{"id":40950,"date":"2021-09-04T12:24:32","date_gmt":"2021-09-04T10:24:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=40950"},"modified":"2021-09-04T12:24:32","modified_gmt":"2021-09-04T10:24:32","slug":"bergische-transfergeschichten-hexen-im-wandel-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/09\/04\/bergische-transfergeschichten-hexen-im-wandel-der-zeit\/","title":{"rendered":"\u201eBergische Transfergeschichten\u201c: Hexen im Wandel der Zeit"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_40952\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-40952\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Foto_Meyer_Anne-Rose-1024x675.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"675\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Hexen-Expertin&#8220; Dr. Anne-Rose Meyer &#8211; \u00a9 Friedrike von Heyden<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">\u00dcber das Buch und seine Inhalte, was die Hexenverfolgung mit dem Klima zu tun hatte und \u00fcber die Entwicklung des Hexenbildes in der Literatur spricht Germanistin Prof. Dr. Anne-Rose Meyer von der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal in den Bergischen Transfergeschichten.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28671\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">Zwischen 1550 und 1650 kann man den H\u00f6hepunkt der Hexenverfolgung in Europa ausmachen. In dieser Zeit wurden tausende Frauen brutal ermordet, weil sie sich nicht gegen Beschuldigungen wehren konnten. Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese barbarischen Handlungen lassen sich nach Einsch\u00e4tzung von Meyer nicht so einfach erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201e\u00dcberraschenderweise hat aber wohl das Wetter, genauer: die ,Kleine Eiszeit\u2018, damit zu tun\u201c, beginnt sie. \u201eZwischen dem fr\u00fchen 14. und dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert wurde es an vielen Orten auf der Welt, so auch in Mitteleuropa, ziemlich ungem\u00fctlich, vor allem in der Kernphase dieser K\u00e4lteperiode zwischen 1560 und 1630. Die Sommer waren k\u00fchl und feucht, die Winter hart und lang. H\u00e4ufig gab es starke St\u00fcrme. Man kann sich vorstellen, was das f\u00fcr die damals noch nicht industrialisierte Landwirtschaft bedeutete: bestenfalls geringe Ertr\u00e4ge, aber oft auch Ausf\u00e4lle ganzer Ernten. Dies f\u00fchrte zu enormen Teuerungen, zu Hunger und der wiederum in der geschw\u00e4chten Bev\u00f6lkerung zur Ausbreitung von Seuchen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Menschen suchten nach Schuldigen und viele Betroffene nahmen an, Opfer von Hexerei geworden zu sein. So h\u00e4tten Hexen das Wetter beeinflusst und gezielt durch Unwetter, Regen und Frost die Ernten vernichtet. \u201eKrisenerfahrungen und der Glaube an Hexerei stehen wohl in unmittelbarem Zusammenhang\u201c, sagt Meyer. \u201eSicher ist, dass die schwierigen, unsicheren Lebensbedingungen wie Desolidarisierung, Verrohung und Gewalt die Verfolgungen stark beg\u00fcnstigten.\u201c<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">D\u00e4monisierung von Menschen<b><br \/>\n<\/b><\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Auf die Frage, ob mit der ,Hexenjagd\u2018 das B\u00f6se schlechthin bek\u00e4mpft werden sollte, antwortet Dr. Anne-Rose-Meyer: \u201eDas B\u00f6se schlechthin gibt es nicht. Als b\u00f6se kann etwas nur innerhalb eines bestimmten kulturell und historisch wandelbaren Bezugssystems bewertet werden. Das kann vieles sein: etwas, das mich in unangenehmer Weise betrifft, wie Leid, Krankheit, Tod, ein Unheil, Krieg. Das B\u00f6se kann aber auch etwas sein, das ich durch mein Handeln selbst verantworte, etwa, weil ich willentlich und wissentlich gegen Regeln einer bestimmten Moral versto\u00dfen habe, weil ich ungerecht bin, jemand anderem bewusst schade usw.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Anne-Rose Meyer weiter: &#8222;Unerkl\u00e4rliche Ph\u00e4nomene werden von alters her durch das Wirken guter oder b\u00f6ser Geister erkl\u00e4rt. Unter anderem daraus entwickelten sich bekanntlich Religionen. Im Fall der Hexenjagd k\u00f6nnen wir sagen, dass die D\u00e4monisierung von Menschen als Hexen eine Form war, schwierige Lebensumst\u00e4nde zu bew\u00e4ltigen und Schuldige daf\u00fcr zu finden.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_40955\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 362px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-40955\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/51jsEkv5c-L._SX350_BO1204203200_.jpg\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"499\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Hexenhammer&#8220; &#8211; \u00a9 BoD \u2013 Books on Demand<br \/>ISBN-10 : 3749431264<br \/>ISBN-13 : 978-3749431267<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Innerhalb eines christlich orientierten Weltbildes liege darin sogar eine gewisse Logik, denn es w\u00fcrden Zusammenh\u00e4nge geschaffen, Kausalketten gebildet, und es sei keinesfalls der ,liebe Gott\u2018 f\u00fcr Hunger, Not, Krankheit und Tod verantwortlich.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">1486 erschien ein Buch, dass zigtausenden Menschen den Tod brachte: Der \u201eHexenhammer\u201c. \u201eIn seinem ,Malleus maleficarum\u2018 \u2013 so der lateinische Originaltitel \u2013 legitimierte Kramer die Hexenverfolgung und f\u00f6rderte diese dadurch\u201c, erkl\u00e4rt Anne-Rose Meyer und f\u00e4hrt fort: \u201eDas Buch lieferte die Definition, was eine Hexe sei. Zun\u00e4chst einmal eine Frau. Das Hexenwesen sei weiblich. Von m\u00e4nnlichen Zauberern ist nur am Rande die Rede. In dem Buch dominiert ein misogyner (frauenfeindlicher) Diskurs: Frauen seien sexuell uners\u00e4ttlich und f\u00fcr alle Formen von \u201aschwarzer Magie\u2018 deutlich anf\u00e4lliger als M\u00e4nner. Deswegen st\u00fcnden sie nicht selten mit D\u00e4monen im Bunde. Von Geburt an defizit\u00e4r, seien Frauen im Glauben weniger fest und darauf aus, sich M\u00e4nner zu Willen zu machen, notfalls mit Hilfe des Teufels. W\u00e4hrend M\u00e4nnern die Welt der Wissenschaft offenst\u00fcnde, m\u00fcssten Frauen sich mit Magie behelfen und richteten Schaden an. Kramer definiert die magischen Praktiken von Hexen, die meist mit Sexualit\u00e4t zu tun h\u00e4tten, und erl\u00e4utert und beschreibt das Vorgehen bei Hexenprozessen.\u201c<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Hexen in der Literatur<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Auch die Literatur hat sich weltweit dem Ph\u00e4nomen der Hexen angenommen. Meyer bot dazu bereits ein Seminar unter dem Titel \u201eDas B\u00f6se ist weiblich\u201c an, untersuchte Texte von Goethe bis Updike und sagt: \u201eSchriftstellerinnen und Schriftsteller waren und sind von Hexen fasziniert. Wir finden sie in unterschiedlicher Gestalt rund um den Globus: in der russischen ebenso wie in der franz\u00f6sischen, in der anglophonen wie in asiatischen und afrikanischen Literaturen und an vielen anderen Orten.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In der deutschsprachigen Literatur kenne man etwa die verf\u00fchrerische, unheilbringende Frau, eine Spielart der femme fatale, die mit Hilfe von Magie M\u00e4nner manipuliere. Ludwig Tieck beschreibe einen solchen Typus 1808 in seiner blutig endenden Novelle Liebeszauber.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDann gibt es die d\u00e4monische, h\u00e4ssliche, angsteinfl\u00f6\u00dfende Alte, wie sie Jacob und Wilhelm Grimm in H\u00e4nsel und Gretel unsterblich gemacht haben. Leider\u201c, bedauert Meyer, \u201emuss man sagen, denn sie haben dadurch ein sehr stabiles, diskriminierendes Frauenbild implementiert. Das ist auch noch in der Literatur sp\u00e4terer Jahrhunderte pr\u00e4sent, nicht nur in der deutschen, wie z. B. bei Roald Dahl in The Witches (deutsch: Hexen hexen, 1983) und in M\u00e4rchen anderer Sprachen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Goethe wiederum beschreibe in Faust I Hexen als durchaus vitale, sinnenfreudige Teufelsbegleiterinnen, deren Sph\u00e4re von der der meisten Menschen deutlich getrennt sei, w\u00e4hrend Theodor Fontane 1880 sie in seiner ber\u00fchmten Ballade &#8218;Die Br\u00fccke am Tay&#8216; als zerst\u00f6rerische Kr\u00e4fte darstelle. Sie verd\u00fcrben und t\u00f6teten freudig Menschen und w\u00fcrden zur Allegorie unbezwingbarer Schicksalsm\u00e4chte.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auch im Bergischen Land gibt es Spuren von Hexen. In Solingen gab es einen Hexentanzplatz, die Hexe von Eulswag soll den Schleifern im Kirschberger Kotten das \u00d6l ausgetrunken haben und bezahlte mit ihrem Leben und der Hexenbrunnen in Odenthal erinnert an die dort verbrannten Hexen. Sie werden quasi S\u00fcndenb\u00f6cke f\u00fcr alles, was der Mensch nicht erkl\u00e4ren konnte. \u201eFrauen bzw. M\u00e4dchen waren und sind vielerorts noch immer die vulnerabelste gesellschaftliche Gruppe\u201c, erkl\u00e4rt Meyer.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eIn unserer Kultur waren vor allem \u00e4ltere Frauen, die nicht unter m\u00e4nnlicher Schutzherrschaft standen, wie etwa Witwen oder auch j\u00fcngere alleinstehende Frauen \u00fcber Jahrhunderte vielerorts quasi Freiwild. Es ist also kein Wunder, dass bei der Suche nach einem Schuldigen f\u00fcr diverse Missst\u00e4nde die Wahl vornehmlich auf Frauen fiel. Zumal diese durch das unselige Wirken der Kirchen sowieso kein gutes Image hatten.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im 20. Jahrhundert hat sich der Hexenbegriff gewandelt. Es geht nicht mehr um das verfolgte Opfer, sondern um erstarkte Frauen, die ihre Rechte einfordern. W\u00e4hrend der Frauenbewegung in den 1960er und 1970er Jahren schl\u00fcpften Frauen in Frankreich und Italien z. B. in die Rolle der Hexen. In den USA formierte sich im Januar 1968 der \u201eWitch Block\u201c gegen die Wahl von US-Pr\u00e4sident Richard Nixon. Ihnen wurden Mut, Aggressivit\u00e4t, Intelligenz, Unabh\u00e4ngigkeit und sexuelle Freiheit attestiert.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eHexen waren und sind ein Faszinosum, mit deren angeblich realer Existenz auch in der Popul\u00e4rkultur immer noch gespielt wird\u201c. Wir finden Hexen heute f\u00fcr jede Altersgruppe in unterschiedlichen Bereichen. \u201eSie k\u00f6nnen gut und niedlich sein und machen sich gut als Hauptfiguren in Kinderliteratur. Serien wie Charmed und vergleichbare Buchpublikationen sprechen mit psychologisch komplexen, mit magischen F\u00e4higkeiten ausgestatteten und m\u00e4chtigen weiblichen Figuren Jugendliche an. Ein literarisches Beispiel f\u00fcr eine gute Hexe ist Hermine Granger aus den Harry Potter-Romanen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Hexen treten aber immer noch als nur schwer zu besiegende Gruselgestalten auf, etwa in TV-Serien wie Grimm oder The Witch Hunter oder in Romanen wie Wolfgang Hohlbeins Die Moorhexe.\u201c Sie f\u00f6rderten zudem den Fremdenverkehr, was man gut im Harz beobachten k\u00f6nne, wo die Walpurgisnacht nach wie vor ein gro\u00dfes Event sei. \u201eIn S\u00fcddeutschland werden zur Fasnacht traditionell Hexenmasken getragen. Auch deswegen werden Sagen und M\u00e4rchen, in denen Hexen auftreten, heute noch gedruckt und gelesen.\u201c<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Neue Bedeutungen vor real-historischem Hintergrund<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDie moderne Hexe gibt es nicht\u201c, sagt Meyer, denn Hexen seien Fantasmen und Mythen, die keine reale Entsprechung h\u00e4tten. \u201eSie tragen immer die Last von Jahrhunderte alten Zuschreibungen mit sich, ihnen werden aber immer auch neue Bedeutungen verliehen. Diese Ver\u00e4nderungen sind es, die mich als Literatur- und Kulturwissenschaftlerin interessieren. Dabei ist es wichtig, nicht den real-historischen Hintergrund zu vergessen: Zehntausende Frauen wurden in ganz Europa vom Mittelalter bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert Opfer der Inquisition und anderer Formen der Hexenverfolgung. Sie waren schutz- und machtlos, wurden brutal gefoltert, um ihren Besitz gebracht und h\u00e4ufig auch ermordet. Rebellinnen waren diese Frauen ganz sicher nicht.\u201c<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1486 ver\u00f6ffentlichte der Dominikanerm\u00f6nch Heinrich Kramer das Buch \u201eMalleus maleficarum\u201c, besser bekannt unter dem Titel \u201eHexenhammer\u201c, das bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in einer Auflage von 30.000 St\u00fcck erschien. Er f\u00f6rderte damit die Hexenverfolgung, bei der in Europa nach heutigen Sch\u00e4tzungen bis zu 60.000 Menschen, vorwiegend Frauen, den Tod durch Folter und Scheiterhaufen fanden.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-40950","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 07:12:11","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40950","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=40950"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40950\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40956,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40950\/revisions\/40956"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=40950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=40950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=40950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}