{"id":42198,"date":"2021-10-10T08:24:50","date_gmt":"2021-10-10T06:24:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=42198"},"modified":"2021-10-10T08:24:50","modified_gmt":"2021-10-10T06:24:50","slug":"von-der-voelkerverstaendigung-der-schreibenden-zunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/10\/10\/von-der-voelkerverstaendigung-der-schreibenden-zunft\/","title":{"rendered":"Von der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung der schreibenden Zunft"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_42202\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-42202\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Matias-Martinez-2-1024x681.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Mat\u00edas Mart\u00ednez \/ Germanistik &#8211; \u00a9\u00a0Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p><strong>Am 05. Oktober 1921 wurde der wohl bekannteste internationale Autorenverband PEN gegr\u00fcndet. Was bedeutet PEN eigentlich und was verbirgt sich dahinter?<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00edas Mart\u00ednez: &#8222;PEN ist einerseits ein Akronym f\u00fcr \u201aPoets, Essayists, Novelists\u2018 und andererseits nat\u00fcrlich das englische Wort f\u00fcr \u201aSchreibstift\u2018. Der Name ist also ein Wortspiel, das auch als solches auf den Beruf der Mitglieder hinweist. Der Verband wurde von der englischen Romanschriftstellerin Amy Dawson Scott in London gegr\u00fcndet.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Aus welchem Grund wurde der Autorenverband ins Leben gerufen?<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00edas\u00a0Mart\u00ednez: &#8222;Er sollte nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs dem Frieden und der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung dienen, indem er Schriftstellerinnen und Schriftsteller m\u00f6glichst vieler Nationen in einer humanistischen Grundhaltung miteinander ins Gespr\u00e4ch brachte. Deshalb gab und gibt es einerseits nationale PEN-Zentren, andererseits als Dachverband den Internationalen PEN.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Der Autorenverband ist urspr\u00fcnglich aus der Friedensbewegung heraus entstanden und k\u00e4mpft mit seinen Grunds\u00e4tzen vor allem f\u00fcr Meinungsfreiheit, Pressefreiheit sowie gegen jegliche Art von Zensur. Hat er damit wirklich Einfluss? Wie politisch ist dieser Verband?<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00edas\u00a0Mart\u00ednez: &#8222;Den tats\u00e4chlichen (nicht nur erhofften und beanspruchten) Einfluss von Schriftstellern auf die reale Politik zu messen, ist schwierig. Schriftsteller sind ja keine politischen Entscheidungstr\u00e4ger und auch keine Experten, die man wegen ihres Fachwissens um Rat fragt. Andererseits ziehen sie ihre besondere, immer auch anf\u00e4llige Autorit\u00e4t gerade aus der Distanz zur Macht und zum spezialisierten Fachwissen. Schriftsteller sind selbsternannte Fachleute f\u00fcr das subjektiv erfahrene Allgemeine. Sie k\u00f6nnen versuchen, eine gesellschaftliche Atmosph\u00e4re mitzupr\u00e4gen, die dann indirekt politisch wirksam wird. Der PEN wurde in seiner Geschichte immer wieder zum Opfer der Politik, andererseits hat er durchaus Debatten gef\u00fchrt und Positionen formuliert, die gesellschaftlich geh\u00f6rt wurden. Konkrete politische Bedeutung haben die beiden PEN-Komitees \u201aWriters in Prison\u2018 und \u201aWriters in Exile\u2018, die gefangene und vertriebene Schriftstellerinnen und Schriftsteller unterst\u00fctzen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Der erste Pr\u00e4sident des PEN war der sp\u00e4tere Literaturnobelpreistr\u00e4ger John Galsworthy. F\u00fcr Politik sah er keinen Platz im Verband, das Motto lautete: \u201eNo politics, under no circumstances\u201c. Dieses Motto war aber nicht lange haltbar, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00edas\u00a0Mart\u00ednez: &#8222;Nein. Auf der Jahrestagung des internationalen PEN 1926 in Berlin forderten deutsche Schriftsteller wie Ernst Toller und Bertolt Brecht eine Politisierung des PEN. Schon in den Zwanziger Jahren mussten sich alle Mitglieder zu einer universalistischen Charta bekennen, die sich f\u00fcr Presse- und Meinungsfreiheit und gegen Zensur, Nationalismus, Klassen- und Rassendiskriminierung wandte. Mit der nationalsozialistischen Gleichschaltung der Kultur- und Literaturverb\u00e4nde 1933 f\u00fchrte diese Haltung zu Konflikten.&#8220;<\/p>\n<p><strong>In der nationalsozialistischen Zeit wurden ab 1933 alle Juden und Kommunisten aus dem deutschen Autorenverband ausgeschlossen. Der internationale PEN verurteilte das nicht. Warum nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00edas\u00a0Mart\u00ednez: &#8222;Das war eine vor\u00fcbergehende Unsicherheit, in der allerdings eine grunds\u00e4tzlich schwierige Position des PEN als internationale Organisation erkennbar wird. Bis heute versucht der PEN mal mehr, mal weniger erfolgreich, f\u00fcr seine politischen Grund\u00fcberzeugungen einzutreten und sich zugleich aus den nationalen Tagesgesch\u00e4ften herauszuhalten. Das deutsche PEN-Zentrum wurde 1933\/4 (leider auch durch die Mithilfe eines meiner Lieblingsautoren, Gottfried Benn) aufgel\u00f6st und durch eine \u201aUnion nationaler Schriftsteller\u2018 ersetzt. Als Reaktion entstand das \u201aPEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland\u2018 mit Heinrich Mann als Pr\u00e4sident.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_42205\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 383px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-42205\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/51tgWuIbcjL._SX371_BO1204203200_.jpeg\" alt=\"\" width=\"373\" height=\"499\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Heinrich B\u00f6ll-Biografie von Jochen Schubert &#8211; \u00a0\u00a9 Konrad Theiss-Verlag &#8211; ISBN-10: 380623616X &#8211; ISBN-13: 978-3806236163<\/span><\/div>\n<p><strong>1947 wurde der deutsche PEN neugegr\u00fcndet, teilte sich dann 1951 in Ost und West und kam erst wieder 1998 zu einem gemeinsamen Verband zusammen. Welche Priorit\u00e4ten vertritt er heute?<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00edas\u00a0Mart\u00ednez: &#8222;Der deutsche wie der internationale PEN verteidigen Meinungsfreiheit und bedrohte Schriftstellerinnen und Schriftsteller weltweit. Beide unterst\u00fctzten z.B. ohne Wenn und Aber Salman Rushdie im Kampf gegen die lebensbedrohliche Fatwa. Bemerkenswert ist \u00fcbrigens, wie lang es dauerte, bis die PEN-Zentren der DDR und der Bundesrepublik sich wieder zusammenschlossen. Die vielf\u00e4ltigen Diskussionen der beteiligten Schriftsteller auf dem Weg dorthin zeigen am Einzelfall der Literatur wie im Brennglas viele grunds\u00e4tzliche Probleme der deutschen Wiedervereinigung.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Der PEN International fungiert als Dachverband f\u00fcr 144 Zentren in 102 L\u00e4ndern und ist beratendes Mitglied der UNESCO. Heinrich B\u00f6ll war sogar von 1971 bis 1974 Pr\u00e4sident des internationalen PEN. Wie werden die Mitglieder eigentlich ausgew\u00e4hlt?<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00edas\u00a0Mart\u00ednez: &#8222;An der Mitgliederauswahl zeigt sich bis heute die Gr\u00fcndung des PEN nach dem Vorbild englischer Clubs: Man wird ausgeguckt. Infrage kommt, wer mindestens zwei B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht hat. Aber auch dann kann man sich nicht selbst bewerben, sondern muss von zwei Mitgliedern vorgeschlagen und von der Mitgliederversammlung gew\u00e4hlt werden. Jedes neue Mitglied muss sich ausdr\u00fccklich zu den Grunds\u00e4tzen der Charta des Internationalen PEN bekennen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00dcber\u00a0Mat\u00edas Mart\u00ednez<\/h4>\n<p>Mat\u00edas Mart\u00ednez studierte Germanistik und Philosophie an der Georg-August-Universit\u00e4t in G\u00f6ttingen und promovierte ebenda. Er habilitierte sich 2001 an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t in M\u00fcnchen und kam 2004 an die Bergische Universit\u00e4t. Hier leitet er den Lehrstuhl f\u00fcr Neuere deutsche Literaturgeschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren wurde der Autorenverband PEN gegr\u00fcndet. Der Literaturwissenschafter Mat\u00edas Mart\u00ednez von der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal erkl\u00e4rt im Interview die Hintergr\u00fcnde.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-42198","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 16:20:05","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42198","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=42198"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42198\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":42206,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42198\/revisions\/42206"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=42198"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=42198"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=42198"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}