{"id":35389,"date":"2021-05-01T08:25:42","date_gmt":"2021-05-01T06:25:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=35389"},"modified":"2021-05-02T09:59:10","modified_gmt":"2021-05-02T07:59:10","slug":"zwanziger-jahren-waren-keine-pausenlose-ekstase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/05\/01\/zwanziger-jahren-waren-keine-pausenlose-ekstase\/","title":{"rendered":"\u201eZwanziger Jahren waren keine pausenlose Ekstase\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_35391\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-35391\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Jahr100Wissen_Dr._Georg_Eckert-2-1024x690.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"690\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Georg Eckert &#8211; \u00a9\u00a0Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert spricht \u00fcber kleine und gro\u00dfe Ausschweifungen, neue Rollenbilder und von Tatmenschen zwischen Stra\u00dfenschlachten und Atlantik\u00fcberquerung.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28412\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Eckert, Sie haben vor kurzem das Buch \u201eDie Zwanziger Jahre: Das Jahrzehnt der Moderne\u201c herausgebracht. Darin schreiben Sie im Kapitel \u201eDer neue Mensch: Das Wesen der Moderne\u201c, dass die Zwanziger Jahre eine neue Welt waren. Was meinen Sie damit?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert:\u00a0&#8222;Die Zeitgenossen erlebten einen rapiden Umbruch, auch und gerade im Alltag: Betonbauten, Leuchtreklamen, Radio, Automobile und vieles andere ver\u00e4nderten das Leben \u2013 neue Standards kamen auf, die sich bis heute gehalten haben: zum Beispiel das DIN A4-Format, die Rolex, das \u201eKleine Schwarze\u201c. Sp\u00e4testens mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, so schien es fast allen, hatte eine neue Epoche begonnen. Die \u201eWelt von gestern\u201c, wie sie Stefan Zweig sp\u00e4ter in seinen Memoiren titulierte, war offenkundig untergegangen \u2013 zum Entsetzen derjenigen, die sich in der alten Ordnung wohl gef\u00fchlt hatten, und zur Begeisterung derjenigen, die schon l\u00e4nger auf eine grundlegende Erneuerung von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur gedrungen hatten. Zweig nannte die Zwanziger Jahre \u201eeine Epoche wildesten Experimentierens\u201c, die auch den Menschen selbst zum Gegenstand hatte. Dass zu dieser neuen Welt eben nur ein neuer, k\u00f6rperlich wie geistig gewandelter Mensch passe, war eine weitverbreitete \u00dcberzeugung; nicht wenige glaubten gar, eine Verbesserung des Erbguts der Menschheit anstreben zu sollen, mit teils fatalen Folgen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Schon im Ersten Weltkrieg mussten sich die Menschen der vorr\u00fcckenden Technik stellen. Sie schreiben, dass die ersten Kampfpiloten sich bezeichnenderweise auch \u201eRitter der L\u00fcfte\u201c nannten. Die Digitalisierung heute verlangt den Menschen erneut eine moderne Anpassung ab. Wie schwer fiel es den Zeitgenoss*innen, das Alte abzulegen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert: Das Ende von Traditionen kann sowohl befreiende als auch einengende Wirkungen haben, heute wie damals. Zu den vielen Faktoren, von denen die Akzeptanz des Neuen abh\u00e4ngt, geh\u00f6ren \u00dcberzeugungen und Interessen: Ein Zimmermann konnte einem Betonflachdach naturgem\u00e4\u00df wenig abgewinnen, f\u00fcr einen Hersteller von Kutscherpeitschen musste die Flie\u00dfbandfertigung von Automobilen unweigerlich eine Bedrohung darstellen, selbst wenn er davon irgendwie fasziniert sein mochte, und in der hektischen Gro\u00dfstadtkultur der \u201eRoaring Twenties\u201c und ihrer Ablehnung steckte auch ein Generationenkonflikt \u2013 ebenso heute in manchen digitalen Erlebniswelten. Disruption findet ja auch nicht jeder gut.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Gefahr, die sich aus dem Ablegen der alten Traditionen, hin zu neuen Werten ergab, zeigte sich auch im Erbl\u00fchen des Nationalsozialismus. Auch 100 Jahre sp\u00e4ter haben wir in Krisensituationen wieder mehr mit Rechtsextremismus zu tun, dabei sollten wir doch aus der Geschichte lernen. Was passierte damals in den gesellschaftlichen Erneuerungsphasen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert:\u00a0&#8222;Der Aufstieg des Nationalsozialismus, der sich vielfach eher alte Ressentiments mit neuen Propagandamitteln zunutze zu machen verstand, war mitnichten die einzig m\u00f6gliche Folge der Zwanziger Jahre. Sie waren auch in der Politik eine Phase des Experimentierens; die Weimarer Republik erwies sich zun\u00e4chst als bemerkenswert stabil, Hitlers Putsch im November des Jahres 1923 scheiterte auf geradezu blamable Weise. Auch in der Tschechoslowakei beispielsweise entstand eine gefestigte Demokratie (die es in den USA, in Gro\u00dfbritannien, in Frankreich und anderen L\u00e4ndern ohnehin gab).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Inmitten der gewaltigen Umbr\u00fcche waren f\u00fcr viele jene Bewegungen attraktiv, die ganz konkrete Sicherheiten und einfache Gewissheiten anboten. Das gelang im Deutschland der Weltwirtschaftskrise insbesondere der NSDAP, die alle \u00dcbel dem \u201eSystem\u201c anzukreiden wusste. Ideale wie die \u201eVolksgemeinschaft\u201c gaben vielen das Gef\u00fchl, inmitten eines bedrohlichen Wandels endlich festen Halt zu finden. In dieser Hinsicht erleben wir heute eine \u00e4hnliche Konstellation, in vielen anderen indes sind die Unterschiede gro\u00df.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Einigkeit \u00fcber politische Grenzen hinaus, schreiben Sie, bestand jedoch darin, dass der neue Mensch ein Tatmensch sein sollte. Was ist ein Tatmensch?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert: &#8222;Im Ideal des Tatmenschen b\u00fcndelten sich teils sehr gegens\u00e4tzliche Anliegen, die indes einem \u00e4hnlichen Prinzip verpflichtet waren: n\u00e4mlich demjenigen, dass es darauf ankomme, das als richtig Empfundene mutig auch gegen enorme Widerst\u00e4nde durchzusetzen \u2013 geredet sei genug, nun m\u00fcsse gehandelt werden. Dabei r\u00fccksichtslose Brutalit\u00e4t gegen sich selbst und gegen andere zu \u00fcben, galt vielen als r\u00fchmlicher Beweis unbedingten, m\u00e4nnlichen Entschlossenseins. Das Spektrum verherrlichter \u201eTatmenschen\u201c reichte von einem Kult der politischen Gewalt, die sich in Attentaten und Stra\u00dfenschlachten \u00e4u\u00dferte, bis hin zur Begeisterung f\u00fcr Pioniertaten wie Charles Lindberghs Atlantik\u00fcberquerung mit dem Flugzeug. Freilich karikierten andere Zeitgenossen solche Heldenverehrung, indem sie statt gro\u00dfer Helden kleine Leute zu Protagonisten machten: etwa James Joyce seinen \u201eUlysses\u201c oder Hans Fallada seinen \u201eKleinen Mann\u201c.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Emanzipation war in der Weimarer Republik auch gro\u00dfgeschrieben. Frauen erlangten das Wahlrecht und durften wie ihre m\u00e4nnlichen Kommilitonen gleichberechtigt studieren. Woher kam dieses neue Selbstbewusstsein und wie zeigten die Frauen es in der \u00d6ffentlichkeit?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert: \u201eDie\u201c Frauen gab es in der Weimarer Republik ebenso wenig wie \u201edie\u201c M\u00e4nner; eine gleiche Zulassung zum Studium bedeutete ja mitnichten, dass Frauen an den Universit\u00e4ten keine Nachteile mehr erlitten h\u00e4tten. Wenn wir heute an selbstbewusste Frauen jener Jahre denken, dann sehen wir vor uns schlanke, sportliche, oftmals androgyne Gestalten in eher strengen, \u201em\u00e4nnlich\u201c anmutenden Kleidern (emblematisch der schmal geschnittene Hosenanzug, gar mit Krawatte getragen), meist mit ebenfalls ehedem als maskulin empfundenen Kurzhaarfrisuren wie dem epochemachenden Bubikopf, mit einer Zigarettenspitze in einem bisweilen grell geschminkten Mund \u2013 Marlene Dietrich war so eine Stilikone der Zwanziger Jahre, und ein Film wie \u201eDie drei von der Tankstelle\u201c (1930) machte die Provokation vollkommen, wenn eine reiche junge Frau in einem eleganten, schnellen Sportwagen von drei mittellosen Junggesellen bedient wird. Tats\u00e4chlich hatte dieses neue Selbstbewusstsein auch eine \u00f6konomische Dimension, insbesondere Verk\u00e4uferinnen in Kaufh\u00e4usern oder B\u00fcroangestellte zeigten sich in einem neuen Rollenbild: demjenigen der ledigen \u2013 und dadurch nicht etwa unvollst\u00e4ndigen \u2013 Angestellten, die sich mit ihrem eigenen, selbst erarbeiteten Geld ihre eigenen Vergn\u00fcgungen g\u00f6nnte. Aber das war keineswegs die Realit\u00e4t aller Frauen, sondern vor allem eine (gro\u00df-)st\u00e4dtische Lebensform.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Freizeitgestaltung f\u00fcr die Neuen Menschen nahmen immer ausschweifendere Z\u00fcge an. Was konnte man denn damals so alles anstellen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert: &#8222;Man m\u00fcsste beinahe fragen, was man nicht h\u00e4tte anstellen k\u00f6nnen: Fritzi Massary erzielte mit dem Chanson \u201eWarum sollt\u2018 eine Frau kein Verh\u00e4ltnis haben\u201c noch im Jahre 1932 einen gewaltigen Publikumserfolg. \u00dcberhaupt war der Gestus der Ausschweifung \u2013 Francis Scott Fitzgeralds B\u00fccher wie \u201eDer gro\u00dfe Gatsby\u201c und sein Leben zeugen davon \u2013 bisweilen wichtiger als die Ausschweifung selbst. Jedenfalls d\u00fcrfen wir uns die Zwanziger Jahre keineswegs als pausenlose Ekstase vorstellen. Aus Sicht mancher Kritiker war es ja schon eine Ausschweifung, wenn gro\u00dfe Kaufh\u00e4user zu immer erschwinglicheren Preisen einem Massenpublikum so manche Waren anboten, die zuvor nur Luxusg\u00fcter gewesen waren \u2013 die Kulturrevolution fand vor allem im Alltag statt. Er er\u00f6ffnete neue M\u00f6glichkeiten. So wurden Kinos wichtige Erlebnisorte der Moderne, nun auch dank Farb- und Tonfilm, in gro\u00dfen Konzerts\u00e4len spielten Ensembles wie die Comedian Harmonists auf, aus den USA kamen die neuartigen Musicals \u2013 hierzulande nannte man sie \u201eMusikrevuen\u201c \u2013 ebenso her\u00fcber wie neue Jazz-Kl\u00e4nge.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Doch neben gro\u00dfen Spektakeln wie Autorennen gab es eben auch spektakul\u00e4re Neuerungen im Kleinen: zum Beispiel ein Bauboom f\u00fcr Hallen- und Freib\u00e4der, die auch \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsschichten offenstanden \u2013 was f\u00fcr die einen der F\u00f6rderung der \u201eVolksgesundheit\u201c diente, wie man es damals nannte, bedeutete f\u00fcr die anderen ganz neue Freizeitm\u00f6glichkeiten. Dass es f\u00fcr Arbeiter \u00fcberhaupt Freizeit gab, daf\u00fcr sorgte \u00fcbrigens unter anderem die Einf\u00fchrung des Achtstundentages im Jahre 1918.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Schon damals beeinflusste Amerika mit seinem Lebensgef\u00fchl und Konsumverhalten das alte Europa der Zwanziger Jahre. Aber nicht alle waren damit einverstanden. Wann kippte die Stimmung und wie ver\u00e4nderte sich der neue Mensch?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Georg Eckert: &#8222;Die Vereinigten Staaten waren gelobtes und gef\u00fcrchtetes Land zugleich; die amerikanische Industrie gab weltweit ein Vorbild an Effizienz. Mit der Entstehung einer konsumfreudigen Mittelschicht schienen sich die Versprechungen der Moderne zu erf\u00fcllen \u2013 die USA orientierten sich nicht mehr an Europa, eher orientierten sich viele Europ\u00e4er nunmehr an den USA. Kritische Stimmen dazu gab es viele, aber den einen Wendepunkt kann man kaum identifizieren: Die Interessenlagen waren zu komplex. Am ehesten w\u00e4re wohl die Weltwirtschaftskrise zu nennen, mit der die Zwanziger Jahre ein d\u00fcsteres Ende fanden: Sie best\u00e4tigte viele Vorbehalte auch gegen die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung \u2013 und der neue Protektionismus der drei\u00dfiger Jahre wurde vielfach als heilsame Isolierung inszeniert: Hier konsumierte der neue Mensch bisweilen nicht mehr, sondern bewies seine St\u00e4rke im Verzicht.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Eckert, Georg: Die Zwanziger Jahre. Das Jahrzehnt der Moderne. Aschendorff Verlag 2020, 340 Seiten; 24,80 Euro.<\/i><\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. Im Interview blickt der Historiker Dr. Georg Eckert auf ein gesamtes Jahrzehnt: die Zwanziger Jahre.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-35389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-07 23:32:19","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35389"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35392,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35389\/revisions\/35392"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}