{"id":43207,"date":"2021-11-11T07:46:43","date_gmt":"2021-11-11T06:46:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=43207"},"modified":"2021-11-11T07:46:43","modified_gmt":"2021-11-11T06:46:43","slug":"transfergeschichten-auch-tote-baeume-sorgen-fuer-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/11\/11\/transfergeschichten-auch-tote-baeume-sorgen-fuer-leben\/","title":{"rendered":"&#8222;Transfergeschichten&#8220;: Auch tote B\u00e4ume sorgen f\u00fcr Leben"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_43209\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-43209\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/208-01-2-1024x681.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Wald besitzt f\u00fcr viele Menschen eine ungeheure Anziehungskraft &#8211; \u00a9 Achim Otto<\/span><\/div>\n<p>Die Debatte um den Klimawandel mit all seinen Folgen hat vor allem mit den &#8222;Fridays for future&#8220;-Demos von Sch\u00fclern und Studierenden weltweit an Fahrt aufgenommen. Auch unsere W\u00e4lder zeigen in drastischer Weise, dass es l\u00e4ngst f\u00fcnf vor zw\u00f6lf ist. Das vermehrte Absterben der heimischen Fichte k\u00f6nnen Spazierg\u00e4nger in jedem Forst beobachten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWenn man auf der Sauerlandlinie Richtung Frankfurt f\u00e4hrt, dann kann man schon aus der Ferne unsere Fichten erkennen\u201c, sagt Prof. Dr. Hans-Willi Kling, \u201edas sind n\u00e4mlich die braunen B\u00e4ume, die einfach schlichtweg abgestorben sind, weil sie mit mehreren Sommern gro\u00dfer Hitze und gro\u00dfer D\u00fcrre einfach nicht zurechtgekommen sind. Sie sind letztendlich eingegangen. Auch die heimische Buche ist schon an vielen Orten stark gesch\u00e4digt und entwickelt sich regional zum zweiten &#8218;Sorgenkind&#8216;.&#8220;\u00a0<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ein Aufforsten scheint daher dringend n\u00f6tig, doch welche B\u00e4ume soll man nun stattdessen pflanzen?<\/p>\n<h4>Das Totholzprojekt im Staatsforst Burgholz<\/h4>\n<p>Seit ein paar Jahren leitet Kling in Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Wald und Holz das Projekt \u201eTotholz\u201c im hiesigen Staatsforst Burgholz, dass Erkenntnisse dar\u00fcber geben soll, wie wir in Zeiten der Klimaver\u00e4nderung unseren Wald langfristig retten sowie umbauen und regenerieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_43210\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 517px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-43210\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Kling_von_Sebastian_Jarych_2a-1024x681.jpeg\" alt=\"\" width=\"507\" height=\"337\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Kennt sich im Wald aus wie kaum ein anderer: Prof. Hans-Willi Kling &#8211; \u00a9\u00a0Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<p>\u201eDas Burgholz hat f\u00fcr uns eine besondere Bedeutung\u201c, berichtet er, \u201eund zwar gibt es im Burgholz das sogenannte Arboretum. Hier hat man schon vor geraumer Zeit unterschiedliche Baumarten, heimische und nichtheimische Baumarten, angepflanzt.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Dieser gro\u00dfartige Freilandversuch sei schon vor Jahren von einem umsichtigen F\u00f6rster angelegt worden und bekomme jetzt, im Zuge des Klimawandels eine wichtige Bedeutung, wenn es darum gehe, nichtheimische B\u00e4ume zu integrieren bzw. alternativ zu pflanzen.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWie verhalten sich diese B\u00e4ume, die hier nichtbeheimatet sind, wenn ich sie in heimische W\u00e4lder integriere, und wie gehen sie mit dem Klimastress um?\u201c, fragt daher der Wissenschaftler.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Prognosen \u00fcber zuk\u00fcnftige Starkregenereignisse sowie D\u00fcrreperioden seien bekannt und die Vegetation m\u00fcsse sich darauf einstellen. Jedoch seien vor allem B\u00e4ume sehr langlebige Pflanzen, die einen entsprechenden Anpassungszyklus h\u00e4tten. \u201eBei einem etwas schnelleren Klimawandel kann man sich nicht darauf verlassen, dass sich solche B\u00e4ume oder der Wald in dieser Zeit selbst regulieren. Hier sagen dann Fachleute, wir brauchen B\u00e4ume, die wir mit anpflanzen k\u00f6nnen und die diesen Klimastress etwas besser aushalten.\u201c<\/p>\n<h4>Nichtheimische Alternativbaumarten<\/h4>\n<p>\u201eIm Bereich der Nadelh\u00f6lzer schaut man sich vornehmlich Geh\u00f6lze an, die z.B. aus den Vereinigten Staaten kommen\u201c, erkl\u00e4rt der Fachmann, \u201eweil das Klima dort extremer ist. Da gibt es dann z.B. die amerikanische K\u00fcstentanne, die einen leichten Orangenduft verstr\u00f6mt. Sie k\u00f6nnen einen etwas gr\u00f6\u00dferen Temperaturbereich abdecken.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-43212\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image002-1.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"138\" \/><\/p>\n<p>Ein anderer Versuchsbaum sei die lindenbl\u00e4ttrige Birke, die aus Gegenden in Japan komme, und ebenfalls klimaresistent gegen starke Temperaturschwankungen sei. Aber das sind nur wenige Beispiele von vielen in Frage kommenden Arten.<\/p>\n<h4>Im Wald geht es nicht nur um die B\u00e4ume<\/h4>\n<p>\u201eDas Problem ist nicht nur der Baum, der auf dem Boden w\u00e4chst\u201c, sagt Kling. \u201eDer Baum wirft sein Laub oder seine Nadeln ab, \u00c4ste oder ganze St\u00e4mme fallen herunter und zersetzen sich wieder, der Baum stirbt. Sie bilden dann irgendwann wieder Humus. Und dieser Humus ist dann die Lebensquelle f\u00fcr die n\u00e4chsten Pflanzen, die hinterherkommen.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ein noch nicht zu beurteilendes Problem der nichtheimischen B\u00e4ume k\u00f6nnte jedoch der eventuell andere Zersetzungsprozess sein, der wiederum Einfluss auf das \u00d6kosystem h\u00e4tte, und das untersucht man nun.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWelche Stoffe werden bei der Zersetzung frei? Wie unterscheiden sie sich bei der Zersetzung? Welchen Einfluss hat es auf Mikroorganismen, auf Insekten und auf andere Pflanzen, die da vergesellschaftet leben?\u201c, sind nur einige Fragen, die den relativ gro\u00dfen Wirkungskreis des Projektes ausmachen. \u201eDer Wald hat unterschiedlichste Funktionen\u201c, f\u00e4hrt Kling fort.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>Wald ist nicht nur Holzlieferant<\/h4>\n<p>\u201eAls reiner Wirtschaftswald ist er Lieferant von Holz. Wald sch\u00fctzt aber auch den Boden, er sch\u00fctzt vor Erosion, er ist auch gleichzeitig Naherholungsgebiet. Wald filtriert Luft und macht sie sauber, d.h. wir haben einen ganz weiten Bereich, wo Wald neben dem Wirtschaftsgut Holz f\u00fcr uns auch noch sehr wichtig ist.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_43214\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 679px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-43214\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Totholz_6-2-1024x680.jpeg\" alt=\"\" width=\"669\" height=\"444\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Totholz im Staatsforst Burgholz &#8211; \u00a9 UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Hier sei zudem noch die Bindung des Klimagases Kohlendioxid zu nennen, da durch B\u00e4ume viel des Co2 gebunden und so aus der Atmosph\u00e4re genommen wird. Die toten B\u00e4ume lasse man heute oft bewusst vor Ort liegen, denn es gebe die sogenannten Destruenten, also Lebewesen und Pflanzen, die sich an diesem toten Holz ansiedelten und es als Lebensgrundlage brauchten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ein Ausr\u00e4umen dieses Totholzes w\u00fcrde einen entscheidenden Eingriff in das \u00d6kosystem bedeuten. \u201eEin Beispiel, dass jeder von uns kennt\u201c, sagt der Forscher, \u201eist der Specht. Der braucht solche Toth\u00f6lzer, damit er seine Nisth\u00f6hlen bauen kann.\u201c<\/p>\n<h4>Nach dem Absterben beginnt die Zersetzung<\/h4>\n<p>Die Hauptbestandteile von Holz sind Cellulose, Hemicellulose und Lignin. \u201eDie dienen dann als Nahrung z.B. f\u00fcr Pilze. Wenn der Baum abstirbt, gehen als erste, wenn die Borke z.B. durch Insekten abf\u00e4llt, Pilze ran, die dieses Material abbauen. Die nutzen die Cellulose und Hemicellulose als Nahrungsquelle. Und dann setzen sie das Holz \u00fcber eine ganz lange Zeit zu CO2 und zu Wasser um.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Jeder kenne die weichen, kr\u00fcmeligen Restst\u00e4mme eines Baumes im Wald, der bei Ber\u00fchrung zerfalle und damit wieder zu Humus werde, dem schwarzen organischen Anteil der Erde. Und auch hier seien die klimatischen Bedingungen entscheidend, wei\u00df Kling.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u201eWenn es nun feucht oder permanent feucht ist, h\u00e4lt das Holz nicht sehr lange aus, d.h. da merkt man schon innerhalb von 5 bis 7 Jahren einen deutlichen Abbau des Holzes. Die Eiche dagegen ist wesentlich resistenter, die braucht auch schon mal mehr als 10 Jahre. Bl\u00e4tter und die Nadeln werden in ein bis zwei Jahren durch Mikroorganismen und Insekten abgebaut.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Richtig trockenes Holz biete dagegen keine Angriffsfl\u00e4che f\u00fcr Pilze und bleibe daher lange standfest. Das sehe man auch an Geb\u00e4uden aus Holz, die hielten nahezu ewig.<\/p>\n<h4>Zusage f\u00fcr Folgeprojekt liegt vor<\/h4>\n<p>Das erste gro\u00dfe &#8222;Totholzprojekt&#8220; ist nun nach dreieinhalb Jahren F\u00f6rderung beendet. \u201eWir sind im Moment in der Phase, dass wir die Nachfolgeprojekte anschieben\u201c, sagt Kling. \u201eWir haben auch schon einen positiven Vorbescheid bekommen. Das Projekt ist dann auch wieder auf drei bis dreieinhalb Jahre ausgelegt.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_43215\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 567px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-43215\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/1840106-01-683x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"557\" height=\"835\" \/><span class=\"wp-caption-text\">W\u00e4lder sollen auch f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen Generationen attraktive Naherholungsgebiete bleiben &#8211; \u00a9 Achim Otto<\/span><\/div>\n<p>Mit den bisherigen Ergebnissen, die das Projekt vorweisen kann, k\u00f6nnte man dann mit der erneuten Bewilligung die Komplettzerfallzeit eines Baumes nachverfolgen. \u201eWir haben aus den ersten Projekten im Burgholz St\u00e4mme platziert, die wir auch weiter beobachten, so dass man dann \u00fcber 10 Jahre ein Screening h\u00e4tte.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nur durch solche Langzeitstudien k\u00f6nne man schlie\u00dflich verl\u00e4ssliche Aussagen machen. Das eigentliche Problem nennt Kling zum Schluss. \u201eSo ein Baum kann bis zu mehreren hundert Jahren leben und folglich sind auch die Ver\u00e4nderungsprozesse sehr langsam, so dass man sie kaum beobachten kann. Wenn man dann einen negativen Einfluss feststellt, hat man auch eine dementsprechend lange Bremsspur, bis man das Ganze wieder gedreht hat.\u201c<\/p>\n<p>Jede Entscheidung im Klimawandel hat Auswirkungen auf die n\u00e4chste Generation. Das wusste die Schriftstellerin Marie von Ebener-Eschenbach bereits im 19. Jahrhundert, als sie schrieb: \u00b4Was wir heute tun, entscheidet dar\u00fcber, wie die Welt morgen aussieht`. Und daran hat sich nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p><b>Text Uwe Blass<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00dcber Prof. Dr. Hans-Willi Kling<\/b><\/p>\n<p>Prof. Dr. Hans-Willi Kling studierte an der Ruhr Universit\u00e4t Bochum und promovierte an der Bergischen Universit\u00e4t. Er bekleidete verschiedene Positionen in der freien Wirtschaft, er lehrte ab 2003 an die Bergische Universit\u00e4t parallel zu seiner Industriet\u00e4tigkeit und folgte 2010 dem Ruf auf den Lehrstuhl \u201eManagement chemischer Prozesse in der Industrie\u201c. 2012 folgte die Zusammenlegung mit der \u201eAnalytischen Chemie\u201c unter seiner Leitung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir brauchen B\u00e4ume, die diesen Klimastress besser aushalten\u201c, sagt\u00a0Prof. Dr. Hans-Willi Kling, Leiter des &#8222;Totholzprojekts&#8220; im Staatsforst Burgholz. Und der muss es wissen. 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