{"id":38601,"date":"2021-06-17T07:40:00","date_gmt":"2021-06-17T05:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=38601"},"modified":"2021-06-22T16:11:06","modified_gmt":"2021-06-22T14:11:06","slug":"jahr100wissen-die-geschichten-von-tarzan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/06\/17\/jahr100wissen-die-geschichten-von-tarzan\/","title":{"rendered":"Jahr100Wissen\u201c: Die Geschichte von Dschungelheld Tarzan"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_38603\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-38603\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Jahr100Wissen-Meyer_Anne-Rose-1024x698.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"698\" \/><span class=\"wp-caption-text\">apl. Prof. Dr. Anne-Rose Meyer &#8211; \u00a9\u00a0Foto Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>\u201eDie insgesamt 24 B\u00e4nde umfassende Reihe \u201eTarzan\u201c stammt von Edgar Rice Burroughs. Ihr Held ist selbst 100 Jahre nach Erscheinen noch immer bekannt. Woran liegt das?<\/b><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28470\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Meyer:<\/b>\u00a0&#8222;Burroughs hat eine ungeheuerliche, auch heute noch spannend zu lesende Entwicklungsgeschichte geschrieben, mit der er Liebe, Abenteuer, Lebensgefahr verbindet. Wir haben es folglich mit einem Genre-Mix zu tun, der von vielem etwas bietet und folglich eine breite Leserschaft anspricht. Dazu kommt, dass Burroughs vor allem im ersten Tarzan-Roman, Tarzan by the Apes, h\u00f6chst markante Situationsbilder liefert: ein muskelbepackter Mann, der sich an Lianen durch den Urwald schwingt, der eine sch\u00f6ne Frau an seine unbekleidete Brust gedr\u00fcckt herumtr\u00e4gt, der mit Affen spricht \u2013 dies sind Szenen, die im Roman ausf\u00fchrlich beschrieben werden und die auch f\u00fcr alle bildlichen Darstellungen, sei es im Comic oder in den mehr als einhundert (!) Verfilmungen, zentral sind. Inklusive des Tarzan-\u201eJodlers\u201c, der sp\u00e4testens durch Johnny Weissm\u00fcllers Verk\u00f6rperung auch zu einer akustischen Signatur der Gestalt geworden ist. Sie hat also einen hohen Wiedererkennungswert, wozu auch der wohlgestaltete, in weiten Teilen des ersten Tarzan-Romans auch als nackt beschriebene K\u00f6rper des Titelhelden sicher beitr\u00e4gt. Erschienen Anfang des 20. Jahrhunderts, also in einer Zeit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfer Pr\u00fcderie, war dies sicherlich f\u00fcr eine breite Leserschaft attraktiv und ist es auch noch in unserer k\u00f6rperbetonten Gegenwart.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Am 20. Juni 1921 erscheint als 8. Band der Tarzan-Reihe der Roman \u201eTarzan der Schreckliche\u201c. Darin <\/b><b>trifft Tarzan auf Monster der grauen Vorzeit und z\u00e4hmt ein riesiges Ungeheuer, das sogenannte Gryf. Was fasziniert den Leser an solch einer Parallelwelt?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Meyer:<\/b>\u00a0&#8222;Es ist ein Kennzeichen fantastischer Literatur, gewohnte Alltagswahrnehmungen zu \u00fcberschreiten oder zu verfremden. Etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches wird erkennbar. Es gibt Theorien, denen zufolge fantastische Literatur vor allem in Umbruchzeiten gefragt ist. Dies k\u00f6nnte man auch von den ersten Tarzan-B\u00e4nden sagen. Meine Theorie hierzu lautet, dass die umfassende Technisierung, Globalisierung, Industrialisierung, Kolonisierung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts alle westlichen Staaten tiefgreifend gepr\u00e4gt hatte, die Sehnsucht nach Natur, nach deren Geheimnissen, nach einer \u201ewilden\u201c Gegenwelt in besonderer Weise bef\u00f6rdert hat.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Im angels\u00e4chsischen Sprachraum ist das Werk Burroughs ein absoluter Klassiker der Fantastik. In Deutschland hat er diesen Status nicht erreicht. Woran liegt das?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Meyer:<\/b>\u00a0&#8222;Auch in Deutschland ist Tarzan popul\u00e4r, allerdings weniger in Romanform denn als Comic oder Film. Dies hat damit zu tun, dass vor allem der erste Roman letztlich eine Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus ist: Tarzans Eltern, die als Stellvertreter der englischen Krone gleich zu Beginn des ersten Romans eingef\u00fchrt werden, k\u00f6nnen in dem gef\u00e4hrlichen Dschungel nicht \u00fcberleben, den sie doch eigentlich als \u00fcberlegene Europ\u00e4er beherrschen sollten. Tarzan w\u00e4chst dort unter Affen auf und verk\u00f6rpert dadurch eine Utopie, n\u00e4mlich die Vers\u00f6hnung von Mensch und Natur. Der Mensch ist Freund oder doch wenigstens ein fairer Gegner des Tieres, lebt mit diesem in Einklang und nimmt sich nur, was er zum \u00dcberleben braucht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Tarzan ist aber sehr deutlich auch als Engl\u00e4nder gestaltet, als Adliger. Immer wieder ist in den Romanen davon die Rede, dass er den Charakter eines wahren Gentlemans nicht verleugnen k\u00f6nne, dieser ihm angeboren sei. Doch zieht es ihn auch immer wieder nach Afrika zur\u00fcck. Aus angels\u00e4chsischer Perspektive geht es folglich nicht nur um eine spannende Geschichte, sondern auch um die Auseinandersetzung mit einem Selbstbild. Diese Rezeptionsebene fehlt im deutschsprachigen Raum v\u00f6llig. Egal, wie widrig die Umst\u00e4nde sind, der wei\u00dfe Herrenmensch, der englische Lord, \u00fcberlebt und sorgt f\u00fcr Recht und Ordnung. Dies ist die unterschwellige, aber doch deutlich vernehmbare Botschaft der Tarzan-Romane.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Figur Tarzan geh\u00f6rt in die Gruppe der sogenannten Wolfskinder, also Menschen, die in ihrer Jugend eine Zeit lang isoliert von anderen Menschen aufwuchsen. R\u00fchrt der Heldenstatus daher, dass ihn Leserinnen und Leser mit keinem realen Menschen vergleichen k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Meyer:<\/b>\u00a0&#8222;Tats\u00e4chlich kann Burroughs f\u00fcr seine Tarzan-Romane auf eine lange literarische Tradition zur\u00fcckgreifen: Beginnend bei Romulus und Remus \u00fcber Wolfdietrich, Titelheld des gleichnamigen mittelhochdeutschen Heldenepos, und Mowgli aus \u201eThe Jungle Book\u201c von Rudyard Kipling aus dem Jahr 1894. Spannend speziell an Burroughs Romanen ist, dass er mit Tarzan eine Gestalt geschaffen hat, die zwar einerseits \u00fcbermenschlich stark erscheint und auch \u00fcber einen au\u00dfergew\u00f6hnlich edlen Charakter verf\u00fcgt, die aber andererseits auch ganz menschlich ist und in ihrer anfangs ganzen k\u00f6rperlichen und geistigen Schw\u00e4che gezeigt wird. Er ist also beides: ein letztlich unbezwingbarer, edelm\u00fctiger Held und jemand, der das, was man herk\u00f6mmlicherweise unter \u201eKultur\u201c versteht, erst kennenlernen muss. Die mit dieser Konstellation verbundenen Themen erweisen sich als zeitlos: der Umgang mit der eigenen Andersartigkeit in einer zun\u00e4chst fremden Gruppe, Prozesse der Individualisierung und Kultivierung, der Umgang mit den eigenen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Geschichte von Tarzan ist sowohl als Serie und Comicverfilmung umgesetzt worden als auch mehrere Male als Realfilm \u2013 zuletzt 2016 \u2013 in den Kinos gelaufen. Warum interessieren wir uns auch nach 100 Jahren noch immer f\u00fcr einen laut jodelnden, lianenschwingenden Affenmenschen im Lendenschurz?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Meyer:<\/b>\u00a0&#8222;In den Tarzan-Romanen werden viele Themen verarbeitet, die auch heute noch von gro\u00dfem Interesse sind: unser Verh\u00e4ltnis zu Natur und Kultur etwa, M\u00f6glichkeiten des \u00dcberlebens in der \u201eWildnis\u201c und unser Vertrauen in die eigenen Kr\u00e4fte. Auch das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Tier \u2013 in den meisten Tarzan-Romanen als \u00fcberwiegend harmonisch gestaltet \u2013 ist heute sogar noch aktueller als vor hundert Jahren. Tarzan l\u00e4sst sich auch den im wahrsten Wortsinn starken Charakteren zuordnen, von denen wir nicht genug bekommen k\u00f6nnen: Rambo, dem Terminator, Superman\u2026 Wollen wir nicht alle wenigstens ein klein wenig sein wie sie?&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. Im Interview spricht die Germanistin Prof. Dr. Anne-Rose Meyer \u00fcber \u201eTarzan\u201c und das Ph\u00e4nomen eines Dschungelhelden in der Fantastischen Literatur.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-38601","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-23 07:33:24","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38601","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=38601"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38601\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":38696,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/38601\/revisions\/38696"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=38601"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=38601"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=38601"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}