{"id":40713,"date":"2021-08-27T13:00:07","date_gmt":"2021-08-27T11:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=40713"},"modified":"2021-08-31T09:08:18","modified_gmt":"2021-08-31T07:08:18","slug":"jahr100wissen-die-entdeckung-des-insulins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/08\/27\/jahr100wissen-die-entdeckung-des-insulins\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Die Entdeckung des Insulins"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_40718\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-40718\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Jahr100Wissen_Prof._Simon_21-2-1-1024x733.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"733\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Martin Simon &#8211; \u00a9\u00a0Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Ein spannendes und lehrreiches \u201eJahr100Wissen\u201c-Interview \u00a0\u00fcber die Entdeckung des Insulins hat Uwe Blass mit dem Zellbiologen Prof. Dr. Martin Simon gef\u00fchrt.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28656\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Die chronische Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus, bekannt als Zuckerkrankheit, konnte erstmalig 1921 behandelt werden. Was passiert bei der Erkrankung im K\u00f6rper?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Martin Simon: &#8222;<\/b>In erster Linie ist es ein Mangel an Insulin, oder ein Mangel der Wirkung des Insulins. Dadurch gibt es eine Fehlregulation des Zuckerhaushalts, des Kohlenhydrathaushalts. Das f\u00fchrt dazu, dass die Zellen, die Zucker verbrennen m\u00f6chten und die Energie ben\u00f6tigen, diesen nicht mehr bekommen. Es entsteht eine Art Schw\u00e4chegef\u00fchl. Das Ganze ist zun\u00e4chst die prim\u00e4re Wirkung. Die langfristigen Wirkungen sind allerdings wesentlich fataler. Es kommt zu Nierensch\u00e4digungen, da vermehrt Zucker \u00fcber die Nieren ausgeschieden wird, um den hohen Blutzuckerspiegel zu senken. Und es gibt nat\u00fcrlich auch eine massive Sch\u00e4digung des gesamten Organismus, weil der Energiehaushalt durcheinandergebracht wird.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Insulin ist unser einziges Hormon, das den Zuckerspiegel im Blut tats\u00e4chlich senken kann. Erh\u00f6hen k\u00f6nnen das mehrere Hormone, die sich auch sogar gegenseitig komplementieren k\u00f6nnen. Wenn wir kohlenhydratreiche Nahrung aufgenommen haben, wird durch die Pankreas (Bauchspeicheldr\u00fcse) von den Langerhans\u2018schen Inseln das Insulin ausgesch\u00fcttet und es bewirkt dann, dass die Zellen, Muskelgewebe oder auch die Leber, die Zucker aufnehmen wollen, diesen auch aufnehmen. Nicht der ganze Zucker, der durch das Blut im System oder im K\u00f6rper verteilt wird, wird auch automatisch dort aufgenommen, sondern es muss ein Signal f\u00fcr die Zelle geben, welches sagt: Jetzt sollst du Zucker aufnehmen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Frederick Banting, ein kanadischer Chirurg, gilt als Entdecker des Heilpr\u00e4parates Insulin. Wie fand er den Stoff?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Martin Simon: &#8222;<\/b>Hier muss ich pr\u00e4zisieren. Er war nicht der erste, der Insulin tats\u00e4chlich isoliert hat. Der Rum\u00e4ne Nicolae Paulescu hat es bereits 1916 aus Schlachtabf\u00e4llen isoliert und auch 1921 publiziert. Aber er hat mehrere Fehler gemacht. So hat er seine Ergebnisse auf einem Vortrag in Rum\u00e4nisch vorgestellt und die wissenschaftliche Facharbeit, die er verfasst hat, war auf Franz\u00f6sisch. Damals war es jedoch schon so, dass sich die internationale Gemeinschaft f\u00fcr den wissenschaftlichen Austausch auf Englisch etabliert hatte. Und die Ergebnisse, so bahnbrechend, wie sie auch waren, sind komplett unbeachtet geblieben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Banting ist mit seinen ersten Isolaten hingegangen und hat zun\u00e4chst nicht an den Schweinen gearbeitet, oder an Rindern, sondern er hat seine Versuche mit Hunden gemacht. Er hat die Pankreas, die das Insulin produziert, abgeschn\u00fcrt, sodass sie quasi den Verdauungssaft und die Substanzen, die die Bauchspeicheldr\u00fcse produziert, nicht mehr in den Magen-Darm-Trakt abgibt, sondern sie hat sie aufkonzentriert. Das war die chirurgische L\u00f6sung. Nach ein paar Tagen entfernte er dann die Bauchspeicheldr\u00fcse, zerkleinerte sie, ohne gro\u00dfe Aufreinigungsversuche und spritzte das Homogenat dann intraven\u00f6s diabeteskranken Hunden. Dadurch konnte er einen therapeutischen Effekt bei den Hunden erzielen, sodass er r\u00fcckschlie\u00dfen konnte, dass darin zumindest die Substanzen seien, die er haben wollte. Die Aufreinigungen des Insulins waren dann die weiteren wichtigen Schritte, die bis zur Herstellung des Medikamentes erfolgen mussten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das Insulin, das wir heute als pharmazeutische Substanz beziehen, ist allerdings nicht mehr aus Schlachtabf\u00e4llen oder aus einem tierischen System isoliert. Das meiste davon ist biotechnologisch in Bakterien- oder Hefezellen exprimiert, d. h. das Gen f\u00fcr das Insulin wird in Hefen eingebracht und dann das Vorl\u00e4uferinsulin in extrem gro\u00dfem Ma\u00dfstab produziert. Bantings Versuche von den Schweinepankreasisolationen hie\u00dfen damals, dass ein Patient ein Schweinepankreas pro Woche an Insulin ben\u00f6tigte. Das w\u00e4re heute bei den vielen Diabetes Typ 2 F\u00e4llen, die sich statistisch noch erh\u00f6hen werden, nicht mehr realisierbar. Der weitere Vorteil bei der biotechnologischen Herstellung ist die Modifikation des Insulins. Man kann also einzelne Aminos\u00e4uren austauschen, man kann das Verhalten des Insulins beeinflussen und kann dadurch auch die Wirksamkeit beeinflussen. Es lassen sich sowohl schnell wirkende als auch langsam wirkende Insuline herstellen und dann individuell auf die Bed\u00fcrfnisse eines Patienten und dessen Krankheitsbild anwenden.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Woher kommt der Name Insulin \u00fcberhaupt?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Martin Simon: &#8222;<\/b>Der kommt tats\u00e4chlich von dem Inselbegriff, der auch in dem Namen Insulin steckt. Nicht die gesamte Bauspeicheldr\u00fcse produziert das Insulin, sondern es gibt viele verschiedene Zelltypen im Pankreas. Und es gibt die sogenannten Langerhans\u2018schen Inseln, erstmalig durch den Pathologen Paul Langerhans beschrieben. Das sind Ansammlungen von einzelnen besonderen Zellen. Die sind ans Blutgef\u00e4\u00dfsystem angeschlossen und daf\u00fcr verantwortlich, den Blutzuckerspiegel zu messen. Sie haben nicht nur die Aufgabe das Insulin zu produzieren, zu sekretieren, sondern auch als Regelfunktion den Blutzuckerspiegel zu messen. Und wenn er dann zu hoch ist, also eine Schwelle \u00fcberschreitet, dann produzieren sie das Insulin und geben es in den Blutkreislauf ab. Es gibt bei Insulindefizienz, d. h. bei Diabetes Typ 1 sogar Transplantationsm\u00f6glichkeiten, wenn die Langerhans\u2018schen Inseln aufgrund von Autoimmunkrankheiten angegriffen sind.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_40721\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 636px;\"><a href=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ein-diabetischer-patient-der-zu-hause-einen-insulinstift-verwendet-um-eine-insulininjektion-durchzufuehren-junge-frau-kontrolliert-diabetes-diabetes-lebensstil_1212-3584.jpg.webp\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-40721\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/ein-diabetischer-patient-der-zu-hause-einen-insulinstift-verwendet-um-eine-insulininjektion-durchzufuehren-junge-frau-kontrolliert-diabetes-diabetes-lebensstil_1212-3584.jpg.webp\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"417\" \/><\/a><span class=\"wp-caption-text\">Viele Diabetiker m\u00fcssen sich Insulin spritzen &#8211; \u00a9 freepic<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der 5-j\u00e4hrige Ted Ryder war dann 1922 einer der ersten Patienten, der mit Insulin behandelt werden konnte. Er wog zu Beginn der Behandlung nur noch 12 Kilogramm und starb 1993 im Alter von 76 Jahren. Er ist mit 70 Jahren Diabetes-Dauer der wahrscheinlich l\u00e4ngste dokumentierte Fall von andauernder Insulinbehandlung in der Medizingeschichte. Wie viele Menschen sind eigentlich an Diabetes erkrankt?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Martin Simon:<\/b>\u00a0&#8222;Man muss nat\u00fcrlich zwischen den verschiedenen Diabetesvarianten unterscheiden. Wir haben Diabetes Typ 1, das ist eine Autoimmunerkrankung, eine relativ seltene Variante, die ungef\u00e4hr 10 Prozent der gesamten Diabetespatienten haben. Der h\u00e4ufigere Fall ist Diabetes Typ 2, wo der K\u00f6rper noch Insulin produziert, aber die Aufnahme in die Empf\u00e4ngerzellen gest\u00f6rt ist oder nicht mehr stattfindet. Diabetes Typ 2 ist das, was man fr\u00fcher auch als Altersdiabetes bezeichnet hat. Das entwickelt sich erst im Laufe des Lebens und wurde oft nicht rechtzeitig diagnostiziert.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Heute kommt man von diesem Begriff ab, denn man hat heute neue Risikofaktoren identifiziert. Dazu geh\u00f6rt in erster Linie \u00dcbergewicht, aufgrund dessen viele junge Menschen diesen Diabetes Typ 2 entwickeln. Das sind 90 Prozent der Diabetesf\u00e4lle. In Deutschland leiden ca. 10 Prozent der Bev\u00f6lkerung an Diabetes. Das ist eine der gro\u00dfen Volkskrankheiten, wobei nat\u00fcrlich nicht alle Patienten Insulin spritzen m\u00fcssen. Zur Vollst\u00e4ndigkeit muss man noch die Schwangerschaftsdiabetes mit einbeziehen. Da kommt es bei einer Schwangerschaft zu einer blockierten Insulinfunktion durch Hormone, die \u00fcber die Plazenta ausgeschieden werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es gibt eine neue Studie vom Deutschen Diabetes Zentrum und dem Robert-Koch-Institut, nach der die Wissenschaftler in einer Prognose bis 2040 von einer bis zu 77-prozentigen Steigerung von Diabetes Typ 2 ausgehen. Der massive Anstieg des gr\u00f6\u00dften Risikofaktors, n\u00e4mlich des \u00dcbergewichts, wird sich in der n\u00e4chsten Zeit heftig auswirken. Man darf nicht vergessen, auch Diabetes Typ 2 Patienten haben eine geringere Lebenserwartung und auch trotz der guten Therapiem\u00f6glichkeiten stellt die Krankheit immer noch eine heftige Beeintr\u00e4chtigung der Lebensqualit\u00e4t dar. Nicht zu vergessen, ist es ein riesiger Kostenfaktor f\u00fcr unser Gesundheitssystem.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Banting erhielt 1923 als j\u00fcngster Mediziner mit gerade 32 Jahren zusammen mit John McLeod den Nobelpreis f\u00fcr Medizin f\u00fcr die Entdeckung des Insulins. Die beiden waren danach aber keine Freunde mehr. Was war geschehen?<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Martin Simon: &#8222;<\/b>Das l\u00e4sst sich anhand der Literatur schwer nachvollziehen. Es wird teilweise beschrieben, dass sie sich schon fr\u00fcher in den Haaren hatten. Was man lesen kann, ist, dass McLeod als Institutsdirektor Banting sehr gef\u00f6rdert hat. Das hat anfangs gut funktioniert. McLeod hat sich den \u00dcberlieferungen sp\u00e4ter sinnvoll in das Projekt eingemischt, er hat n\u00e4mlich gesehen, dass Banting ein relativ unreines Insulin produziert hat und veranlasst, dass ein Biochemiker zum Team stie\u00df, der das Insulin reiner herstellte, um die M\u00f6glichkeit zu haben, ein tierisches Pr\u00e4parat einem Menschen zu spritzen. Diese Einmischung hat offensichtlich zu einer Entzweiung der beiden gef\u00fchrt. Es ist schwierig zu beurteilen, welchen wirklichen Beitrag McLeod zu dem Projekt beigetragen hat. Und fragen kann man sie heute nicht mehr.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. Diesmal geht es um die Entdeckung des Insulins.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-40713","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-06 05:14:58","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40713","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=40713"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40713\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40722,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40713\/revisions\/40722"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=40713"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=40713"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=40713"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}