{"id":39823,"date":"2021-07-31T12:27:52","date_gmt":"2021-07-31T10:27:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=39823"},"modified":"2021-07-31T12:27:52","modified_gmt":"2021-07-31T10:27:52","slug":"jahr100wissen-caruso-ein-startenor-mit-schrulligen-ritualen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/07\/31\/jahr100wissen-caruso-ein-startenor-mit-schrulligen-ritualen\/","title":{"rendered":"Jahr100Wissen\u201c: Caruso &#8211; ein Startenor mit schrulligen Ritualen"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_39826\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-39826 size-large\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Jahr100Wissen_Prof._Erlach_2-2-1024x701.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"701\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Thomas Erlach &#8211; \u00a9 Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Im Interview spricht Prof. Dr. Thomas Erlach \u00fcber den Startenor Enrico Caruso, dessen Todestag sich am 2. August zum 100. Mal j\u00e4hrt.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28605\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Am 2. August 1921 starb der wohl bekannteste Startenor des 20. Jahrhunderts: Enrico Caruso. Wer war dieser Mann?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>Enrico Caruso hat eine klassische Aufsteiger-Biografie durchlaufen. Er stammte aus einer armen Familie in Neapel, musste als Kind in einer Eisengie\u00dferei arbeiten und ist dort aufgefallen, weil er immer bei der Arbeit gesungen hat. Au\u00dferdem sang er im Kirchenchor, und der Pfarrer hat ihn musikalisch gef\u00f6rdert, sodass er auch Gesangsunterricht genommen hat. Er war sehr ehrgeizig, arbeitete viel an sich selbst, an seiner eigenen Technik. Anfangs hatte er ziemliche H\u00f6henprobleme beim Singen sowie extreme Auftrittsangst, die er dann aber durch autodidaktisches Studium \u00fcberwinden konnte.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Schon mit 18 Jahren hatte er sein Operndebut, zun\u00e4chst allerdings mit wechselndem Erfolg. Der Durchbruch gelang ihm erst 1898, als er 25 Jahre alt war, mit Umberto Giordanos \u201eFedora\u201c in Mailand. Relativ bald war er dann auch im Ausland erfolgreich, u. a. in New York. Die Metropolitan Opera wurde sp\u00e4ter seine Stammb\u00fchne. Er ist 18 Spielzeiten hintereinander dort aufgetreten, zum Star avanciert und Gro\u00dfverdiener geworden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wenn man nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr diese Erfolge fragt, kann man sagen, dass Caruso ein Stimmwunder gewesen ist, der gute Naturanlagen hatte. Bei seiner Stimme ist praktisch kein Registerwechsel h\u00f6rbar, also der \u00dcbergang zwischen Brust- und Kopfstimme, der vielen S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern solche Schwierigkeiten bereitet. Dadurch ist sein Stimmklang sehr homogen, die H\u00f6hen sind sehr kraftvoll.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Er lebte in wilder Ehe, war Zielscheibe der \u201eschwarzen Hand\u201c, einer Art Mafiavorl\u00e4ufer, entging in Kuba einem Bombenattentat, war \u00fcberaus spendabel und bei Auftritten immer auch f\u00fcr Scherze verantwortlich. Kann man ihn vielleicht als erstes Enfant terrible des 20. Jahrhunderts bezeichnen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>Um Caruso rankt sich ein Mythos. Dieser Mythos ist konstruiert worden, teilweise durch Aufzeichnungen seiner Frau, aber auch durch Romane und Filme, die relativ bald \u00fcber ihn entstanden. Er war sehr modebewusst und hatte einige etwas schrullige Rituale. Zum Beispiel hat er vor seinen Auftritten immer verschiedene Mundsp\u00fclungen durchgef\u00fchrt und dann anschlie\u00dfend noch mehrere Zigaretten geraucht. Das sind Dinge, die die Welt interessant fand.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ich w\u00fcrde aber sagen, dass die aufregenden biografischen Ereignisse normalerweise nicht das entscheidende Merkmal f\u00fcr die Charakterisierung als Enfant terrible sind, sondern eher k\u00fcnstlerische Neuerungen. Da sind im 20. Jahrhundert andere Musiker st\u00e4rker hervorgetreten, zum Beispiel Komponisten wie Arnold Sch\u00f6nberg oder Paul Hindemith, die tats\u00e4chlich ganz neue Kl\u00e4nge produziert haben. Caruso war \u00e4sthetisch eher konservativ. Er hatte kein Interesse an damals neuer Musik, abgesehen von Puccini, der aber eher eine r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte \u00c4sthetik hatte.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Er hatte eine un\u00fcbertroffene B\u00fchnenpr\u00e4senz und sein Volumen sowie die Weichheit seiner Stimme sind bis heute unerreicht. Caruso h\u00e4lt auch den Rekord von 863 Auftritten auf der B\u00fchne der Metropolitan Opera. Wie sah sein Repertoire aus?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>Caruso gilt als Tenor des Verismo. Der Verismo ist eine Richtung der italienischen Oper in der damaligen Zeit, vertreten vor allem durch Puccini. Seine Paraderolle war der Canio aus dem \u201eBajazzo\u201c von Ruggero Leoncavallo. Das ist eine Kom\u00f6dienfigur, eine Art Clown, der von seiner Theaterpartnerin betrogen wird und sie schlie\u00dflich umbringt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Caruso beherrschte \u00fcber 60 haupts\u00e4chlich italienische Opernpartien. Neben Puccini waren das vor allem Verdi, Donizetti, Bellini, Leoncavallo und Giordano, sowie franz\u00f6sisches Repertoire, das er zweisprachig singen konnte. Bis auf wenige Ausnahmen bediente er das deutschsprachige Repertoire nicht. Er ist einmal auch als Lohengrin aufgetreten, das lag ihm aber nicht so, und auch Mozart hat er recht wenig gesungen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Eine Besonderheit seines Gesangs war \u2013 er kam ja aus dieser italienischen Belcantotradition \u2013 jeder Partie, die er studiert hat, eine besondere Farbe zu geben, was von denen, die ihn live geh\u00f6rt haben, immer besonders hervorgehoben wurde. Er hatte eine au\u00dfergew\u00f6hnliche B\u00fchnenpr\u00e4senz und eine sehr gro\u00dfe Raumwirkung&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sein \u201eLa Donna e Mobile\u201c ist den j\u00fcngeren Menschen heute eher noch aus der Pizzawerbung bekannt, wobei er einer der ersten S\u00e4nger war, der Schallplattenaufnahmen machte. Sein 1904 aufgenommenes Vesti La Giubba (aus Leoncavallos Oper Pagliacci) gilt mit \u00fcber einer Million verkaufter Schallplatten seit der Ver\u00f6ffentlichung als erster Millionenseller der Schallplattenindustrie. War er auch da ein Vorreiter?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>Ja, das war er. Das Grammophon war ja noch gar nicht so lange erfunden, als Caruso 1902 seine ersten Schallplattenaufnahmen machte. Schon zwei Jahre sp\u00e4ter war die Millionengrenze geknackt. Er war da sehr schnell sehr erfolgreich. Seine Diskografie weist \u00fcber 500 Titel auf. Die Entwicklung des Grammophons und Carusos Bekanntheit befl\u00fcgelten sich gegenseitig, denn seine Stimme war aufgrund seines baritonalen Timbres f\u00fcr die Aufnahmetechnik besonders geeignet, die ja damals noch sehr unzul\u00e4nglich war, weil es noch keine Mikrofone gab.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Caruso musste direkt in den Schalltrichter singen. Man hatte auch nur sehr kurze Aufnahmedauern von drei bis vier Minuten und keine Korrekturm\u00f6glichkeiten. Die damaligen Schallplatten umfassten daher keine Gesamtwerke, sondern beliebte Einzelnummern aus Opern, ferner Romanzen und Volkslieder wie \u201eSanta Lucia\u201c oder \u201eO sole mio\u201c, die zu seinem Ruhm beigetragen haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Interessant ist, dass diese Schallplatten auch bei Thomas Mann im \u201eZauberberg\u201c erw\u00e4hnt werden, wo man im Sanatorium unter \u00e4rztlicher Aufsicht Musik h\u00f6rt. Verklausuliert ist es Carusos Stimme, die da beschrieben wird. Und noch heute erwecken diese Aufnahmen einen seltsamen und anr\u00fchrenden Eindruck.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Carusos Tod schockierte die Welt. Mit gerade einmal 48 Jahren starb er an einer Brustfellentz\u00fcndung und Blutvergiftung. Bei der Beerdigung s\u00e4umten an die hunderttausend Menschen Carusos letzten Weg. Seitdem ruhen die sterblichen \u00dcberreste des S\u00e4ngers in einem prunkvollen Mausoleum hinter Marmor. Erst 1930 wurde sein einbalsamierter Leichnam auf Dr\u00e4ngen seiner Frau geschlossen. Welche Bedeutung hat er hundert Jahre sp\u00e4ter noch in der Musik?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>F\u00fcr mich pers\u00f6nlich hat er eine sehr spezifische Bedeutung, weil ich meinen inzwischen verstorbenen Kater so genannt habe, der eine so sch\u00f6ne Stimme hatte. (lacht) Allgemein ist Caruso wichtig f\u00fcr die Entwicklung der modernen Interpretenkultur in der popul\u00e4ren Musik. Die Person eines S\u00e4ngers wird wichtiger als die Komposition, die vorgetragen wird. Dazu geh\u00f6rt das Herauspicken von sch\u00f6nen Stellen, die man aus dem Kontext beispielsweise einer Oper herausnimmt, um sie in einer bestimmten Art und Weise zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">So etwas wie Medienrummel und au\u00dfermusikalische Aspekte werden bedeutsamer als das musikalische Werk. Adorno hat das als \u201eFetischisieren des K\u00fcnstlers\u201c kritisiert. Ich bin bei der Recherche in erster Linie auf popul\u00e4rwissenschaftliche Literatur gesto\u00dfen, es gibt kaum Fachliteratur \u00fcber diese Ph\u00e4nomene. Andererseits finde ich es wichtig, sich mit diesen Fragen auch wissenschaftlich zu besch\u00e4ftigen, im Sinne von Interpretationsgeschichte von Opern oder auch Geschichte der Gesangskultur oder des Gesangsunterrichtes.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>In der Musikbranche gibt es immer wieder au\u00dfergew\u00f6hnliche K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler. Wer ist denn Ihrer Meinung nach heute der weltweit f\u00fchrende Startenor?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>Mir fallen bei den Ten\u00f6ren jetzt Jonas Kaufmann und Rolando Villaz\u00f3n als erstes ein. Sie touren durch die Welt, operieren auch h\u00e4ufig mit Einzelnummern und Mischprogrammen auf Festivals. Sie sind sehr medienaktiv, haben aber auch klassische Rollen in Opern. Anders als fr\u00fcher ist ein solcher Erfolg heute ohne ein formales Hochschulstudium nicht mehr erreichbar. Die Ausbildung im klassischen Musikbereich ist seit Carusos Zeiten sehr stark spezialisiert und professionalisiert worden, sodass solche Naturwunder wie Caruso eher abnehmen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. Diesmal geht es um Gesangs-Genie Enrico Caruso.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-39823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 16:19:22","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39823"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":39828,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39823\/revisions\/39828"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}