{"id":43791,"date":"2021-11-30T13:08:32","date_gmt":"2021-11-30T12:08:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=43791"},"modified":"2021-11-30T13:08:32","modified_gmt":"2021-11-30T12:08:32","slug":"notgeld-als-ein-ei-320-milliarden-mark-kostete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/11\/30\/notgeld-als-ein-ei-320-milliarden-mark-kostete\/","title":{"rendered":"Notgeld: Als ein Ei  320 Milliarden Mark kostete"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_43797\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-43797\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Frambach_3-2-1024x665.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"665\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Hans Frambach &#8211; Wirtschaftswissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Uwe Blass hat sich \u00fcber Thema &#8222;Notgeld&#8220; mit Prof. Dr. Hans Frambach, Wirtschaftswissenschaftler an der Bergischen Universit\u00e4t, unterhalten. Hier sein Interview:<\/p>\n<p><b>Wie entsteht eine Inflation?<\/b><\/p>\n<p>Dr. Hans Frambach: &#8222;Die Frage der Entstehung ist eine Frage nach den Ursachen. Die \u00f6konomische Theorie unterscheidet erst einmal grunds\u00e4tzlich mehrere Typen. Es gibt z.B. die sogenannte angebotsinduzierte Inflation. Dahinter stehen Gr\u00fcnde, die die Preise nach oben treiben, wie die Erh\u00f6hung der Faktorpreise, also f\u00fcr Energietr\u00e4ger, Rohstoffe, L\u00f6hne. Die gestiegenen Preise werden die Unternehmen auch immer an die Verbraucher weitergeben. Die Inflation wird hier also \u00fcber das Angebot erzeugt.<\/p>\n<p>Die zweite Form, die eng damit zusammenh\u00e4ngt, ist die sogenannte importierte Inflation, das ist der Anstieg von Preisen der importierten Faktoren. Ein klassisches Beispiel daf\u00fcr ist die \u00d6lkrise der Jahre 1973\/74. Die Roh\u00f6lpreise vervierfachten sich weltweit in kurzer Zeit.<\/p>\n<p>Weiter wird unterschieden in die nachfrageinduzierte Inflation, bei der die Nachfrage nach G\u00fctern und Dienstleistungen in h\u00f6herem Ausma\u00df als das Angebot steigt und die Preise sich aus diesem Grund erh\u00f6hen. Schlie\u00dflich haben wir noch die Erh\u00f6hung der Geldmenge. W\u00fcrde die Geldmenge erh\u00f6ht werden, ohne dass, vereinfacht gesagt, dem ein entsprechendes G\u00fctervolumen entgegensteht, dann dr\u00fcckt sich das automatisch im Anstieg der Preise aus.<\/p>\n<p>Das war dann die Situation der Inflation vor 100 Jahren, die in die sogenannte Hyperinflation von 1923 m\u00fcndete. Um die Ausgaben f\u00fcr und die Lasten des Ersten Weltkrieges bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen, hatte die Reichsbank die Geldmenge erh\u00f6ht, d.h. die Notenpresse wurde angeworfen, um dem Staat die entsprechende Liquidit\u00e4t zur Verf\u00fcgung zu stellen. Die Geldreserven waren nach Ausbruch des Krieges 1914 bereits binnen weniger Tage verbraucht.<\/p>\n<p>Preissteigerungen waren die Folge, die 1923 ins Extrem f\u00fchrten. Ein ber\u00fchmtes Beispiel ist das Briefporto: Anfang 1921 lag es bei 0,4 Mark, ein Jahr sp\u00e4ter bei 2 Mark, im Januar 1923 stieg es auf 50 Mark und im Laufe des Jahres wurde die Millionengrenze \u00fcberschritten. Erst im August 1924 endete dieses Chaos mit der \u201eW\u00e4hrungsreform\u201c in Form der Einf\u00fchrung der Reichsmark.&#8220;<\/p>\n<p><b>W\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges ging den Deutschen sozusagen das Kleingeld aus, da man alle Metalle f\u00fcr die R\u00fcstung ben\u00f6tigte, die Inflation stieg, und um die L\u00f6hne noch auszahlen zu k\u00f6nnen, brachten viele Kommunen das sogenannte Notgeld heraus. Um welchen Geldersatz handelt es sich dabei?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Hans Frambach:<\/b>\u00a0&#8222;Notgeld ist ein Geldersatz, der in schlimmen Zeiten, wie etwa Kriegen oder tiefgreifenden Krisen, zum Einsatz gelangen kann, wenn das Vertrauen in das offizielle Geld etwa aufgrund einer extremen Geldentwertung nicht mehr gegeben ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg z.B. wurden Zigaretten wie eine W\u00e4hrung als zahlungskr\u00e4ftiges Tauschmittel gehandelt.<\/p>\n<p>Der US-Dollar galt als eine Parallelw\u00e4hrung in sozialistischen Staaten vor und w\u00e4hrend der Wendezeit. Generell k\u00f6nnen auch wertvolle Waren wie Getreide oder Brot zeitweise als W\u00e4hrungsersatz und damit als Notgeld dienen. Ein theoretischer, nie realisierter Vorl\u00e4ufer der Rentenmark zum Aufhalten der Hyperinflation war die so genannte &#8222;Roggenmark&#8220;.<\/p>\n<div id=\"attachment_43800\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 533px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-43800\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Notgeld_zwei_Mark-2-1-1024x742.jpeg\" alt=\"\" width=\"523\" height=\"379\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Ein Notgeld-Schein &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Ein anderer Gedankenansatz war Kalisalz, ein essentieller Bestandteil f\u00fcr die Wirtschaft. Aus dem Jahr 1923 ist bekannt, dass etwa die neu gegr\u00fcndeten Aluminiumwalzwerke Baden-W\u00fcrttemberg Notscheine aus bedruckter Alufolie herstellten. Der Fantasie \u00fcber den Gegenstand und die Form des Notgeldes waren keine Grenzen gesetzt, es diente praktisch als Zahlungsmittel.<\/p>\n<p>Es gab insgesamt vier Perioden des deutschen Notgeldes w\u00e4hrend und nach dem Ersten Weltkrieg. Die erste Periode nannte man die Periode der kleinen Nominale. In dieser Zeit wurden Edelmetalle f\u00fcr die R\u00fcstung ben\u00f6tigt, aber viele Menschen horteten 50 Pfennig- und 1 Markst\u00fccke, so dass bereits 1914 in Ostpreu\u00dfen die ersten Notgeldscheine ausgegeben wurden. Bis 1915 gab es dann insgesamt 450 Stellen im ganzen Deutschen Reich, die Notgeld verteilen durften.<\/p>\n<p>Von 1916\u201321 kam dann die zweite Periode, in der wegen Rohstoffmangel nunmehr auch unedle Scheidem\u00fcnzen knapp wurden. Die zunehmende Bef\u00fcrchtung eines verlorenen Krieges f\u00fchrte zu weiterer Hortung von Bargeld, so dass die Regierung insgesamt 580 Banken, Sparkassen, St\u00e4dte, Kreise, aber auch Privatfirmen beauftragte, den Geldbedarf mit eigenen Ausgaben zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Diese f\u00fcr den Geldumlauf bestimmten \u201eVerkehrsausgaben\u201c sollten, so das urspr\u00fcngliche Ziel, eine bis zum 1. Februar 1919 begrenzte G\u00fcltigkeit haben. Allerdings kam es anders, die Theorie wurde von der Praxis \u00fcberholt. Neben den Notgeldscheinen gab es auch andere Formen, die zu gesetzlichen Zahlungsmittel erkl\u00e4rt wurden, z.B. Zinskupons von Kriegsanleihen. Die dritte Periode ging dann von 1922\u20131923 und die letzte Periode von August 1923 mit der Hyperinflation bis 1924.&#8220;<\/p>\n<p><b>Neben Geldformen gab es aber auch andere Materialien, mit denen man bezahlen konnte. Welche waren das?<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Hans Frambach:<\/b>\u00a0&#8222;Abgesehen von den Geldformen auf bedrucktem Papier oder Fremdw\u00e4hrungen wie dem Dollar kamen Materialien zum Einsatz, denen die Menschen einen Wert beima\u00dfen, die tauschbar waren. Wertvolle G\u00fcter waren etwa Getreide, Brot, Zucker, Holz, Kohle, aber auch Materialien wie Besteck, Porzellan, Pappe, Leder, Presskohle, Seide oder Leinen. All diese Dinge wurden getauscht und dienten somit als eine andere Geldform.&#8220;<\/p>\n<p><b>Im Jahr 1921 konnte man Geldscheine u.a. im Wert von 100 Mio. Mark in den H\u00e4nden halten. Wie kamen solche Summen auf einen Geldschein und wer brachte sie in Umlauf?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Hans Frambach:<\/b>\u00a0&#8222;Zust\u00e4ndig f\u00fcr die Ausgabe von Notengeld war die Reichsbank, also die Zentralnotenbank des Deutschen Reiches (1876-1945) mit Sitz in Berlin. Sie wurde grunds\u00e4tzlich von der Reichsregierung \u00fcber das Finanzministerium beauftragt. Weitere vier gro\u00dfe Banken, die Badische Bank, die Bayerische Notenbank, die S\u00e4chsische Bank zu Dresden und die W\u00fcrttembergische Staatsbank, hatten bereits lange vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in gewissem Umfang das Notenprivileg.<\/p>\n<div id=\"attachment_43801\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 440px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-43801\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image001-2.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><span class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<p>In Kriegszeiten wurden dann auch Banken, Sparkassen, St\u00e4dte, Gemeinden, Kreisen und Privatfirmen von der Regierung beauftragt, \u201egesetzliche Zahlungsmittel\u201c als Notgeld in Umlauf zu bringen. So t\u00e4tigten hunderte von Banken, Sparkassen, St\u00e4dten etc. im Auftrag der Staatsbank den Geldumlauf f\u00fcr bestimmte \u201eVerkehrsausgaben\u201c, was diese nicht umsonst taten \u2013 ein scheinbar eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft, das sp\u00e4ter sogar besteuert werden sollte, wozu es aber nie kam.&#8220;<\/p>\n<p><b>An vielen Orten entstand lokales Notgeld mit z. T. k\u00fcnstlerischen und stadthistorischen Motiven, so z. B. f\u00fcr M\u00fcnster. Diese Ausgaben werden als Serienscheine bezeichnet und 1922 bereits verboten. Machte da zwischenzeitlich jeder, was er wollte?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Hans Frambach: &#8222;<\/b>Serienscheine sind Notgeldscheine aus Papier, die in Deutschland in der Inflationszeit von 1917 bis 1922 von St\u00e4dten und Gemeinden, aber auch von Privatpersonen als Ersatz f\u00fcr das fehlende Kleingeld gedruckt und in den Umlauf gebracht wurden. Ihre G\u00fcltigkeit war begrenzt und betrug normalerweise auf Messen oder sonstigen Veranstaltungen nur wenige Tage.<\/p>\n<p>An vielen Orten entstand lokales Notgeld mit z. T. k\u00fcnstlerischen und stadthistorischen Motiven. Diese sogenannten Serienscheine kamen oft gar nicht in Umlauf und wurden vielfach nur f\u00fcr Sammler gedruckt. Beispiele f\u00fcr Serienscheine sind die Berliner Stadtkassenscheine von 1921, da gab es f\u00fcr jeden Stadtteil einen Schein im Wert von 50 Pfennig, oder Eisenach 1921 mit \u201eLuther auf der Wartburg\u201c. Unter diesen finden sich manchmal wirklich kleine Kunstwerke.<\/p>\n<p>Die Ausgabe von Serienscheinen und anderem Notgeld wurde per Reichsgesetz vom 17. Juli 1922 verboten. Durch einen Streik der Arbeiter der Reichsdruckerei im gleichen Monat entstand jedoch ein erneuter akuter Geldmangel, so dass das Verbot \u00fcberhaupt nicht durchzusetzen war. Hier wird \u00fcbrigens der Beginn der dritten Periode des Notgeldes datiert. So wurden die ersten Banken und Sparkassen wieder beauftragt, Notgeld auszugeben (meist Scheine zu 500 und 1000 Mark).<\/p>\n<p>Ab 18. September 1922 genehmigte die Reichregierung per Erlass des Finanzministers erneut die Ausgabe von Notgeld, wodurch diese Ausgaben einen offiziellen Charakter erhielten. Insgesamt 715 ausgebende Stellen beteiligten sich an diesen Notgeldemissionen. Ab Februar 1923 wurden diese Geldscheine in den meisten Landesteilen dann wieder eingezogen.&#8220;<\/p>\n<p><b>Im November 1923 bestanden nach Sch\u00e4tzungen 84 % des Geldscheinumlaufs aus Notgeld. Was konnte man denn davon \u00fcberhaupt kaufen?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Hans Frambach:<\/b>\u00a0&#8222;Im August 1923 traten neue Vorschriften in Kraft und das ist nun der Beginn der vierten Periode. Geldscheine und Schecks wurden gedruckt, deren Nennwert etwas unter dem Nennwert der gleichzeitig kursierenden Reichsbanknoten lagen. Zun\u00e4chst 100.000 bis 5 Millionen Mark, vereinzelt auch bis 100 Billionen Mark. Nur f\u00fcr den 15. November 1923 sind zuverl\u00e4ssige Sch\u00e4tzungen des Bargeldumlaufs vorhanden.<\/p>\n<p>Vom gesamten Bargeld im Wert von 988 Millionen Goldmark, was einem ungef\u00e4hren Wert von fast 93 Trillionen (9,3 x10<sup>19<\/sup>) Papiermark entspricht, liefen ann\u00e4hernd 155 Millionen Goldmark in Reichsbanknoten um, woraus gefolgert wird, dass 84,5% des Geldschein-Umlaufs aus Notgeld bestand.<\/p>\n<p>Was konnte man von dem hyperinflation\u00e4ren Notgeld kaufen? Im Grunde all das, was Menschen gegen das Notgeld abzugeben bereit waren. Im Wesentlichen ging es um G\u00fcter des t\u00e4glichen Bedarfs, vor allem Grundnahrungsmittel, denn die Menschen hungerten. Aber das gro\u00dfe Problem mit der Hyperinflation war, dass sich von einem Tag auf den anderen der Geldwert massiv ver\u00e4nderte.<\/p>\n<p>Man konnte am n\u00e4chsten Tag nicht mehr das kaufen, was am Vorherigen noch zu erstehen war. Ein Beispiel: Am 9. Juni 1923 kostete in Berlin ein Ei 800 Mark, am 2. Dezember bereits 320 Milliarden Mark. Die Menschen rechneten in B\u00fcndeln statt Scheinen. Geld wurde in Schubkarren transportiert, B\u00fcndel als Heizmaterial zweckentfremdet, die R\u00fcckseite als Schmierpapier benutzt, W\u00e4nde mit Geldscheinen tapeziert usw. Das Geld war nichts mehr wert.&#8220;<\/p>\n<p><b>Im November 1923 endete die Zeit der kunterbunten Scheine als Zahlungsmittel durch die Einf\u00fchrung der Rentenmark. Obwohl sie bis 1948 bestand, war sie aber gar kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern eine \u00dcbergangsw\u00e4hrung. Was bedeutet das?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Hans Frambach:<\/b>\u00a0&#8222;Offiziell war die Rentenmark von 1923 bis 1948 als eine sogenannte grundschuldgest\u00fctzte \u00dcbergangsw\u00e4hrung in Deutschland g\u00fcltig. Zur Akzeptanz trug stark ihre vermeintliche, aber nicht wirkliche \u201eDeckung\u201c durch Grund und Boden bei. Tats\u00e4chlich blieb die Rentenmark ausschlie\u00dflich deshalb wertstabil, weil sie knappgehalten wurde. Seit dem 1. November 1923 gab die Deutsche Rentenbank neue Banknoten an die Bev\u00f6lkerung parallel zu den umlaufenden Milliarden- und Billionen-Papiermark-Nominalen und den Notgeldbanknoten aus.<\/p>\n<p>Die Rentenmark war kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern eine Inhaberschuldverschreibung der Rentenbank. Der Wechselkurs zur Papiermark wurde mit 1:1 Billion festgesetzt, und zwar genau am 20. November 1923 per Festlegung durch die Reichsbank, als der Devisenkurs zu einem US Dollar 4,2 Billionen Papiermark betrug. Das entsprach der Vorkriegs-Goldmarkparit\u00e4t zum Golddollar.<\/p>\n<p>Die Rentenmark wurde von der Bev\u00f6lkerung sofort akzeptiert wahrscheinlich auch, weil man nach diesen Jahren des Chaos die Hoffnung sch\u00f6pfte, dass nun etwas Verl\u00e4ssliches da sei. Die Inflation stoppte jedenfalls schlagartig. Man sprach vom \u201eWunder der Rentenmark\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_43802\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 561px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-43802\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Notgeld_100_Millionen_Mark-2-1024x579.jpeg\" alt=\"\" width=\"551\" height=\"311\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Notgeld &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Am 30. August 1924 wurde zus\u00e4tzlich zur Rentenmark die Reichsmark eingef\u00fchrt. Sie galt zur Rentenmark im Verh\u00e4ltnis 1:1. Die Reichsmark hat also nicht, wie oft behauptet, die Rentenmark ersetzt. Vielmehr konnte weiterhin mit beiden W\u00e4hrungen bezahlt werden. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden W\u00e4hrungen bestand in ihrer unterschiedlich ausgestalteten Deckung.<\/p>\n<p>Mit Einf\u00fchrung der Reichsmark wurde die Verwendung der Bezeichnung \u201eRentenmark\u201c \u2013 trotz des Umlaufs beider \u2013 in allen amtlichen Dokumenten gesetzlich verboten. Auf keinem Rentenbankschein sind deutsche Hoheitssymbole abgebildet. Die Rentenmark bestand \u00fcber das Jahr 1924 hinaus fort und war bis zu den W\u00e4hrungsreformen 1948 in allen alliierten Besatzungszonen g\u00fcltig. Urspr\u00fcnglich sollte die Rentenmark bis sp\u00e4testens 1934 vollst\u00e4ndig durch die Reichsmark ersetzt werden, was jedoch nicht umgesetzt wurde.&#8220;<\/p>\n<p><b>Mit der W\u00e4hrungsreform 1948 wurde dann die Deutsche Mark eingef\u00fchrt, die bis zur Umstellung auf den Euro G\u00fcltigkeit hatte. Immerhin, noch heute liegen mindestens 12,4 Milliarden D-Mark in Schubladen oder Kellern herum. Ist das das neue Notgeld f\u00fcr die, die dem Euro nicht trauen?<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Hans Frambach:<\/b>\u00a0&#8222;Kurze Antwort: Ja, sicherlich hoffen noch einige auf die R\u00fcckkehr der Deutschen Mark oder sehen sich mit ihren gehaltenen Best\u00e4nden gut vorbereitet. Andere wiederum halten das Geld aus Sentimentalit\u00e4t und Erinnerung oder der spekulativen Hoffnung auf zuk\u00fcnftige Wertsteigerung.<\/p>\n<p>Die ausf\u00fchrlichere Antwort: Die D-Mark war in der BRD von 1948 bis 1998 als Buchgeld, bis 2001 nur noch als Bargeld als die offizielle W\u00e4hrung g\u00fcltig. Die Deutsche Mark l\u00f6ste die Reichsmark als gesetzliche W\u00e4hrungseinheit ab, dies auch \u00fcber die Gr\u00fcndung der BRD am 23. Mai 1949 einschlie\u00dflich West-Berlin hinausgehend. Nach Errichtung der Europ\u00e4ischen Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion wurde die Deutsche Mark am 1. Januar 1999 als Buchgeld und am 1. Januar 2002 als Bargeld durch den Euro ersetzt.<\/p>\n<p>Am 31. Juli 2021 waren nach Angaben der Deutschen Bundesbank noch DM-Banknoten im Nennwert von 5,77 Mrd. DM und M\u00fcnzen im Wert von 6,61 Mrd. DM, zusammen also 12,38 Mrd. DM nicht umgetauscht. Das entspricht 5,1 % der Umlaufmenge des Jahres 2000 von 244,8 Mrd. DM.<\/p>\n<p>Die Deutsche Mark wird von vielen Deutschen im Vergleich zum Euro nach wie vor als \u201est\u00e4rkere\u201c W\u00e4hrung angesehen. Das liegt auch daran, dass die Deutsche Mark als Symbol f\u00fcr das Wirtschaftswunder in Deutschland galt, oder an der M\u00e4r \u201eEuro hei\u00dft Teuro\u201c, weil viele G\u00fcter heute scheinbar das in Euro kosten, was sie damals in DM gekostet haben. Dabei wird aber nicht die j\u00e4hrliche Teuerungsrate ber\u00fccksichtigt, ein Effekt, der auch zu DM-Zeiten bestand.<\/p>\n<p>Nach der Euro-Einf\u00fchrung gab es zwar vielfach hohe Preissteigerungen wie z.B. Bienenhonig von 2001 bis 2003 um 39 %, Eier um 15 % oder Kinobesuche um 8%, wohingegen bei anderen G\u00fcter wie Mieten oder Versicherungen sich Preise kaum ver\u00e4nderten oder sogar sanken. So erniedrigten sich nach Einf\u00fchrung des Euro etwa die Preise f\u00fcr Energie, Telekommunikation und Computer. Heute scheint mir die Diskussion um die Abschaffung des Euro weitestgehend vom Tisch zu sein.<\/p>\n<p>Durch die unterschiedliche Gewichtung der einzelnen Faktoren (im Warenkorb) und die gegenl\u00e4ufige Entwicklung der Preise in verschiedenen Bereichen, ist die gesamte Inflationsrate mit durchschnittlich unter 2 % seit der W\u00e4hrungsunion relativ gering. Erst in den letzten Wochen der Coronazeit haben wir es mit h\u00f6heren Preissteigerungen zu tun, die derzeit bei 3,9% liegen. Seit der Einf\u00fchrung des Euro gesehen, ist das jedoch die Ausnahme. Bislang geh\u00f6rt der Euro zu den stabilsten W\u00e4hrungen und ist der D-Mark in dieser Hinsicht \u00fcberlegen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcber Prof. Dr. Hans Frambach<\/h4>\n<p>Prof. Dr. Hans Frambach leitet den Arbeitsbereich Mikro\u00f6konomie und Geschichte des \u00f6konomischen Denkens in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Wirtschaftswissenschaft, Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcber &#8222;Jahr100Wissen&#8220;<\/h4>\n<p>&#8222;Wir lernen aus der Geschichte nicht, was wir tun sollen. Aber wir k\u00f6nnen aus ihr lernen, was wir bedenken m\u00fcssen. Das ist unendlich wichtig.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Richard von Weizs\u00e4cker<\/strong> (15.04.1920 &#8211; 31.01.2015)<\/p>\n<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. Diesmal geht es um die Entwicklung des Notgeldes vor 100 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-43791","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-25 17:30:42","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43791","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43791"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43791\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43804,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43791\/revisions\/43804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43791"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43791"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43791"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}