{"id":43997,"date":"2021-12-04T12:06:23","date_gmt":"2021-12-04T11:06:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=43997"},"modified":"2021-12-14T17:11:18","modified_gmt":"2021-12-14T16:11:18","slug":"100-jahre-alt-werbeslogan-ein-bild-sagt-mehr-als-1-000-worte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/12\/04\/100-jahre-alt-werbeslogan-ein-bild-sagt-mehr-als-1-000-worte\/","title":{"rendered":"100 Jahre alt: Werbeslogan &#8218;Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte&#8216;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_44004\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-44004\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Hemmert_2a-2-1024x709.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"709\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Werbeslogan erobert die Welt &#8211;\u00a0Prof. Dr.-Ing. Fabian Hemmert (Interface und User Experience-Design) &#8211; \u00a9\u00a0Foto: Nathalie Dampmann<\/span><\/div>\n<p>Dieser Slogan hat nichts von seiner Aktualit\u00e4t und Pr\u00e4gnanz verloren, auch wenn er im Laufe der Zeit in &#8222;Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte&#8220; leicht modernisiert wurde.<\/p>\n<p>Uwe Blass hat sich \u00fcber den Hintergrund dieses mittlerweile 100 Jahre alten Werbeslogans mit Prof. Dr.-Ing. Fabian Hemmert, Interface- und User Experience-Design an der Bergischen Uni, im Rahmen der Reihe &#8222;Jahr100Wissen-Interview&#8220; unterhalten.<\/p>\n<p><b>\u201eEin Bild sagt mehr als 1000 Worte\u201c. Kann man das belegen?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Fabian Hemmert: &#8222;Daf\u00fcr m\u00fcsste man jetzt die Worte z\u00e4hlen, die ein Bild sagen k\u00f6nnte. Aber es geht um den Unterschied, dass Bilder manche Dinge besonders gut k\u00f6nnen und Worte andere Dinge besonders gut k\u00f6nnen. Und je nachdem, was man sagen will, verwendet man statt eines Wortes, lieber ein Bild.&#8220;<\/p>\n<p><b>Welchen Vorteil hat das Bild im Gegensatz zum Text?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Fabian Hemmert: &#8222;Wir Menschen sind ja sehr visuell orientiert und k\u00f6nnen uns an einem Bild oft nicht satt sehen. Ein Wort ist wesentlich anstrengender f\u00fcr uns zu interpretieren. Man muss es lesen, das geh\u00f6rte Wort im Kopf umsetzen und dann die Bedeutung erfassen. Das ist mindestens eine Abstraktionsebene mehr. Ein franz\u00f6sisch sprechender Mensch wird vielleicht andere Worte verwenden als ein deutsch- oder englischsprachiger Mensch.<\/p>\n<p>Bei einem Bild, werden wie in einer Fotokamera Lichtstrahlen im Auge eingefangen, zwischengelagert und dann weiter transportiert. Wenn also ein Franzose ein Foto macht, wird das in der gleichen Situation genauso aussehen. Sprache bedeutet f\u00fcr uns eine Menge mehr an Interpretationsaufwand. Es hat aber auch Vorteile, denn ich kann sehr pr\u00e4zise mit Worten sein.<\/p>\n<p>Wenn ich z.B. ein Foto von etwas zu essen habe und ich m\u00f6chte eigentlich darauf hinweisen, dass dieses Gericht total fade oder zu w\u00fcrzig schmeckt, dann kann ich das im Bild nicht unbedingt sehen. Wenn ich aber sage, stell dir vor, wie du in eine Zitrone bei\u00dft, dann beginnt tats\u00e4chlich die Speichelproduktion auf der Zunge. Da k\u00f6nnen uns W\u00f6rter auch leichter erreichen, weil sie viele Bereiche des Gehirns triggern k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_38828\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 638px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-38828\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/visiodrom_humans_gaskessel.jpg\" alt=\"\" width=\"628\" height=\"440\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Werbung f\u00fcr die Foto- Show &#8222;Humans&#8220; auf dem Gaskessel Wuppertal &#8211; \u00a9 Visiodrom<\/span><\/div>\n<p><b>Dass Bilder werbewirksamer sind, war den Werbemachern damals nicht bewusst, denn alte Werbeanzeigen strotzen vor Textlastigkeit. Die ersten Ideen zu reinen Bildern kamen, als man Stra\u00dfenbahnen mit Werbung verzierte und die Strategien dann auf einmal nicht mehr aufgingen. Warum nicht?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Fabian Hemmert: &#8222;Weil die Stra\u00dfenbahnen einfach wegfuhren, und das war ein Problem. Man kann nicht so schnell lesen und man muss es erfassen k\u00f6nnen. Heute sieht man es am Beispiel von Sozialen Medien, ohne Bild l\u00e4uft gar nichts. Es liegt daran, dass unsere Aufmerksamkeitsspanne viel k\u00fcrzer ist. Wir k\u00f6nnen Bilder einfach viel schneller wahrnehmen.&#8220;<\/p>\n<p><b>So entstand der Slogan \u201eOne look is worth a thousand words\u201c. Darin steckt also auch eine Menge Psychologie, oder?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Fabian Hemmert: &#8222;Darin steckt eine Menge Kognitionspsychologie, d.h. wie schnell kann ich etwas erfassen, wie sehr bewegt es mich, aber auch wie gut kann ich etwas ignorieren. Das ist ja nicht nur so in der Werbung. Eine Tendenz hin zum Visuellen findet sich in allen Reproduktionsm\u00f6glichkeiten, der gro\u00dfformatige Druck war damals auf einmal m\u00f6glich und erlaubte nie dagewesene Bilderzeugnisse. Was sich aber nicht ver\u00e4ndert hat, ist unser Gehirn.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Da gibt es Dinge wie die Spiegelneuronen. Wir sehen eine Handlung bei einem anderen Menschen, f\u00fchlen dann neurologisch die gleichen Empfindungen und sind sozusagen auf Empathie verdrahtet. Das macht man sich in der Werbung zu eigen. Wir sehen erfolgreiche Menschen und m\u00f6chten auch so sein. Das ist der Halo-Effekt.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-44006\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/image001.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p>Dabei schlie\u00dft man von bekannten Eigenschaften einer Person auf unbekannte. Wir sehen z.B., dass ein erfolgreicher Mensch ein bestimmtes Shampoo benutzt und wollen das dann auch haben. Es impliziert sozusagen den Wunsch, aufgrund des Produktes, auch an dem Erfolg des Nutzers zu partizipieren.&#8220;<\/p>\n<p><b>Man sagt oft: Werbefachleute erfinden selten etwas, sie finden lieber. Ist das so?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Fabian Hemmert: &#8222;Werbefachleute wollen vermutlich vor allen Dingen, dass wir uns in der Welt, die in der Werbung ge- oder erfunden wird, zu Hause f\u00fchlen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Heute wei\u00df man, dass Barnard auch \u201egefunden\u201c statt \u201eerfunden\u201c hat. Der Spruch findet sich erstmals in Iwan Sergejewitsch Turgenjews Roman \u201eV\u00e4ter und S\u00f6hne\u201c von 1862. Und darin hei\u00dft er: \u201eDas Bild zeigt mir auf einen Blick, wozu es Dutzende Seiten eines Buches brauchen w\u00fcrde zu erkl\u00e4ren.&#8220; F\u00fcr die Werbung war diese kleine Schummelei aber doch nachhaltig, oder?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Fabia Hemmert: &#8222;Es gibt ein tolles Spiel, was die Kluft zwischen Wort und Bild erlebbar macht. Das hei\u00dft \u201eStille Post extrem\u201c. Hier muss man immer abwechselnd etwas malen und schreiben. Die erste Person malt ein Bild, gibt es weiter, die n\u00e4chste Person schreibt auf die folgende Seite, was sie gesehen hat und gibt nun das Wort weiter. Das geht dann ein paar Runden so und es kommt immer etwas Anderes raus, weil jede \u00dcbersetzung Fehler mit sich bringt. Auch die Wahrnehmung jedes Einzelnen ist ja anders.<\/p>\n<p>Wenn man sich Werbung heute anguckt, war das lange Zeit g\u00fcltig. Eine interessante Gegenbewegung l\u00e4sst sich beobachten, wenn man Chatbots in den sozialen Medien betrachtet. Hier wird oft versucht, nur durch Worte Meinungen zu manipulieren. Sie zeigen gerade keine Bilder, weil sie nicht wie Werbung wahrgenommen werden wollen, sie wollen wie echte Menschen wahrgenommen werden.&#8220;<\/p>\n<p><b>Wo finden Werbeleute Ihrer Meinung nach heute ihre Inspiration?<br \/>\n<\/b><br \/>\nDr. Fabian Hemmert: &#8222;Wenn Werbung bedeutet, Menschen Dinge, die sie nicht brauchen, f\u00fcr Geld, was sie nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die sie nicht m\u00f6gen, zu verkaufen, dann ist diese Inspiration in den Bed\u00fcrfnissen der Menschen zu suchen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es ist be\u00e4ngstigend, dass Facebook z. B., als einer der reichsten Konzerne der Welt, kein Produkt hat, das er verkauft \u2013 au\u00dfer Werbung. Werbung lohnt sich nur, wenn sie Meinung manipuliert. Und das scheint zu funktionieren, ob nun f\u00fcr Produkte oder f\u00fcr politische Interessen.<\/p>\n<div id=\"attachment_28718\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 604px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-28718\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/IMG_3659-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"594\" height=\"334\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Kunst auf Werbeplakatw\u00e4nden an der Hoeftstra\u00dfe von Birgit Pardun, Frank N und Peter Ryzek &#8211; \u00a9 Andreas Komotzki<\/span><\/div>\n<p>Man kann Bilder aber auch therapeutisch nutzen. In einem aktuellen, durch das BMBF (Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung) gef\u00f6rderten Hochschulprojekt, entwickeln wir gemeinsam mit anderen Partnern ein System f\u00fcr Seniorinnen und Senioren in Altersheimen, die gemeinsam mit ihren Enkeln per Virtual Reality-Konferenz, alte Fotos anschauen k\u00f6nnen. Das Familienfotoalbum neu erfunden \u2013 im Kontext von Demenzpr\u00e4vention.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Insbesondere hier haben Bilder eine sehr wichtige Bedeutung, denn sie wecken Erinnerungen und sorgen f\u00fcr Gespr\u00e4chsstoff. Wir wissen heute, dass das Unterbewusste durch Bilder sehr gut aktiviert werden kann. Bilder f\u00f6rdern in diesem Zusammenhang die Erinnerung und schaffen Verbindungen zu anderen Menschen. Und da kommen wir wieder zu unserer Ausgangsfrage zur\u00fcck, denn in diesen F\u00e4llen sagt ein Bild wirklich mehr als tausend Worte.&#8220;<\/p>\n<p><b>Uwe Blass<\/b><\/p>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr.-Ing. Fabian Hemmert<\/h4>\n<p>Prof. Dr.-Ing Fabian Hemmert studierte Mediengestaltung und Interface-Design in Bielefeld und Potsdam. Er promovierte in Berlin. Seit 2016 ist er Professor f\u00fcr Interface- und User Experience-Design an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ein Blick sagt mehr als 1.000 Worte&#8220;, das ist ein Werbeslogan, der am 08. Dezember 1921 in einer Werbefachzeitschrift erstmals erschien. Er stammt von Fred R. Barnard. Er wollte den Lesern damit den Mehrwert von Bildern geben\u00fcber reinem Text plakativ veranschaulichen.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-43997","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 16:23:50","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43997"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":44007,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43997\/revisions\/44007"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}