u00e4tze sowie Halbs\u00e4tze vermitteln den Eindruck, hier w\u00fcrden Gedankenprozesse mimetisch abgebildet. Die Gedankenwelt des intellektuellen Stephen zeichnet sich dabei allerdings durch eine gewisse gedankliche Klarheit und Strukturiertheit aus.<\/p>\n<p>Im &#8218;Proteus&#8216;-Kapitel werden so nachvollziehbare Assoziationsketten in meist kurzen S\u00e4tzen entfaltet und eine vermittelnde Erz\u00e4hlinstanz gibt mitunter Auskunft \u00fcber die Bewegung der Figur im Raum. Im ber\u00fchmten Schlussmonolog des Romans von Molly Bloom dahingegen fehlen alle Orientierungshilfen. Molly ist im Einschlafen begriffen und vor ihrem inneren Auge ziehen zum Teil miteinander v\u00f6llig unverbundene Erinnerungsfetzen \u2013 an Ereignisse des vergangenen Tages ebenso wie an l\u00e4ngst vergangene Tage \u2013 g\u00e4nzlich ungeordnet vorbei. Joyce verzichtet in diesem Kapitel auf jegliche Interpunktion. Nur ganz am Ende findet sich ein Punkt, der das lebensbejahende &#8222;Yes&#8220; unterstreicht, mit dem Mollys innerer Monolog nicht nur endet, sondern auch begonnen hat.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Joyces Ulysses wird oft als ein Roman gelesen, der wesentlich von Sigmund Freuds psychoanalytischen Theorien beeinflusst ist. Woran kann man das festmachen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Wir hatten ja im Zusammenhang mit der Publikationsgeschichte schon \u00fcber die vielen Obsz\u00f6nit\u00e4ten im Ulysses gesprochen. Wie Freuds Patienten werden auch die Figuren im Ulysses wesentlich von ihren z.T. unbewussten sexuellen W\u00fcnschen und \u00c4ngsten beherrscht. Ganz gem\u00e4\u00df Freuds Vorstellung vom Verh\u00e4ltnis von Es, Ich und \u00dcber-Ich in der menschlichen Psyche zeitigt das Verdr\u00e4ngen von Tabubr\u00fcchen ganz unterschiedlicher Art ein schlechtes Gewissen. Die Weigerung Stephens zum Beispiel, seiner Mutter den letzten Wunsch zu erf\u00fcllen und an ihrem Sterbebett niederzuknien und zu beten, verfolgt ihn den ganzen Roman hindurch. Traumatische Erlebnisse treten nur in Erinnerungsfetzen an die Gedankenoberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Den H\u00f6hepunkt des Romans bildet nach Meinung vieler Leserinnen und Leser das 15. Kapitel (&#8218;Circe&#8216;), in dem Stephen und Leopold Bloom in einem Bordell in Dublins Rotlichtviertel Station machen. Dieses zweihundert Seiten lange Kapitel hat die Form eines Dramas und stellt folglich eine extreme Abwendung von den Gattungskonventionen des Romans dar. \u00dcber weite Strecken bleibt hier unklar, welchen Realit\u00e4tswert die dargestellten Ereignisse haben. Wird Bloom in Bella Cohens Etablissement zur Frau, indem er Frauenkleider anlegt? Bloom und Stephen verwandeln sich doch nicht wirklich in Schweine? Setzt Bloom seine masochistischen Fantasien hier in die Tat um? Oder werden (durchwegs?) \u2013 drogeninduzierte? \u2013 Tr\u00e4ume und Halluzinationen dargestellt? Axel Schmitt hat diese Episode des Ulysses treffend als &#8222;Satansmesse des freigesetzten Unbewussten&#8220; bezeichnet. Das Unbewusste widersetzt sich bekanntlich jedem Versuch, es erz\u00e4hlerisch zu ordnen. Insofern kann die dramatische Form der &#8218;Circe&#8216;-Episode als programmatisch verstanden werden.&#8220;<\/p>\n<p><strong>An einer Stelle sagt Joyce: \u201eIch habe so viele R\u00e4tsel und Geheimnisse hineingesteckt, dass es die Professoren Jahrhunderte lang in Streit dar\u00fcber halten wird, was ich wohl gemeint habe. Nur so sichert man sich seine Unsterblichkeit.\u201c Ist diese Intention aufgegangen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Ja, definitiv. Die Rechnung ist zumindest in den letzten hundert Jahren voll aufgegangen. Joyces Ulysses ist so dicht und anspielungsreiche, dass jede neue Lekt\u00fcre neue Bedeutungszusammenh\u00e4nge aufdeckt, und zwar auf allen Ebenen des Textes: in Bezug auf Joyces Wortsch\u00f6pfungen, die intertextuellen Verweise, die zum Teil minuti\u00f6s realistische Abbildung der Dubliner Lebenswelt, die Reflektion philosophischer und theologischer Konzepte, das experimentierfreudige Spiel mit Gattungskonventionen, die Figurencharakterisierung und -konstellation, etc., etc.<br \/>\nJoyce war zudem geschickt genug, befreundeten Leserinnen und Lesern Leitf\u00e4den durch sein komplexes Werk mit auf den Weg zu geben. Die erste und wegweisende literaturwissenschaftliche Untersuchung, Stuart Gilberts James Joyce&#8217;s Ulysses: A Study (1930), zum Beispiel basiert wesentlich auf einer schematischen \u00dcbersicht, die Joyce Gilbert \u00fcberlie\u00df.<\/p>\n<div id=\"attachment_49840\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 354px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-49840 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/51EP3jH0TDS._SX342_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"344\" height=\"499\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Ulysses&#8220; &#8211; James Joyce &#8211; Suhrkamp-Verlang &#8211; USBN-10: 3518458167 &#8211; USBN-13: 978-3518458167<\/span><\/div>\n<p>Das sogenannte &#8222;Gilbert-Schema&#8220; listet f\u00fcr jedes Kapitel eine Reihe stilpr\u00e4gender und bedeutungsgenerierender Korrespondenzen auf: die genaue Uhrzeit und den Ort der Handlung, ein K\u00f6rperorgan, ein dominantes Diskurssystem (z.B. Theologie, Botanik oder Architektur), eine Farbe, ein Symbol und eine literarische Technik sowie Namen und Begriffe aus Homers Odyssee. Nicht zuletzt liefert dieses Schema auch die Kapitelbezeichnungen, die die Dubliner Alltagserfahrungen von Stephen, Bloom und Molly in den epischen Verweishorizont der Odyssee setzen. W\u00e4hrend sich Joyce f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung dazu entschloss, die einzelnen Episoden nur durchzunummerieren, haben sich diese Kapitelbezeichnungen gemeinhin durchgesetzt.<\/p>\n<p>Auch ich habe sie hier benutzt. W\u00e4hrend sich die erste Generation von Literaturwissenschaftler*innen daran machte, den Roman mit Hilfe der Joyce&#8217;schen Schemata zu entschl\u00fcsseln, Strukturprinzipien aufzudecken und Bedeutungsintentionen zu verstehen, gab die Literaturwissenschaft ab den sp\u00e4ten 60er Jahren den Anspruch auf, den Ulysses entschl\u00fcsseln zu wollen. Jetzt betonte man die sprachlichen Experimente, die als endlos bedeutungsgenerierend verstanden wurden, die spielerische Offenheit des Textes und die unaufl\u00f6sbare Ambiguit\u00e4t, die alle Ebenen des Romans durchzieht. In diesem Zusammenhang fiel auch auf, dass die verschiedenen Schemata, die Joyce an seine Freunde verteilte, sich so deutlich voneinander unterscheiden, dass sie letztlich vielleicht weniger dazu beitragen, Ordnung und Klarheit zu schaffen, sondern vielmehr die Komplexit\u00e4t des ohnehin unheimlich komplexen Romans noch weiter zu steigern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Joyce ist es im katholischen, bis Anfang der 1920er Jahre von den Briten regierten Irland ja zu eng geworden. Er ist mit seiner Frau Nora 1904 emigriert und hat in Frankreich, Italien und der Schweiz gelebt und geschrieben. Macht das den Iren zu einem europ\u00e4ischen Schriftsteller?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: Joyce ist genau das: ein Ire in Europa. Joyce war jedes nationalistische Gedankengut (auch in den Jahren der irischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung) zuwider. Wie seine Figur Stephen wandte er sich von der katholischen Kirche ab und seine Texte widersetzen sich jeder Form der einfachen ideologischen Vereinnahmung. Ulysses ist deshalb allerdings keineswegs ein unpolitischer Text, der ausschlie\u00dflich mit \u00e4sthetischen Sprachspielen und literarischen Verweisen erfreut und sich nur f\u00fcr die narrative Darstellung der Psyche einzelner Figuren interessiert. Die Forschung der letzten 30 Jahre hat sich insbesondere den vielen materiellen, sozialen und politischen Kontexten gewidmet, in die sich Joyce mit seinem Roman eingebracht hat. So kann man Ulysses etwa auch als eine kluge und soziologisch detailgenaue Analyse der Funktionsweisen politischer Kommunikation in der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re im Allgemeinen und im Dublin des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts im Besonderen verstehen; oder die Geschichte Stephens und Blooms als Studie marginalisierter m\u00e4nnlicher Identit\u00e4ten in der patriarchalen Gesellschaft in Irland; oder als eine Analyse der modernen Konsumgesellschaft (der Beruf Blooms als Anzeigenakquisiteur f\u00fcr eine Dubliner Zeitung ist hier relevant). Irlands Doppelrolle \u2013 sowohl als Opfer des britischen Imperialismus, der im ausgehenden 19. Jahrhundert seinen H\u00f6hepunkt erreicht, als auch als ein Land, das sich an den kolonialen Projekten Gro\u00dfbritanniens in vielerlei Hinsicht beteiligte \u2013 ist ein ebenso relevanter Kontext f\u00fcr die Lekt\u00fcre des Romans.<\/p>\n<p>Im 12. Kapitel (&#8218;Cyclops&#8216;) zum Beispiel, das Bloom in Barney Kiernans Pub f\u00fchrt, findet sich eine ausgedehnte Kolonialismuskritik in Form eines Stammtischgespr\u00e4chs. Die M\u00e4nner witzeln zum Beispiel \u00fcber den Anspruch der Briten, im Zuge ihrer Eroberungen die Welt zu zivilisieren, und machen England f\u00fcr die prek\u00e4re wirtschaftliche Lage Irlands verantwortlich. Einfache ideologische Festlegungen und Sympathielenkungen vermeidet Joyce auch hier. Schlie\u00dflich referiert der nationalistisch-denkende &#8222;B\u00fcrger&#8220; zwar durchaus Ideen, die sich auch in Joyces kulturpolitischem Essay &#8222;Ireland, Island of the Saints and Sages&#8220; finden. Derselbe &#8222;Citizen&#8220; allerdings entpuppt sich als fanatischer Antisemit, als er Bloom beleidigt und mit einer Teeb\u00fcchse nach ihm wirft.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was bringt diese Leseodyssee den heutigen Lesern?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Katharina Rennhak: &#8222;Leserinnen und Leser, die sich von den Widerst\u00e4ndigkeiten der vielen Experimente nicht abschrecken lassen und sich unaufgeregt an die Lekt\u00fcre machen, werden \u2013 damals wie heute \u2013 nicht zuletzt bestens unterhalten. Bei aller Gelehrsamkeit, die im Ulysses steckt, ist der Roman an vielen Stellen sehr komisch und bietet so manches, wor\u00fcber man mal schmunzeln und oft auch laut lachen kann.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Katharina Rennhak<\/h4>\n<p>Katharina Rennhak studierte Anglistik und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen und am St. Patrick\u2019s College Maynooth, Irland. Von 1997 bis 2009 lehrte sie Englische Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t. Seit 2009 ist sie\u00a0Professorin f\u00fcr Englische Literaturwissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.<\/p>\n<p>Katharina Rennhak ist Pr\u00e4sidentin der European Federation of Associations and Centres of Irish Studies (EFACIS). Sie ist auch Mitglied der IASIL-Exekutive 2016-19 und 2019-2022 (Europ\u00e4ische Vertreterin).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Uwe Blass hat sich in der Reihe &#8222;Jahr100Wissen&#8220; mit Prof. Dr. Katharina Rennhak, Professorin f\u00fcr Englische Literaturwissenschaft an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal, \u00fcber die Fertigstellung des Jahrhundertromans \u201eUlysses\u201c von James Joyce im Jahre 1922 unterhalten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-49835","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-23 17:52:25","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49835","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=49835"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49835\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49842,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/49835\/revisions\/49842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=49835"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=49835"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=49835"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}