{"id":40024,"date":"2021-08-06T17:13:17","date_gmt":"2021-08-06T15:13:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=40024"},"modified":"2021-08-09T17:32:11","modified_gmt":"2021-08-09T15:32:11","slug":"jahr100wissen-die-gruendung-der-hohnsteiner-puppenspiele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/08\/06\/jahr100wissen-die-gruendung-der-hohnsteiner-puppenspiele\/","title":{"rendered":"Jahr100Wissen\u201c: Die Gr\u00fcndung der Hohnsteiner Puppenspiele"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_40026\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-40026\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Prof._Heinz_Roelleke__27107_print__Fischer-2-1024x721.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"721\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. em. Dr. Heinz R\u00f6lleke &#8211; \u00a9\u00a0Foto Andreas Fischer<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c28617\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>1921 wurden im Erzgebirge von Max Jacob die Hohnsteiner Puppenspiele gegr\u00fcndet. Die dort eingesetzten Handpuppen sind stilpr\u00e4gend f\u00fcr das Kaspertheater des 20. Jahrhunderts. Woher kommt das Kaspertheater eigentlich?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Heinz R\u00f6lleke: &#8222;<\/b>Max Jacob (1888-1967) war aktives Mitglied der um die vorige Jahrhundertwende im Zuge der Jugendbewegung entstandenen kulturell sehr einflussreichen \u201eWandervogel\u201c-Gruppe, deren Ideale ihn pr\u00e4gten. Nachdem er eine Puppenspielauff\u00fchrung gesehen hatte, die ihn tief beeindruckte, kaufte er einige Handpuppen, mit denen er zum ersten Mal an seinem Geburtstag, dem 10. August 1921, vor Publikum spielte. Er scharte eine K\u00fcnstlergruppe um sich (u. a. Puppenspieler, Holzbildhauer, Kost\u00fcmbildner), die bald unter dem Namen \u201eKasperfamilie\u201c bekannt wurde.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Sie entwickelten die Hardensteiner Puppenspiele, die nach ihrem Umzug auf die Burg Hohnstein in der s\u00e4chsischen Schweiz als \u201eHohnsteiner Puppenspiele\u201c schnell in ganz Deutschland und bald auch international bekannt wurde. Die Kasperfamilie schuf stilpr\u00e4gende Handpuppen vornehmlich aus Holz, die als Typen alsbald \u00fcberall Nachahmung fanden. Vor allem die Hauptfigur aller Spiele, der Kasper, wurde zu einer allbekannten Erscheinung mit stereotypem Lachgesicht, \u00fcberlanger Hakennase und seiner roten Zipfelm\u00fctze.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Urspr\u00fcnge des Kaspertheaters, wie es sich in festen Formen zu Ende des 18. Jahrhunderts durchsetzte, sind vielf\u00e4ltig. Der Name Kaspar wurde wohl durch Casparus, den Mohren unter den Heiligen drei K\u00f6nigen, als Bezeichnung des typischen Spa\u00dfmachers \u00fcbernommen und ist seit dem 15. Jahrhundert in Vorformen der neueren Gattung theatralischer Darbietungen nachweisbar, dem die Unesco j\u00fcngst den Rang eines immateriellen Kulturerbes verlieh. Zum Zentralthema wird die Welt des Puppentheaters und seiner Hauptakteure vor und hinter der B\u00fchne in Theodor Storms ber\u00fchmter Novelle \u201ePole Poppensp\u00e4ler\u201c (1874).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ein Wendepunkt war die Abl\u00f6sung der ber\u00fchmten Wiener Hanswurst-Figur durch den Kasper. Genau in diesem Jahr etablierte sich in K\u00f6ln das erste feste Puppentheater Deutschlands. In der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhundert wurde das Genre durch den von den Br\u00fcdern Grimm hochgesch\u00e4tzten \u201eKasperlegrafen\u201c Franz von Pocci mit dem von ihm um 1840 verfassten und bebilderten \u201eLarifari\u201c-Geschichten und in der zweiten H\u00e4lfte durch Collodis genial erfundene, aus einem Scheit Holz geschnitzte \u201ePinocchio\u201c-Figur und deren Abenteuer beeinflusst.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Kasper spielt immer die Hauptrolle. Von ihm wird erwartet, dass er immer seinen vielfach gef\u00e4hrdeten Weg zum Happy End geht, dass er mit der Stimme des Volkes (und diesem aus dem Herzen) spricht, dass er kleine Querelen mit Frau, Gro\u00dfmutter oder Freunden sowie Auseinandersetzung mit dem Polizisten stets durch Witz, aber auch durch L\u00fcgen, T\u00e4uschungen und Unversch\u00e4mtheiten zu seinen Gunsten entscheidet, vor allem aber, dass man immer solche Z\u00fcge an ihm entdecken kann, die ihn rundweg sympathisch machen und damit eine Identifikation des Publikums mit ihm bewirken. Besonders die kindlichen Zuschauer belegen das durch ihr oft lautstarkes Eingreifen in den Gang der Handlung: \u201eKasper, Vorsicht! Hinter dir taucht das Krokodil (die Hexe, der Teufel) auf!\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_40028\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 545px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-40028 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/IMG_7108-\u00a9-OMK-MEDIA-Oliver-M.-Klamke-2-2048x1466-1-1024x733.jpg\" alt=\"\" width=\"535\" height=\"383\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Der Kasper, f\u00fcr Kinder vieler Generationen Held und Vorbild &#8211; \u00a9 OMK Oliver Klamke<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\"><b>Welche anderen Figuren geh\u00f6ren denn noch dazu?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Heinz R\u00f6lleke: &#8222;<\/b>Genau wie die Hauptfigur sind auch die anderen fast immer gleichbleibenden Akteure unver\u00e4ndert feststehende Typen (durchaus mit dem Personal mancher TV-Krimiserien vergleichbar): die Grete, die Gro\u00dfmutter, der Sepp(el). Der Polizist, der Teufel, die Hexe, das Krokodil. Ihre Rollen bleiben in den Grundz\u00fcgen immer dieselben. Sie sind s\u00e4mtlich nur auf den Kasper bezogen und bleiben im Unterschied zu ihm Randfiguren wie die Funktionstr\u00e4ger im M\u00e4rchen, die kein eigenes Interesse beanspruchen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Woher stammten die Geschichten?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Heinz R\u00f6lleke: &#8222;<\/b>Das Kaspertheater mit seinen Handpuppenfiguren bedient sich verschiedenster Quellen aus alter und neuer Zeit von der Commedia dell&#8216; arte \u00fcber \u00e4ltere Trivialliteratur wie zum Beispiel anonym \u00fcberlieferten Volksb\u00fcchern bis hin zu Kaspergeschichten verschiedenster Autoren. Das so zustande gekommene buntscheckige Repertoire entwickelt seine Stoffe eher aus Alltagsszenen oder aus erzieherischem Material wie etwa die Auff\u00fchrungen des Verkehrskaspers durch die Polizei.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es unterscheidet sich gravierend von den Spielpl\u00e4nen der arrivierten Marionettentheater mit seinen durch F\u00e4den gelenkten Figuren, die sich traditionell mit Stoffen aus der Mythologie, aus der Bibel, aus klassischen Dramen und gro\u00dfen Opern speisen. Das kann man bis hin zu den erfolgreichen Inszenierungen der Steinauer \u201eHolzk\u00f6ppe\u201c und der \u201eAugsburger Puppenkiste\u201c beobachten, die neuere Figuren wie Jim Knopf und Formen (auch der medialen Verbreitung) entwickelten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wie entwickelte sich das Kaspertheater zu einem reinen Kindertheater?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Heinz R\u00f6lleke: &#8222;<\/b>Genau wie die Volksm\u00e4rchen waren Kasperspiele fr\u00fcher ausschlie\u00dflich als Lekt\u00fcre und in szenischer Umsetzung f\u00fcr Erwachsene bestimmt. Erst als man in der Zeit diese Kunstformen als unseri\u00f6s ablehnte, fl\u00fcchteten sie sich mehr und mehr in die Kinderstube, der man in jener Epoche auch erstmals ernsthaftes Interesse abgewann. In diesem Zuge wertete man M\u00e4rchen und Puppenspiele als kindgerecht, und immer mehr Kinder stellten auch schon in einem Alter, wo sie noch nicht lesen k\u00f6nnen, den Rezipientenkreis, ohne dass Erwachsene ihr Interesse an M\u00e4rchen und Puppenspielen ganz verloren h\u00e4tten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das zeigt sich bis heute am vielf\u00e4ltigen Zugang einer immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Menge von interessierten Erwachsenen jeden Alters zur Welt und zum Geheimnis der M\u00e4rchen ebenso wie etwa am begeisterten Zulauf, den Kasperspiele in Pflege und Altersheimen verzeichnen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im Zuge dieser Entwicklungen tritt die Verwandtschaft zwischen M\u00e4rchen und Kasperst\u00fccken immer deutlicher zutage. Man kann etwa die seit dem 16. Jahrhundert ber\u00fchmte und allseits bekannte Figur des Tapferen Schneiderleins weitgehend im \u201eKasperle\u201c (wie er seit seiner Einwanderung in die Kinderstube mit einer Diminutivendung genannt wird) wiedererkennen: Er allein wird wichtig genommen und bietet vor allem Kindern ein einfaches Identifikationsangebot.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Noch heute gibt es verschiedene Puppenspielerfamilien in Deutschland, die das Kaspertheater fortf\u00fchren. K\u00f6nnen die \u201eTri-tra-trullala-Geschichten\u201c im digitalen Zeitalter noch bestehen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Heinz R\u00f6lleke: &#8222;<\/b>Man kommt immer mehr zu der Erkenntnis, dass M\u00e4rchen f\u00fcr die kindliche Entwicklung in vieler Hinsicht wichtig und eigentlich unverzichtbar sind (Bruno Bettelheim: Kinder brauchen M\u00e4rchen). \u00c4hnliches gilt f\u00fcr das Kasperletheater auch noch oder gerade im digitalen Zeitalter. Beide Gattungen bedeuten erste Begegnungen mit Literatur, erm\u00f6glichen Kindern, sich in fremde Charaktere einzuf\u00fchlen, mit ihnen zu leiden, sich mit ihnen zu freuen, helfen bei der Entwicklung ihrer Fantasie und Kreativit\u00e4t, denn sie m\u00fcssen die typenhaften Figuren der M\u00e4rchen und des Puppenspiels ja sich selbst in ihrer Vorstellungskraft imaginieren, sie sozusagen mit individuellem Innenleben f\u00fcllen, in das die Texte selbst nie einen Einblick geben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Sie vermitteln ein manchmal brutal anmutendes, aber immer ehrliches Bild der Welt, in der man sich mit dem durch fr\u00fchkindliche Lekt\u00fcre vermittelten fundamentalen Optimismus leichter zurechtfindet. Sie lassen das Kind durch entsprechende Situationen und Szenen ahnen und verinnerlichen, dass es nie ganz ausweglose Lagen gibt. Man kann sich selbst oft auf \u00fcberraschende Weise helfen oder man kann um fremde Hilfe bitten und diese (von wem auch immer) annehmen. Das M\u00e4rchen und in kleinerem Horizont auch das Kasperletheater sind von unsch\u00e4tzbarer Bedeutung und g\u00e4nzlich unersetzlich.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. Der Germanist und M\u00e4rchenforscher Prof. em. Dr. Heinz R\u00f6lleke spricht im Interview \u00fcber die Entstehung und Entwicklung des Kaspertheaters.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-40024","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-28 10:44:08","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40024","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=40024"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40024\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":40029,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40024\/revisions\/40029"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=40024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=40024"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=40024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}