{"id":42478,"date":"2021-10-20T14:15:55","date_gmt":"2021-10-20T12:15:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=42478"},"modified":"2021-10-20T14:15:55","modified_gmt":"2021-10-20T12:15:55","slug":"jahr100wissen-der-kluge-hans-das-denkende-pferd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/10\/20\/jahr100wissen-der-kluge-hans-das-denkende-pferd\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Der kluge Hans, das denkende Pferd"},"content":{"rendered":"<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<div id=\"attachment_42484\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-42484\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Baranzke_22-2-1024x700.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"700\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Heike Baranzke \/ Theologische Ethik der Katholischen Theologie &#8211; \u00a9\u00a0Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Die Ethikerin Heike Baranzke kennt seine Historie und die vielen Irrungen und Wirrungen, die sich bis heute im kulturellen Ged\u00e4chtnis der Menschen bewahrt haben. Aber von Anfang an\u2026<\/p>\n<p>\u201eDer \u00b4Kluge Hans` war ein Hengst in Berlin, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit Aufsehen erregt hat. Er geh\u00f6rte dem pensionierten Volksschullehrer Wilhelm von Osten. Dieser hatte zun\u00e4chst ein Pferd, Hans I., von dem er \u00fcberzeugt war, dass es sehr intelligent war und denken konnte\u201c, beginnt die Wissenschaftlerin diese unglaubliche Geschichte.<\/p>\n<p>Als dieses Pferd 1895 starb, wollte der passionierte P\u00e4dagoge ergr\u00fcnden, ob er ein Pferd auch unterrichten k\u00f6nne. Er kaufte 1900 einen neuen Hengst, dessen besondere Sch\u00e4delform von Bedeutung war.<\/p>\n<h4>Ein Sch\u00e4del von Bedeutung<\/h4>\n<p>\u201eEr hat sich dann einen zweiten Hans ausgesucht und zwar einen russischen Orlow-Traber mit einer ganz bestimmten Sch\u00e4delform\u201c, berichtet Baranzke, \u201edenn im 19. Jahrhundert war die Sch\u00e4dellehre, die sogenannte Phrenologie, von Franz Joseph Gall entwickelt worden (die Phrenologie versuchte geistige Eigenschaften und Zust\u00e4nde in abgegrenzten Hirnarealen zu bestimmen, Anm. d. Red.) und die besagte, dass man an der Form des Sch\u00e4dels gewisserma\u00dfen die Intelligenzf\u00e4higkeiten von Lebewesen ablesen k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>Von Osten fing an, Hans II. nach der damaligen reformp\u00e4dagogischen Methode von Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg systematisch in den Grundschulf\u00e4chern Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten. Die verbl\u00fcffenden Erfolge, die er in seinem kleinen Berliner Hinterhof erzielte, zeigte er dann zun\u00e4chst seinen Nachbarn. Nun r\u00fchrte von Osten die Pressetrommel, weil er seine Ergebnisse wissenschaftlich untersuchen lassen wollte.<\/p>\n<p>\u201eAufgrund des anhaltenden Presseechos n\u00f6tigte das Kultusministerium den Leiter des Psychologischen Instituts, Philosophieprofessor und Geheimen Regierungsrat Carl Stumpf, sich die scheinbaren Intelligenzleistungen des Pferdes einmal genauer anzusehen\u201c, sagt Heike Baranzke. \u201eWilhelm von Osten buhlte regelrecht um die wissenschaftliche Anerkennung seines Unterrichtserfolgs durch diesen ber\u00fchmten Psychologen.\u201c<\/p>\n<h4>Die Wissenschaft ist peinlich ber\u00fchrt<\/h4>\n<p>\u00b4Der Kluge Hans`, wie das Pferd von da an genannt wurde, beantwortete die ihm gestellten Aufgaben mit dem Klopfen eines Hufes oder durch Nicken\/Sch\u00fctteln des Kopfes. So konnte er mathematische Aufgaben l\u00f6sen, buchstabieren und Gegenst\u00e4nde oder Personen abz\u00e4hlen. Eine wissenschaftliche Sensation nahm ihren Lauf, \u00fcber die sogar die New York Times berichtete. Aber die Wissenschaft verhielt sich zun\u00e4chst sehr z\u00f6gerlich.<\/p>\n<p>\u201eMitte des 19. Jahrhunderts kam die neuzeitliche Naturwissenschaft als empirische Wissenschaft so richtig in Fahrt und l\u00f6ste letztlich die noch metaphysisch und spirituell argumentierende, romantische Naturphilosophie ab. Das war ein heftig gef\u00fchrter Weltanschauungskampf in dieser Zeit\u201c, erkl\u00e4rt die Wissenschaftlerin. Die Forschung befand sich in einem Umbruch. \u201eDas wissenschaftliche Ideal waren die exakten Wissenschaften, allen voran die Physik\u201c, f\u00e4hrt sie fort, \u201ein der Medizinerausbildung wurde damals das Philosophikum durch das Physikum ersetzt. Die exakte Naturwissenschaft versprach die L\u00f6sung aller Probleme zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Und auch die Psychologie befand sich in dem Prozess, sich als exakte Naturwissenschaft verstehen zu wollen. \u201eDer Seelenbegriff war in die Krise gekommen, weil Anatomen und Chirurgen keine Seele aufzufinden vermochten. Aber im Volk spielte sie noch immer eine gro\u00dfe Rolle.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Umbruchzeit war die Anfrage eines Volksschullehrers an eine angesehene, um die Bewahrung seines wissenschaftlichen Ansehens bem\u00fchten psychologischen Forscherpers\u00f6nlichkeit, sich vermeintliche Denk- und Intelligenzleistungen eines Tieres anzusehen, eine ziemlich peinliche Angelegenheit.\u201c<\/p>\n<p>Aus Furcht vor dem Verlust ihres wissenschaftlichen Renommees zierten sich daher die wissenschaftlichen Institutionen und wollten sich mit dem \u00b4Klugen Hans` gar nicht erst besch\u00e4ftigen. Doch das wachsende \u00f6ffentliche Interesse an dem klugen Tier \u2013 auch seitens des deutschen Kaisers \u2013 erzwang eine wissenschaftliche Stellungnahme.<\/p>\n<h4>Untersuchungskommission soll Tricks entlarven<\/h4>\n<p>\u201eCarl Stumpf war in Zugzwang\u201c, erkl\u00e4rt Heike Baranzke, und schon die Bildung einer Untersuchungskommission gestaltete sich schwierig. Stumpf baute auch vor, indem er die Untersuchung als eine Vorfrage formulierte, die lediglich kl\u00e4ren sollte, ob von Osten Tricks angewendet habe.<\/p>\n<div id=\"attachment_42485\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-42485\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Hans_1910-2-1024x665.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"665\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der &#8222;Kluge Hans&#8220; im Jahr 1910<\/span><\/div>\n<p>\u201eEr hat sich dann mit allen m\u00f6glichen Kapazit\u00e4ten aus verschiedenen biologischen Disziplinen sowie anerkannten nichtwissenschaftlichen Pferdekennern aus Milit\u00e4r und Zirkuswelt umgeben. Darunter waren unter anderen der ber\u00fchmte Ornithologe Oskar Heinroth, der bekannte Berliner Zoodirektor Ludwig Heck, sowie Majore, denn das Milit\u00e4r war zur Kaiserzeit noch viel mehr mit Pferden best\u00fcckt und diese Herren galten als gute Pferdekenner. Zu den weiteren Mitgliedern z\u00e4hlten auch Zirkusdresseure, die einen Blick daf\u00fcr hatten, weil sie selber mit Pferden arbeiteten.\u201c<\/p>\n<h4>Gutachten von Student erstellt<\/h4>\n<p>\u201eDas Ergebnis dieser 13-k\u00f6pfigen gemischten Septemberkommission war zu kl\u00e4ren, ob von Osten ein Betr\u00fcger war oder nicht\u201c, erkl\u00e4rt Heike Baranzke. \u201eEs konnten jedoch keine Tricks ausgemacht werden, so dass man die Sache nicht als einen Geniestreich eines gewitzten T\u00e4uschungsversuchs abtun konnte. Man hatte aber, darauf legte Carl Stumpf Wert und impfte es auch wirklich allen Beteiligten ein, gegen\u00fcber der Presse nichts Anderes zu sagen, als dass damit noch nicht die Frage gekl\u00e4rt w\u00e4re, wie denn das Pferd zu diesem Verhalten gekommen sei, denn dazu bedurfte es nun der Einrichtung einer zweiten Kommission.\u201c<\/p>\n<p>Diese bestand jetzt nur noch aus drei Beteiligten des Instituts und Stumpf delegierte die Erstellung des Gutachtens an seinen damaligen Sch\u00fclerassistenten Oskar Pfungst sowie einen weiteren Kollegen. \u201eDieser Pfungst, der sich selber in dem von ihm verfassten Gutachten als \u201eVivisektor der Seele\u201c bezeichnet, hatte wissenschaftlich nicht viel zu verlieren und war daf\u00fcr bekannt, dass er ein ziemlich unsentimentales Verh\u00e4ltnis zu den Tieren hatte, so dass er da auch ziemlich scharf ranging.\u201c<\/p>\n<p>Das fertige Gutachten wirft heute aber auch viele Fragen auf. Dass ein Student die Fr\u00fcchte der Arbeit seines Professors und seiner Assistenten publiziert und darauf seinen Ruhm gr\u00fcndet, ist schon eine Rarit\u00e4t in den Annalen der Wissenschaft. \u201eDas Sch\u00f6ne war, jetzt konnte man mit diesem Gutachten sagen, der Fall ist f\u00fcr die Wissenschaft erledigt\u201c, sagt Heike Baranzke.<\/p>\n<p>\u201eWenn Kritik k\u00e4me, konnte man immer sagen, dass es die Meinung von einem Herrn Pfungst war, der noch nicht als anerkannter Wissenschaftler galt. Die etablierte Wissenschaft war dadurch aus der Schusslinie.\u201c Tatsache sei, Oskar Pfungst ist mit diesem bis heute immer wieder neu aufgelegten Gutachten ber\u00fchmt geworden. Es belegt zum einen, dass kein Betrug vorgelegen habe und ist bis heute in der kognitiven Psychologie von Bedeutung.<\/p>\n<p>\u201eWas Pfungst auch zeigte, war, dass keine willentliche Dressur vorlag, also, dass Wilhelm von Osten seinen Hengst auch nicht in der \u00dcberzeugung, dass er ihn dressieren w\u00fcrde, abgerichtet hat. Von Osten war der \u00dcberzeugung, er habe seinen Hengst tats\u00e4chlich wie einen Schuljungen unterrichtet.\u201c<\/p>\n<p>Pfungst kam zu dem Ergebnis, dass es eine unwillentliche, d.h. unbeabsichtigte Dressur gewesen war, die von Osten hatte, n\u00e4mlich \u201edurch kleinste, unwillentliche, von einem selbst nicht bemerkte k\u00f6rperliche Zuckungen, Ver\u00e4nderungen, Neigungen usw.\u201c<\/p>\n<h4>`Der Kluge Hans` und die darwinistischen Biologen<\/h4>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"textimage block buw-block\">\n<div class=\"ti-body\">\n<p>F\u00fcr die Wissenschaft schien die Angelegenheit erledigt, von Osten zog sich tief frustriert zur\u00fcck, aber dem Elberfelder Juwelier Karl Krall, der die Entwicklung der Geschichte interessiert verfolgt hatte, lie\u00df der Fall Hans keine Ruhe. Er begab sich ins ferne Berlin, um den Traber selber in Augenschein zu nehmen.<\/p>\n<p>\u201eKrall war immer schon Hobbyphysiker gewesen, vor allem in optischen Bereichen. Er besa\u00df auch ein kleines Labor\u201c, wei\u00df Baranzke. In Berlin reiht er sich nun in eine Gruppe darwinistisch gesinnter Biologen ein, f\u00fcr die die Mensch-Tier-\u00c4hnlichkeitsdebatte noch lange nicht beendet war.<\/p>\n<p>\u201eAuf dem Hintergrund von zweieinhalb tausend Jahren anthropologischer Diskussion mit der Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet, auf dem Hintergrund einer hierarchisch gestuften Seelenverm\u00f6gensordnung, an deren Spitze die menschlichen Vernunftverm\u00f6gen standen, war es ja auch von der Tradition her klar\u201c, erkl\u00e4rt Baranzke.<\/p>\n<p>Die Wissenschaftlerin f\u00fchrt weiter aus: \u201edass vor allem die Haustiere, d.h. Pferde und Hunde \u2013 aber damals auch Elefanten, die f\u00fcr Kriegszwecke eingesetzt wurden \u2013 dass solche Tiere, die der Mensch in seinen Umkreis gezogen hatte, am ehesten daf\u00fcr herzuhalten hatten, die Debatte \u00fcber Differenz und \u00c4hnlichkeit zwischen Mensch und Tier zu illustrieren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden im Umkreis der vom B\u00fcrgertum getragenen Tierschutzbewegung zudem immer mehr Geschichten von klopfsprechenden Hunden, Pferden und sogar Schweinen bekannt. Darwinistisch orientierte Biologen sahen wiederum sehr interessiert auf Anekdoten dieser Art, weil sie die Kontinuit\u00e4t des Menschen mit dem Tierreich beweisen wollten.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u00b4Der Kluge Hans\u201c kommt nach Elberfeld<\/strong><\/p>\n<p>\u201eAls Wilhelm von Osten verbittert starb, hatte er Hans II. Karl Krall vermacht, und dieser \u00fcberf\u00fchrte den Hengst nach Elberfeld.\u201c Dort richtete er im Stall des Geheimen Kommerzienrates von der Heydt \u00b4Am M\u00e4uerchen` in Elberfeld ein tierpsychologisches Laboratorium ein. Er machte ganz systematische Versuche, nicht nur mit Hans, sondern auch noch mit elf anderen Pferden, zwei Eseln, einem Pony und einem Elefanten.<\/p>\n<p>\u201eU.a. hatte er einen blinden Kaltbl\u00fcter mit Namen Berto, an dem er im Prinzip die Pfungst`sche These der Sehwahrnehmungen zu widerlegen versuchte, die er aufzeichnete und deren Ergebnis er gerne ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tte.\u201c Dies blieb ihm jedoch verwehrt, da die Verlage nicht in den Ruch der Unwissenschaftlichkeit kommen wollten, so dass er sein Manuskript im Kaiser-Wilhelm-Institut, der Vorl\u00e4uferinstitution der Max-Planck-Institute in Berlin, hinterlegte.<\/p>\n<p>\u201eKarl Krall war nicht ganz auf verlorenem Posten, weil es vor dem Hintergrund des Aufkommens der neuen darwinistischen Weltanschauung durchaus Sympathisanten mit einer nur graduellen Mensch-Tier-Differenz gab und dazu geh\u00f6rten Intellektuelle aus den unterschiedlichsten Disziplinen und K\u00fcnsten\u201c, sagt Baranzke, die sich dann auch in Elberfeld die Klinke in die Hand gaben. \u201eDarunter waren Zoologen wie der ber\u00fchmte \u201edeutsche Darwin\u201c \u2013 so nannte man den Jenaer Mediziner und Zoologen Ernst Haeckel \u2013 oder dessen Sch\u00fcler Heinrich Ernst Ziegler, der sp\u00e4ter Zoologieprofessor an der Technischen Hochschule Stuttgart war, und brieflich mit dem Mannheimer Terrier Rolf korrespondierte.\u201c<\/p>\n<p>Und Baranzke nennt noch weitere Koryph\u00e4en. \u201eDazu geh\u00f6rten auch eine ganze Reihe Psychologen und Psychiater wie der Schweizer Psychiater Gustav Wolff, der sich enthusiastisch \u00fcber die Leistung der Tiere in Rechnen, Klopfsprechen und dem Erkennen von Personen auf Fotografien auslie\u00df. Und sogar den Literaturnobelpreistr\u00e4ger Maurice Maeterlinck hat der &#8218;Kluge Hans&#8216; nach Elberfeld gelockt.<\/p>\n<p>Dieser ver\u00f6ffentlichte daraufhin einen Bericht mit dem Titel \u00b4Die Pferde von Elberfeld`. Die Kritiker von Karl Krall haben nur aus der Ferne ihre Pfeile abgeschossen.\u201c<\/p>\n<h4>\u00b4Der Kluge Hans-Effekt` und seine Wirkung bis heute<\/h4>\n<p>Letztendlich gab Krall seine Untersuchungen auf, zog nach M\u00fcnchen und besch\u00e4ftigte sich fortan mit Okkultismus. \u201eDas scheint so abstrus zu sein\u201c, sagt Baranzke, \u201eaber die ganzen Ausdifferenzierungen in der Psychologie waren erst im Gange. Es gab auch in der fr\u00fchen Zeit um den \u00b4Klugen Hans` einen anderen Psychologen, Albert Moll, damals Vorsitzender der Psychologischen Gesellschaft Berlin und einer der ersten Wissenschaftler, die sich die M\u00fche gemacht hatten, von Osten und sein Pferd pers\u00f6nlich aufzusuchen. Er war auf der Spur noch anderer Wahrnehmungsverm\u00f6gen, au\u00dfer unseren bekannten f\u00fcnf Sinnen, und hatte \u201eN-Strahlen\u201c des menschlichen Gehirns als unwillk\u00fcrliche Zeichengebung ins Spiel gebracht. Au\u00dfersinnliche Ph\u00e4nomene sind ja im strengen Wortsinne zun\u00e4chst einmal solche, die nicht auf unsere bekannten Sinne beschr\u00e4nkt sind. Man muss daran denken, dass es auch Sinneswahrnehmungen gibt, \u00fcber die nur wir Menschen nicht verf\u00fcgen und dann ist man gar nicht mehr so weit vom Okkultismus weg.\u201c<\/p>\n<p>Das Echolot bei Flederm\u00e4usen oder der elektrische Aal seien ja alles noch in der Entdeckung gewesen.\u00a0Immerhin, Kralls Nachlass ist heute im Psychologiegeschichtlichen Forschungsarchiv der Fernuni Hagen untergebracht. \u201eSeine Untersuchungen f\u00fcr die Wissenschaft haben vor allen Dingen gezeigt, dass es eine unwillk\u00fcrliche Beeinflussung von Wesen durch den Menschen gibt, und dass die ganze K\u00f6rpersprache auch mit h\u00f6heren Tieren funktioniert.\u201c<\/p>\n<p>Das habe in der wissenschaftlichen Tierverhaltensforschung z.B. zu der Trennung von Versuchstier und Versuchsleiter gef\u00fchrt, um solche unwillentlichen \u00b4Kluge-Hans Effekte` auszuschlie\u00dfen. \u201e\u00dcbertragen auf diese unwillk\u00fcrlichen Signale\u201c, f\u00e4hrt Baranzke fort, \u201ehei\u00dft dass, dass ein unwillk\u00fcrliches Zucken signalisiert: Jetzt musst du aufh\u00f6ren mit dem Huf zu klopfen! Dies f\u00fchrte zu der Trennung von Versuchsleiter und Versuchstier, damit der Versuchsleiter w\u00e4hrend des Experiments nicht, wenn er das Ergebnis wusste, durch unwillk\u00fcrliche Signale das Versuchstier in seinem Verhalten beeinflusst.\u201c<\/p>\n<p>Das Pfungsgutachten sei auch heute noch ein Kriterium in der Diskussion \u00fcber die Sprach- und Denkf\u00e4higkeit von Menschenaffen. Es spiele n\u00e4mlich eine Rolle, ob Gorillas, Schimpansen oder Orang-Utans zu begrifflichem Denken in der Lage sind, oder nicht. \u201eDa tobt bis heute ein heftiger Streit.\u201c<\/p>\n<h4>Im Mensch-Tier-Verh\u00e4ltnis bestimmt der Mensch die Regeln<\/h4>\n<p>Zusammenfassend bleiben dennoch erstaunliche Leistungen des Trabers. \u201eEr konnte mit Sicherheit nicht Rechnen und Sprechen und auch keine Wurzelrechnungsaufgaben l\u00f6sen\u201c, wei\u00df die Forscherin, \u201eaber es ist unglaublich, wie fein die Interpretationsleistungen von Tieren in Bezug auf das menschliche Verhalten sind.\u201c<\/p>\n<p>Aber diese anderen Sinneswahrnehmungen w\u00fcrden nicht genug beforscht. Es gebe Untersuchungen \u00fcber das F\u00fchlen von Atmosph\u00e4ren oder Spannungen, wo der gesamte K\u00f6rper f\u00fcr die Sinneswahrnehmungen eingesetzt w\u00fcrde. \u201eDas m\u00fcsste man noch ein ganzes St\u00fcck mehr entdecken.\u201c Dies lange Zeit nicht getan, sei eine Art Vermeidungsgeschichte, die verhindert habe, sich ausf\u00fchrlicher mit den Wahrnehmungs- und Kommunikationsverm\u00f6gen von Tieren auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist doch eine faszinierende Angelegenheit, die uns auch interessante Kommunikationsr\u00e4ume er\u00f6ffnet\u201c, betont Baranzke, die immer auch eine grundlegende Verhaltensfrage intendiere. \u201cAuf welche Art und Weise d\u00fcrfen wir Tiere behandeln, je mehr wir dar\u00fcber erfahren, wie \u00e4hnlich sie uns sind? Insofern informieren uns diese Erkenntnisse durchaus dar\u00fcber, wie wir ad\u00e4quat mit Tieren umgehen k\u00f6nnen. Aber die Entscheidung, wie wir die Beziehung gestalten wollen, die k\u00f6nnen wir nicht Tieren \u00fcberlassen, sondern das ist unsere Willensentscheidung. Und die ist spezifisch menschlich.\u201c<\/p>\n<p>Die Spur des \u00b4Klugen Hans` verliert sich in den Wirren des Krieges. \u201e1916 sind wir mitten im ersten Weltkrieg und der wurde noch betr\u00e4chtlich durch die Beteiligung von Pferden bestritten\u201c, sagt sie zum Schluss. \u201eNicht wenige Pferde sind da zu Tode gekommen. Man vermutet, dass auch der \u00b4Kluge Hans` seinen Weg dahin genommen hat.\u201c<\/p>\n<p>Der Poet Jan Wagner hat dem \u2018Klugen Hans\u2019 eine Elegie gewidmet, und ihm so in unserem kulturellen Ged\u00e4chtnis ein Denkmal gesetzt, auch wenn er seinen Elberfelder Aufenthalt darin nicht erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte eines Pferdes mit dem Namen Hans ist auch gut ein Jahrhundert nach den eigentlichen Ereignissen sowohl f\u00fcr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch f\u00fcr Tierfreunde noch immer spannend und am\u00fcsant. Sie beginnt in Berlin und endet in \u2013 Elberfeld!\u00a0Uwe Blass erinnert daran in der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-42478","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-25 14:08:19","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42478","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42478"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42478\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":42489,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42478\/revisions\/42489"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42478"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42478"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42478"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}