{"id":39259,"date":"2021-07-07T05:15:29","date_gmt":"2021-07-07T03:15:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=39259"},"modified":"2021-07-08T09:39:31","modified_gmt":"2021-07-08T07:39:31","slug":"uni-professorin-grundmann-forscht-zu-antiker-koerperkultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/07\/07\/uni-professorin-grundmann-forscht-zu-antiker-koerperkultur\/","title":{"rendered":"Dr. Steffi Grundmann erforscht die &#8222;Antike K\u00f6rperkultur&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<p class=\"bodytext\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-39262\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Transfer_Dr._Steffi_Grundmann-2-1024x712.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"712\" \/><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">\u201eSex sells\u201c, sagen die Macher und setzen uns die K\u00f6rper der Reichen und Sch\u00f6nen immer wieder ins rechte Licht. Aber warum begeistert uns das so? Wissen wir doch im Vorfeld schon, was uns beim Betrachten von Busen, Po &amp; Co. erwartet. Das Aussehen der Menschen spielte schon immer eine wichtige Rolle in der Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dass das Thema so alt wie die Welt ist, wei\u00df die Historikerin Dr. Steffi Grundmann, die sich an der Bergischen Universit\u00e4t im Fach Alte Geschichte mit Antiker K\u00f6rperkultur besch\u00e4ftigt, nur zu gut.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28501\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">Ganz zentral dabei sei \u201eDie Geschichte der Sexualit\u00e4t\u201c des Franzosen Michel Foucault, erkl\u00e4rt Grundmann, an dessen B\u00fcchern sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler orientierten, die sich mit K\u00f6rpergeschichte besch\u00e4ftigten. Dazu kommen f\u00fcr die Historikerin noch die Frauen- und Geschlechterforschung sowie die Medizingeschichte, die den K\u00f6rper in je eigener Weise betrachten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In den 1990er Jahren habe diese Forschung eine starke Zuwendung erfahren, wei\u00df Dr. Steffi Grundmann, doch das sei auch schon wieder 30 Jahre her und man m\u00fcsse heute die antiken K\u00f6rper und Sexualit\u00e4ten anders denken. \u201eSeit den 2010er Jahren gibt es neue Impulse. Das ist auch genau der Bereich, dem ich mich zuordnen w\u00fcrde, n\u00e4mlich den K\u00f6rper nicht nur medizinisch anzuschauen, sondern nach dem Verh\u00e4ltnis von K\u00f6rper und Politik zu fragen. Das ist ein gro\u00dfes Feld, das aber in den deutschen Altertumswissenschaften bisher wenig bearbeitet worden ist.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Blick auf die immer gleichen Quellen, die seit mehr als 2.000 Jahren bekannt seien, ver\u00e4ndere sich durch die international verschiedenen Sprach- und Forschungstraditionen und dies f\u00fchre dazu, dass die Wissenschaft heute neue Fragen an die Quellen richten k\u00f6nne.<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">K\u00f6rper und Seele<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">\u201eEine ganz wichtige, zentrale Vorstellung, die aus der griechischen Philosophie kommt, ist die Trennung von K\u00f6rper und Seele, die uns in den modernen, westlichen Gegenwartsgesellschaften sehr vertraut ist\u201c, sagt Dr. Steffi Grundmann. \u201eDie Idee, dass der K\u00f6rper etwas anderes ist als die Seele und der Geist, verdanken wir Sokrates in ganz gro\u00dfem Umfang. Platon \u00fcbernimmt sie, Aristoteles ebenso und in der modernen Philosophie ist das bis heute eine zentrale Zugangsweise.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auch in der Medizin als Wissenschaft bringt das 5. Jahrhundert v. Chr. eine deutliche Ver\u00e4nderung. Neben dem eher handwerklichen Heilen und Zusammenstellen von Arzneimitteln r\u00fcckt nun der K\u00f6rper als solches mehr und mehr in den Mittelpunkt. Dies lasse sich im Corpus Hippocraticum sehr sch\u00f6n nachlesen. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von mehr als 60 medizinischen Texten, die vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden sind.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eEs werden \u00e4u\u00dferst unterschiedliche Ideen vertreten, aber eine klare Sto\u00dfrichtung ist nun, den K\u00f6rper zu betrachten und wissenschaftlich zu untersuchen bei empirischer Vorgehensweise. So werden Krankheitsverl\u00e4ufe beschrieben und Empfehlungen nach Symptomlage gegeben sowie Behandlungsvorschl\u00e4ge unterbreitet\u201c, so die Forscherin.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im Hellenismus (336 v. Chr. bis 30 v. Chr.) komme dem K\u00f6rper in der Medizin eine ganz besondere, wegweisende Rolle zu, weil in dieser Zeit menschliche Leichen zumindest in \u00c4gypten seziert worden seien. \u201eDie griechischen \u00c4rzte in Alexandria erzeugen damit ein Wissen, von dem die Sp\u00e4teren profitieren und es nutzen, ohne selbst tote K\u00f6rper aufzuschneiden.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ein weiterer, entscheidender Anteil an der Bedeutung des K\u00f6rpers in der Antike komme den kunstvollen, \u00fcberlieferten Skulpturen zu, die vor allem die m\u00e4nnliche Sch\u00f6nheit idealisierten: \u201eIn der griechischen Gro\u00dfplastik, also in der Kunst, werden M\u00e4nner sehr h\u00e4ufig wenig bekleidet oder nackt dargestellt. Das ist ein Zelebrieren m\u00e4nnlicher Sch\u00f6nheit. Diese K\u00f6rper sind trainiert, sie sind jung, oder maximal erwachsen, und sie sind sch\u00f6n\u201c, erkl\u00e4rt sie.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDas pr\u00e4gt die Kunst in der klassischen Zeit ganz massiv. Weibliche Statuen sind in dieser Zeit bekleidet, haben aber auch eine k\u00f6rperliche Pr\u00e4senz, nur eine andere.\u201c Diese idealisierte K\u00f6rperlichkeit sei stark mit dem B\u00fcrgerstatus verkn\u00fcpft und bilde die zentrale Kategorie in den griechischen Poleis, den Gemeinschaften von mehreren tausend B\u00fcrger*innen mit Selbstverwaltung. \u201eUnd B\u00fcrger-Sein wird meist mit m\u00e4nnlicher Sch\u00f6nheit assoziiert.\u201c<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Haut und Haare \u2013 von der Idee zum Buch<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Lange Zeit besch\u00e4ftigte sich die Historikerin mit Sexualit\u00e4ten und Medizingeschichte sowie deren Verbindungen. Im Zuge ihrer Magisterarbeit kam sie dann auf das Thema Haut und Haare, das K\u00f6rper\u00e4u\u00dfere, eine Forschungsl\u00fccke, die sie Jahre sp\u00e4ter mit ihrem Buch \u201eHaut und Haar \u2013 Politische und soziale Bedeutungen des K\u00f6rpers im klassischen Griechenland\u201c geschlossen hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDas Aussehen des K\u00f6rpers nimmt in der Gesellschaft wichtige und disparate Bedeutungen an\u201c, erkl\u00e4rt sie. Dazu untersuchte sie die griechischen Schriftquellen, die im 5. und fr\u00fchen 4. Jahrhundert v. Chr. entstanden sind. Die Tatsache, dass die Haare mit der Haut verbunden sind, zeige sich in unterschiedlichen Texten.<\/p>\n<div id=\"attachment_39263\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 313px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-39263\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Antike_Herrenfrisur_Zeichnung_von_Jana_Fischer-949x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"303\" height=\"327\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Antike Herrenfrisur &#8211; \u00a9 Zeichnung Jana Fischer<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Im genannten Corpus Hippocraticum werde das eine immer in Verbindung mit dem anderen genannt, in den klassischen Trag\u00f6dien und Kom\u00f6dien, aber auch in der Geschichtsschreibung oder den Gerichtsreden werden \u00e4u\u00dfere Merkmale beschrieben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Steffi Grundmann geht auf die Praktiken ein, die auf Haut und Haar einwirken, wie Entbl\u00f6\u00dfen und Bedecken, Ber\u00fchren, Baden und Salben, Schneiden und Frisieren der Haare, Enthaaren, T\u00e4towieren und Verletzen. Im letzten Teil ihres Buches widmet sie sich zudem der Bedeutung von Haut- und Haarfarben und deren Ver\u00e4nderbarkeit in Zusammenhang mit Gesundheit, Krankheit oder auch Gef\u00fchlen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c28502\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">Dass Haare eine politische Bedeutung haben k\u00f6nnen, ist auf den ersten Blick schwer vorstellbar, doch Dr. Steffi Grundmann sagt: \u201eAnhand dieser \u00e4u\u00dferlich sichtbaren K\u00f6rpermerkmale werden Geschlecht, Alter und Herkunft, aber auch der rechtliche und \u00f6konomische Status verhandelt.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Haare stehen in den Texten, die Wissenschaftlerin Grundmann untersucht hat, f\u00fcr Leben und Tod, f\u00fcr Sexualit\u00e4t oder Zivilisation. Aber es gebe nie nur die eine Bedeutung, sodass Haare kein eindeutiges Symbol seien. Bei ihren Recherchen hat die Wissenschaftlerin auch das ein oder andere Mal geschmunzelt, z. B. bei manchen medizinischen Beschreibungen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDer Bart und auch die K\u00f6rperhaare beim Mann wachsen immer mehr aufgrund der Erregung w\u00e4hrend des Geschlechtsverkehres, je mehr der Samen durch den K\u00f6rper geflossen ist. Das ist kein Scherz\u201c, betont sie. \u201eWenn sie also oft genug erregt gewesen sind, dann wird der Bart so richtig sch\u00f6n voll und irgendwann wachsen die Haare dann auch an der Brust, am R\u00fccken usw. Ganz konkret ist das wirklich die Idee, dass im K\u00f6rper etwas passiert, das sich, je nachdem wie ich sexuell agiere, auf mein Aussehen auswirkt.\u201c<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Die Bedeutung unseres K\u00f6rpers heute<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Hautfarbe, welches bei den alten Griechen in keiner Weise mit Rassismus verbunden war, wird der Historikerin auch noch einmal die Bedeutung ihres Forschungsthemas bewusst, das in verschiedenen Gesellschaften v\u00f6llig unterschiedlich verstanden wird.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eIch habe meinen Sprachgebrauch auch mit Kolleginnen diskutiert, die sich sehr intensiv mit post-kolonialen Ans\u00e4tzen besch\u00e4ftigt haben. Ich schreibe viel \u00fcber Hautfarben und nenne sie auch so. Die Frage war nun, ob ich den Begriff benutzen kann, der doch heute mit der Vorstellung von Menschenrassen assoziiert ist. Da wurde mir klar, ich muss! Denn in den antiken Quellen geht es tats\u00e4chlich um die Farben der Haut und ich habe die Bedeutungen analysiert, die ihnen im historischen Kontext zugeschrieben worden sind. Dabei geht es weniger um die Herkunft und ganz \u00fcberwiegend um die Markierung der Geschlechterdifferenz&#8220;, so Dr. Steffi Grundmann.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die K\u00f6rperzentriertheit der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft zeigt sich u. a. in den Sch\u00f6nheitsidealen und den verschiedensten Fitnessangeboten. \u201eWenn ich das mit mittelalterlichen Quellen vergleiche, in denen der K\u00f6rper eher randst\u00e4ndig ist, dann sind wir dem klassischen Griechenland relativ nah\u201c, sagt Steffi Grundmann.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Bedeutung von Haut und Haar wird dann offensichtlich, wenn diese Merkmale besonders hervortreten, sei es durch modische Ver\u00e4nderungen oder Notsituationen. \u201eAls ich mit dem Thema 2010 anfing, da ging es auch wieder los, dass M\u00e4nner B\u00e4rte trugen\u201c, erkl\u00e4rt sie.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Brad Pitt und George Clooney waren damals die Vorreiter. Auch Alt-Kanzler Schr\u00f6ders gef\u00e4rbtes Haupthaar, Kanzlerin Merkels Friseur oder die blo\u00dfe Tatsache, dass die Moderatorin Birgit Schrowange ihre Haare nicht mehr f\u00e4rbt, sind immer wieder triviale Meldungen, die uns aber doch besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Und in Zeiten von Zoom-Sitzungen tritt die Bedeutung der \u00e4u\u00dferen Erscheinung in neuartiger Weise hervor. Dr. Steffi Grundmann: \u201eDort sehen wir nur den Oberk\u00f6rper und insbesondere den Kopf. Jemand mit Kurzhaarfrisur hat nach einiger Zeit ohne Friseurbesuch ein Problem. Die Haare sind \u00e4u\u00dferst sichtbar und uns wird gerade wieder bewusst, welche Bedeutung das f\u00fcr uns hat.\u201c<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Promis machen es uns seit Jahren vor: Ob Kim Kardashians makellose R\u00fcckansicht, David Beckhams bestes St\u00fcck in markenbekannter Unterw\u00e4sche, Madonnas voll retuschierte, h\u00fcllenlose Ganzk\u00f6rperansicht oder Burt Reynolds, wie Gott ihn schuf, auf einem B\u00e4renfell \u2013 sie alle zierten die Titelseiten der Boulevardbl\u00e4tter.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-39259","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-14 16:23:24","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39259","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=39259"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39259\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":39269,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39259\/revisions\/39269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=39259"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=39259"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=39259"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}