{"id":35536,"date":"2021-05-06T12:03:05","date_gmt":"2021-05-06T10:03:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=35536"},"modified":"2021-05-06T12:03:05","modified_gmt":"2021-05-06T10:03:05","slug":"sophie-scholl-eine-frau-die-lebte-liebte-zweifelte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/05\/06\/sophie-scholl-eine-frau-die-lebte-liebte-zweifelte\/","title":{"rendered":"Sophie Scholl &#8211; eine Frau, die lebte, liebte, zweifelte&#8230;"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_35539\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-35539\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Jahr100Wissen_Prof._Imbusch-2-1024x686.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"686\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Peter Imbusch &#8211; \u00a9\u00a0Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Im Interview blickt Soziologe Prof. Dr. Peter Imbusch auf ihr kurzes Leben, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und ihr Wirken bis heute.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28416\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Am 09. Mai 1921 wurde Sophia Magdalena Scholl, sp\u00e4ter bekannt als Sophie Scholl, in Forchtenberg (Baden-W\u00fcrttemberg) geboren. Sie starb mit 21 Jahren durch die Nationalsozialisten. Wer war diese Frau?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Peter Imbusch:\u00a0&#8222;Die Biografie von Sophie Scholl ist angesichts ihres kurzen Lebens schnell erz\u00e4hlt. Diese Frau war zuv\u00f6rderst ein junges M\u00e4dchen, welches sich angesichts des immer sichtbarer werdenden Unrechts der Nationalsozialisten langsam politisiert und deren Leben heute f\u00fcr Widerstand, Mut und Freiheitswillen steht. Sie wuchs zusammen mit ihren Geschwistern Inge, Hans, Elisabeth und Werner bis 1930 in Forchtenberg, sp\u00e4ter dann in Ludwigsburg und ab 1932 in Ulm in einem b\u00fcrgerlich-konservativen Elternhaus auf. Dort wurde sie durch ihre Mutter Magdalena, die bis zu ihrer Heirat Diakonisse gewesen war und ihren Vater Robert Scholl, der liberal gesinnt war, zu christlichen Werten erzogen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wie wir aus den Biografien von Maren Gottschalk und Robert Zoske wissen, war sie eine Frau, die lebte, liebte, zweifelte, und auch launisch sein konnte. Nach dem Abitur 1940 begann sie zun\u00e4chst eine Ausbildung als Kinderg\u00e4rtnerin, um dem Reichsarbeitsdienst zu entkommen, was ihr allerdings nicht gelang. 1942 ist sie dann zum Biologie- und Philosophiestudium nach M\u00fcnchen gezogen. Dort kam sie rasch in den Freundeskreis ihres Bruders Hans, der Hitler und sein Regime ablehnte. Von dort war der Weg in die Widerstandsgruppe \u201eWei\u00dfe Rose\u201c nicht mehr weit. Ihr dortiges Engagement kostete sie schlie\u00dflich ihr Leben.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wie entstand ihr politisches Engagement?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Peter Imbusch:\u00a0&#8222;Ihr politisches Engagement hat sich erst peu \u00e0 peu herausgebildet, wobei ihre christlich-humanistische Erziehung dazu sicherlich beigetragen hat. Die Mitglieder der \u201eWei\u00dfen Rose\u201c kamen ja alle aus eher konservativ-b\u00fcrgerlichen Elternh\u00e4usern mit christlicher Pr\u00e4gung. Sophie Scholl war zun\u00e4chst \u2013 wie auch ihr Bruder Hans \u2013 noch eine begeisterte Anh\u00e4ngerin der nationalsozialistischen Jugendbewegung gewesen. Sie hingen insbesondere dem von den Nationalsozialisten propagierten Gemeinschaftsideal an, sodass sie 1934 den Ulmer Jungm\u00e4deln beitrat und bald auch \u201aF\u00fchrungsaufgaben\u2018 \u00fcbernahm. Dieses Engagement kollidierte jedoch sukzessive mit den Idealen der im Dritten Reich verbotenen B\u00fcndischen Jugend, die eine gro\u00dfe Rolle in ihrem Leben und Denken spielte. Wegen ihrer \u201eb\u00fcndischen Umtriebe\u201c gerieten sie bald mit dem Gesetz in Konflikt, wurden 1937 kurzzeitig von der Gestapo verhaftet. Ein Jahr sp\u00e4ter verlor Sophie Scholl ihre Position als Gruppenf\u00fchrerin. Jetzt entdeckte sie zunehmend Widerspr\u00fcche zwischen der Parteilinie und dem eigenen liberalen Denken, sodass man vielleicht sagen kann, dass es pers\u00f6nliche \u00dcberzeugungen und negative Erfahrungen mit dem NS-Staat waren, die sie schon fr\u00fch zur kritischen Beobachterin des Regimes werden lie\u00df.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die endg\u00fcltige Festigung ihrer \u00dcberzeugungen erfolgte dann im Rahmen ihres Studiums in M\u00fcnchen, wo sie Vorlesungen des Philosophieprofessors Kurt Huber besuchte, in denen so grundlegende Fragen diskutiert wurden, ob und inwiefern Christen als politisch denkende Menschen auch als handelnde Subjekte gefordert sind. Sophie Scholl wurde zudem von den Arbeiten des katholischen Publizisten Theodor Haecker beeinflusst, der unter den Nationalsozialisten nicht mehr publizieren durfte. All das verband sich schlie\u00dflich in ihrem neuen Freundeskreis zu einem B\u00fcndnis im Kampf gegen die nationalsozialistische Diktatur.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sie gilt als Mitbegr\u00fcnderin der studentischen Widerstandsgruppe \u201eWei\u00dfe Rose\u201c, die stark christlich orientiert war. Was taten sie?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Peter Imbusch: &#8222;Den innersten Kreis der \u201eWei\u00dfen Rose\u201c bildeten neben Hans und Sophie Scholl noch Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf und Kurt Huber. Dar\u00fcber hinaus gab es eine Reihe weiterer Mitarbeitenden und ein gr\u00f6\u00dferes Umfeld von Unterst\u00fctzenden, damit sie ihre Aktionen \u00fcberhaupt durchf\u00fchren konnten. Die Gruppe verfasste und verteilte auf geheimen Wegen zun\u00e4chst in der Region M\u00fcnchen, sp\u00e4ter dann \u00fcber Kuriere in anderen St\u00e4dten S\u00fcddeutschlands insgesamt sechs Flugbl\u00e4tter, in denen sie die Verbrechen des Regimes thematisierten und zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufriefen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In den im Sommer 1942 und zu Beginn des Jahres 1943 verbreiteten Flugbl\u00e4ttern gegen Hitler und das nationalsozialistische Regime, forderten sie zun\u00e4chst zum passiven Widerstand, bald aber auch zum Sturz der Regierung auf. Ende Januar 1943 erschien das f\u00fcnfte Flugblatt, an dem jetzt auch Christoph Probst und Sophie Scholl sowie Willi Graf und Kurt Huber beteiligt waren. Darin riefen sie die Bev\u00f6lkerung nochmals zum Handeln auf, betonten angesichts der Kriegsverlaufs, dass \u201eHitler \u2026 den Krieg nicht gewinnen, (sondern) nur noch verl\u00e4ngern (kann)!\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Niederlage in Stalingrad und die \u00f6ffentlichen Proteste an der Universit\u00e4t M\u00fcnchen angesichts einer Rede der Gauleiter Mitte Januar waren f\u00fcr die Widerst\u00e4ndlerinnen und Widerst\u00e4ndler der Anlass f\u00fcr ein sechstes Flugblatt, mit dem sie ihre Kommilitonen mobilisieren wollten. Darin wurden die jungen Menschen zum Aufstand gegen die Hitler-Diktatur aufgerufen. W\u00e4hrend ein Teil der Flugbl\u00e4tter Mitte Februar wieder per Post verschickt wurde, transportierten Sophie und Hans Scholl die restlichen am 18. Februar in die Universit\u00e4t, wo sie sie vor den H\u00f6rs\u00e4len auslegten und auch stapelweise vom zweiten Stock in den Lichthof der Universit\u00e4t warfen. Bei dieser Aktion wurden sie jedoch entdeckt und verhaftet.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der Schauprozess gegen Hans und Sophie Scholl fand nach vier Tagen statt. Der sogenannte Blutrichter Roland Freisler verurteilte beide Geschwister zum Tode. Was haben sie bewirkt?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Peter Imbusch: &#8222;Alle Prozesse gegen die Mitglieder der \u201eWei\u00dfe Rose\u201c sowie sp\u00e4ter auch gegen deren Unterst\u00fctzer fanden vor dem sogenannten Volksgerichtshof von Roland Freisler statt. Der Volksgerichtshof war ein politisches Gericht, dessen Aufgabe es nicht war, Recht zu sprechen, sondern die politischen Gegner des Dritten Reiches zur Strecke zu bringen. Er war ein Musterbeispiel f\u00fcr politische Justiz, in der Menschen nicht wegen konkreter Straftaten, sondern wegen ihrer Gesinnungen bestraft wurden. Der Volksgerichtshof war ein politisches Machtinstrument, ein rechtsstaatliches Verfahren im Grunde ausgeschlossen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nach ihrer Verhaftung haben Hans und Sophie Scholl ihre Beteiligung an der \u201eWei\u00dfen Rose\u201c zun\u00e4chst geleugnet, sp\u00e4ter dann gestanden, die Urheber der Flugblatt-Aktionen gewesen zu sein. Vier Tage nach ihrer Festnahme machte der Volksgerichtshof den beiden den Prozess und klagte sie wegen \u201elandesverr\u00e4terischer Feindbeg\u00fcnstigung\u201c, \u201eVorbereitung zum Hochverrat\u201c und wegen \u201eWehrkraftzersetzung\u201c an. Entsprechend war es wenig \u00fcberraschend, dass beide zum Tode verurteilt und am selben Tag durch das Fallbeil hingerichtet wurden. Sophie Scholl wurde gerade mal 21 Jahre alt. Nach ihrer Hinrichtung verfolgte die Gestapo weitere aktive Sympathisanten der \u201eWei\u00dfen Rose\u201c und sprach auch gegen sie Todes- oder hohe Freiheitsstrafen aus.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wir erinnern uns heute an diese mutigen Menschen. Was haben sie bewirkt? Wie steht es um das Gedenken an Sophie Scholl und die \u201eWei\u00dfe Rose\u201c?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Peter Imbusch: &#8222;Am 9. Mai w\u00e4re Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Das Gedenken an die Widerstandsgruppe \u201eWei\u00dfe Rose\u201c und an das mutige Handeln von Sophie Scholl ist \u00fcber die Jahre hinweg sehr lebendig gewesen und bis heute aktuell. Etliche Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze und Wege in Deutschland sind nach den Geschwistern Scholl benannt. Schon 1968 wurde das politikwissenschaftliche Institut der LMU M\u00fcnchen in Geschwister-Scholl-Institut umbenannt. Ihr Wirken ist in Filmen, Theaterst\u00fccken und Ausstellungen festgehalten. Zum 100. Geburtstag gibt es nun eine 20-Euro-Gedenkm\u00fcnze und die Post bringt eine Sondermarke heraus.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Allerdings ist in neueren Ver\u00f6ffentlichungen zur Person Sophie Scholl auch darauf hingewiesen worden, dass sie zu einer klischeebehafteten Person geworden ist, die h\u00e4ufig auf ein paar Schlagworte (wie Freiheit, Widerstand, Mut) reduziert werde, was der komplexen Pers\u00f6nlichkeit Sophie Scholls nicht gerecht wird. Zur Ikonisierung einer Person geh\u00f6rt ja in der Regel auch immer eine mythische \u00dcberh\u00f6hung, die meist mit einer Vereinfachung einhergeht, welche die Widerspr\u00fcche und Ambivalenzen einer Pers\u00f6nlichkeit nicht hinreichend zu erfassen vermag. Je weiter solche Prozesse voranschreiten, desto gr\u00f6\u00dfer werden auch die Gefahren der Instrumentalisierung und Vereinnahmung ihrer Person, wie wir sie in j\u00fcngster Zeit h\u00e4ufiger erlebt haben. Das Gedenken an eine Person ist ja immer auch ein Ringen um die Deutungshoheit. Und dieses muss heute leider gegen perfide Vereinnahmungsversuche durch die AfD, die Querdenker-Bewegung oder das selbsternannte und ber\u00fchmt gewordene Opfer \u201eJana aus Kassel\u201c verteidigt werden.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. Am 09. 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