{"id":40791,"date":"2021-09-01T11:40:22","date_gmt":"2021-09-01T09:40:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=40791"},"modified":"2021-09-04T11:49:53","modified_gmt":"2021-09-04T09:49:53","slug":"transfergeschichten-israel-sehnsucht-nach-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/09\/01\/transfergeschichten-israel-sehnsucht-nach-ruhe\/","title":{"rendered":"\u201eTransfergeschichten\u201c: Israel &#8211; Sehnsucht nach Ruhe"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_40795\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 904px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-40795\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Transferstory_Carsten_Schliwski_Ausschnitt.jpeg\" alt=\"\" width=\"894\" height=\"637\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Carsten Schliwski &#8211; \u00a9\u00a0Foto Lennart Mehrwald<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Welche das sind, dar\u00fcber spricht der Wissenschaftler in den Bergischen Transfergeschichten. Carsten Schliwski studierte Judaistik, Islamwissenschaft und Geschichte in K\u00f6ln und Jerusalem.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Experte erz\u00e4hlt: \u201eAls ich vor 25 Jahren zum ersten Mal in Israel war, waren die Israelis sehr unzufrieden mit dem Zustand ihres Staates, weil es einfach nicht gelungen war, irgendeine Form von Frieden zu bekommen. An die h\u00e4ufigen Attentate, die das Land immer wieder ersch\u00fcttern, kann sich kein Israeli jemals gew\u00f6hnen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Diese Sehnsucht nach Ruhe sei sp\u00fcrbar, die Frage sei nur, zu welchen Bedingungen, ob durch einen Kompromiss der beteiligten Parteien oder durch Zwang von au\u00dfen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28651\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">Die Planungen, die letztendlich zur Staatsgr\u00fcndung 1948 f\u00fchrten, umfassten lediglich f\u00fcnfzig Jahre und begannen mit dem ersten zionistischen Kongress 1897. Man m\u00fcsse dabei bedenken, erkl\u00e4rt der Wissenschaftler, dass es hierbei nicht um eine Entkolonialisierung ging, sondern um ein Projekt, mit welchem man versuchte, die Juden wieder ins Heilige Land zu bringen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDa waren die politischen Rahmenbedingungen auch andere, als wenn man eine autochthone Bev\u00f6lkerung in die Unabh\u00e4ngigkeit entl\u00e4sst, wie es beispielsweise bei der Dekolonisierung Afrikas der Fall war.\u201c Als Voraussetzung daf\u00fcr mussten sich Juden nicht nur als eine Religions- oder Gesetzesgemeinschaft, sondern als eine Nation verstehen.<\/p>\n<h4>Belgien, Griechenland und Italien als Vorbild<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Die Bildung anderer Nationalstaaten wie Belgien, Griechenland oder Italien im 19. Jahrhundert dienten somit als wegweisendes Vorbild, durch das sich ein nationalstaatliches Bewusstsein erst entwickeln konnte.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die ma\u00dfgebliche Grundlage f\u00fcr die Errichtung des Staates Israel war die sogenannte Balfour-Deklaration, die im Ursprung etwas ganz Anderes bewirken sollte. Darin erkl\u00e4rte sich Gro\u00dfbritannien am 2. November 1917 einverstanden, in Pal\u00e4stina eine \u201enationale Heimst\u00e4tte\u201c des j\u00fcdischen Volkes zu errichten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Earl Arthur James Belfour, nach dem diese Erkl\u00e4rung benannt ist, versuchte damit die USA zum Eintritt in den ersten Weltkrieg zu bewegen. Seiner Meinung nach kontrollierten die Juden damals das amerikanische Pressewesen, sodass die Deklaration f\u00fcr ihn, der auch als Antisemit bekannt war, politisches Kalk\u00fcl bedeutete.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDie Briten fuhren eigentlich sogar dreigleisig\u201c, erg\u00e4nzt Schliwski. \u201eNeben der Zusicherung der Unterst\u00fctzung durch die Juden gab es auch ein Abkommen mit den Haschimiten, ein gro\u00dfes arabisches Reich zu gr\u00fcnden, und es gab die Bestrebungen, den Nahen Osten zwischen Frankreich und Gro\u00dfbritannien aufzuteilen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Belfour wollte vor allem Verb\u00fcndete gewinnen, \u201edoch das war auch ein Teil, der den Konflikt sp\u00e4ter verursachte, weil die unterschiedlichen Versprechen nicht eingehalten werden konnten\u201c. Obwohl diese Deklaration lediglich eine Heimst\u00e4tte f\u00fcr das j\u00fcdische Volk errichten wollte, wurde sie de facto die Voraussetzung zur Gr\u00fcndung des Staates Israel, den auch die Vereinten Nationen 1947 in ihrem Teilungsplan anerkannten.<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Gottesf\u00fcrchtig bedeutet nicht unbedingt friedlich<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Israel besteht zu 75 Prozent aus einer j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung, einer gottesf\u00fcrchtigen Bev\u00f6lkerung, wie man allgemein annimmt, doch ist das tats\u00e4chlich so? \u201eIch tue mich mit dem Begriff gottesf\u00fcrchtiges Volk ziemlich schwer\u201c, sagt der 50j\u00e4hrige. \u201eDie meisten Juden sind nicht orthodox und auch nicht gottesf\u00fcrchtig, jedenfalls nicht mehr als die meisten Christen, die meisten Muslime usw.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Idee eines friedlichen, ruhigen Lebens sei da und \u201egottesf\u00fcrchtig\u201c bedeute nicht unbedingt friedlich. Im Gegenteil, es k\u00f6nne auch aggressiv oder egoistisch in dem Sinne bedeuten, f\u00fchrt er aus, dass man das eigene Recht \u00fcber das des anderen stelle, weil man den entsprechenden Glauben habe.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eWarum es dort seit Jahrzehnten Krieg gibt, eigentlich schon vor der Gr\u00fcndung des Staates Israel, hat letztlich den Grund, dass es bis heute nicht gelungen ist, ein Abkommen zu erreichen, dass beiden Seiten genug Vorteile bringt, um einen Frieden einzuhalten.\u201c Deshalb sei auch in absehbarer Zukunft mit keinem Friedensabkommen zu rechnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nach einer Studie aus dem Jahr 2015 erkl\u00e4rten sich 65 Prozent der Israelis als nicht religi\u00f6s oder atheistisch. Die Religion spiele dennoch eine gro\u00dfe Rolle, erkl\u00e4rt Schliwski, \u201edenn sie ist auch bei den nichtreligi\u00f6sen Israelis ein gro\u00dfer Teil ihrer Identit\u00e4t. Sie wird als kulturelle Identit\u00e4t empfunden, d. h. Jude ist man, weil man sich der j\u00fcdischen Tradition verbunden f\u00fchlt\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das bedeute nicht unbedingt, dass man die Thora einhalte, oder an Gott glaube, sondern dass man eine bestimmte Lebensweise lebe und diese Lebensweise von den Traditionen des Judentums bestimmt sei. \u201eDie Religiosit\u00e4t spielt eine gro\u00dfe Rolle, das kennen wir auch aus anderen L\u00e4ndern. Der Einfluss der Religi\u00f6sen steigt und damit auch deren Anspr\u00fcche.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Israel hat den Ruf, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Die Regierungsverh\u00e4ltnisse sind schwierig, Netanjahu hat viel Vertrauen verspielt. K\u00f6nnte sich Israel gar zu einem Halacha-Staat \u2013 die Halacha ist der rechtliche Teil der \u00dcberlieferung des Judentums und umfasst 613 Gebote \u00fcber Br\u00e4uche, Traditionen und allgemeine Rechtsgrunds\u00e4tze sowie weitere daraus entwickelte Regeln \u2013 entwickeln?<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDas glaube ich nicht,\u201c betont Schliwski, \u201ewas den Staat angeht, spielt in Israel im Augenblick weniger die religi\u00f6se Komponente als vielmehr die festgefahrene Situation zwischen rechten und linken politischen Parteien eine Rolle. Israel ist deutlich in zwei Lager gespalten.\u201c<b>\u00a0<\/b><\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Die Hoffnung auf Frieden<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Auf die Frage, ob aufgrund der politischen Lage \u00fcberhaupt jemals ein Frieden in Israel m\u00f6glich sei, muss der Judaist und Islamwissenschaftler erst einmal nachdenklich st\u00f6hnen und sagt dann: \u201eIm Augenblick frage ich mich, wie lange die jetzige Koalition halten wird. Au\u00dfenpolitisch in Bezug auf die arabischen Staaten und die Pal\u00e4stinenserfrage hat die Koalition ganz unterschiedliche Ansatzpunkte. Ich sehe da keine einheitliche Linie f\u00fcr Friedensverhandlungen von der israelischen Seite.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Aber man m\u00fcsse auch \u00fcber die Pal\u00e4stinenser reden, denn die seien selber zweigeteilt. \u201eMan hat den Gazastreifen, der von der Hamas beherrscht wird. Mit ihnen wird es kein Friedensabkommen geben, denn sie ben\u00f6tigen den Kriegszustand mit Israel zur eigenen Legitimation.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Und wir haben die PLO (Pal\u00e4stinensische Befreiungsorganisation), die immer noch im Westjordanland herrscht und sich in den letzten 10 bis 15 Jahren nicht wirklich in Richtung Friedensverhandlungen bewegt hat. Sie waren eher damit besch\u00e4ftigt, die eigene Bev\u00f6lkerung ruhig zu stellen, weil die Gefahr einer Macht\u00fcbernahme durch die Hamas auch im Westjordanland vorhanden ist. Sie haben s\u00e4mtliche Ideen von Israel immer wieder abgeblockt.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Zwar sehe er momentan keine Bereitschaft zu einem wirklichen Friedensschluss, aber unter Rabin seien damals auch wieder Gespr\u00e4che gef\u00fchrt worden, die keiner f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte. Insofern k\u00f6nne sich die Situation auch immer wieder schnell \u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die scheinbare Unm\u00f6glichkeit des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Glaubensgruppen habe nach Schliwskis Meinung zum Teil auch damit zu tun, dass es Glaubensgruppen gebe, die einen absolutistischen Anspruch h\u00e4tten. \u201eJeder versucht m\u00fchsam sein eigenes Territorium zu wahren und die Idee eines Kompromisses kommt da nicht wirklich gut an. Aber dieser Konflikt hat nicht nur etwas mit Glaubensfragen zu tun. Es geht eben auch um politische und \u00f6konomische Interessen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Daher stellt der Wissenschaftler folgende Frage: \u201eW\u00fcrde es die pal\u00e4stinensische Seite wirklich religi\u00f6s interessieren, dass der Staat Israel weiterhin da ist, wenn es ihnen \u00f6konomisch besser ginge, wenn sie genug Arbeitspl\u00e4tze, genug Wohlstand h\u00e4tten?\u201c<\/p>\n<h4>Religi\u00f6se Gr\u00fcnde treten in den Hintergrund<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Die religi\u00f6sen Argumente w\u00fcrden dann in den Hintergrund treten. Vieles werde religi\u00f6s argumentiert, hinge aber vielfach doch von den Lebensumst\u00e4nden ab. Das Problem der pal\u00e4stinensischen Fl\u00fcchtlinge z. B. werde von Generation zu Generation sogar mit Unterst\u00fctzung der Vereinten Nationen weitergegeben. Aus Fl\u00fcchtlingslagern wurden St\u00e4dte, in denen Gefl\u00fcchtete in der vierten Genration leben. Diese Menschen h\u00e4tten Haifa oder Jaffa niemals gesehen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDas l\u00f6st nat\u00fcrlich Konflikte aus, denn jede Vertreibung ist Unrecht\u201c, stellt Schliwski fest. \u201eDabei gibt es immer wieder Vorschl\u00e4ge. Eine M\u00f6glichkeit eines Friedensabkommens w\u00e4re es, wenn man die Vertriebenen gegeneinander aufrechnet, denn es sind nicht nur ca. 800.000 Pal\u00e4stinenser aus ihren St\u00e4dten, sondern ungef\u00e4hr ebenso viele Juden aus den arabischen L\u00e4ndern vertrieben worden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Statt jetzt von Israel Entsch\u00e4digungen und ein R\u00fcckkehrrecht zu fordern, sollten die Pal\u00e4stinenser, so die Idee, von den arabischen Staaten, die die Juden vertrieben haben, die Entsch\u00e4digung erhalten. Israel bekommt keine Entsch\u00e4digung, denn sie haben die Leute integriert. Damit h\u00e4tte man schon einen Gro\u00dfteil des Konfliktes entsch\u00e4rft.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eWenn ich mir die junge Generation in Israel anschaue\u201c, res\u00fcmiert er, \u201edann haben sie Interesse daran, ihr Geld zu verdienen und ansonsten zu leben, zu feiern und alles das zu machen, was man hier auch macht. Sie ordnen der Religion nicht alles unter.\u201c<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIn Israel wollen die meisten Menschen einfach nur in Ruhe leben\u201c, sagt Dr. Carsten Schliwski, Lehrbeauftragter f\u00fcr Religionsgeschichte an der Bergischen Universit\u00e4t. Doch ein ruhiges Leben zu f\u00fchren, scheint im 1948 gegr\u00fcndeten Staat Israel unm\u00f6glich zu sein, und daf\u00fcr gibt es eine Menge historischer Gr\u00fcnde.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-40791","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-16 22:50:21","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40791","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=40791"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40791\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40865,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40791\/revisions\/40865"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=40791"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=40791"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=40791"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}