{"id":37829,"date":"2021-05-25T19:20:57","date_gmt":"2021-05-25T17:20:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=37829"},"modified":"2021-05-27T19:21:07","modified_gmt":"2021-05-27T17:21:07","slug":"gitarren-statt-knarren-was-popmusik-bewegen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/05\/25\/gitarren-statt-knarren-was-popmusik-bewegen-kann\/","title":{"rendered":"\u201eGitarren statt Knarren\u201c \u2013 Was Popmusik bewegen kann"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_37831\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-37831\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Transferstory_Antonius_Weixler-1024x680.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"680\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Antonius Weixler &#8211; \u00a9\u00a0Foto UniService Transfe<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Der geb\u00fcrtige Kemptener untersucht die Popkultur mit Methoden der Literaturwissenschaft und besch\u00e4ftigt sich dabei mit dem Erz\u00e4hlen von popkulturellen Ph\u00e4nomenen. Dar\u00fcber berichtet er in den Bergischen Transfergeschichten.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28450\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">Dem Jahr 1967 kommt in der popmusikalischen Geschichte eine besondere Bedeutung zu, die Weixler zusammen mit Gerhard Kaiser und Christoph J\u00fcrgensen auch als Herausgeber des Buches \u201eYounger than yesterday \u2013 1967 als Schaltjahr des Pop\u201c hervorhebt. \u201e1967 erscheint mit ,Sgt. Pepper\u2018s Lonely Hearts Club Band\u2018 das wichtigste Album der Beatles\u201c, erkl\u00e4rt er, \u201eund wenn man der Geschichtsschreibung glaubt, auch das wichtigste und beste Popalbum der Popgeschichte.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Danach sei nichts mehr wie zuvor gewesen, attestieren auch Musikwissenschaftler*innen, denn Popmusik erhebt hier erstmals selbstbewusst den Anspruch, auch Kunst zu sein. \u201eDas merkt man schon an der Produktion. Legend\u00e4r ist z. B., dass die Beatles sechs Monate im Studio an diesem Album rumgewerkelt haben, was f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse eine geradezu aberwitzige L\u00e4nge war. Man merkt es auch daran, dass die Texte zum ersten Mal \u00fcberhaupt auf dem Albumcover mit abgedruckt wurden, d. h. die Beatles behandeln ihre Texte wie Literatur, die deswegen auch mit abgedruckt werden m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das Albumcover z\u00e4hle zudem nach Einsch\u00e4tzung von Kunstwissenschaftler*innen zu den bedeutendsten Bildern des 20. Jahrhunderts. Dar\u00fcber hinaus sei auch die Trennung \u00e4hnlich der von Autor- und Erz\u00e4hlerinstanz aus der klassischen Literatur hier \u00fcbernommen worden, da nicht die Beatles selber, sondern eben Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band die Lieder auf der Platte spiele.<\/p>\n<h4>Popmusik selbstreflexiv<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Dieses Ph\u00e4nomen, dass Popmusik nun selbstreflexiv werde, d. h. die eigenen Produktions- und Erscheinungsweisen reflektiere, betont Weixler, ziehe sich gerade 1967 durch ganz viele in diesem Jahr erschienene Alben, die Popgeschichte geschrieben h\u00e4tten. Unser Verst\u00e4ndnis von Popmusik basiere wesentlich auf den Alben, die 1967 ver\u00f6ffentlich wurden.<\/p>\n<div id=\"attachment_24424\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-24424\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/01-COVER-FOTO-1-1024x622.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"622\" \/><span class=\"wp-caption-text\">BAP-Bo\u00df Wolfgang Niedecken, ein Musiker, der sich auch politisch \u00e4u\u00dfert und sich seiner Vorbildrolle bewusst ist &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">\u201eEs gibt ein paar ganz bedeutsame Debuts, also erste Alben von Bands, wie Pink Floyd (The Piper at the Gates of Dawn), David Bowie (David Bowie), The Velvet Underground (The Velvet Underground &amp; Nico), Jimmy Hendrix (Are you Experienced) oder Grateful Dead (The Grateful Dead)\u201c, z\u00e4hlt er auf, \u201ealles 1967, wo auch zum ersten Mal so eine elektronische, avantgardistische Musik vorgef\u00fchrt wird.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dazu k\u00e4men auch eine ganze Reihe von bedeutsamen Alben von Musiker*innen, die davor schon Songs publiziert h\u00e4tten, 1967 aber die H\u00f6he \u201eihrer Kunst\u201c erreichten, wie Bob Dylen, Aretha Franklin oder Jefferson Airplane.<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Popmusik wird nobelpreisw\u00fcrdig<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Heute seien Popmusiker als Literaten nicht mehr umstritten, der Literaturnobelpreis an Bob Dylan 2016 habe das schon gezeigt, sagt Weixler. \u201eEs gab zwar auch Kritik an der Verleihung, aber im Wesentlichen wurde das doch eigentlich begr\u00fc\u00dft.\u201c Au\u00dferdem wurde bereits kurz danach zum ersten Mal ein Rapper, Kendrick Lamar, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Mittlerweile wird Popmusik ganz selbstverst\u00e4ndlich auch in den Feuilletons der gro\u00dfen Zeitschriften verhandelt und rezensiert.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Popmusik und die Lyrics der Popmusik sind in diesem breiten literarischen Feld angekommen.\u201c Auch die Umschreibung von Songtexten als Drei-Minuten-Texte lasse sich schon immer auf jedwede Lyrik gleicherma\u00dfen anwenden. \u201eWenn ich ein altes Gedicht von Goethe oder Schiller nehme und das aufsage, dann ist das auch ein Drei-Minuten-Text. Und es funktioniert nach ganz \u00e4hnlichen Methoden.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Weixler wei\u00df um den Stellenwert der Popliteratur in der Literaturwissenschaft, die sich klassischer Weise mit ernster Literatur besch\u00e4ftige und sagt l\u00e4chelnd, \u201ePopliteratur wird oft nicht so wertgesch\u00e4tzt wie klassische Literatur, das war aber im Fach \u00fcbrigens auch mit der Gegenwartsliteratur lange Zeit so.\u201c Doch auch da \u00e4ndern sich die Zeiten, denn die j\u00fcngere Literaturwissenschaft behandele popmusikalische Lyrics heute genauso wie Lyrik.<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Mit Musik protestieren<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Lana Del Rey hat ein Gedichtalbum ver\u00f6ffentlicht \u201eViolet Bent Backwards Over the Grass\u201c, dem auch noch ein H\u00f6rbuch folgt. Darin besch\u00e4ftigt sie sich in Gedichten auch mit dem Klimawandel. Barbra Streisand schrieb den Anti-Trump-Song \u201eDon\u2018t lie to me\u201c. Musikalische Texte wirken oft st\u00e4rker und schneller auf Missst\u00e4nde hin, als blo\u00dfe Reden es tun. Weixler sieht den Grund in der Mischung, aus der Popmusik bestehe.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eZur Popmusik geh\u00f6rt auch immer die Person, der Star, der die Musik vortr\u00e4gt. Es geh\u00f6rt die Kleidung dazu und die Pose, also alles, was zur jugendkulturellen Identifikation dazugeh\u00f6rt.\u201c Zudem k\u00f6nnten Lieder Zuh\u00f6rer*innen auch emotional viel st\u00e4rker ansprechen, als eine rein textliche Parole. Und auch die Rezeption in der Intimit\u00e4t des Kinderzimmers sei nicht zu untersch\u00e4tzen, sagt er, denn in dieser Umgebung verst\u00e4rke sich die emotionale Wirkung.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eUnd wenn es um die politische Botschaft geht, dann w\u00fcrde ich sagen, kann Popmusik wirksamer sein, weil sie das Gef\u00fchl st\u00e4rker anspricht als den Verstand.\u201c Popmusik transportiere immer auf eine ganz subtile Art und Weise Normen und Werte einer Gesellschaft. \u201eWenn so eine alternative Rolle oder so eine oppositionelle Rolle attraktiv ist, dann m\u00f6chte ich auch so sein. Wenn der Star sexy ist, dann nehme ich auch diese politische Botschaft dieses Stars eher wahr, als wenn das ein*e alte*r Politiker*in sagt\u201c, erkl\u00e4rt der Wissenschaftler.<\/p>\n<h4 class=\"bodytext\">Musik und Politik \u2013 Aktuelle Ausstellung in Bonn<\/h4>\n<p class=\"bodytext\">Wie nah Weixler am Puls der Zeit arbeitet, zeigt auch eine aktuelle Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte. Unter dem Titel \u201eHits &amp; Hymnen\u201c geht es um das Zusammenspiel von Musik und Politik. \u201eEiner der sch\u00f6nen Ausstellungsst\u00fccke f\u00fcr uns Wuppertaler*innen bei dieser Ausstellung ist nat\u00fcrlich die Gitarre, die Udo Lindenberg Erich Honecker am 9. September 1987 in Wuppertal \u00fcberreicht hat, mit dem sch\u00f6nen Slogan ,Gitarren statt Knarren\u2018\u201c, sagt der 42-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Titel der Ausstellung zeige die Auswirkung, die ein Lied haben k\u00f6nne, dann k\u00f6nnen aus Hits Hymnen werden. \u201eDas kann dann die ,Ode an die Freude\u2018 sein, es kann aber genauso die Hymne f\u00fcr den Mauerfall sein, also ,Wind of Change\u2018 von den Scorpions.\u201c So fasse ein Popsong in drei Minuten ein geschichtliches Ereignis zusammen, welches man ansonsten in langen Texten nachlesen m\u00fcsse und erziele dabei oft eine viel intensivere Wirkung.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nach einem Lied gefragt, das Potenzial h\u00e4tte, in Zukunft zur Hymne zu werden, f\u00e4llt Weixler spontan der Song \u201eBlinding Lights\u201c von The Weeknd ein. Doch gespannter ist er auf einen noch zu findenden Begleithit f\u00fcr eine ganz junge Protestbewegung.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eIch bin pers\u00f6nlich sehr neugierig darauf, wie sich Fridays for Future in der Popmusik ausdr\u00fccken wird. Ich glaube, da fehlt uns noch ein wenig die popmusikalische Antwort auf diese sehr neue Jugendbewegung. Wir haben eine Jugendbewegung, die sich in neuen Protestformen ausdr\u00fcckt, aber wir haben noch keine richtig popul\u00e4ren Popsongs dazu.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Vielleicht\u201c, orakelt er zum Schluss, \u201ehat Billie Eilishs ,All the good girls go to hell\u2018 das Potenzial dazu.\u201c \u00a0Die Zeit wird zeigen, ob er recht hat.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Antonius Weixler, Literaturwissenschaftler an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal, forscht zu der Bedeutung von Popkultur und sagt: \u201eWenn man sich fragt, was unsere Kultur eigentlich ausmacht, dann kommt man an der Popmusik nicht vorbei.\u201c<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-37829","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 02:12:09","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37829","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=37829"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37829\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":37834,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/37829\/revisions\/37834"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=37829"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=37829"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=37829"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}