{"id":38759,"date":"2021-06-21T08:07:15","date_gmt":"2021-06-21T06:07:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=38759"},"modified":"2021-06-25T10:13:37","modified_gmt":"2021-06-25T08:13:37","slug":"prof-rita-casale-die-juengere-generation-fordert-uns-heraus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/06\/21\/prof-rita-casale-die-juengere-generation-fordert-uns-heraus\/","title":{"rendered":"Prof. Rita Casale: \u201eDie j\u00fcngere Generation fordert uns heraus\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_38761\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-38761 size-large\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Prof._Rita_Casale-2-1024x695.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"695\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Rita Casale &#8211; \u00a9 Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p>Ein Virus legt seit anderthalb Jahren das gesellschaftliche Leben der ganzen Welt scheinbar auf Eis. Alle uns angenehmen und vertrauten Freiheiten enden vor verschlossenen T\u00fcren, selbst der intime Privatbereich wird reglementiert. Mittlerweile macht sich Resignation in der Bev\u00f6lkerung breit, die Menschen sind m\u00fctend (<b>m<\/b>\u00fcde und w<b>\u00fctend<\/b>).<\/p>\n<p>Statt in Agonie zu verfallen, bem\u00fchen sich aber auch viele, der Krise zu trotzen und entwickeln neue Formate, weil die Welt sich weiterdreht. Die Erziehungswissenschaftlerin und Philosophin Prof. Rita Casale ist so ein Mensch. Sie hat u. a. mit ihrem Kollegen Prof. Dr. Fabian Kessl die sogenannten Coronagespr\u00e4che als Podcast initiiert.<\/p>\n<p>Darin beleuchtet sie unter erziehungswissenschaftlichen Aspekten die Auswirkungen der Situation auf die Lehre und den Alltag. \u201eDas war ein interessantes Experiment\u201c, beginnt sie, \u201ewir haben in diesen Gespr\u00e4chen versucht, zwei Dimensionen miteinander in Verbindung zu bringen, die in der deutschen Universit\u00e4tstradition oft getrennt sind, n\u00e4mlich eine intellektuelle und eine fachliche Perspektive. Entweder man ist intellektuell und spricht \u00fcber alles, oder man ist ein Experte und traut sich nicht, etwas \u00fcber eine allgemeine Entwicklung zu sagen.\u201c<\/p>\n<p>Intellektualit\u00e4t sei auch eine Form des Transfers, erkl\u00e4rt sie, denn ausgehend von der fachlichen Perspektive, in der man sich als Wissenschaftlerin zu Hause f\u00fchle, sei man auch verpflichtet, Positionen zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu beziehen. Eine uns alle besch\u00e4ftigende Frage sei dabei: \u201eWelche Ver\u00e4nderung hat die Krise mit sich gebracht, und mit welchen Ver\u00e4nderungen m\u00fcssen wir nach der Krise noch umgehen?\u201c<\/p>\n<p>Die Pandemie f\u00fchre automatisch zu keinen Ver\u00e4nderungen, aber sie mache Prozesse sichtbar und zeige Dynamiken auf, die schon vorher da waren. Ver\u00e4nderungen, sagt sie bestimmt, hingen nicht nur von der Politik, sondern auch von Vertreter*innen der Zivilgesellschaft ab. Gerade im schulischen-, universit\u00e4ren- und wissenschaftlichen Bereich k\u00f6nne man diese Ver\u00e4nderungen gut beobachten.<\/p>\n<h4>Schule als Lernort oder Fernlernort<\/h4>\n<p>Casale hat den Akzent auf selbstgesteuertes Lernen im schulischen Bereich in den letzten zwei Jahrzehnten kritisch verfolgt. Die Bef\u00e4higung der Kinder, allein zu lernen sei dabei zwei wesentlichen Faktoren unterworfen, die sie mit dem Begriff der Sozialit\u00e4t umschreibt. Diese zeige sich zum einen in der Beziehung der Kinder untereinander, denn, so formuliert sie, \u201edie Kinder lernen, wenn sie mit anderen Kindern in einem Raum sind anders\u201c, und zum anderen durch die Vermittlung der Lehrkraft.<\/p>\n<p>\u201eDie Lehrperson ist die Person, die im Pr\u00e4senzunterricht in der Lage sein sollte, dem Kind einen wissenschaftlichen Zugang zur Welt zu erschlie\u00dfen. Wenn diese Person wegf\u00e4llt, fehlt etwas Wesentliches\u201c, betont sie und das k\u00f6nne auch von engagierten Eltern nicht aufgefangen werden, denn \u201ean unterschiedlichen Orten geschehen unterschiedliche Dinge\u201c. Investitionen seien daher n\u00f6tig, die sich nicht nur auf die Sanierung von R\u00e4umlichkeiten beziehen sollten.<\/p>\n<p>\u201eDie Schule ist nicht nur ein Ort von Lern- und Bildungsprozessen, sondern auch ein Ort der sozialisierenden und erzieherischen Prozesse. Damit hat sie eine weitreichendere Bedeutung\u201c, schlussfolgert Casale. \u201eWenn wir wirklich wollen, dass Schulen Orte sind, in denen Bildungsanl\u00e4sse \u2013 auch f\u00fcr Kinder mit unterschiedlicher Herkunft \u2013 stattfinden, ist es notwendig, dass wir diese Orte als Orte gestalten, in denen Bildungssozialisation und Lernprozesse wirklich stattfinden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Wie Bildung zur Meinungsfindung und Beurteilung einer Situation oder Lage beitragen kann, konnte die Wissenschaftlerin, deren Forschungsschwerpunkt u. a. das Verh\u00e4ltnis von Bildung zwischen Universit\u00e4t und Staat in der Moderne ist, gerade in der Coronakrise deutlich verfolgen. \u201eAus meiner Perspektive haben die Wissenschaft und vor allem die Naturwissenschaften in diesem Fall exemplarisch gehandelt. Ihre Funktion ist \u00fcber die Beratung hinausgegangen. Die Kolleginnen und Kollegen der Naturwissenschaften haben f\u00fcr mich auf der Basis eines Verst\u00e4ndnisses von Forschung, welches von Autonomie gepr\u00e4gt ist, als eine Kontrollinstanz fungiert.\u201c<\/p>\n<p>Man k\u00f6nne schon in fr\u00fchen Texten zur Gr\u00fcndung einer modernen Universit\u00e4t beispielsweise bei Wilhelm von Humboldt erkennen, dass sie immer auf die Funktion der N\u00fctzlichkeit f\u00fcr die Gesellschaft bauten, unter Beibehaltung ihrer Autonomie. \u201eMan ist auf die Grundlagenforschung der Wissenschaft angewiesen!\u201c Die Covidpandemie zeige, dass sie sowohl sozial, gesellschaftlich, politisch sowie medizinisch durch eine unglaublich gro\u00dfe Kooperation bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nne.<\/p>\n<h4>Gesellschaftliche Konstellationen m\u00fcssen begriffen werden<\/h4>\n<p>Im Wahljahr 2021 achten viele Menschen aufgrund von Lockdown oder Impfprocedere ganz besonders auf politische Entscheidungen. Die freiheitlichen Bed\u00fcrfnisse der Menschen werden seit anderthalb Jahren nicht mehr befriedigt.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob Bildungsangebote den Menschen die Situation besser begreiflich machen k\u00f6nnen antwortet die geb\u00fcrtige Italienerin: \u201eJa, aber das sind langfristige Prozesse. Wir haben in den letzten Jahren zu wenig in politische Bildung investiert. Wir haben ein Verst\u00e4ndnis von Wissen bevorzugt, dass auf Kompetenzen gerichtet ist, was total wichtig war und f\u00fcr die Demokratisierung von Wissenschaft von entscheidender Bedeutung gewesen ist, und das m\u00f6chte ich auch nicht missen\u201c, erkl\u00e4rt sie, aber eine moderne Massenuniversit\u00e4t d\u00fcrfe ihren Erfolg nicht allein an der Vielzahl von Abschl\u00fcssen festmachen.<\/p>\n<p>Daher fordert sie ganz konkret: \u201eWir brauchen wieder eine Universit\u00e4t, die Studierende ausbildet, die in der Lage sind, die Prozesse in ihrer gesellschaftlichen Konstellation zu begreifen.\u201c<\/p>\n<p>Als der junge Humboldt im 18. Jahrhundert den modernen Bildungsbegriff in einem Text, in seiner sogenannten <i>Staatsschrift<\/i>formulierte, dachte er Bildung als ein Verh\u00e4ltnis zwischen Individuum, Staat und Universit\u00e4t. \u201eWas bedeutet das nun f\u00fcr die Gegenwart?\u201c, hinterfragt Casale und antwortet, \u201ef\u00fcr mich, ich lehre hier Bildungstheorie und auch Bildungsgeschichte, bedeutet das heute, Bildung als eine Konstellation, die im Verh\u00e4ltnis Individuum, Staat und Universit\u00e4t besteht, zu verstehen\u201c.<\/p>\n<p>Und dabei wird sie auch von ihren Studierenden gefordert. \u201eIn den letzten zwei bis drei Jahren gibt es eine unglaubliche Nachfrage von Studierenden nach einem anderen Lehrangebot. Ich glaube, die j\u00fcngere Generation fordert uns heraus und erwartet etwas von uns. Das finde ich ausgezeichnet. Ich wei\u00df noch nicht, ob wir dazu in der Lage sind, ob wir das in den vergangenen Jahren verschlafen haben und die J\u00fcngeren als Kinder behandelt haben. Ich glaube, 20-J\u00e4hrigen muss man wissenschaftlich alles zutrauen, man muss sie als erwachsen betrachten.\u201c<\/p>\n<p>Daher sucht Dr. Rita Casale auch immer den direkten Kontakt und wei\u00df: \u201eWenn wir Studierende bef\u00e4higen, dieses Verh\u00e4ltnis zu verstehen, tragen wir dazu bei, dass sie in der Lage sind, selbst\u00e4ndig auch politische Entscheidungen zu treffen.\u201c<\/p>\n<h4>Die Entwicklung der eigenen Urteilsf\u00e4higkeit<\/h4>\n<p>Der Weg hin zur eigenen Entscheidung ist oft nicht einfach, aber unerl\u00e4sslich, um als Mensch die Gesellschaft mitzugestalten. Dazu bringt Rita Casale auch in K\u00fcrze ein Buch heraus, in welchem sie exemplarisch anhand von \u00fcberarbeiteten Vorlesungen schildert, wie sich eine Urteilsf\u00e4higkeit entwickeln kann.<\/p>\n<p>\u201eWas ist ein Urteil? Wie tr\u00e4gt man zur Urteilsf\u00e4higkeit bei? Ein Urteil ist etwas mehr als eine \u00dcbertragung oder eine Einwendung von einem Wissen, dass wir auf einem anderen Gebiet haben. Wenn wir es anwenden, beurteilen wir nicht, sondern wenden lediglich an. Wir sind gezwungen zu beurteilen, oder ein Urteil zu f\u00e4llen, wenn die Situation uns \u00fcberrascht. Wenn von uns verlangt wird, die Situation einzusch\u00e4tzen. Eine Situation des Nichtwissens.\u201c<\/p>\n<p>Da sei es besonders schwierig, Entscheidung und Urteil voneinander zu trennen, denn man greife auch bei Entscheidungen im Alltag zun\u00e4chst auf das zur\u00fcck, was man kenne. Nun k\u00e4me aber das \u201eNeue\u201c hinzu, \u00fcber das man keine Kenntnis habe. Rita Casale erkl\u00e4rt ihre Vorgehensweise anhand des Erziehungsbegriffs.<\/p>\n<p>Der Prozess bestehe darin, jedes Ph\u00e4nomen in seine strukturellen Elemente zu dekomponieren, also auseinanderzunehmen, zu verstehen und im n\u00e4chsten Schritt wieder neu zu kombinieren. \u201eDiesen Prozess bearbeite ich mit den Studierenden in verschiedenen Ph\u00e4nomenen. Ich f\u00e4lle erst das Urteil, wenn mir die Elemente bewusstgeworden sind und ich alles wieder zusammengesetzt habe.\u201c<\/p>\n<p>K\u00f6nnen also Bildungsangebote das politische und gesellschaftliche Handeln der B\u00fcrger beeinflussen? Dr. Rita Casales Fazit ist eindeutig. \u201eSie k\u00f6nnen zur Bildung eines politischen Urteils, zur Selbstbestimmung und zur politischen M\u00fcndigkeit beitragen. Einen unmittelbaren Einfluss auf das politische Handeln sollten sie nicht aus\u00fcben. Ich bin eine Vertreterin der Autonomie der Wissenschaft. Nur als autonome Einrichtung k\u00f6nnen Universit\u00e4ten politisch und gesellschaftlich von gro\u00dfer Bedeutung sein.\u201c<\/p>\n<p><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20j\u00e4hrigen m\u00fcsse man wissenschaftlich alles zutrauen und sie als erwachsen betrachten, sagt Prof. Dr. Rita Casale in den Bergischen Transfergeschichten. Die Erziehungswissenschaftlerin und Philosophin will die Urteilsf\u00e4higkeit der n\u00e4chsten Generation mit konkreten Bildungsangeboten in der Lehre sch\u00e4rfen und dadurch auch ihre Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen f\u00f6rdern.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-38759","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-11 11:46:12","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38759","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=38759"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38759\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38763,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38759\/revisions\/38763"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=38759"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=38759"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=38759"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}