{"id":4348,"date":"2016-03-11T10:55:06","date_gmt":"2016-03-11T09:55:06","guid":{"rendered":"http:\/\/192.168.10.16\/newsportal\/stadtzeitung\/index.php\/2016\/03\/11\/dr-johannes-slawig-beim-tennis-bekomme-ich-den-kopf-frei\/"},"modified":"2025-02-26T12:49:33","modified_gmt":"2025-02-26T11:49:33","slug":"dr-johannes-slawig-beim-tennis-bekomme-ich-den-kopf-frei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2016\/03\/11\/dr-johannes-slawig-beim-tennis-bekomme-ich-den-kopf-frei\/","title":{"rendered":"Dr. Johannes Slawig: \u201eBeim Tennis bekomme ich den Kopf frei\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_56587\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 670px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-56587\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/d0eab08c2dc45035dfbf9c074eccfd00-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"660\" height=\"465\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Johannes Slawig &#8211; \u00a9 @assunta_jaeger<\/span><\/div>\n<p>Doch Dr. Johannes Slawig, der geb\u00fcrtige Braunschweiger, liebt Herausforderungen. Er ist ein K\u00e4mpfer und er hat einen langen Atem, nicht nur bei den Medenspielen seiner Tennismannschaft Herren 50. Sein gro\u00dfes Ziel: Ein ausgeglichener Stadt-Haushalt. Saskia Stiefeling und Peter Pionke unterhielten sich mit dem hochmotivierten Stadtk\u00e4mmerer Dr. Johannes Slawig.<\/p>\n<p><strong>DS: Vor Ihren Wuppertal-Zeiten waren Sie unter anderem Dezernent in Paderborn. Was war f\u00fcr Sie die Motivation, 1998 nach Wuppertal zu wechseln?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIch bin gefragt worden, ob ich mich in Wuppertal bewerben will. Mich hat zweierlei gereizt. Einmal, nach knapp sieben Jahren Paderborn wieder etwas Neues zu machen. Und zum anderen hat mich gereizt, in eine Stadt zu kommen, die es schwer hat und in der es viele Probleme gibt. Eine Stadt, in der man gefordert ist und etwas ver\u00e4ndern und gestalten kann. Also eine ganz neue, gro\u00dfe Herausforderung. \u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie haben Geschichte und Philosophie studiert. Inwieweit hilft es in einem Amt wie dem des Stadtk\u00e4mmerers, wenn man philosophisch vorgebildet ist?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eMein Hauptfach ist ja neue Geschichte, Philosophie nur mein Nebenfach. Unmittelbar gibt es kein Wissen und keine Erkenntnisse aus meinem Studium, die mich im Beruf heute noch begleiten. Aber es gibt schon ein paar grundlegende Haltungen, zum Beispiel, dass man sich vor Augen f\u00fchrt, dass es in politischen Entscheidungs-Situationen immer Alternativen gibt. Das kann man aus der Geschichte lernen. Und auch, dass es bei aller Bedeutung von strukturellen und \u00f6konomischen Entwicklungen immer wieder auch auf den Einzelnen ankommt.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wie sehen Sie im Nachhinein die Abschaffung des Amtes des Oberstadtdirektors?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIch war eigentlich immer schon f\u00fcr die Abschaffung der Doppelspitze. Nicht zuletzt, weil es in vielen St\u00e4dten Konstellationen gegeben hat, in denen Oberb\u00fcrgermeister und Oberstadtdirektor nicht miteinander konnten \u2013 menschlich und auch politisch. Und diese Auseinandersetzungen an der Spitze bis hin zu gegenseitiger Blockade haben in vielen St\u00e4dten die Entwicklung gel\u00e4hmt. Ein weiterer Grund ist, dass viele B\u00fcrger gar nicht nachvollziehen konnten, warum ein bestimmtes Thema jetzt ein Fall f\u00fcr den Verwaltungs-Chef und nicht f\u00fcr den Oberb\u00fcrgermeister sein sollte.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie waren innerhalb von Rat und Verwaltung Vertreter eines Oberb\u00fcrgermeisters Peter Jung und sind jetzt Vertreter von Andreas Mucke. Was hat sich f\u00fcr Sie durch den OB-Wechsel ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eGar nicht so viel. Mich hat nat\u00fcrlich mit Peter Jung ein langj\u00e4hriges, pers\u00f6nliches Vertrauensverh\u00e4ltnis verbunden. Wir geh\u00f6ren ja auch der gleichen Partei an. Ich kenne aber auch Andreas Mucke schon seit 17 Jahren. Wir haben immer gut zusammen gearbeitet, auch \u00fcber die unterschiedlichen Parteib\u00fccher hinweg. Und genau das tun wir jetzt hier im Rathaus auch.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Haben Sie noch Kontakt zu Peter Jung?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eSelbstverst\u00e4ndlich. Peter Jung und ich telefonieren miteinander und wir treffen uns auch. Aber ich wei\u00df das Berufliche sehr gut vom Privaten zu trennen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Dank eines positiv ausgefallenen Fl\u00fcchtlingsgipfels kann der Wuppertaler Haushalt 2017 ausgeglichen werden. Mit welchem Betrag wird sich der Bund an den Kosten beteiligen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201cVor dem Fl\u00fcchtlingsgipfel der Bundeskanzlerin und vor der Neuregelung des Fl\u00fcchtlings-Aufnahme-Gesetzes auf Landesebene haben sich Bund und Land mit einem Drittel an den Kosten beteiligt, die uns als Stadt durch die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen entstehen. Das ist durch die beiden Ma\u00dfnahmen auf Bundes- und auf Landes-Ebene auf zwei Drittel erh\u00f6ht worden. In diesem Jahr rechne ich mit Kosten von 14.000 \u20ac pro Fl\u00fcchtling. Bund und Land werden sich daran mit 10.000 \u20ac beteiligen. Das ist bei weitem nicht kostendeckend. Deshalb geht unsere Forderung an Bund und Land, dass die Kostendeckung ab 2017 deutlich erh\u00f6ht werden muss, bis hin zur vollen Kosten\u00fcbernahme. Au\u00dferdem m\u00fcssen die tats\u00e4chlichen Fl\u00fcchtlingszahlen ber\u00fccksichtigt werden und nicht die fiktiven. Auf Wuppertal bezogen bedeutet das: Das Land erstattet Kosten f\u00fcr 3.500 Fl\u00fcchtlinge, real hatten wir aber zum Stichtag 01.01.2016 rund 4.500 Fl\u00fcchtlinge. Wir werden aber trotzdem 2017 einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Nach dem \u201eSt\u00e4rkungspaktgesetz\u201c m\u00fcssen Sie 2021 einen ausgeglichenen Haushalt vorweisen, den es zuletzt 1992 gab. Die Stadt Wuppertal muss dann auf eigenen F\u00fc\u00dfen stehen, also weitestgehend ohne Unterst\u00fctzung durch Bund und Land auskommen. Muss dieses Ziel aufgrund der Fl\u00fcchtlings-Problematik nicht neu definiert werden?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eNein, das darf nicht neu definiert werden. Wir werden daran festhalten, den Haushalt 2017 auszugleichen, dann noch mit Konsolidierungshilfen des Landes und 2021 ohne diese Konsolidierungshilfen. Das hat f\u00fcr mich oberste Priorit\u00e4t. Das bedeutet aber, dass Bund und Land sich st\u00e4rker an der Finanzierung der Kosten f\u00fcr die Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen beteiligen m\u00fcssen als bisher. Denn das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Man darf ja nicht vergessen, dass auch noch die Kosten f\u00fcr die Integration der Fl\u00fcchtlinge auf uns zukommen: Kinderg\u00e4rten, Schulen, Sprachf\u00f6rderung, Qualifizierung f\u00fcr den Arbeitsmarkt etc.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Worauf f\u00fchren Sie es zur\u00fcck, dass Fl\u00fcchtlinge in Wuppertal mit offenen Armen empfangen und integriert werden, w\u00e4hrend es in vielen anderen St\u00e4dten zu Hasstiraden und sogar Angriffen auf Fl\u00fcchtlingsheimen kam und kommt?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eDas liegt sicher mit daran, dass es hier eine breite, politische, gesellschaftliche \u00dcbereinstimmung gibt, Fl\u00fcchtlinge willkommen zu hei\u00dfen. Es hat auch damit zu tun, dass die Unterbringung von Fl\u00fcchtlingen \u00fcberwiegend in Wohnungen und kleineren Unterk\u00fcnften m\u00f6glich ist und somit viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger nicht unmittelbar betroffen sind. Es gibt aber dennoch B\u00fcrger, die sich gro\u00dfe Sorgen machen. Und diese Sorgen m\u00fcssen wir ernst nehmen. Das zweite positive Merkmal unserer Stadt: Hier kann sich jeder, wenn er nicht gerade radikale Positionen vertritt, \u00e4u\u00dfern und er hat auch das Recht, dass man mit ihm \u00fcber seine Sorgen spricht und wir als Stadt sind bem\u00fcht, das Problem auch zu l\u00f6sen. Diese Offenheit, diese Ehrlichkeit ist eine ganz wichtige Voraussetzung daf\u00fcr, dass die Stimmung so positiv bleibt. Aber keine Frage: Wir m\u00fcssen auch die realen Probleme l\u00f6sen, die die Zuwanderung von Fl\u00fcchtlingen mit sich bringt.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wie viel Prozent der Probleme sind denn aus Ihrer Sicht bereits gel\u00f6st?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIch kann das gar nicht in Prozenten ausdr\u00fccken. Aber wir stehen noch ganz am Anfang. Wir sind im Moment noch damit voll gefordert, die Fl\u00fcchtlinge, die uns vom Land zugewiesen werden, unterzubringen. Aber wenn dann das Asylverfahren positiv abgeschlossen wurde, geht es ja eigentlich erst richtig los. Wir m\u00fcssen Wohnungen vermitteln, Kindergartenpl\u00e4tze suchen, die Jugendlichen m\u00fcssen beruflich qualifiziert werden, Integrationsm\u00f6glichkeiten gefunden werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie sind ja nicht gerade f\u00fcr den Frohsinn in der Stadt zust\u00e4ndig, Sie haben ja den \u201eSchwarzen Peter\u201c quasi von Amts wegen und mussten als K\u00e4mmerer in den Schulden-Jahren viel Kritik einstecken. Wie geht man damit um, ohne seelischen Schaden zu nehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eGanz trennen vom Privatleben kann ich das nicht. Schwierige Situationen, die mich seelisch belasten, die nehme ich auch mit nach Hause. Das bleibt ja nicht im B\u00fcro zur\u00fcck. Damit fertig zu werden, gelingt mir dann, wenn ich wei\u00df, dass die unangenehmen Entscheidungen, die ich treffen muss, auch Sinn machen. Auch ich hatte vor dem St\u00e4rkungspaktgesetz dieses Vergeblichkeitsgef\u00fchl. Den B\u00fcrgern erkl\u00e4ren zu m\u00fcssen, dass man diese oder jene Einsparung vornehmen muss. Und wenn diese dann fragen: \u201aWas haben wir denn davon?\u2018, konnte ich nur sagen \u201aWir verringern die Neuverschuldung.\u2018 Das sehen die B\u00fcrger aber nicht ein. Warum sollen sie Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben, dass das Schwimmbad geschlossen wird, nur um die Neuverschuldung zu verringern? Durch das St\u00e4rkungspaktgesetz sind solche Einsparungen jetzt erkl\u00e4rbar und vermittelbar \u2013 wir erreichen mit ihnen n\u00e4mlich am Ende den Haushaltsausgleich.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Haben Sie nach mehreren HSK\u2019s, also Haushaltssicherungs-Konzepten, die Ihnen ja finanzielle Daumenschrauben anlegten, jemals dar\u00fcber nachgedacht, Ihr Amt niederzulegen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eNein, zu keinem Zeitpunkt. Ich habe zwar mehrmals dar\u00fcber nachgedacht, ob ich einmal eine neue Herausforderung in einer anderen Stadt oder in einem anderen Beruf annehmen sollte. Aber letztendlich habe ich mich immer dagegen entschieden. Einmal aus Verantwortungsgef\u00fchl und auch aus tiefster \u00dcberzeugung heraus, dass man das, was man begonnen hat, auch zu Ende f\u00fchren sollte. Ich h\u00e4tte mich sch\u00e4big gef\u00fchlt, wenn ich hier schmerzvolle Konsolidierungs-Ma\u00dfnahmen eingeleitet und mich dann in eine andere Stadt verabschiedet h\u00e4tte. \u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wenn es um Einsparungen geht, sind Sie kein Freund des \u201eRasenm\u00e4her-Prinzips\u201c, sondern vertreten klar die Meinung, wenn man wenig Geld hat, sollte man sich auf das besonders Wichtige konzentrieren. Was ist f\u00fcr Sie das besonders Wichtige?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIch war von Anfang an f\u00fcr das Projekt D\u00f6ppersberg. Es kostet sehr viel Geld, aber ich bin zutiefst davon \u00fcberzeugt, dass diese Stadt dieses Projekt braucht. Nat\u00fcrlich fehlt dann das Geld f\u00fcr Anderes. Aber ich finde es sehr wichtig, dass man in der Politik auch daf\u00fcr k\u00e4mpft, dass Projekte, die einem wichtig sind, eine Mehrheit finden und realisiert werden.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Rund zwei Milliarden Schulden. Schlaue K\u00f6pfe haben errechnet, dass &#8211; wenn alles optimal l\u00e4uft &#8211; die Stadt Wuppertal fr\u00fchestens in 100 Jahren schuldenfrei sein wird. M\u00fcssen wir da nicht ein schlechtes Gewissen haben, was unsere Nachkommen angeht?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eWir m\u00fcssen ein schlechtes Gewissen haben, aber vor allem m\u00fcssen wir daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass der Schuldenabbau nicht 100 Jahre dauert. Das funktioniert aber nur, wenn uns der Bund hilft. Ich als Historiker habe gelernt, in l\u00e4ngeren Zeitr\u00e4umen zu denken. Das bewahrt einen vor politischem Aktionismus: Haushaltkonsolidierung besteht aus drei Schritten. Wir sind gerade beim ersten, n\u00e4mlich dem Haushaltsausgleich, also mit dem Geld auszukommen, das wir bekommen. Das machen wir 2017 mit Landeshilfe und ab 2021 ohne Landeshilfe. Dann kommt der Schuldenabbau, der aber nicht 100 Jahre dauern darf: Da gibt es ja das Modell des Altschuldenfonds.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: K\u00f6nnen Sie uns das einmal genauer erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eGern! Der Bund gr\u00fcndet gemeinsam mit den L\u00e4ndern einen Fonds, in dem hochverschuldete St\u00e4dte wie Wuppertal ihre Altschulden einbringen k\u00f6nnen, um dann bei der Finanzierung der Altschulden ein St\u00fcck weit entlastet zu sein. Im dritten Schritt muss dann neues Eigenkapital aufgebaut werden, um aus der \u00dcberschuldung heraus zu kommen. Ich glaube auch, dass der Bund bald erkennt, dass die \u00dcberschuldung kein rein kommunales Problem ist, sondern auch ein Problem des Bundes und der L\u00e4nder. Man darf nicht vergessen, dass in den Kommunen bundesweit \u00fcber 50 Milliarden Euro an Kassenkrediten aufgeh\u00e4uft wurden.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Aber es gibt ja nun einmal eine Zweiklassengesellschaft bei den Kommunen. Die einen, die hochverschuldet sind, die anderen die schuldenfrei sind. Wie wollen Sie denn diese davon \u00fcberzeugen, solidarisch zu sein und ein St\u00fcck von ihrem Kuchen abzugeben?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eDiese Zweiklassengesellschaft kann nicht so bleiben. Die Schere geht ja immer weiter auseinander. Wir m\u00fcssen Grundsteuern erh\u00f6hen, andere St\u00e4dte haben das nicht n\u00f6tig. Wir haben ja inzwischen eine gute Plattform, das ist das \u201aAktionsb\u00fcndnis der hochverschuldeten St\u00e4dte\u2018, dem mittlerweile bundesweit mehr als 60 St\u00e4dte angeh\u00f6ren. Man muss ja mal ehrlich sein, die Schuldenfreiheit einzelner St\u00e4dte ist in der Regel nicht das Ergebnis politischer Entscheidungen. Im Wesentlichen gibt es strukturelle Ursachen, ich nenne da die Stichworte Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, Verlust von sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen, Einwohnerr\u00fcckgang. Es soll sich niemand r\u00fchmen, dass er die Schuldenfreiheit allein erreicht hat.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: K\u00f6nnen Sie uns da einmal ein Beispiel pr\u00e4sentieren?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eNat\u00fcrlich, nehmen wir einmal die Stadt D\u00fcsseldorf. Sie hat den Vorteil, dass sie Landeshauptstadt ist und dadurch Standortvorteile hat, die eine Stadt wie Wuppertal nicht vorweisen kann. Dann hat D\u00fcsseldorf eine relativ junge Industrie, wir hier in Wuppertal eine \u00fcber 200 Jahre alte, mit all den Folgen. Das sind Ursachen, f\u00fcr die die heutige Generation und auch ich nichts k\u00f6nnen. Ein Gemeinwesen kann nur auf Dauer leben, wenn es Solidarit\u00e4t untereinander gibt, da sitzen wir alle in einem Boot. Die Voraussetzungen f\u00fcr die L\u00f6sung des Problems sind im Moment sehr g\u00fcnstig, weil wir ein gutes Wirtschaftswachstum und hohe Steuereinnahmen haben. Jetzt w\u00e4re es m\u00f6glich, verschuldeten St\u00e4dten wie Wuppertal zu helfen, ohne den anderen viel wegnehmen zu m\u00fcssen. Keine Stadt, die schuldenfrei ist, w\u00fcrde in wirtschaftliche Probleme geraten, wenn sich der Bund f\u00fcr die schuldenbelasteten St\u00e4dte engagiert. Das Hauptproblem ist im Moment noch das \u201aSchwarze Peter-Spiel\u2018 zwischen Bund und Land, wer letztlich die Kosten tragen soll. Uns steht das Wasser aber bis zum Hals, wir k\u00f6nnen nicht l\u00e4nger warten, wir brauchen jetzt Hilfe.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie haben sich erfolgreich f\u00fcr die Umsetzung des Pina-Bausch-Zentrums eingesetzt. Warum liegt Ihnen dieses Projekt so am Herzen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eDas Tanztheater ist einer der ganz herausragenden, kulturellen Leuchtt\u00fcrme dieser Stadt. Gerade eine Stadt wie Wuppertal, die sich im Wandel befindet, braucht solche Leuchtt\u00fcrme. Nach au\u00dfen, um attraktiv zu sein, aber auch nach innen, f\u00fcr das Selbstbewusstsein der B\u00fcrger. Deshalb ist die Weiterentwicklung des Tanztheaters und die Schaffung des Pina-Bausch-Zentrums ein wichtiges Zeichen daf\u00fcr, dass diese Stadt an ihre Zukunft glaubt und sich etwas zutraut. Das Tanztheater-Projekt ist genauso wichtig wie das Projekt D\u00f6ppersberg.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wuppertal muss sich trotzdem mit 16 Millionen Euro beteiligen. Kann sich die Stadt das \u00fcberhaupt leisten?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eBei den Investitionskosten m\u00fcssen wir genau 14,5 Millionen Euro aufbringen. Diese Summe k\u00f6nnen wir nat\u00fcrlich nur aufbringen, wenn wir auf etwas anderes verzichten. Der D\u00f6ppersberg und das Pina-Bausch-Zentrum sind herausragende Projekte und genie\u00dfen Priorit\u00e4t. Und auch das Problem der Folgekosten, die noch gar nicht errechnet sind, ist noch zu l\u00f6sen. Dar\u00fcber m\u00fcssen wir noch mit Bund und Land verhandeln.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Was w\u00fcrden Sie selbst als Ihr gr\u00f6\u00dftes Verdienst bezeichnen?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIch stehe ja noch nicht kurz vor dem Ruhestand und will mich auch nicht selbst loben. Aber als kleine Zwischenbilanz: Was mir besonders wichtig ist und wof\u00fcr ich am meisten k\u00e4mpfe, ist der Haushaltsausgleich 2017 und 2021. Der Haushaltsausgleich ist mir sehr wichtig als Grundlage f\u00fcr Eigenverantwortung, dass also die kommunale Selbstverwaltung wieder im Rathaus stattfindet und wesentliche Entscheidungen nicht von der Bezirksregierung getroffen werden \u2013 so wie wir das in der vorl\u00e4ufigen Haushaltsf\u00fchrung ja schon hatten.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: &#8230; und was als Ihren gr\u00f6\u00dften Fehler?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIch mache selbstverst\u00e4ndlich Fehler wie jeder Andere auch. Und ich \u00e4rgere mich auch sehr dar\u00fcber. Das Wichtige ist aber, dass man aus seinen Fehlern Lehren zieht und es beim n\u00e4chsten Mal besser macht.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Warum braucht Wuppertal das FOC?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eWir wollen Kaufkraft in Wuppertal halten, die ansonsten in Nachbarst\u00e4dte abflie\u00dft. Das zweite Ziel ist, dass wir von ausw\u00e4rtigen Kunden Kaufkraft neu hinzugewinnen. Wir sehen gute Chancen, \u00fcber das FOC neue Kaufkraft in den Elberfelder Einzelhandel zu lenken. Wir wollen erreichen, dass die Besucher \u00fcber den neuen D\u00f6ppersberg und die Poststra\u00dfe bis hin zum Neumarkt gehen, um in der Elberfelder City einzukaufen. So erhoffen wir uns eine wesentliche St\u00e4rkung der Innenstadt.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Mit welchen Argumenten wollen Sie die Einzelhandels-Interessengemeinschaft vom FOC \u00fcberzeugen, die alles will &#8211; nur kein Outlet-Center?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIm Einzelhandel gibt es ganz unterschiedliche Positionen. Einige begr\u00fc\u00dfen das FOC, andere stehen ihm neutral gegen\u00fcber, weil sie nicht betroffen sind und wieder andere werden betroffen sein, weil im FOC Sortimente angeboten werden, die auch sie in ihrem Gesch\u00e4ft anbieten. Diese Gesch\u00e4ftsleute zu \u00fcberzeugen, wird sicher schwierig. Wir von unserer Seite k\u00f6nnen immer wieder nur betonen, dass wir alle Vorteile davon haben werden, wenn mehr Kunden von au\u00dferhalb nach Wuppertal kommen und dadurch insgesamt die Kaufkraft steigt. Ich glaube aber nicht, dass wir alle Skeptiker \u00fcberzeugen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wo kann und muss sich Wuppertal strukturell verbessern?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eWir m\u00fcssen noch mehr Arbeitspl\u00e4tze schaffen, die Ansiedlung von Unternehmen noch mehr forcieren. Also im weitesten Sinne Wirtschafts- und Strukturf\u00f6rderung. Dadurch erzielen wir mehr Steuereinnahmen und mehr Kaufkraft.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sind Sie eigentlich \u2013 durch Ihr Amt als K\u00e4mmerer vorgepr\u00e4gt &#8211; auch im Privatleben ein sehr sparsamer Mensch oder sind Sie da &#8211; quasi als Ausgleich &#8211; eher gro\u00dfz\u00fcgig und schauen nicht auf jeden Euro?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eAls Privatmann bin ich eigentlich auch sehr sparsam. Aber wenn mir ein Teil gef\u00e4llt und bezahlbar ist, dann greife ich auch zu. Ich kaufe in Wuppertal ein, aber auch in anderen St\u00e4dten.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wie verbringen Sie denn Ihre Freizeit?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eIch treibe sehr viel Sport, nachdem ich vor sieben Jahren einen Herzinfarkt hatte. Damals habe ich nicht nur das Rauchen aufgeh\u00f6rt, sondern auch den Entschluss gefasst, Sport zu treiben. Das ist f\u00fcr mich nicht nur k\u00f6rperlich wichtig, sondern auch, um den Kopf freizubekommen. Ich \u201ewalke\u201c als Ausgleichsport, gehe oft Schwimmen und spiele wettkampfm\u00e4\u00dfig Tennis bei den Herren 50 Kreisliga B. Ich bin gern Teil dieser Mannschaft. Wir sind eine verschworene Truppe und trainieren regelm\u00e4\u00dfig einmal die Woche.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Die Fliege ist Ihr modisches Markenzeichen. Wie viele Fliegen gibt es eigentlich in Ihrem Kleiderschrank?<\/strong><\/p>\n<p>Dr. Johannes Slawig: \u201eDie Fliege ist gar nicht mehr mein Markenzeichen wie sie es einmal war. Sie wird jetzt sehr oft durch die Krawatte ersetzt. Ich wollte einfach einmal etwas Neues ausprobieren. Meine Partnerin hat mich darin best\u00e4rkt. Nachdem ich so viele Jahre Fliege getragen habe, binde ich mir jetzt lieber eine Krawatte um oder gehe \u201eoben ohne\u201c. Meine rund 50 Fliegen liegen aber immer noch in meinem Kleiderschrank.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Johannes Slawig (60) &#8211; der \u201aHerr der Zahlen\u2018. Stadtk\u00e4mmerer ist eigentlich kein Job, der vergn\u00fcgungssteuerpflichtig ist. Erst recht nicht in einer hochverschuldeten Stadt wie Wuppertal, wo jeder Cent dreimal umgedreht werden muss.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":4346,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[26],"tags":[],"class_list":["post-4348","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politik"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-01 07:59:31","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4348","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4348"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4348\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56588,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4348\/revisions\/56588"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4346"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4348"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4348"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4348"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}