{"id":44120,"date":"2021-12-14T17:10:27","date_gmt":"2021-12-14T16:10:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=44120"},"modified":"2021-12-14T17:10:27","modified_gmt":"2021-12-14T16:10:27","slug":"als-eine-verstimmte-violine-einzug-in-die-musikwelt-fand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/12\/14\/als-eine-verstimmte-violine-einzug-in-die-musikwelt-fand\/","title":{"rendered":"Als eine verstimmte Violine Einzug in die Musikwelt fand"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_44126\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-44126\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Boresch_Pressebild-2-1024x694.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"694\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Hans-Werner Boresch \/ Musikp\u00e4dagogik &#8211; \u00a9\u00a0Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Am 16.12. j\u00e4hrt sich der 100. Todestag des franz\u00f6sischen Pianisten, Organisten und Komponisten Camille Saint-Sa\u00ebns. Er wurde am 09.10.1835 in Paris geboren und starb am 16.12.1921 in Algier (Algerien). Zu seinen bekanntesten Werken z\u00e4hlen &#8222;Karneval der Tiere&#8220; und die Oper &#8222;Samson et Dalila&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Wer war dieser Ausnahmek\u00fcnstler?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Hans-Werner Boresch: &#8222;Sicher einer der fruchtbarsten und vielseitigsten Komponisten des 19. Jahrhunderts, was auch daran liegt, dass die Zeit seiner kompositorischen T\u00e4tigkeit nicht weniger als 80 Jahre umfasst. Daneben konzertierte er h\u00e4ufig als Organist und als Pianist, er trat mit f\u00fcnf Jahren zum ersten Mal \u00f6ffentlich auf \u2013 zum letzten Mal \u00fcbrigens in seinem Todesjahr 1921. Zudem war er zeitlebens interessiert an anderen K\u00fcnsten, aber auch an Wissenschaften, insbesondere Naturwissenschaften. Saint-Sa\u00ebns z\u00e4hlt zu den Gr\u00fcndern der Soci\u00e9t\u00e9 astronomique de France. Er war also ein Universalist, von dessen Privatleben man allerdings sehr wenig wei\u00df.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Franz Liszt hatte einen nachhaltigen Einfluss auf ihn. Kann man das in seinen Werken h\u00f6ren?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Hans-Werner Boresch: &#8222;Vielleicht h\u00e4tte er ohne die Bekanntschaft mit Liszt nicht seine \u201esymphonischen Dichtungen\u201c \u2013 darunter &#8222;Danse macabre&#8220; \u2013 komponiert.\u00a0Es ist das kompositorische Prinzip der Themen-Transformation, das wohl von Liszt angeregt ist. Das bedeutet, dass ein Thema oder ein Motiv im Laufe eines l\u00e4ngeren Werks mehrfach vorkommt, allerdings z. T. radikal ver\u00e4ndert \u2013 also transformiert \u2013 wird. Ein Beispiel ist die Dritte Symphonie von Saint-Sa\u00ebns, in der zu Beginn ein Thema eingef\u00fchrt wird, das mehrfach aufgegriffen wird, dessen Charakter sich aber immer \u00e4ndert. Das St\u00fcck wurde \u00fcbrigens im seinerzeit sehr popul\u00e4ren Familienfilm \u201eEin Schweinchen namens Babe\u201c verwendet.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_44130\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 363px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-44130 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/51QSTh2NUL._SX351_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"353\" height=\"499\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Camille Saint-Sa\u00ebns&#8220; &#8211; Biografie von Otto Neitzel &#8211; erschienen im Severus Verlag &#8211;<strong> ISBN-10:<\/strong> 3958010601 &#8211; <strong>ISBN-13:<\/strong> 978-3958010604<\/span><\/div>\n<p><strong>\u201eSamson et Dalila\u201c gilt als seine erfolgreichste Oper. In der Beschreibung zu diesem Werk hei\u00dft es: \u201eIn einer Folge von meisterhaft ineinander \u00fcbergehenden Szenen werden Religion und Verf\u00fchrung unwiderstehlich miteinander verkn\u00fcpft.\u201c Nach der Urauff\u00fchrung 1877 in Weimar, dauerte es noch 13 Jahre, bis man sie in Frankreich erleben konnte. Waren Religion und Verf\u00fchrung zu heikel f\u00fcr ein gro\u00dfes Publikum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Hans-Werner Boresch: &#8222;In Weimar hatte sich wohl Liszt, der Saint-Sa\u00ebns gewogen war, f\u00fcr die Urauff\u00fchrung eingesetzt. In Frankreich galt Saint-Sa\u00ebns zu dieser Zeit als \u201eeinfallslos\u201c und \u2013 zumal in seinen Opern \u2013 als Wagnerianer. Somit wurde er als Gift f\u00fcr die Theater-kassen betrachtet. Als \u201eSamson et Dalila\u201c zun\u00e4chst in der Provinz in Rouen in Frankreich aufgef\u00fchrt wird, ist er dagegen ein anerkannter Komponist, dem man aber nun in Deutschland, wegen angeblich Wagner-feindlicher \u00c4u\u00dferungen, reserviert begegnet.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was macht den Reiz seiner sinfonischen Werke wie z.B. \u201eDanse macabre\u201c aus?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Hans-Werner Boresch: &#8222;Zu ihrem Reiz tr\u00e4gt sicherlich deren Klangfarbe bei: Im \u201eDanse macabre\u201c verwendet Saint-Sa\u00ebns z. B. eine verstimmte Solo-Violine und ein \u2013 damals ungebr\u00e4uchliches \u2013 Xylophon. In seiner Dritten Symphonie f\u00fcgt er dem Orchester eine Orgel und ein vierh\u00e4ndig zu spielendes Klavier hinzu.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-44128\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image001-1.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p><strong>Den &#8222;Karneval der Tiere&#8220;, mit dem Untertitel Grande fantaisie zoologique, eines seiner heute bekanntesten Werke gab er erst nach seinem Tod zur Auff\u00fchrung frei. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Hans-Werner Boresch: &#8222;Die ersten Ideen zum &#8218;Carnaval des animaux&#8216; erhielt Saint-Sa\u00ebns wohl in seiner Zeit als Klavierlehrer an einer privaten Musikschule. Erst 20 Jahre sp\u00e4ter brachte er das Werk zu Papier, uraufgef\u00fchrt in einem Karnevals-Konzert eines Cellisten.\u00a0Saint-Sa\u00ebns wollte mit dem Verbot wohl verhindern, dass das Werk seine &#8217;seri\u00f6sen&#8216; Kompositionen in den Schatten stellt. Es war also eine Frage des gew\u00fcnschten Images. Heute kennen die meisten Menschen gerade dieses Werk, in dem auch wieder das Xylophon vorkommt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet Camille Saint-Sa\u00ebns f\u00fcr die Musikgeschichte?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Hans-Werner Boresch: &#8222;F\u00fcr mich ist, neben den Werken, die noch heute durch Auff\u00fchrungen pr\u00e4sent sind, vor allem bedeutsam und zukunftweisend, dass er 1908 die erste spezifisch f\u00fcr einen Film verfasste Musik vorlegte \u2013 f\u00fcr &#8218;L&#8217;Assassinat du Duc de Guise&#8216;. Das gab es in dieser Form vorher nicht. Es ist die erste Partitur f\u00fcr einen Film.\u00a0Charakteristisch f\u00fcr die Rezeption von Saint-Sa\u00ebns scheint mir eine Diskussion \u00fcber ein \u00e4sthetisches Problem, n\u00e4mlich das der \u201esinnlichen Sch\u00f6nheit\u201c von Kunst zu sein, die Thomas Mann in seinen Roman &#8222;Doktor Faustus&#8220; an einem Beispiel von Saint-Sa\u00ebns sich entz\u00fcnden l\u00e4sst. Als dort in einer abendlichen Zusammenkunft von Musikern und Musikfreunden Schallplatten geh\u00f6rt werden, ist auch eine Arie aus \u201eSamson et Dalila\u201c darunter, die einer der Anwesenden als &#8218;bl\u00f6dsinnig sch\u00f6n&#8216; qualifiziert. Der Protagonist des Romans \u2013 Adrian Leverk\u00fchn \u2013 h\u00e4lt dagegen, dass der \u201eGeist durchaus [\u2026] von der animalischen Schwermut sinnlicher Sch\u00f6nheit aufs tiefste ergriffen werden\u201c k\u00f6nne.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<h4>\u00dcber Dr. Hans-Werner Boresch<\/h4>\n<p>Dr. Hans-Werner Boresch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Musikp\u00e4dagogik in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften der Bergischen Universit\u00e4t-Wuppertal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 16. Dezember 1921 starb der Komponist Camille Saint-Sa\u00ebns, den Zeitgenossen schon in jungen Jahren zum neuen Mozart k\u00fcrten. Im &#8222;Jahr100Wissen&#8220;-Interview hat sich Uwe Blass mit dem Musikwissenschaftler Dr. Hans-Werner Boresch von der Bergischen Universit\u00e4t unterhalten. <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-44120","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-04 06:40:52","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44120","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44120"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44120\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":44132,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44120\/revisions\/44132"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44120"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44120"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44120"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}