{"id":43483,"date":"2021-11-20T09:29:12","date_gmt":"2021-11-20T08:29:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=43483"},"modified":"2021-11-20T09:29:12","modified_gmt":"2021-11-20T08:29:12","slug":"wo-kinder-die-helden-sind-100-geburtstag-von-max-kruse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/11\/20\/wo-kinder-die-helden-sind-100-geburtstag-von-max-kruse\/","title":{"rendered":"Wo Kinder die Helden sind \u2013 100. Geburtstag von Max Kruse"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_43486\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-43486\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Neumann1-2-1024x685.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"685\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Stefan Neumann &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p class=\"h3\">Wie er auf diese und viele andere Klassiker deutscher Kinderzimmer kam, verr\u00e4t Dr. Stefan Neumann, Germanist an der Bergischen Universit\u00e4t im &#8222;Jahr100Wissen-Interview&#8220; mit Uwe Blass.<\/p>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p><strong>Seine Mutter war die ber\u00fchmte Puppenmacherin\u00a0K\u00e4the Kruse, sein Vater ein renommierter Bildhauer. Max Kruse gilt als einer der bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren. Wer war dieser Mann?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;Max Kruse war ein sehr stiller, in Gespr\u00e4chen oft schweigsamer Mensch. Und gleichzeitig war er wortgewandter Schriftsteller, dessen B\u00fccher wie <em>\u201eUrmel aus dem Eis\u201c<\/em>, <em>\u201eDon Blech\u201c<\/em>oder <em>\u201eDer L\u00f6we ist los\u201c<\/em> bis heute zu den Klassikern der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur geh\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Das erste Kinderbuch \u201eDer L\u00f6we ist los\u201c entstand eigentlich auf Dr\u00e4ngen seiner Mutter K\u00e4the Kruse. Warum?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;K\u00e4the Kruse hatte ihren j\u00fcngsten Sohn bereits in seiner Jugend zum Schreiben ermuntert. 1947 dann w\u00fcnschte sie sich einen Kinderbuchtext, um ihn mit Fotos ihrer Puppen in Szene setzen zu k\u00f6nnen. Daraus wurde Max Kruses erster Erfolg <em>\u201eDer L\u00f6we ist los\u201c<\/em>.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Eine Figur seiner Kinderb\u00fccher kennt in Deutschland eigentlich jeder. Um wen handelt es sich dabei?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;Das ist Urmel, der lispelnde Dinosaurier, der als Ei im Eis das Aussterben seiner Art \u00fcberlebt hat. Urmel ist der Mittelpunkt einer kleinen, \u00fcberschaubaren Welt verschiedenster Tiere, die bei Professor Tibatong auf der Insel Titiwu leben. Dieser Professor hat die Gabe, Tieren das Sprechen beizubringen und die Tiere der Insel lernen es bei ihm \u2013 absolut freiwillig, wohlgemerkt!&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_43487\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 367px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-43487 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/51HMHiDmRgL._SX355_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"357\" height=\"499\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Der L\u00f6we ist los&#8220; von Max Kruse &#8211; Thienemann Verlag &#8211; ISBN-10: 3522184017 &#8211; ISBN-13: 978-3522184014<\/span><\/div>\n<p><strong>Bei der Idee zum \u201eUrmel\u201c spielt eine Tiefk\u00fchltruhe eine Rolle. Was hat es damit auf sich?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;Der Gedanke, dass Tiefgek\u00fchltes die Zeit \u00fcberdauert, kam Max Kruse eigenen Aussagen zufolge, als er nach einem Gespr\u00e4ch mit Manfred Jennings zur\u00fcck nach Hause kam und die tiefgefrorenen Forellen f\u00fcr das Abendessen sah. Manfred Jennings war damals Hausautor und Regisseur der Augsburger Puppenkiste, die einen gro\u00dfen Einfluss auf den Erfolg der Urmel-Reihe hatte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Das Witzige an den Tieren der Urmel-Reihe sind die diversen Sprachfehler der Protagonisten. Hat er da einfach das Dr. Doolittle-Prinzip umgedreht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;Ja, so sagt Max Kruse es in einem Interview zumindest selbst. Aber dass Tiere und Menschen miteinander sprechen k\u00f6nnen, ist ja in der Kinderliteratur \u2013 und nicht nur dort \u2013 nun nichts Neues. Es gibt kaum ein M\u00e4rchen, in dem Menschen und Tiere nicht miteinander sprechen. Und das muss auch so sein. Das hat mit dem zu tun, was der Entwicklungspsychologe Piaget Animismus nennt, jene Phase, die ein Kind durchl\u00e4uft, in der es alles um sich herum f\u00fcr beseelt, f\u00fcr menschengleich h\u00e4lt, Teddyb\u00e4ren, Fahrr\u00e4der, vor allem aber Tiere. Und was beseelt ist, kann nat\u00fcrlich auch sprechen \u2013 sprechen und verstehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-43489\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image001-1.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p>Die Sprachfehler, die Max Kruse sich f\u00fcr seine Figuren ausdachte, dienen dabei einfach der Komik. Wortwitze und Sprachspielereien sind f\u00fcr Kinder mit ihrem anarchischen Humor unglaublich witzig. Au\u00dferdem dienen sie dazu, sich Sprache anzueignen, mit ihr eigenst\u00e4ndig umzugehen, sie zu entdecken. Deshalb spielt jede gute Kinderliteratur, vor allem f\u00fcr kleinere Kinder, auf irgendeine Art und Weise mit Sprache. Erwachsenenliteratur nat\u00fcrlich auch.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Viele Lehrer waren damals \u00fcber die unkorrekte Sprache sehr emp\u00f6rt. Geschadet hat es den B\u00fcchern aber nicht, oder?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;Den B\u00fcchern nicht und den Kindern, die diese B\u00fccher gelesen haben oder vorgelesen bekommen haben, erst recht nicht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Was ist das Besondere an Kruses Kinderb\u00fcchern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;Um das zu verstehen, muss man sich die Zeit anschauen, in der diese Kinderb\u00fccher entstanden sind. Deutschland und Europa lagen in Schutt und Asche. Sechs Millionen J\u00fcdinnen und Juden waren bestialisch umgebracht worden. Mit welchem Recht wollten Erwachsene, die die Welt so zugerichtet hatten, Kindern da noch irgendeine moralische Botschaft mit auf den Weg geben?<\/p>\n<p>P\u00e4dagogische Literatur hatte erst einmal ausgedient, und es ist Menschen wie Max Kruse, Michael Ende oder Ottfried Preu\u00dfler zu verdanken, dass sich ein neuer Ton in der deutschsprachigen Kinderliteratur entwickelt und schlie\u00dflich durchgesetzt hat. Keine Literatur mit erhobenem Zeigefinger, keine drastischen oder brutalen Geschichten. Es waren die leisen, phantasievollen, vielleicht sogar ein bisschen abseitigen Erz\u00e4hlungen, die mit Kruses <em>\u201eDer L\u00f6we ist los<\/em>\u201c ihren Anfang nahmen.<\/p>\n<p>Verspielte Geschichten, die immer auch witzig waren, und in denen ein Kind Kind sein durfte. In der Kinder- und Jugendliteraturforschung spricht man von der Phase der Kindheitsautonomie. Die Kinder sind die Helden dieser Geschichten, sie sind eins mit ihrer Umgebung. Sie sind unabh\u00e4ngig von den etablierten Erwachsenen und ihnen in allem haushoch \u00fcberlegen. So wie Pippi Langstrumpf, die schwedische Schwester der Figuren von Kruse, Ende und Preu\u00dfler.<\/p>\n<p>\u201eUrmel aus dem Eis\u201c, das erst 1969 entstand, war dann so etwas wie ein Gegenprogramm zu der problemorientierten Literatur, die in den sp\u00e4ten 1960er Jahren an Popularit\u00e4t gewann, Literatur, die soziale Probleme in den Vordergrund stellte und Kinder ganz bewusst damit konfrontierte. Mit Professor Tibatong, Tim Tintenklecks, Urmel, Wutz und der Mupfel bewahrte Max Kruse auf der kleinen Insel Titiwu einen Schonraum f\u00fcr lustige und verspielte Literatur.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_43488\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 361px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-43488 size-full\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/51ZWDr0Iq7L._SX349_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"351\" height=\"499\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Urmel aus dem Eis&#8220; von Max Kruse &#8211; Thienemann Verlag &#8211; ISBN-10: 3522169026 &#8211; USBN-13: 978-3522169028<\/span><\/div>\n<p><strong>Durch die F\u00fclle der digitalen Angebote hat man leicht den Eindruck, dass Kinder heute nicht mehr viel lesen. Wie wichtig ist Literatur f\u00fcr Kinder?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Stefan Neumann:<\/strong>\u00a0&#8222;Kinder lesen zu wenig, das wissen wir sp\u00e4testens seit der PISA-Studie. Denn Lesen lernt man nur durch Lesen. Das wiederum tut man nur dann gerne, wenn man a) gute Geschichten findet und b) jemanden hat, der einem zeigt, wie man liest.<\/p>\n<p>Nicht nur zeigt, wie man Buchstaben entziffert und daraus Sinn erzeugt. Sondern auch einfach mal vorliest, neugierig macht auf Geschichten, sich mit Kindern auf das Sofa kuschelt und einen Nachmittag oder Abend lang vorliest. Und das geht auch ganz hervorragend in der Schule. Ich habe es geliebt, wenn meine Lehrerin vorgelesen hat.<\/p>\n<p>Das Buch ist seit den 1960er Jahren nicht mehr das Leitmedium in unserer Gesellschaft. Damals wurde es durch das Fernsehen abgel\u00f6st. Und seit etwa 2010 ist das Internet das Leitmedium unserer Zeit. Das kann man bedauern oder nicht, aber man wird es in absehbarer Zeit nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen. Ich glaube auch nicht, dass digitale Angebote per se Kinder vom Lesen abhalten.<\/p>\n<p>So gibt es inzwischen medien\u00fcbergreifende Angebote, die das Lesen f\u00f6rdern k\u00f6nnen. \u00dcbrigens ist \u201eUrmel aus dem Eis\u201c ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Denn der Erfolg der Urmel-Reihe ist untrennbar verbunden mit der Augsburger Puppenkiste, die ihre deutschlandweite Popularit\u00e4t ausschlie\u00dflich dem Fernsehen verdankt.<\/p>\n<p>Aber wichtig ist meines Erachtens immer auch die Frage, welche Vorbilder Erwachsene sind. Lesen Eltern, Erzieher*innen, Lehrkr\u00e4fte selbst oder predigen sie das eine und tun das andere? Kinder merken so etwas sofort.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Das Interview\u00a0f\u00fchrte\u00a0Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcber Dr. Stefan Neumann<\/h4>\n<p>Dr. Stefan Neumann arbeitet in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes und Kulturwissenschaften der Bergischen Universit\u00e4t im Bereich Didaktik der deutschen Sprache und Literatur.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seine Mutter war Deutschlands bekannteste Puppenmacherin K\u00e4the Kruse, sein Vater ein renommierter Bildhauer. Aber es waren seine B\u00fccher, die Generationen von Kindern begeisterten. Am 19. November w\u00e4re Max Kruse, der mit seinem Dino Urmel eine unvergessene Figur schuf, 100 Jahre alt geworden.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-43483","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-22 07:24:52","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43483","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43483"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43483\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43521,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43483\/revisions\/43521"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43483"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43483"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43483"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}