{"id":41961,"date":"2021-10-02T11:10:24","date_gmt":"2021-10-02T09:10:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=41961"},"modified":"2022-10-27T11:18:49","modified_gmt":"2022-10-27T09:18:49","slug":"bergische-transfergeschichten-die-faszination-der-unterwelten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/10\/02\/bergische-transfergeschichten-die-faszination-der-unterwelten\/","title":{"rendered":"\u201eBergische Transfergeschichten\u201c: Die Faszination der Unterwelten"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\"><\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<div id=\"attachment_41983\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-41983\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Tom-Tykwer-2-1024x736.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"736\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Wuppertaler Erfolgs-Regisseur Tom Tykwer (r.) mit den Darstellerinnen Liv Lisa Fries (l. &#8211; Charlotte Ritter) und Irene B\u00f6hm (Toni Ritter) &#8211; \u00a9 Babylon Berlin<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Die Literaturwissenschaftlerin spricht in den Bergischen Transfergeschichten u. a. \u00fcber den Reiz verschiedener Lebenswelten und eine internationale Tagung, die sich vom 7. bis 9. Oktober an der Bergischen Universit\u00e4t unter dem Titel \u201eUrbane Subkulturen\u201c mit der Faszination subkultureller Ph\u00e4nomene in Literatur und Film des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Was sind urbane Subkulturen? \u201eQua Begriff zun\u00e4chst einmal etwas Negatives\u201c, beginnt die Wissenschaftlerin. \u201eIm Deutschen ist \u2013 wie auch in anderen Sprachen \u2013 Kultur r\u00e4umlich semantisiert. So unterscheiden wir klar zwischen ,Hochkultur\u2018 und ,Subkultur\u2018.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Erstere ist irgendwo im Olymp anzusiedeln, dort, wo beispielsweise Goethe, Tschaikowsky, Picasso oder Bernini verortet werden \u2013 in f\u00fcr Normalsterbliche unerreichbaren H\u00f6hen.\u201c Das bedeute, Hochkultur sei museumsw\u00fcrdig, werde in den gro\u00dfen Konzerts\u00e4len dieser Welt zu Geh\u00f6r gebracht, auf den B\u00fchnen traditionsreicher Theater dargeboten oder in renommierten Verlagen ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Subkultur befinde sich weit, weit darunter, denn Subkulturen seien Lebens- und Verhaltensweisen von Randgruppen. Meyer f\u00e4hrt fort: \u201eIn den wachsenden europ\u00e4ischen Gro\u00dfst\u00e4dten des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts, so auch in Berlin, konnten sie sich in vielf\u00e4ltigen Formen entwickeln und unterschiedliche Lebensstile pflegen, und zwar in deutlicher Abgrenzung von gesellschaftlichen Normen und Tabus, vom Mainstream, wie man heute sagen w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_41963\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 509px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-41963\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Foto_Meyer_Anne-Rose_Transferstory-1024x698.jpeg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"340\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Anne-Rose Meyer &#8211; \u00a9 Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Angeh\u00f6rige von Subkulturen h\u00e4tten ein deutlich schlechteres Ansehen als Sch\u00f6pfer von Hochkultur oder deren Publikum. Sie st\u00fcnden damit merklich tiefer auf der sozialen Stufenleiter und besetzten st\u00e4dtische R\u00e4ume, die bisweilen ganz unten zu finden seien wie das Souterrain, Kellerbars oder die Metro. \u201eHier ist ein kulturell fruchtbarer Untergrund zu finden, aber auch die kriminelle Unterwelt.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28718\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<h4 class=\"bodytext\">Bad guys und bad girls sind spannend<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Dass sich die Literatur schon immer mit einzelnen Personen aus Randgruppen besch\u00e4ftigt hat, kann man in der Weltliteratur leicht feststellen, aber gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts widmen Schriftsteller und Filmemacher diesen gesellschaftlich nicht akzeptierten Lebenswelten einen breiten Raum.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eBad guys und bad girls sind spannend\u201c, erkl\u00e4rt Meyer, \u201evermutlich, weil sie maximal weit von unserer eigenen Lebenswelt entfernt sind und neue Perspektiven auf das 20. Jahrhundert bieten. Da geht es uns in der Wissenschaft nicht anders als Millionen von Krimi- und Thrillerfans weltweit. Bestimmte subkulturelle Ph\u00e4nomene kehren wieder, sind also auch in unserer Zeit einflussreich.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDas Leben von Drogens\u00fcchtigen, Prostituierten, Boh\u00e9miens und generell die prek\u00e4re Situation der unteren Schichten wurde vom 19. Jahrhundert an literaturw\u00fcrdig und f\u00fcr breite Kreise interessant. In den Metropolen entwickelten sich sp\u00e4testens Anfang des 20. Jahrhunderts schwul-lesbische Szenen mit entsprechenden Treffpunkten. All dies ist f\u00fcr Geisteswissenschaftler und Kulturhistoriker wichtig, weil wir uns fragen, warum viele subkulturelle Ph\u00e4nomene damals \u00fcberhaupt so popul\u00e4r geworden sind und es zeitweise Jahrzehnte sp\u00e4ter wieder werden.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_41986\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 507px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-41986\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Liv-Lisa-Fries-2-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"497\" height=\"331\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Liv Lisa Fries alias Charlotte Ritter &#8211; \u00a9 Babylon Berlin<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Eine m\u00f6gliche Antwort sieht sie daher gerade im Gegensatz, \u201eweil Subkulturen von Normen und Tabus abweichen, weil sie Normen und Tabus aber auch immer wieder best\u00e4tigen. Das Aufkommen von Subkulturen gleich welcher Auspr\u00e4gung hat grunds\u00e4tzlich immer mit Konflikten zwischen unterschiedlichen Wertvorstellungen zu tun \u2013 zwischen Individualit\u00e4t und Konformit\u00e4t beispielsweise, zwischen Hedonismus und Askese, Egoismus und Gemeinsinn, Anpassung und Emanzipation, Tradition und Innovation. Die Aufz\u00e4hlung lie\u00dfe sich fortsetzen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">An dieser Stelle beginne dann auch die Aufgabe der historisch arbeitenden Geisteswissenschaften, die aus verschiedenen Blickwinkeln vergangene Lebenswelten erforschten und deren Einfluss auf uns heute vermittelten. \u201eDie bildenden K\u00fcnste, Musik-, Literatur- und Filmwissenschaften untersuchen, wie unterschiedliche Subkulturen dargestellt wurden und welche Wirkungen ihre k\u00fcnstlerische Gestaltung hatte.\u201c Besonders das damals noch junge Medium Film b\u00f6te dabei vielf\u00e4ltige Einblicke von Lebenswirklichkeit f\u00fcr eine breite Diskussion.<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Babylon Berlin<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Ein Programmpunkt der Tagung \u201eUrbane Subkulturen\u201c, die Prof. Dr. Anne-Rose Meyer mit organisiert hat, besch\u00e4ftigt sich auch mit der viel diskutierten Serie Babylon Berlin des Wuppertaler Regisseurs Tom Tykwer. Dazu Meyer: \u201eBabylon Berlin zeigt das Berlin der 1920er Jahre in einer \u00fcberaus echt wirkenden Weise. Kost\u00fcme, Schaupl\u00e4tze, Maske, Ger\u00e4usche \u2013 alles verstr\u00f6mt Charme und Schrecken dieser Zeit. Alle gesellschaftlichen Schichten werden in sorgf\u00e4ltig komponierte Bilder gesetzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die politische Radikalisierung in der Endphase der ,Goldenen Zwanziger\u2018 wird deutlich sichtbar. Elende Arbeiterquartiere und schmierige Bordelle sind ebenso Schaupl\u00e4tze wie Szenebars und palastartige Wohnst\u00e4tten der Superreichen.\u201c Diese vielf\u00e4ltigen Aspekte von Subkulturen waren f\u00fcr die Forscherin und ihre Kollegen Wolfgang Lukas und R\u00fcdiger Nutt-Kofoth ein wichtiger Grund, die Serie auf dieser Tagung zum Thema zu machen. Die Teilnehmer wollen auch ergr\u00fcnden, inwieweit hier Geschichte in zutreffender Weise gestaltet werde oder ob es sich um die Konstruktion einer eigenen filmischen Realit\u00e4t handele.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Hochschultagung \u201eUrbane Subkulturen in Literatur und Film des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts\u201c macht sich am Ende mit einer geleiteten Stadtf\u00fchrung auch ein Bild zu Wuppertals Subkulturen und da gibt es nach Anne-Rose Meyers Meinung einiges zu entdecken.<\/p>\n<div id=\"attachment_41987\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 520px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-41987\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Volker-Bruch-2-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"510\" height=\"340\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Volker Bruch alias Gereon Rath &#8211; \u00a9 Babylon Berlin<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">\u201eMit einem Blick in die Geschichte kann man unser Wuppertal durchaus als gro\u00dfst\u00e4dtischen Raum bezeichnen. 1905 z\u00e4hlte es mit den beiden Schwesterst\u00e4dten Elberfeld und Barmen zu den zehn bev\u00f6lkerungsreichsten Gebieten im Deutschen Kaiserreich und galt als eines der f\u00fchrenden Textilzentren Europas. Heute firmiert das seit 1929 vereinigte urbane Gebilde Wuppertal als die Metropole des Bergischen Landes.<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Suburbane Entwicklungen in Wuppertal<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Die suburbanen Entwicklungen der Stadt lassen sich nach ihrer Meinung kontinuierlich vom fr\u00fchen 20. Jahrhundert bis in die Neuzeit erkennen. \u201eDa gibt es vor 1900 die ersten hier gegr\u00fcndeten Arbeiterorganisationen, aus denen die SPD hervorging und die in den Jahren der ber\u00fcchtigten Bismarck\u2019schen ,Sozialistengesetze\u2018 unerbittlich verfolgt wurden. In der fr\u00fchen Weimarer Republik entwickelte Elberfeld sich zum westdeutschen Zentrum antidemokratischer und v\u00f6lkisch-nationaler Bewegungen. Adressb\u00fccher der Stadt zeugen von einer regen Szene aus Nachtbars und Clubs, von der sicher auch Wuppertals Halbwelt magisch angezogen gewesen sein d\u00fcrfte.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Und nach 1945 wird es noch deutlicher: \u201eAn der Hofaue, ehemals einer der bedeutendsten Textilhandelsstandorte in Deutschland, etablierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg Wuppertals Rotlichtviertel\u201c, berichtet sie. \u201eIn den 1950er- und 1960er Jahren geh\u00f6rte Wuppertal zu den Zentren der k\u00fcnstlerischen Avantgarde: Nicht nur die Fluxus und Happeningkunst, sondern auch der Free Jazz sind mit der Stadt aufs Engste verbunden.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">J\u00fcngere Menschen kennen dagegen meist die Szene der sogenannten Wuppertaler Altstadt. \u201eIn der Luisenstra\u00dfe, im fr\u00fcher sogenannten Bermuda-Dreieck zwischen \u201aKatzengold\u2018, \u201aLuisencaf\u00e9\u2018, \u201aCaf\u00e9 du Congo\u2018 und \u201aK\u00f6hlerliesl\u2018, verkehrten in den 1980er Jahren alle damals g\u00e4ngigen Jugendmilieus, z. B. Popper, Waver, Punks und M\u00fcslis \u2013 streng getrennt nach Kneipen mit entsprechender Musik.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Daneben hat die Stadt heute zahlreiche migrantische und postmigrantische Subkulturen, ein queeres Zentrum und diverse K\u00fcnstlerinitiativen. Die Autonome Szene ist hier aktiv, ebenso wie Zionisten, Pietisten, katholische Gesellenvereine, aber auch Salafisten.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Bereichert wird die Tagung durch eine Lesung des Autors Volker Kutscher am 7. Oktober um 19 Uhr im Musiksaal der Bergischen Universit\u00e4t. Kutschers Gereon-Rath-Roman-Reihe ist die Vorlage f\u00fcr die Filmserie Babylon Berlin.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAutorinnen und Autoren und Regisseurinnen und Regisseure machen das Spektrum menschlicher W\u00fcnsche, Begierden und Sehns\u00fcchte sichtbar, die nicht mit der jeweiligen gesellschaftlichen Norm \u00fcbereinstimmen\u201c, sagt Prof. Dr. Anne-Rose Meyer.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-41961","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-27 09:09:05","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41961"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":56320,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41961\/revisions\/56320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}